7. Februar 2014

Lesetipp: Stefan Zweig in Russland

Sotschi tobt als Thema in allen Medien und viele versuchen darum, uns Russland zu erklären, schön- oder schlechtzureden. Das reicht vom gut gemeinten Benimmführer mit der Anleitung zur "russischen Seele" bis hin zur Fake-Propaganda in Social Media, aber auch Bildern, die so wahnwitzig sind, dass man sie eigens auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen müsste.

In solchen Momenten allgemeiner Aufgeregtheit tut es manchmal gut, antizyklisch zu lesen. Mir fiel gerade der Reisebericht des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig in die Hände, den er 1928/29 unter dem lapidaren Titel "Russland" verfasst hat. Maxim Gorki, den Zweig bei seinem Besuch zur Jahrhundertfeier Tolstois später auch traf, sorgte für eine russische Übersetzung. Stefan Zweig trat Zeit seines Lebens gegen Nationalismen und für die Idee eines geistig geeinten Europas ein. Seine Reise nach Russland führte ihn damals in die junge Sowjetunion, in ein komplett anderes politisches und wirtschaftliches System, eine fremde Welt. Viele seiner Zeitgenossen hätten im Gepäck bereits fertige Meinungen gehabt, hätten entweder maßlos geschwärmt oder alles gleich in Bausch und Bogen verdammt. Der Erste Weltkrieg war so lange noch nicht vorbei: knappe zehn Jahre.

Was Stefan Zweig in seinem Reisebericht hoch anzurechnen ist: Er macht sich in aller Offenheit auf, wertet nicht, sondern berichtet (durchaus mit kritisch-wachem Blick), lässt das so ganz andere und Unvertraute einfach auf sich wirken:
"Immer hat man dieses Gefühl in Rußland, es ist viel zu sehen, man brauchte ein Leben, um es zu überschauen."
"Dieser Heroismus der russischen Intellektuellen ist es, was mich am meisten in Russland bewegt und erschüttert hat."
So gelingen ihm Momentaufnahmen vor allem von Moskau, Leningrad und dem Familiensitz Tolstois, einem Besuch bei Maxim Gorki und einem bei Sergej Eisenstein, die in ihrer atmosphärischen Dichte packen und so nah am Leben scheinen, dass wir in diesem literarisch-essayistischen Meisterwerk unsere eigene Zeit spiegeln können. Zumal ihm auch der Humor nicht fehlt:
"Sonderbar, immer wird es die erste Frage an jeden Zurückkehrenden: ob er die neuen Reichen gesehen, die Neppmänner, die Nutznießer der Revolution. Vielleicht habe ich kein Glück gehabt: mir ist keiner begegnet."
Es lohnt sich, diesen Text wiederzuentdecken, weil er einem in der aufgeheizten Taktdichte von Artikeln in Medien und Social Media eine innere Stille und Langsamkeit zum Nachdenken schenkt, eine in wunderschöner Sprache und Rhythmik verfasste innere Kamerafahrt durch ein vergangenes Russland obendrein, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.

Da Stefan Zweigs Texte inzwischen in ihrer Urform nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind, findet man sie in kostenlosen Textsammlungen wie dem Projekt Gutenberg und als E-Book, aber auch Taschenbuchausgaben wurden neu auf den Markt gebracht. Ich fand den Reisebericht aus Russland im E-Book Stefan Zweig: Gesammelte Werke aus dem Null Papier Verlag. Weil die Texte gemeinfrei sind, darf ich auch längere Zitate vorstellen, die illustrieren mögen, wie Stefan Zweig mit seinem Nachdenken über Russland umgegangen ist, der selbst als Prämisse mitnahm: "nicht zu übertreiben, nicht zu entstellen und vor allem nicht zu lügen."

Russland hat die Sowjetunion überdauert, unsere gesamte Welt ist eine andere als zu Stefan Zweigs Zeit. Aber wie gehen wir, wie geht Russland heute mit dessenFragestellungen um:
"Vielleicht hätte Russland trotz all seiner Geduld, trotz seiner bewundernswerten Beharrlichkeit dieser Epoche der Prüfung auf seiner blutigen und zerschundenen Erde nicht so sieghaft überdauert, hätten nicht seine herrlichen Künstler ihm über seiner allzu normalisierten und mechanisierten Welt die traumhafte und magische der schöpferischen Phantasie für gelöste Stunden aufgebaut."
Nichts ist aktueller als der Beginn seines Epilogs:
"Von der Unendlichkeit, die Russland darstellt, hat man in knapp zwei Wochen gerade nur einen Blitz und Schimmer gefühlt. Als entscheidender Eindruck bleibt: wir haben alle unbewusst oder bewusst an Russland ein Unrecht getan und tun es noch heute. Ein Unrecht durch Nichtgenugwissen, Nichtgenuggerechtsein. [...] 
Die Hälfte aller Urteile über das gegenwärtige Russland sind leider heute Vorurteile, das heißt, vor das eigene Blickfeld geschobene starre Standpunkte, die andere Hälfte Nachurteile, das will sagen, anderen nachgeredete Meinungen."