30. Dezember 2014

Entgrenzt, entrückt ...

Das ist mir schon länger nicht mehr passiert: Eigentlich wollte ich nur einen kleinen Blogbeitrag schreiben, eine Geschichte erzählen. Sie hat regelrecht nach Papier und Füller "geschrieen" und dann wurde mehr daraus. Nach vielen Seiten, die ich fast wie in Trance bekritzelte, und zwei Stunden später "wachte" ich in eine Welt auf, in der plötzlich Zeit und Raum abhanden gekommen waren. Ich brauchte eine Weile der Orientierung und habe immer noch das Gefühl, ich hätte zwei Tage in einer anderen Welt zugebracht. Aber solches Eintauchen geht auch an die Substanz - es folgen Bärenhunger und Müdigkeit wie nach einer Bergwanderung, gepaart mit einem Gefühl absoluter Zufriedenheit. Längst ist die Geschichte nicht fertig, noch nicht bearbeitet und lektoriert. Sie ist zu lang für jedes Blog und wird wahrscheinlich später auf meiner Website zu finden sein.

Es ist der Auftakt für mein Vorhaben, 2015 mehr Geschichten zum Thema "Grenzgängereien" zu erzählen - und zwar in jedem erdenklichen Wortsinne. Weil ich glaube, dass unsere derzeitige politische Lage statt blinder Agitation sehr viel mehr Geschichten über das Leben zwischen und wider die Begrenzungen und Grenzen braucht. So sehr wie selten zuvor sehe ich all die völkerverbindende Arbeit der letzten Jahre als gefährdet. Wir brauchen neue Narrative.

So habe ich heute in meinem Fundus gekramt aus der Arbeit mit Zeitzeugen. Im Studium hatte ich damit begonnen, als ich für eine Arbeit die Haltung der Evangelischen Landeskirche in Baden unter den Nazis untersuchte und damals eine für solche Arbeiten damals ungewöhnliche Technik anwandte: Ich suchte mir zusätzlich zu den wissenschaftlichen Unterlagen Augenzeugen und ehemalige Widerständler. Die menschlichen Begegnungen haben mich tief geprägt und sie bleiben lange über den Tod der Beteiligten hinaus unvergessen. Diese Menschen gaben mir mehr mit als jedes Geschichtsbuch, vor allem aber erfüllten sie die Worte "Wehret den Anfängen!" und "Nie wieder!" mit Leben und Bedeutung. Noch ahnte ich damals nicht, dass ich damit meinen späteren, eigentlichen Beruf entdeckt hatte: den Journalismus. Den jetzt so viel gescholtenen Journalismus, für den ich mich auf jeder Party und jedem Empfang schämen muss, weil ich dafür Häme kassiere und manchmal auch Hass. Weil so viele Leute so tun, als bräuchten wir Journalisten und Pressefreiheit nicht mehr.

Jetzt erst recht! Ich habe in meiner Ausbildung gelernt, was mir in heutigen Zeiten wichtiger ist als je zuvor erscheint: Menschen ihre Geschichte erzählen lassen, sie gelten lassen, sie weder beschönigen noch kleinreden. Aber diese Geschichte immer auch anreichern mit den Fakten, die ein subjektiver Erzähler entweder nicht kennen konnte oder nicht sehen wollte. Menschliche Schicksale zwar einordnen in den historischen und geografischen Zusammenhang - sie aber auch als das wirken lassen, was sie sind: Berührungen, Einzelschicksale, subjektive Gefühle und zunächst ein Gewirr von Anekdoten und Begebenheiten, in die ein roter Faden gebracht werden muss.

Beim Kramen in alten Fotos habe ich bemerkt, dass viele dieser alten Geschichten wieder neu erzählt werden müssen. Weil sie so aktuell sind wie nie. Weil vielleicht Geschichten verhärtete Herzen noch berühren können. Weil jene Menschen Zeugnis ablegten nicht dafür, dass man sie wieder vergisst.

Vor mir liegen drei Fotos mit Menschen vor Bretterbaracken. Flüchtlinge. Ich werde dazu die Geschichte einer Frau rekonstruieren, die zur gleichen Zeit wie diese Menschen geflüchtet war und die mir ihre Geschichte in einigen intensiven Begegnungen erzählt hat. Sie ist längst verstorben und würde heute wahrscheinlich unsäglich leiden, wenn sie die alten Parolen von damals wieder hören müsste. Deshalb drängt ihre Geschichte wieder hervor: Wehret den Anfängen! Das hat sie mir immer wieder eingeschärft, in der Hoffnung auf eine bessere Welt. Nur darum hat sie mir ihre Geschichte geschenkt.

Im nächsten Jahr also in voller Länge auf meiner Website und kleinere Geschichten hier im Blog, das eine neue Rubrik bekommen wird: MENSCHEN.

Damit wünsche ich all meinen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr, in dem hoffentlich wieder mehr Hirn und Herz die Welt regieren werden und Mitmenschlichkeit nicht zum Fremdwort wird.

Lesetipp:
Blaue Fluchten. Etüden über das Leben im Zwischenraum. Exklusiv als Ebook (derzeit Kindle, epub folgt 2015)

14. Dezember 2014

Der gefrorene Augenblick

Ohne Bilder geht es in unserer Welt der Augenmenschen nicht mehr. Allgegenwärtig ist das Foto, jeder Laie knipst mit dem Handy und wirft die Bilder in die Welt hinaus: vom Abendessen und von Katzen, die sich nicht mehr wie Tiere verhalten, vom vollgespuckten Kinderlätzchen und von frisch lackierten Zehennägeln bis hin zum Selfie mit Urlaubsziel, Freundin oder neuem Auto. Es gibt eigentlich kaum noch etwas, was wir uns nicht anschauen müssen. Was wir nicht fotografieren müssen. Das System hat seine eigenen Zwänge: Würde dieser Beitrag ohne Foto im Blog stehen, würden die verteilten Links sich nicht präsentabel öffnen, würden nachweislich viel weniger Menschen den Text aufrufen. Aber wer liest ihn überhaupt? Schaut man sich nicht vielleicht nur die Bilder an?

Ein Pferd gesehen? Schon muss es geknipst, "eingefroren" werden.
Alles und jeder werden mittels Foto in einem Augenblick festgefroren - das Internet ist eine Ansammlung von vergehender Zeit geworden, weil die Sequenzen immer kürzer werden. Hat man in den Anfängen bei Facebook nur das allmonatliche Festessen in einem Restaurant festgehalten, wurde daraus der wöchentliche Sonntagsschmaus, dann das tägliche Mittagessen. Manche posten jede Mahlzeit und auch ihre "Fails" beim Kochen. Einer hat sich in den Finger geschnitten, bei einer anderen ist der Teig verdorben. Rasend schnell vergeht Zeit, weil Kätzchen wachsen, Hunde zunehmen, potenziert durch alle Tierhalter mit Fotoapparat.

In der Überflutung verliert man gern einmal den Sinn für einen besonderen Augenblick. Und wenn ich einen solchen erlebe - kann ich ihn dann noch genießen und unverfälscht wahrnehmen? Oder denke ich an Belichtungszeiten und wann ich mich bei Facebook einloggen werde? Ärgere ich mich womöglich, dass ich keinen Fotoapparat, kein Smartphone bei mir habe und der Augenblick folglich womöglich verdorben, weil nicht mitteilbar wäre?

Heute Vormittag rannte mein Hund bellend nach draußen ans Tor. Das macht er sonst nicht derart aufgeregt. Ich hörte an seiner Stimme, dass sich etwas Außergewöhnliches nähern musste, das nicht Nachbars Katze war und auch nicht nur ein anderer Hund. Neugierig bin ich zu Bilbo gelaufen und habe mich ganz eng neben ihn an seinem "Ausguck" niedergehockt. Auf Augenhöhe sah ich seinen gespannten Blick in die Weite, auf Tuchfühlung fühlte ich sein kleines Herz aufgeregt pochen. Er reckte die Nase in die Luft, witterte und streckte sich neugierig noch mehr. Da kam etwas um die Ecke ... ich erkannte ein Pferd. Möchtegernbeagles lieben Pferde und ich versuchte, das aufgeregte Kerlchen zu beruhigen mit dem Wort "Pferdchen". Das kennt er.

Plötzlich hatten wir eine Nase vor unserer Nase. Eine schwarze Lakritznase. Wie aus dem Nichts stand vor uns ein rothaariger, wunderschöner Hund, nur Zentimeter entfernt. Er schaute uns völlig ruhig an. Majestätische braune Augen. Ein Blick, der Geschichten erzählte. Und Bilbo hörte auf zu zappeln und blickte zurück. Zwei Hundenasen berührten sich für einen winzigen Augenblick zwischen den Zeiten - Stille herrschte. Bevor Bilbo wieder loslegte. Denn jetzt tappte ein patschnasses Pony ins Bild, musterte meinen Hund, tappte weiter - einen Menschen mit langem Wettermantel und Schlapphut im Schlepptau. Ich sage "Bonjour" und er dreht seinen Kopf ... unter dem Schlapphut braune, leicht verhangene Augen, die so sehr an die seines Hundes erinnern. Er schrickt sichtlich zusammen, der Blick findet in Zeitlupe aus einer anderen Welt zurück in die Zivilisation, er nickt ohne Worte, noch völlig überrascht, hier Menschen zu finden. In diesem Augenblick erzählen seine Augen, dass er gedankenverloren in einer völlig anderen Welt gewesen war. In einer Welt der Natur, der Stille, der inneren Ruhe. In der er eins gewesen war mit seinem Hund und seinem Pony.

Die drei laufen in der gleichen Stille, in der sie gekommen sind, zur Straße. Es fühlt sich an, als sei kurz eine andere Welt in den Alltag gefallen. Sie sind so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht sind. Und Bilbo springt herum und erzählt etwas, erzählt der Nachbarhündin von einer seltsamen Begegnung. Ich gehe ins Haus und habe einen Augenblick in mir: Die Begegnung mit diesem majestätisch ruhig blickenden Hund, diese kurze Berührung zwischen zwei Nasen und das kleine klopfende Herz an meiner Seite.

Das sind die Augenblicke, die ich be-schreibend wie hier in einem speziellen Heft festhalte. Weil aus diesen Augenblicken Literatur entsteht. Und weil es immer schwieriger wird, inmitten der Bilderflut der gefrorenen Augenblicke die warm berührenden inneren Bilder festzuhalten. Gute Fotografen können solche Geschichten in ihren Bildern erzählen. Aber sie brauchen dazu wohl mindestens so lange wie ich bis zur fertigen schriftlichen Form.

8. Dezember 2014

Zauberwelten von Mato

Kennengelernt habe ich die französische Künstlerin Mato bei der Arbeit - als wir in einem Team den "Grenzgängerweg" zwischen dem elsässischen Wingen und dem pfälzischen Nothweiler konzipierten und einrichteten. Sämtliche Kunstinstallationen und Schilder sind von ihr entworfen und hergestellt worden (hier Bilder vom Grenzgängerweg).

Neben solch "praktischen" Installationen, die den Texten weitere Formen der Sinneswahrnehmung hinzufügen, entdeckte ich in Matos Atelier eine völlig andere Seite der Künstlerin. Wer etwa beim Elsässer Kreuzstichfestival die Tage der Offenen Tür in ihrem Atelier in Lobsann nutzte oder jetzt ihre Weihnachtsausstellung besucht, der weiß, wovon ich rede. Viel zu achtlos mag man zufällig die Hauptstraße in Lobsann entlangrauschen ... auf einmal steht da ein gemaltes Schild, sind Dekorationen bei einem alten Fachwerkhaus mit Innenhof zu sehen. Es zieht einen hin, etwas ist anders, etwas wirkt anheimelnd - und in der Dämmerung leuchten Kerzen und Lichter.

Bilder: Impressionen von den Ateliertagen beim Kreuzstichfestival:


Die Schilder sind das Zeichen dafür, dass das Atelier geöffnet ist. Ebenerdig treten die Neugierigen ein und sofort verwandeln sich die Gesichter mit einem Lächeln. Die Welt hier drinnen ist eine besondere, sie umgarnt die Eintretenden mit einer sehr eigenen Magie. Assoziationen aus der Kindheit werden wach, wenn man auf fremden Speichern Schätze in Kisten entdeckte; innere Bilder von Wichtelhöhlen und Waldmärchen kommen einem in den Kopf und vom duftenden Sonntagskuchen auf dem alten Buffet der Großmutter. Waldwesen, Bilder, Möbel ... gute Gespräche bei jedem Besuch und interessante Menschen, denen man im Alltagstrott vielleicht nie über den Weg gelaufen wäre - das alles macht den Reiz dieser Atelierbesuche aus, noch bevor man sich mit der Kunst beschäftigt.

Neben Antiquitäten und Kunst sind auch Weihnachtsdekorationen zu kaufen

Die Kunst lohnt mehr als nur einen schnellen Blick, denn Mato schöpft aus einem reichen Fundus sehr unterschiedlicher Phasen. Sie belebt rohes Holz und Fundstücke genauso selbstverständlich zu Figuren, die aus märchenhaften Zwischenwelten zu stammen scheinen - wie sie sich großformatigen, abstrakten Gemälden widmet.

Sinnlich, in feinen Nuancen schwelgend: Matos Gemälde
Es sei das Füllhorn des Lebens, das sie mit seinem Reichtum inspiriere und antreibe, gesteht sie in warmherzig wirkender Bescheidenheit und sagt über sich selbst: "Je suis une butineuse de perceptions subtiles, une voltigeuse d’états d’âmes, et une distillatrice de malices rigolotes." (Ich nasche vom Nektar feinster Wahrnehmungen, balanciere auf Seelenschwingungen und destilliere lustige Schelmereien.)

Seltsame Waldwesen und eigenwillige Ikonen - eine Schelmerei?
Geschenke für jeden Geschmack und Geldbeutel
Was Mato in ihrer Kunst schöpft und in Workshops und Malkursen vermittelt, ist viel zu reichhaltig für einen kurzen Blogartikel. Mögen hier die Bilder aus ihrem Atelier auf die Gemeinschaftsausstellung neugierig machen.

Geschmackvolle Weihnachtsdekos zum Kaufen
Ausflugstipp:
Atelier Mato in Lobsann (bei Soultz-sous-Forets)
derzeit Gemeinschaftsausstellung mit dem Restaurator Alain Mino von "La caverne du Brocanteur" (Antiquitäten) in Beinheim und Richard Angot von "Etimoé" (handgefertigte Schreibpreziosen aus Edelhölzern) in Lobsann
geöffnet an den beiden Wochenenden vor Weihnachten (13./14.12 + 20./21.12.) und nach Vereinbarung
Adresse und Kontakt hier (Mato spricht auch Deutsch)