26. Januar 2014

Verrat am Paradiesapfel

Einer meiner ersten Kontakte mit Frankreich ging über die Zunge - jedenfalls erinnert man bekanntlich Geschmecktes und Gerochenes stärker als andere Ereignisse. Das Phänomen war ein Modegetränk namens Bébé Rose - und wie ein rosiges Baby fühlte man sich auch beim Trinken: Tüchtig Grenadinesirup ins Glas, mit kalter Milch auffüllen, umrühren - fertig! Das schmeckt weich, samtig, fruchtig nach Sommersonne und Orient, nach lauen Abenden in Südfrankreich und Wärmen von innen in kühleren Regionen. Und diesen Geschmack hatte das Getränk, weil früher der legendäre Grenadine, der Granatapfelsirup, wirklich noch aus echten Granatäpfeln hergestellt wurde - und nur aus solchen!

Granatapfel (Thomé 1885)
Und irgendwann fielen wir plötzlich aus dem Geschmacksparadies. Ich kann es kaum an einem einzelnen Ereignis festmachen. Zunächst glaubten wir, Granatäpfel müsten wohl selten geworden sein, die Nachfrage vielleicht zu hoch ... Erst mischten sie andere Fruchtsäfte in den beliebtesten Sirup Frankreichs, bald ersetzten rote Früchte aller Art den Granatapfelsaft völlig. Und weil Natur nicht so einfach die Natur ersetzen kann, denn die Zunge schmeckt diesen Betrug, mischte man künstliche Aromen darunter - die betrügen die Zunge effizient. Inzwischen hatten dann ohnehin genügend Leute den Urgeschmack vergessen, so dass sie sich schließlich von der reinen Chemiebrühe überzeugen ließen: Ja, das hätte fast wieder Granatapfel sein können, diese "naturidentischen" und künstlichen Aromen. Und seither gibt es eine Menge Produkte vor allem bei Billigmarken, auf denen "grenadine" oder "Granatapfel" drauf steht, aber leider nicht drin ist.

Absolut pervers wurde die Sache mit der inzwischen auch schon wieder abgehalfterten Masche, in alle möglichen Kosmetika Granatapfelsaft zu mischen, weil der in Zellkulturen von Mäusen schon mal einen Prostatakrebs bekämpfte, pardon, der gläubigen Kundin leichter das Geld aus der Tasche zieht. Da wird eins auf Natur gemacht und unser längst getäuschter Geschmacks- und Geruchssinn glaubt nach viel Etikettenschwindel tatsächlich: So, genau so riecht doch Granatapfel! Lecker! Gut!

Ich habe mir den Spaß gemacht und das Kleingedruckte von einem angeblich ach so natürlichen Granatapfel-Schaumbad angeschaut. Ja, da steht der Saft vom Granatapfel drauf. Es ist aber nicht angegeben, wie viel Promill des Schaumbads überhaupt daraus bestehen. Stattdessen ist die Liste der Duftaromen stattlich: Limonen, Citronellol, Sodium Anisate, Sodium Levulinate, Parfum (!). Die Firma wirbt übrigens mit der Aufschrift "natürliche Öle" und "Naturkompetenz"!

Natürlich kann man Limonen oder Citronellol u.a. aus allerlei Pflanzen gewinnen. Tut man aber nicht, wenn's nicht ausdrücklich deklariert ist nebst Herkunftspflanze. Das Zeug muss nämlich für alles herhalten: Hautcremes und Kloputzmittel, Badezusätze und Geschirrspülmittel ... wer wird dann noch mühsam anbauen und destillieren, wenn's im Reagenzglas schneller und preiswerter geht! Vor allem aber müssen solche Ingredienzien nicht nur fürs Granatapfelschaumbad herhalten. Unsere Sinnesorgane einschließlich anschließender Hirnverarbeitung sind so leicht täuschbar, dass man aus Limonenen und Citronellol genauso gut Rosenduft in der Hautcreme basteln kann wie Lavendelduft im Klospray. Alles eine Frage der Dosierung und Kombination. Um dem Wahnwitz unserer Zeit noch eins draufzusetzen: Im Granatapfelsirup ist kein Granatapfel mehr drin, aber damit man sein Schaumbad nicht austrinkt, weil's so lecker riecht, setzt man einen Stoff zu, der früher eher für Rattengift benutzt wurde: Bitrex, ein Bitterstoff zum Vergällen.
In meinem Buch "Das Buch der Rose" gibt es übrigens ein Kapitel über den Chemieschwindel mit Rosenduft und die Möglichkeiten, reine und natürliche Substanzen zu erkennen.

Schluss mit zuckrig: Frankreich steht auf Retro

Aber noch ist der Geschmack nicht ganz verloren. Man kann ja echte Granatäpfel kaufen, sie mühsam schälen und auspressen. Falls sie einigermaßen reif geerntet wurden, ein Gaumenerlebnis. Und inzwischen geht man in Frankreich auch bei der Limonade gern Retro-Wege. Die alten Gebrüder Geyer aus Munster hätten sich im 19. Jahrhundert sicher nicht träumen lassen, dass ihre Firma mal zum französischen Marktführer bei den Limonaden und Sodagetränken aufsteigt und bis in die USA und nach Japan exportiert. Laut Kleingedrucktem ist in der "Grenade" tatsächlich "natürliches Aroma" vom Granatapfel drin, nebst Granatapfelsaft. Und ich muss sagen: Ja, das schmeckt auf meinem Gaumen wieder wie damals. Fast will ich gar nicht zu genau wissen, wie die das machen. Vielleicht destillieren sie ja nur Badewasser. Vielleicht hat aber auch die Verwendung von Chemiebrühe in Kosmetika irgendwie die Granatapfelbäume dieser Welt für die Lebensmittelindustrie gerettet. Wer weiß das schon wirklich heutzutage ...

Aber pervers ist unsere Genusswelt schon. Wir müssen unsere Kosmetika mit einem Rattengiftzusatz vor Verzehr schützen und kriegen keine natürlichen, absolut unverfälschten Lebensmittel mehr hin.

11. Januar 2014

Salonkultur - woher nehmen?

"Literarischer Salon, ein im 18. Jahrhundert entstandener Begriff für zumeist in Privaträumen organisierte gesellschaftliche Treffen für Diskussionen, Lesungen oder musikalische Veranstaltungen."
So lautet bei Wikipedia die Definition einer Einrichtung, die es nur scheinbar nicht mehr gibt. Meist waren Salons sogar mehreren Künsten geöffnet: der Musik, den darstellenden Künsten ... auch Wissenschaft und Politik wurden betrieben. So ein künstlerischer Salon kann ein Genuss sein - ich habe es in meinem Hauptblog "cronenburg" beschrieben, wo es u.a. heißt:
"Alles vom Feinsten: Die Literatur, die Musik und die Musiker, die Dekoration, der Wein, das Buffett, die Menschen. Ein Abend in absoluter Schönheit. Gleichgesinnte auf ähnlichem Niveau. Völliges Abschalten vom Alltag durch das Hineinfallen in eine wunderbare Welt der Künste. Genuss für alle Sinne, fühlbarer, erlebbarer Genuss. Gespräche auf Niveau, mit Benimm, in gegenseitiger Wertschätzung, mit viel Zuhören."
Seither bekomme ich Anfragen, wie und wo man denn so einen Salon finden könne ... es gäbe weit und breit keinen. Und wie das überhaupt funktioniere.

Luxusklasse: Der Musikalische Salon der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft

 Die Antwort auf die letzte Frage ist am einfachsten: Traditionell lud früher eine Gastgeberin, die Salonnière (meist waren es Frauen), zu sich nach Hause Gleichgesinnte ein, um eine künstlerische Darbietung zu genießen und anschließend, bei etwas Bewirtung, darüber zu reden, sich kennen zu lernen und untereinander Kontakte zu knüpfen. Denn neben all dem Genuss stand bei den Salons immer die Förderung der Künste und des Nachwuchses im Zentrum. Man "netzwerkte" also noch richtig körperlich und war bestrebt, zu den Salons auch Mäzene und Sponsoren anzulocken. Lesungen, Erzählen, musikalische Darbietungen - das war meist das Programm, von der Veranstalterin durch ihre Persönlichkeit geprägt. Auch wenn so mancher Salon irgendwann in einem riesigen Saal endete, es begann alles ganz klein im gleichnamigen Zimmer einer Privatwohnung.

Auch wenn diese Form gesellschaftlichen Lebens mit dem Internet und moderner Unterhaltungskultur ein wenig in die Jahre gekommen sein mag und vielleicht nicht in jeder Region zu finden ist: Man kann so etwas selbst gründen!

Platz für einen edlen Kultur-Salon ist in der kleinsten Hütte: Die Runde kann langsam wachsen!

In meinen Ausbildungsjahren landete ich in einem kleinen Dorf, in dem Zugezogene lebenslänglich Fremde blieben - es sei denn, sie hatten Land von der Familie geerbt. Auch noch nach zwei Jahren drehte man sich auf der Straße um, zeigte mit dem Finger und sagte statt eines Grußes: "Das ist die Neue!" Nicht mein Ding, zumal ich ausgerechnet in einem Neubauviertel wohnte, das vom "alten Dorf" gemieden wurde ... und das tagsüber nur aus Hausfrauen und Müttern zu bestehen schien. Kultur? Ein Fremdwort! Dafür fuhr man, falls man denn zu den Verrückten zählte, in die "Großstadt".

Ich hielt das nicht lange aus und eine Frau, die in der Nähe wohnte, auch nicht. Da musste doch etwas zu machen sein! Wir waren der festen Überzeugung, dass auch die Frauen in diesen Dörfern Bücher lasen. Und gründeten einen Literaturkreis für Landfrauen! Die Zutaten: Unser eigenes Wohn- oder Esszimmer. Bücher, die uns in letzter Zeit gefallen hatten. Ein kleiner Imbiss, Getränke. Zuerst luden wir Frauen aus dem eigenen Bekanntenkreis ein. Oder fragten Nachbarn, die wir für interessiert hielten. Beim nächsten Mal musste jeder, der kam, wieder eine Freundin mitbringen. Damit das finanzierbar war, fand der Salon jeden Monat einmal bei einem anderen Mitglied statt. Die Gastgeberin sorgte für den Imbiss, die Gäste brachten die Flaschen mit. Es gab ein festes Programm: Die Gastgeberin stellte ihr Lieblingsbuch vor, das sie zuletzt gelesen hatte, las daraus vor ... man diskutierte darüber - erst dann kam der Tratsch des Abends. Es waren eigentlich immer mindestens 15 bis 30 Leute da ... ja, die haben auch in einem ganz normalen Zimmer Platz, wenn man nur will!

Das Konzept schlug ein wie eine Bombe! Endlich hatten all diese in den Dörfern fast eingesperrten Frauen ein Gegenprogramm - sie kamen genauso heraus, wie ihre Männer. Zu den Buchvorstellungen gesellte sich ein kleines Blättchen mit Buchtipps und Rezensionen. Wir organisierten Ausflüge zu Ausstellungen und arbeiteten mit den ländlichen Bibliotheken zusammen. Längst war der Literaturkreis aus dem Dorf hinaus ins Land hinein vergrößert worden, unsere Gäste kamen aus einem Umkreis von fast 50 km, sogar aus der Stadt. Das Konzept war so beliebt, dass ich mir habe sagen lassen: Dieser Kreis mit dem alten harten Kern war noch vor wenigen Jahren quicklebendig!

Von einem solch kleinen Kreis aus lässt sich viel aufbauen. Der letzte Salon, bei dem ich Gast war, war natürlich etwas luxuriöser. Da verfügte jemand im Privathaus über einen kleinen Saal mit vielen Stühlen und einen Flügel. Ein Erzähler und zwei junge Musiker wurden engagiert - dafür kostete der Salon dann auch Eintritt. Für die Bewirtung hatte eine Dame aus dem Kreise Kleinigkeiten gebacken, der Wein kam vom Winzer ... und in alter Salontradition war der zugegen, durfte für sein Weingut werben und vom Wein erzählen ... und sponserte dafür den Großteil des Weins. Man lernt sich zwanglos kennen, hilft sich, bringt Fremde miteinander ins Gespräch und teilt Kontakte. Kontakte, die man übers Internet nie machen könnte und die man dort auch nie finden wird. Künstler werden empfohlen, Weine, Rezepte ausgetauscht. Vor allem aber gibt es Kunst und Kultur - auf Niveau.

Das kann dann, wenn die Mitgliederschaft wächst, natürlich irgendwann richtig groß werden und einem völlig normalen Event ähneln. Beim Musikalischen Salon der Deutsch-Russischen Gesellschaft in Baden-Baden etwa treffen sich um die hundert Mitglieder bei einem Konzert der Extraklasse. So ein Salon verlangt dann einen ganzen Organisationsstab mit Managementqualitäten und vor allem eine intensive Suche nach Sponsoren - denn allein mit Eintrittsgeldern sind solche Salons nicht mehr zu stemmen. Privat fühlt man sich dennoch - denn man lernt sich persönlich kennen, trifft sich jedes Jahr wieder, verlässt nicht nach dem Konzert einfach den Saal.

Der Hunger nach künstlerischen Salons wächst und es werden auch immer wieder welche gegründet. Es lohnt sich, einmal die Veranstaltungsblätter der eigenen Stadt zu durchforsten oder sich umzuhören. Denn viele Salons blühen eher im Verborgenen. Nicht selten braucht man Kontakte, die einen einladen oder mitnehmen. Die Einrichtung soll ja nicht gleich aus den Nähten platzen, soll ja privater sein als ein Kulturevent der Unterhaltungsbranche. Und wie gesagt: Ist kein Salon vorhanden - einfach selbst loslegen!
 Ein Zimmer, drei Leute, ein Buch ... und dann langsam wachsen?!