24. März 2014

Erklär mir dein Land

Drei Länder, eine Situation: Freiberufler X will ein ausgefallenes Projekt vorschlagen, für das er ausländische Partner braucht.

Kulturen: Zucker aus Frankreich und Deutschland
 Frankreich:
"Wir sollten in den nächsten Wochen eine Sitzung anberaumen, um abzutasten, welche Vorgremien wir ansprechen könnten, reichen Sie doch mal die Projektbeschreibung detailliert bis ins Kleinste ein." Vier Sitzungen im Abstand von mehreren Monaten folgen, in denen Gremienmitglieder von noch nicht existierenden Gremien mit denen von bereits bekannten Gremien darüber diskutieren, wie man eine Sitzung gestalten könnte, in der das Projekt zur Geltung kommen könnte. Drei Jahre später, unser X hat längst einen anderen Beruf ergriffen, kommt ein Brief: "Stellen Sie uns Ihr Projekt bitte in spätestens 14 Tagen detailliert vor, damit unser Gremium ..."
Deutschland:
"Das haben wir aber noch nie so gemacht." - "Aber nein, wie soll so etwas denn funktionieren? Welche Diplome und Preise diesbezüglich haben Sie eigentlich?" - "Wir hätten da eine Firma an der Hand, die weitaus billiger ist." Man beruft eine Konferenz ein mit Powerpoint-Präsentation. Sämtliche Anwesenden lassen daraufhin ihre Kommentare mit einem bedenklichen "Ja, aber!" beginnen. Man einigt sich darauf, dass die Sache noch einmal sehr gründlich durchdiskutiert werden muss, unter Berücksichtigung sämtlicher Ja-Aber-Stimmen. Dem einzigen Befürworter legt man nahe, seine Meinung noch einmal kritisch zu bedenken, platter Jubel helfe schließlich keinem.
Russland:
"Das klingt sehr interessant, spannend. Wie stellen Sie sich das vor?" Freiberufler X sprudelt. Sein Gegenüber lässt sich keine Regung anmerken und fragt: "Könnte man das auch anders machen?" Unser X denkt nach, hat eine Idee. "Das wird mit unseren Leuten nicht funktionieren, die passen absolut nicht zum Projekt. Nein, das kann kaum funktionieren." Während X krampfhaft nachdenkt, scherzt sein Gegenüber über Irgendetwas ohne klar ersichtlichen Zusammenhang. X muss lachen und witzelt spontan mit. Fünf Scherze später lacht der Russe über typische Russenklischees und X kippt ein Klischee seines Landes dazu. Kaum ist das gemeinsame Lachen verebbt, meint der Russe: "Brauchen Sie Kontakte in die Universitäten, in die Politik? Was brauchen Sie? Können Sie haben! Das Projekt ist fantastisch. Erzählen Sie uns morgen, wie's funktioniert. Wir schauen mal, wie wir's zum Funktionieren bringen."

Nein, natürlich sind diese Beispiele nicht pauschaltypisch für die jeweiligen Kulturen. Und doch beinhalten die Szenen ein wenig von dem, was einem tatsächlich in diesen Ländern passieren könnte. Die geschilderten Szenen sind sogar satirisch überhöht udn verkürzt dargestellt - und doch vermeinen wir, darin Mentalitäten wiederzufinden.

Bussinessleute wissen, wie schwierig oft die sogenannte interkulturelle Kommunikation ist. Es gibt derart viele unsichtbare Fettnäpfchen und unbekannte Rituale, die zu beachten sind. Meist kauft man sich dann ein schlaues Anleitungsbuch, das die jeweiligen Klischees vom anderen illustriert. "Ich hab's ja schon immer gewusst" ... und plötzlich sitzt man wieder im Fettnäpfchen.
Es ist ungeheuer schwer, sich von allen Vorurteilen, Vorverurteilungen und Klischees im eigenen Kopf frei zu machen. Selbst bei der deutsch-französischen Zusammenarbeit, die ja nun wirklich Tradition hat und unter Nachbarn stattfindet, halten sich hartnäckig die Postkartenbilder. Wie schwierig sich der Austausch dagegen erst zwischen Deutschen und Russen gestaltet, erleben wir derzeit in Sachen Ukraine-Krise.

Hören wir unserem Gegenüber wirklich aktiv zu und lassen ihn ausreden? Wie stark beurteilen wir den anderen über innere, vorgefertigte Bilder? Oder lassen wir einen Menschen in aller Offenheit wirken, versuchen wir uns an Empathie? Wie fähig sind wir, andere Meinungen gelten lassen zu können, selbst wenn sie absolut konträr zu den unseren stehen? Haben wir die Bereitschaft, die Welt einmal mit den Augen des anderen zu sehen? Wollen wir uns mit dessen Geschichte, Mentalität, Kultur beschäftigen? Welche Ängste löst der andere in uns aus? Welche Ängste könnte er vor uns haben?

Nur selten geben wir zu, uns irren zu können oder gar Angst zu haben. Dabei sind solche Gefühle im interkulturellen Austausch meist beidseitig vorhanden! Und das fängt schon bei so einfachen Dingen wie dem Grüßen an. Was bin ich früher in Fettnäpfchen getappt, als ich nicht wusste, wer, wann, wie und wo in Frankreich zur Begrüßung wie viele Küßchen verteilt. Die Anzahl ist nämlich sogar regional verschieden. Ich konnte erst ein wenig lockerer werden, als ich von einer Umfrage erfuhr, wonach die Franzosen auch nicht genau wüssten, in welchem Departement man wie oft küsse. Wie aufgeregt war ich folglich bei meinem ersten offiziellen russischen Kontakt: Wie benehme ich mich, ohne mich daneben zu benehmen?

Mich fasziniert das Thema des interkulturellen Austauschs. Und seit kurzem finde ich, wir haben das zu lange allein den Politikern und Journalisten überlassen. Noch nie war es so wichtig, diese Basis unter ganz normalen Menschen zu beleuchten.

Deshalb wurde gestern abend durch ein zufälliges Brainstorming ein Projekt geboren, das mich als Journalistin und Autorin gleichermaßen beschäftigen wird. Ich möchte Russen und Deutschen auf den Zahn fühlen, was sie jeweils vom anderen denken. Welche Klischees sie von sich selbst im Kopf haben. Was sie gern vom anderen wissen wollen und nicht zu fragen wagen. Wo sie sich im Umgang mit dem anderen unsicher fühlen. Und das auf lockere und spielerische Weise, um uns gegenseitig noch besser kennenzulernen.
Das Projekt soll gleichzeitig im Internet, im "richtigen Leben" - und womöglich, sofern es gut anläuft, als Buch verarbeitet werden. Nicht ich werde den Leuten die Welt erklären, die Menschen beider Nationen werden mir ihre Welt erklären.

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