26. August 2014

Wider den Kriegswahnsinn

Eins meiner Steckenpferde ist das Wiederentdecken vergessener Literatur. Eine wahre Perle fand ich unlängst unter den kostenlosen Klassikern. Die Friedensaktivistin Bertha von Suttner schrieb damals im Vorwort zu dem für seine Zeit außergewöhnlichen Roman von ihrer Hoffnung, dass er Menschen davon überzeugen könne: 
"... nicht nur, dass der Wahnsinn zu den Krankheiten des modernen Krieges gehört - das ist ja auch eine beglaubigte Tatsache - sondern dass der Krieg selber ein Wahnsinn ist."
Das Buch erschien 1904, inspiriert durch den russisch-japanischen Krieg. Es war zehn Jahre später, als 1914 die große Weltenschlächterei begann, einer der wichtigsten pazifistischen Romane. Und es liest sich leider völlig unverbraucht über 100 Jahre später, im Jahr des Gedenkens an den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs, 2014 - weil es zeigt, dass der Wahnsinn der Krieger und Kampfsüchtigen unsere Welt weiterhin gegen alle Vernunft befällt, als habe niemand je aus der Geschichte gelernt. Es ist ein wichtiges und ein brutales Buch, der Roman "Das rote Lachen" des Russen Leonid Nikolajewitsch Andrejew.

Leonid N. Andrejew (Wikipedia)

Der 1871 geborene Russe Leonid Nikolajewitsch Andrejew wurde nur 48 Jahre alt, aber er gehört zu den wichtigsten Vertretern des sogenannten Silbernen Zeitalters und hinterließ Bücher, die schon zu Lebzeiten das Publikum in Bewunderer und erbitterte Feinde spaltete und ihm selbst Gefängnis einbrachten. Er floh vor der Geheimpolizei des Zaren in den Westen, u.a. nach Deutschland und in die Schweiz, er starb vergessen, blieb lange im eigenen Land geächtet und wurde erst nach der Ära Stalin in der Nähe der Schriftstellerkollegen Turgenjew, Leskow und Gontscharow auf dem Wolkowo-Friedhof in Sankt Petersburg zur Ruhe gebettet.

Der große Europäer René Schickele lobte ihn dafür, dass seine Bücher weit über russische Befindlichkeiten hinausgingen, andere zerrissen sich das Maul über seine tragische Weltsicht und wollten in ihm nur einen "Zeitungsschreiber" sehen; Militaristen aller Länder hassten seine Werke, Pazifisten bejubelten sie. Man lobte ihn, dass er besser sei als sein Freund Maxim Gorki, aber Tolstoi bekämpfte offen und vehement seinen Erstling, die Erzählung "Der Abgrund". Ich selbst habe von all dem nichts gewusst und mich durch nichts im Vorfeld beeindrucken lassen, sondern einfach einen "alten", ganz zufällig entdeckten Roman aufgeschlagen.

Geschrieben ist der Roman in Fragmenten in der Ich-Form, als habe jemand das Tagebuch eines Soldaten abgedruckt, mit einem Text, an dem von der ersten Zeile an Schweiß und Blut kleben. Im zweiten Teil ebenfalls Fragmente, vom Bruder, der daheim blieb, der nicht kämpft in der Schlacht und den der Wahnsinn des Krieges doch genauso einholen wird.

Nun gibt es keine schwierigere Gratwanderung in der Literatur als menschenvernichtendes Grauen adäquat zu beschreiben, ohne in Gefühlsduselei zu verfallen oder in billigen Voyeurismus. Wenn einer das Schlimmste, was Menschen Menschen antun, beschreiben kann, dann Andrejew. Das klingt zunächst wie banale Alltäglichkeiten, wir marschieren mit einem namenlosen Ich eine Straße entlang, erfahren von einer Kriegssituation, passen unseren Schritt an, sehen Kameraden umfallen, können nicht halten, werden weitergetrieben durch die unerträgliche Hitze, unter der stechenden Sonne, über die glühende Erde ... können nicht mehr Halt machen, weil diese Sprache einen fast halluzinatorischen Sog ausübt.

Alles klingt so beiläufig, so alltäglich, dass wir uns bezirzen lassen wie die Soldaten, der Krieg sei womöglich so schlimm gar nicht und ohnehin bald vergessen, Kampfhandlungen dagegen seien notwendig, normal, ohnehin befohlen. Und da sind wir schon drinnen in der Mühle, haben das bürgerliche, das einst wohl eher moralische Leben verlassen: Die Sprache treibt uns im Marschschritt voran. Sie bremst uns aus in ihrer Erschöpfung. Sie reißt uns hoch mit der Unerbittlichkeit der Befehle von oben. August Scholz hat mit seiner Übersetzung ins Deutsche damals große Literatur von einer bestechenden Rhythmik nachgebildet.

Was uns aber am schlimmsten packt in diesem Roman, das ist der Wahnsinn, der psychologisch so fein und wissend ausgearbeitet ist, dass man Leonid Andrejew nicht umsonst immer wieder mit Edgar Allan Poe verglich und mit der Stimmung der Gemälde eines Michail Wrubel. So beiläufig wie die Fragmente mit der Schilderung eines harmlos erscheinenden Marsches beginnen, so allmählich und bedrohlich steigert sich dieser im Irrsinn, den der Soldat zunächst bei anderen beobachtet und der ihn dann schließlich mit jenem roten, blutstinkenden Lachen selbst befällt.

"Das rote Lachen" ist kein bequemer Roman, schon gar keine Gutenachtgeschichte für Sensibelchen. Es ist der verstörende Text eines Menschen, in dem Figur und Autor verschwimmen, weil der Autor selbst tiefstes Leid und Grauen erlebt hat - und weil er es studiert hat an anderen. Der große pazifistische Roman des frühen 20. Jahrhundert ist kein bißchen gealtert, denn das perverse rote Lachen geht um auf den Feldern der Ukraine, es erschallt im Nahen Osten und im Nordirak, in Syrien wie in Afrika und überall dort, wo der Wahnsinn der Kriegstreiber siegt über die menschliche Vernunft.

Blutig lachen nach wie vor all jene Friedensunwilligen, all jene Eroberungssüchtigen und Habgierigen unserer Zeit - und es spielt Nationalität nie wirklich eine Rolle, sie bleibt immer nur ein Vorwand für Begierden. Andrejew schreit es uns ins Gesicht, auch wenn wir nicht hören wollen: Dass Krieg den Wahnsinn bringt und in sich selbst der Wahnsinn ist, dass Krieg verbrannte Erde hinterlässt, Generationen zerstörter Menschen, psychische Wracks, deformierte Familien. Weil Krieg im Grunde nur eines tut: Er vernichtet Leben. Dreckig, bar jeder Ethik, un-menschlich. Ein erschütternder Roman, den man gar nicht oft genug empfehlen kann.

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