1. März 2014

Kann man Russland lieben?

Bei Facebook fragte mich jemand, woher meine Liebe zu Russland käme und ob mich erst mein Buch "Faszination Nijinsky" dahin gebracht hätte. Die Antwort selbst wäre wohl ein eigener Roman. Ich habe schon so oft versucht, sie zu geben und bin immer wieder gescheitert ... habe nur Annäherungen gefunden wie jenen etwas rührseligen Bericht eines Zusammentreffens der Kulturen, das mich daran erinnerte: James Bond könnte schuld sein.

In Wirklichkeit ist die Sache komplexer. Vor allem, wenn sie einen immer wieder auf seltsam verschlungenen Wegen im Leben "anspringt". Kommt es vielleicht daher, dass mir meine Mutter, keine Russin übrigens, kyrillische Buchstaben beibrachte, als ich gerade erst schreiben gelernt hatte? Dass in meinen Bilderbüchern von der DDR-Oma Mischa, der Bär, vorkam und eines meiner Sonntagskleider mit handbestickten Säumen einer russischen Bauernbluse nachgeahmt war? Russland war weit weit weg. Ich wurde im äußersten Westen des Westens geboren, in Gehweite von der französischen Grenze entfernt. Wuchs mitten im Kalten Krieg auf, ohne Informationen, ohne einen lebenden Zugang. Mit einem Feindbild im Kopf, das in den Schulen und Medien gelehrt - und lediglich durch Familiengeschichten unterbrochen wurde.


Aber russische Geschichte war für mich auch Heimatkunde, in Teilen wenigstens. Baden (auch Württemberg) und Russland waren durch Hin- und Herheiraterei eng miteinander verbunden. Unsere "schöne Louise" wurde vor nunmehr 200 Jahren Zarin und der letzte Zar sah so badisch aus wie ein Schwarwälder Holzfäller. In der nahen Residenz Karlsruhe standen Russen auf der Bühne und auf dem politischen Parkett, eine eigene russische Vertretung gab es am Hofe. Wenn in Baden-Baden Turgenjew mit der Sängerin Viardot und ihrem Mann ein Dreiecksverhältnis pflegte oder Dostojewskij sein letztes Hemd verspielte, dann war das ziemlich nah vor meiner Haustür geschehen ... ich laufe heute noch an ihren Wohnungen vorbei, ohne tausende Kilometer fliegen zu müssen! Ich habe sie alle verschlungen als Kind, die russischen Klassiker, habe ihre Werke kompletter gelesen als Goethe oder Fontane ... bin mit ihnen im Kopf in ihrem Russland gewesen und beneide sie noch heute um ihre großen Figuren. Viele sind zuerst im Badischen gedruckt worden, um die Zensur des Zaren zu umgehen! So schreiben können - ein Traum. So lebendig andere Welten und lebensvolle Menschen erschaffen können! Ich bin an der osteuropäischen Literatur hängen geblieben, auch an der modernen. So viel lebendiger und abwechslungsreicher erscheint sie mir gegen die Creative-Writing-Kilometerware aus den USA.


Halt, stopp ... da war noch etwas anderes. Ich bin ja nur durch Zufall im Badischen geboren worden. Heute würde man sagen, ich hätte Migrationshintergrund. Einen ziemlich wilden sogar: Meine Familie teilt sich nämlich in zwei Hälften: Diejenigen, die irgendwoher irgendwohin flüchteten oder mehr oder weniger freiwillig die Koffer packten - und diejenigen, die sitzen blieben, die alles aussaßen. Irgendwann haben sich die Kofferleute und die Sesshaften sprachlich auseinander entwickelt und darum aus den Augen verloren. Da ist z.B. jener immens große Familienzweig in den USA. Natürlich waren sie nie "Uramerikaner" gewesen, aber sie sahen sich in einem "gelobten Land" auf der Suche nach Freiheit und Überleben und Auskommen. Gekommen waren sie aus dem Osten.

Kofferleute ... Menschen, denen nur der Koffer als Sujet gemeinsam war und womöglich eine Mentalität. Sie verkehrten in den slavischen Clubs, vermischten slavische Musik mit Bluegrass und heirateten andere Kofferleute. Bevor ich Englisch lernte, hätte ich keinen von ihnen verstanden: Die Alten sprachen Tschechisch und alles, was man im früheren Galizien so sprach. Sie heirateten Tschechen, Russen, Polen und welche, deren Vorfahren auch aus Galizien stammten. Wird es einem in die Wiege gelegt, so eine Mentalität? Schön wäre es, denn dann könnte ich heute fließend Russisch sprechen! Aber nur das Polnische ist mir gelungen. Ich habe später die Familientradition ungeplant weitergeführt, bin emigriert und spreche nun ausgerechnet die Sprache, die mir am fernsten scheint.

So viel man sich auch zurechtreden mag mit Lebenszufällen, Kindheitsprägungen und inneren Bildern - letztendlich entscheiden nur die ganz realen Menschen, was aus so einer Faszination wird. Und da ist nun wirklich die Arbeit an meinem Nijinsky-Projekt schuld, die mich aufgestachelt hat, in meinem Umfeld nach "echten Russen" zu suchen. Baden-Baden, meine heimliche Lieblingsstadt, schien dafür wie geschaffen: Ballett und russische Musik und vor allem die Leute in der Stadt. Wie aber sollte ich es anstellen, welche kennenzulernen? Und wie waren die? Schließlich wurde ich von Anfang an mit bösen, russenfeindlichen Ressentiments in der Stadt konfrontiert. In der Presse erschienen Russen außerdem immer als superreich, immer in Immobilien zockend und irgendwie natürlich immer mafiös."Lass das sein", wurde ich ernsthaft sogar von ach so wohlmeinenden Kollegen gewarnt: "Du machst dir deine Karriere kaputt, du verstrickst dich!" Hoppla?!?

So etwas darf man einer ernsthaften Schriftstellerin nicht sagen. Wenn es denn so gefährlich war, dann würde ich mich diesem Abenteuer gern stellen! Ist nicht alles gut für ein Buch?

Es kam natürlich völlig anders, als es diese bemitleidenswerten Unken riefen. Durch einen seltsamen Zu-Fall (?) lernte ich die Präsidentin der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft kennen, eine Russin. Durch die Kulturgesellschaft kam ich in Kontakt mit anderen Russen und mit gebildeten, offenen Bewohnern der Stadt, die zum Glück vom Bild der Neureichen und Mafiabosse zu abstrahieren wussten. Worauf ich traf, lässt sich in drei Worten beschreiben: Herzenswärme, Kulturhunger und faszinierend reiche Lebenshintergründe. Wobei sich dieser Reichtum absolut nicht in Geld misst. Denn siehe da, die meisten Russen konnten ungehobelte Neureichs auch nicht ausstehen! Und diejenigen wirklich Reichen, die ich traf, traten als Mäzene von Kunst und Kultur auf, im bescheidenen Straßenanzug und keineswegs wie aus einem deutschen "Tatort"-Krimi entsprungen. So viele ganz normale Menschen, denen man begegnet. Aber man läuft auch Menschen über den Weg, von denen man kaum glaubt, dass sie in Baden-Baden weilen könnten. Wir holen sie zu Veranstaltungen.

Da war z.B. die in der ganzen Welt bekannte "Jägerin des Zarenschatzes", eine Professorin mit dem Spezialgebiet Kunstschätze. Da sind Musiker von Weltrang. Wir laden Politologen ein, Kunsthistorikerinnen, Reisende, Künstler ... neugierig auf Kunst und Kultur und Menschen. Und so langsam tauen auch die sprachlich etwas Schüchternen auf, die ersten lernen Brocken vom anderen, wobei die Russen bei weitem besser Deutsch verstehen als die Deutschen Russisch. Das sind Abende mit gemeinsamen Gesprächen danach, die oft sehr spät ausklingen ... weil man gar nicht aufhören mag.

Warum ich dieser Arbeit mache? Ich weiß es nicht. Es ist ein Stück "Daheimsein" für mich. Dieses "Das ist mein Ding". Und wenn ich die Steine und Häuser berühren kann, die Wege all dieser Geschichten ablaufen, dann bin ich dieser Faszination immer wieder von Neuem verfallen. Es gibt Tage, da sitze ich am Kurhaus und sehe die Figuren aus Iwan Turgenjews Roman "Rauch" vorbeiflanieren ... und inzwischen verstehe ich so viel Russisch, dass ich glaube, sogar die Dialoge ähneln sich. Und trotz aller Berührbarkeit, trotz aller Realität bleibt das alles auch ein Mysterium, das man ahnen, aber nie vollkommen beschreiben kann.

Es sind die Menschen, die die Faszination wecken. Und deshalb gibt es noch einen anderen Grund, warum ich mich für deutsch-russische Verständigung engagiere: Russland ist so viel mehr als das armselige Zerrbild, das wir oft in den Medien dargestellt bekommen. Russland ist nämlich nicht Putin. Und selbst der ist nicht immer das, was wir aus ihm herauslesen wollen. Es wäre falsch, ein ganzes Land mit all seinen Menschen fallen zu lassen, nur weil einem an der Politik vieles nicht gefällt oder weil einem einzelne Zeitgenossen auf die Nerven fallen. Es ist verdammt schwer geworden, gegen Vorurteile und Klischees anzukämpfen. Aber genau darum ist es so wichtig wie nie zuvor. Und es gibt eine effektive Waffe gegen Feindbilder und Machtstrukturen, die von Politikern aufgebaut werden: den lebendigen Kulturdialog der Menschen. Wir können versuchen, gemeinsam an einer Welt arbeiten, in der man Koffer eher zum Urlaub in die Hand nimmt denn gezwungenermaßen ...

PS: Ausgerechnet bei diesem Beitrag wurde ich von den aktuellen Ereignissen um die Ukraine überrollt. Ich bleibe dabei: Ein Land und seine Leute sind etwas ganz anderes als seine Politiker. Das nie zu vergessen, ist so wichtig wie nie zuvor.

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