30. Dezember 2014

Entgrenzt, entrückt ...

Das ist mir schon länger nicht mehr passiert: Eigentlich wollte ich nur einen kleinen Blogbeitrag schreiben, eine Geschichte erzählen. Sie hat regelrecht nach Papier und Füller "geschrieen" und dann wurde mehr daraus. Nach vielen Seiten, die ich fast wie in Trance bekritzelte, und zwei Stunden später "wachte" ich in eine Welt auf, in der plötzlich Zeit und Raum abhanden gekommen waren. Ich brauchte eine Weile der Orientierung und habe immer noch das Gefühl, ich hätte zwei Tage in einer anderen Welt zugebracht. Aber solches Eintauchen geht auch an die Substanz - es folgen Bärenhunger und Müdigkeit wie nach einer Bergwanderung, gepaart mit einem Gefühl absoluter Zufriedenheit. Längst ist die Geschichte nicht fertig, noch nicht bearbeitet und lektoriert. Sie ist zu lang für jedes Blog und wird wahrscheinlich später auf meiner Website zu finden sein.

Es ist der Auftakt für mein Vorhaben, 2015 mehr Geschichten zum Thema "Grenzgängereien" zu erzählen - und zwar in jedem erdenklichen Wortsinne. Weil ich glaube, dass unsere derzeitige politische Lage statt blinder Agitation sehr viel mehr Geschichten über das Leben zwischen und wider die Begrenzungen und Grenzen braucht. So sehr wie selten zuvor sehe ich all die völkerverbindende Arbeit der letzten Jahre als gefährdet. Wir brauchen neue Narrative.

So habe ich heute in meinem Fundus gekramt aus der Arbeit mit Zeitzeugen. Im Studium hatte ich damit begonnen, als ich für eine Arbeit die Haltung der Evangelischen Landeskirche in Baden unter den Nazis untersuchte und damals eine für solche Arbeiten damals ungewöhnliche Technik anwandte: Ich suchte mir zusätzlich zu den wissenschaftlichen Unterlagen Augenzeugen und ehemalige Widerständler. Die menschlichen Begegnungen haben mich tief geprägt und sie bleiben lange über den Tod der Beteiligten hinaus unvergessen. Diese Menschen gaben mir mehr mit als jedes Geschichtsbuch, vor allem aber erfüllten sie die Worte "Wehret den Anfängen!" und "Nie wieder!" mit Leben und Bedeutung. Noch ahnte ich damals nicht, dass ich damit meinen späteren, eigentlichen Beruf entdeckt hatte: den Journalismus. Den jetzt so viel gescholtenen Journalismus, für den ich mich auf jeder Party und jedem Empfang schämen muss, weil ich dafür Häme kassiere und manchmal auch Hass. Weil so viele Leute so tun, als bräuchten wir Journalisten und Pressefreiheit nicht mehr.

Jetzt erst recht! Ich habe in meiner Ausbildung gelernt, was mir in heutigen Zeiten wichtiger ist als je zuvor erscheint: Menschen ihre Geschichte erzählen lassen, sie gelten lassen, sie weder beschönigen noch kleinreden. Aber diese Geschichte immer auch anreichern mit den Fakten, die ein subjektiver Erzähler entweder nicht kennen konnte oder nicht sehen wollte. Menschliche Schicksale zwar einordnen in den historischen und geografischen Zusammenhang - sie aber auch als das wirken lassen, was sie sind: Berührungen, Einzelschicksale, subjektive Gefühle und zunächst ein Gewirr von Anekdoten und Begebenheiten, in die ein roter Faden gebracht werden muss.

Beim Kramen in alten Fotos habe ich bemerkt, dass viele dieser alten Geschichten wieder neu erzählt werden müssen. Weil sie so aktuell sind wie nie. Weil vielleicht Geschichten verhärtete Herzen noch berühren können. Weil jene Menschen Zeugnis ablegten nicht dafür, dass man sie wieder vergisst.

Vor mir liegen drei Fotos mit Menschen vor Bretterbaracken. Flüchtlinge. Ich werde dazu die Geschichte einer Frau rekonstruieren, die zur gleichen Zeit wie diese Menschen geflüchtet war und die mir ihre Geschichte in einigen intensiven Begegnungen erzählt hat. Sie ist längst verstorben und würde heute wahrscheinlich unsäglich leiden, wenn sie die alten Parolen von damals wieder hören müsste. Deshalb drängt ihre Geschichte wieder hervor: Wehret den Anfängen! Das hat sie mir immer wieder eingeschärft, in der Hoffnung auf eine bessere Welt. Nur darum hat sie mir ihre Geschichte geschenkt.

Im nächsten Jahr also in voller Länge auf meiner Website und kleinere Geschichten hier im Blog, das eine neue Rubrik bekommen wird: MENSCHEN.

Damit wünsche ich all meinen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr, in dem hoffentlich wieder mehr Hirn und Herz die Welt regieren werden und Mitmenschlichkeit nicht zum Fremdwort wird.

Lesetipp:
Blaue Fluchten. Etüden über das Leben im Zwischenraum. Exklusiv als Ebook (derzeit Kindle, epub folgt 2015)

14. Dezember 2014

Der gefrorene Augenblick

Ohne Bilder geht es in unserer Welt der Augenmenschen nicht mehr. Allgegenwärtig ist das Foto, jeder Laie knipst mit dem Handy und wirft die Bilder in die Welt hinaus: vom Abendessen und von Katzen, die sich nicht mehr wie Tiere verhalten, vom vollgespuckten Kinderlätzchen und von frisch lackierten Zehennägeln bis hin zum Selfie mit Urlaubsziel, Freundin oder neuem Auto. Es gibt eigentlich kaum noch etwas, was wir uns nicht anschauen müssen. Was wir nicht fotografieren müssen. Das System hat seine eigenen Zwänge: Würde dieser Beitrag ohne Foto im Blog stehen, würden die verteilten Links sich nicht präsentabel öffnen, würden nachweislich viel weniger Menschen den Text aufrufen. Aber wer liest ihn überhaupt? Schaut man sich nicht vielleicht nur die Bilder an?

Ein Pferd gesehen? Schon muss es geknipst, "eingefroren" werden.
Alles und jeder werden mittels Foto in einem Augenblick festgefroren - das Internet ist eine Ansammlung von vergehender Zeit geworden, weil die Sequenzen immer kürzer werden. Hat man in den Anfängen bei Facebook nur das allmonatliche Festessen in einem Restaurant festgehalten, wurde daraus der wöchentliche Sonntagsschmaus, dann das tägliche Mittagessen. Manche posten jede Mahlzeit und auch ihre "Fails" beim Kochen. Einer hat sich in den Finger geschnitten, bei einer anderen ist der Teig verdorben. Rasend schnell vergeht Zeit, weil Kätzchen wachsen, Hunde zunehmen, potenziert durch alle Tierhalter mit Fotoapparat.

In der Überflutung verliert man gern einmal den Sinn für einen besonderen Augenblick. Und wenn ich einen solchen erlebe - kann ich ihn dann noch genießen und unverfälscht wahrnehmen? Oder denke ich an Belichtungszeiten und wann ich mich bei Facebook einloggen werde? Ärgere ich mich womöglich, dass ich keinen Fotoapparat, kein Smartphone bei mir habe und der Augenblick folglich womöglich verdorben, weil nicht mitteilbar wäre?

Heute Vormittag rannte mein Hund bellend nach draußen ans Tor. Das macht er sonst nicht derart aufgeregt. Ich hörte an seiner Stimme, dass sich etwas Außergewöhnliches nähern musste, das nicht Nachbars Katze war und auch nicht nur ein anderer Hund. Neugierig bin ich zu Bilbo gelaufen und habe mich ganz eng neben ihn an seinem "Ausguck" niedergehockt. Auf Augenhöhe sah ich seinen gespannten Blick in die Weite, auf Tuchfühlung fühlte ich sein kleines Herz aufgeregt pochen. Er reckte die Nase in die Luft, witterte und streckte sich neugierig noch mehr. Da kam etwas um die Ecke ... ich erkannte ein Pferd. Möchtegernbeagles lieben Pferde und ich versuchte, das aufgeregte Kerlchen zu beruhigen mit dem Wort "Pferdchen". Das kennt er.

Plötzlich hatten wir eine Nase vor unserer Nase. Eine schwarze Lakritznase. Wie aus dem Nichts stand vor uns ein rothaariger, wunderschöner Hund, nur Zentimeter entfernt. Er schaute uns völlig ruhig an. Majestätische braune Augen. Ein Blick, der Geschichten erzählte. Und Bilbo hörte auf zu zappeln und blickte zurück. Zwei Hundenasen berührten sich für einen winzigen Augenblick zwischen den Zeiten - Stille herrschte. Bevor Bilbo wieder loslegte. Denn jetzt tappte ein patschnasses Pony ins Bild, musterte meinen Hund, tappte weiter - einen Menschen mit langem Wettermantel und Schlapphut im Schlepptau. Ich sage "Bonjour" und er dreht seinen Kopf ... unter dem Schlapphut braune, leicht verhangene Augen, die so sehr an die seines Hundes erinnern. Er schrickt sichtlich zusammen, der Blick findet in Zeitlupe aus einer anderen Welt zurück in die Zivilisation, er nickt ohne Worte, noch völlig überrascht, hier Menschen zu finden. In diesem Augenblick erzählen seine Augen, dass er gedankenverloren in einer völlig anderen Welt gewesen war. In einer Welt der Natur, der Stille, der inneren Ruhe. In der er eins gewesen war mit seinem Hund und seinem Pony.

Die drei laufen in der gleichen Stille, in der sie gekommen sind, zur Straße. Es fühlt sich an, als sei kurz eine andere Welt in den Alltag gefallen. Sie sind so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht sind. Und Bilbo springt herum und erzählt etwas, erzählt der Nachbarhündin von einer seltsamen Begegnung. Ich gehe ins Haus und habe einen Augenblick in mir: Die Begegnung mit diesem majestätisch ruhig blickenden Hund, diese kurze Berührung zwischen zwei Nasen und das kleine klopfende Herz an meiner Seite.

Das sind die Augenblicke, die ich be-schreibend wie hier in einem speziellen Heft festhalte. Weil aus diesen Augenblicken Literatur entsteht. Und weil es immer schwieriger wird, inmitten der Bilderflut der gefrorenen Augenblicke die warm berührenden inneren Bilder festzuhalten. Gute Fotografen können solche Geschichten in ihren Bildern erzählen. Aber sie brauchen dazu wohl mindestens so lange wie ich bis zur fertigen schriftlichen Form.

8. Dezember 2014

Zauberwelten von Mato

Kennengelernt habe ich die französische Künstlerin Mato bei der Arbeit - als wir in einem Team den "Grenzgängerweg" zwischen dem elsässischen Wingen und dem pfälzischen Nothweiler konzipierten und einrichteten. Sämtliche Kunstinstallationen und Schilder sind von ihr entworfen und hergestellt worden (hier Bilder vom Grenzgängerweg).

Neben solch "praktischen" Installationen, die den Texten weitere Formen der Sinneswahrnehmung hinzufügen, entdeckte ich in Matos Atelier eine völlig andere Seite der Künstlerin. Wer etwa beim Elsässer Kreuzstichfestival die Tage der Offenen Tür in ihrem Atelier in Lobsann nutzte oder jetzt ihre Weihnachtsausstellung besucht, der weiß, wovon ich rede. Viel zu achtlos mag man zufällig die Hauptstraße in Lobsann entlangrauschen ... auf einmal steht da ein gemaltes Schild, sind Dekorationen bei einem alten Fachwerkhaus mit Innenhof zu sehen. Es zieht einen hin, etwas ist anders, etwas wirkt anheimelnd - und in der Dämmerung leuchten Kerzen und Lichter.

Bilder: Impressionen von den Ateliertagen beim Kreuzstichfestival:


Die Schilder sind das Zeichen dafür, dass das Atelier geöffnet ist. Ebenerdig treten die Neugierigen ein und sofort verwandeln sich die Gesichter mit einem Lächeln. Die Welt hier drinnen ist eine besondere, sie umgarnt die Eintretenden mit einer sehr eigenen Magie. Assoziationen aus der Kindheit werden wach, wenn man auf fremden Speichern Schätze in Kisten entdeckte; innere Bilder von Wichtelhöhlen und Waldmärchen kommen einem in den Kopf und vom duftenden Sonntagskuchen auf dem alten Buffet der Großmutter. Waldwesen, Bilder, Möbel ... gute Gespräche bei jedem Besuch und interessante Menschen, denen man im Alltagstrott vielleicht nie über den Weg gelaufen wäre - das alles macht den Reiz dieser Atelierbesuche aus, noch bevor man sich mit der Kunst beschäftigt.

Neben Antiquitäten und Kunst sind auch Weihnachtsdekorationen zu kaufen

Die Kunst lohnt mehr als nur einen schnellen Blick, denn Mato schöpft aus einem reichen Fundus sehr unterschiedlicher Phasen. Sie belebt rohes Holz und Fundstücke genauso selbstverständlich zu Figuren, die aus märchenhaften Zwischenwelten zu stammen scheinen - wie sie sich großformatigen, abstrakten Gemälden widmet.

Sinnlich, in feinen Nuancen schwelgend: Matos Gemälde
Es sei das Füllhorn des Lebens, das sie mit seinem Reichtum inspiriere und antreibe, gesteht sie in warmherzig wirkender Bescheidenheit und sagt über sich selbst: "Je suis une butineuse de perceptions subtiles, une voltigeuse d’états d’âmes, et une distillatrice de malices rigolotes." (Ich nasche vom Nektar feinster Wahrnehmungen, balanciere auf Seelenschwingungen und destilliere lustige Schelmereien.)

Seltsame Waldwesen und eigenwillige Ikonen - eine Schelmerei?
Geschenke für jeden Geschmack und Geldbeutel
Was Mato in ihrer Kunst schöpft und in Workshops und Malkursen vermittelt, ist viel zu reichhaltig für einen kurzen Blogartikel. Mögen hier die Bilder aus ihrem Atelier auf die Gemeinschaftsausstellung neugierig machen.

Geschmackvolle Weihnachtsdekos zum Kaufen
Ausflugstipp:
Atelier Mato in Lobsann (bei Soultz-sous-Forets)
derzeit Gemeinschaftsausstellung mit dem Restaurator Alain Mino von "La caverne du Brocanteur" (Antiquitäten) in Beinheim und Richard Angot von "Etimoé" (handgefertigte Schreibpreziosen aus Edelhölzern) in Lobsann
geöffnet an den beiden Wochenenden vor Weihnachten (13./14.12 + 20./21.12.) und nach Vereinbarung
Adresse und Kontakt hier (Mato spricht auch Deutsch)

14. November 2014

Männer im Baumarkt

Alles begann mit einem harmlosen Aluminium-Klebeband. Eine Odyssee im Handel machte mir schnell klar: Die schärfsten Genzgängereien erlebt man inzwischen beim Einkaufen. Bevor ich in diesem Blog loslege mit einer Miniserie über das Einkaufen zwischen stationärem Einzelhandel und Onlinehandel, zwischen dem kleinen Kruschtelladen und dem Megakaufhaus Amazon, muss ich aber unbedingt meine Geschichte mit dem Klebeband loswerden. Die ist so hart, dass sie für viele ähnliche Situationen stehen kann.


Manchmal sucht man vergeblich nach einem wichtigen Produkt. In meinem Fall war das hitzebeständiges Aluminiumklebeband. Wenn ich in den hiesigen Baumärkten je welches fand, so war absolut nicht zu eruieren, wie viel Grad es verträgt. Eigentlich will ich nur ein winzig kleines Löchlein an einem Abluftrohr der Heizung stopfen und mir die hohen Monteurskosten sparen - der das auch nicht anders macht, bevor er gleich das ganze Rohr austauscht. Eine Googlerecherche ergab, dass ich sämtliche Alubänder nach Wunsch erstaunlich preiswert bei Amazon bestellen kann. Aber musste es unbedingt das Online-Mega-Kaufhaus sein?

Ich bin bis heute rund 120 Kilometer gefahren, habe zig Telefonate hinter mir, einen ganzen Arbeitstag geopfert und schließlich mein Aluband bekommen. Es kostete genau vier mal so viel als bei Amazon. Ökologisch und verdiensttechnisch gesehen ist es das teuerste Klebeband, das ich je besessen habe - vielleicht werde ich aus dem Rest Schmuckstücke kreieren?

Gestern im Pfälzer Baumarkt:
Ich frage einen der zahlreichen herumstehenden männlichen Mitarbeiter, wo ich hitzebeständiges Aluklebeband finden könne oder Heizungszubehör.
Er so: Klebeband haben wir viel, was wollen Sie denn basteln?
Ich: Ich will nicht basteln (erkläre den Sachverhalt) - ich will gefahrfrei eine Reparatur durchführen .
Er: Soso, sie haben also ein Loch im Rohr.
Ich: Ein winziges.
Er: Was ist denn das für ein Rohr?
Ich: Hab ich doch schon gesagt - die Zuführung zum Kamin bei einer Ölheizung. Das wird also schon ein wenig warm. Und deshalb brauche ich hitzebeständiges Aluband.
Er lacht wie beschickert: Hehehe, sie wollen doch nicht das Loch zukleben! Gute Frau, das ist für den Kaminfeger, müssen Sie wissen. Das braucht der für seine Arbeit. Das muss so sein. Da müssen Sie die Fingerchen weglassen, sonst wird der Schornsteinfeger sehr böse. Er kichert immer noch.
Ich: Glauben Sie mir, ich kann auch ohne Lesebrille eine Wartungsöffnung von einem kleinen Loch unterscheiden, das da nicht hingehört. Haben Sie nun Aluband oder nicht?
Er: Da sollten Sie besser einen Mann reparieren lassen!
Er führt mich zum Klebeband-Display und meint: Das Kreppband wird auch gern zum Basteln genommen!
Ich: Wissen Sie was? Ich gehe jetzt und kaufe mein Aluband online, denn veralbern kann ich mich selbst. Und das Kreppband schnappen Sie sich mal und kleben sich damit das Mundwerk zu, bevor sie nochmal eine Frau für doof halten, nur weil sie eine Frau ist. Aber nehmen sie das extra Haltbare für ihre freche Gosch, damit auch Ihre Frau noch was davon hat.

Ich habe dann zuhause herumtelefoniert, ob jemand zufällig einen Heizungsmonteur kennt und weiß, wo die einkaufen. Und dann hatte ich die Adresse im Elsass, die ich selbst nie gefunden hätte, weil sie hinter einem Schrottplatz liegt. Groß- und Einzelhandel, ein Laden, der so verkruschtelt und eng befüllt ist, dass man nicht einmal mit Navi finden würde, was man braucht. Also frage ich wieder freundlich nach dem Klebeband. Und der Chef will natürlich wissen, wofür genau ich das brauche. Er hört mir zu und nickt und meint - ja, dafür sei meine Idee mit dem Aluband genau die richtige. Aber ob ich wisse, dass mich das nur eine Weile rette. Ich lache und meine, na ja, das ist auch nur als Provisorium gedacht.
Während er mich bittet, ihm durch das Gewirr der schmalen Gänge zu folgen, scherzt er, weil er gemerkt hat, dass ich Deutsche bin (mein Ofenfachfranzösisch ist recht begrenzt): "Wissen Sie, wie wir das im Elsass nennen, was Sie machen? Provisoire auf Lebenszeit! Wenn Sie das richtig sauber und fest verkleben, hält das Rohr vielleicht noch ein, zwei Generationen!"
Ein gezielter Griff - ich habe mein Klebeband und strahle glücklich. Und muss nun auch ein Kompliment machen, dass ich positiv überrascht bin, was der Laden alles hat.
Er: Wenn Sie wieder mal etwas suchen, von dem Sie glauben, es sei nirgends zu finden, kommen Sie her. Ich finde in meinem Laden alles, und wenn nicht dort, dann im Lager. Auch, wenn sie Maschinen brauchen oder größere Mengen für den Bau.

Da geht Madame wieder hin. Weil sie sich ernstgenommen fühlt, auch als Frau. Weil sie zum Einkauf noch gute Tipps bekommt und man ihr genau das Passende empfiehlt. Und dass der Inhaber mir nicht gesagt hat, dass er sogar Küchengeräte und Backformen verkauft, rechne ich ihm sehr hoch an.

17. Oktober 2014

Der Reiz des Untergangs

Eine Fotostrecke verlassener, verfallender Orte macht gerade bei Facebook die Runde: "The 38 Most Haunted Places in The World". Marode und verfallende, vom Menschen geschaffene Werke üben einen eigenartigen Reiz auf uns aus. Wir werden mit der eigentlichen Vergänglichkeit konfrontiert und erfahren vielleicht, wie schnell das gestern noch hochgelobte Projekt morgen schon Müll sein kann. Verfallende Vergnügungsparks in Japan oder selbst bei Disney sind davor ebenso wenig gefeit wie Kirchen und Bahnhöfe - einst von Menschenmassen genutzt. Der Mensch ist eigentlich nicht mehr als ein klitzekleiner, überflüssiger Popel auf diesem Planeten: Die Natur holt sich selbst die chinesische Mauer zurück und auch Pripjat, die Geisterstadt, die vom SuperGAU in Tschernobyl auf alle denkbaren Zeiten hin unbewohnbar gemacht wurde.
Solche Aufnahmen geraten durchaus zu Mahnmalen, die teilweise schaurige Geschichten erzählen über Hybris und über den Wahn des Machbaren: die Raketenfabrik in Russland, die Irrenanstalt mit den grusligen Apparaturen und Pritschen in New York oder die Minenarbeitersiedlung in Japan. Und dann sind da die schaurig schönen, weil so irreal wie aus einem Fantasyfilm wirkenden Aufnahmen: der italienische Christus, der am Meeresgrund schwebt, ein kolumbianisches Hotel, das Militärkrankenhaus von Beelitz oder eine chinesische Unterwasserstadt. Es sind Orte wie geschaffen zum Träumen. Allen Fotos gemeinsam ist: Der Mensch hat seine Bauwerke längst verlassen, die Natur holt sich das Menschenerschaffene zurück. Was einmal wichtig schien und unverzichtbar, zerfällt, löst sich auf oder bleibt als problematische Altlast einfach liegen.

Mich selbst faszinieren Industriebrachen, verlassene Häuser, Zerfallendes und Ruinen. Die folgenden Aufnahmen entstanden vor Jahren während Recherchen auf dem Gelände des ehemaligen Erdöl-Förderungsgeländes im elsässischen Merkwiller-Pechelbronn. Nicht alles ist öffentlich zugänglich. In diesem Eröldorf nutzte man bereits im Mittelalter Naturasphalt und Rohöl (damals eher medizinisch), dort lag die erste industriell ausgebeutete Ölquelle der Welt. In Merkwiller-Pechelbronn erfand man den Bohrturm lange vor den Amerikanern und exportierte schließlich das Know-How und Facharbeiter nach Kalifornien und Texas. Doch mit dem Ölrausch kam auch die Umweltzerstörung und mit billigem Öl aus Russland schließlich der Untergang: Die Raffinerie wurde in den 1970ern aufgegeben und zurückgebaut. Heute erzählen nur noch Ruinen und das Nationale Erdölmuseum die fast vergessene Geschichte.

Eine andere Fotoserie aus dem "Erdölland" von mir: Die Zone
Hier unten Aufnahmen aus der frühesten modernen Raffinerie, erste Hälfte 19. Jahrhundert, und von einem gesperrten Platz - wo mich dankenswerterweise das Museumspersonal für einen Zeitungsbericht hat fotografieren lassen.




Manchmal verbinden sich Relikte der Vergangenheit mit Menschenzeichen aus der Gegenwart:



Maschinen verrotten zuletzt ...




2. Oktober 2014

Abgelauscht ...

... bei 26 Grad im Schatten:

--- Vo mir üs kennt's Summer bliwe!
--- Des isch net gued.
--- Worum?
--- Des macht d'Natur kabutt!
--- Worum?
--- Weil mer dann nur noch e Natur mit Ungeziefer hen.

(Übersetzungsversuch: Von mir aus könnte es Sommer bleiben! - Das ist nicht gut. - Warum? - Das macht die Natur kaputt. - Warum? - Weil wir dann nur noch eine Natur mit Ungeziefer haben werden.)

30. August 2014

Erwin, Didier und der nette Vietnamese

Manchmal ist das Essen in Frankreich wirklich zum Speien. Ja, richtig gelesen! Nämlich dann, wenn man sich erst durch viele Abschnitte Kleingedrucktes über Zusatzstoffe kämpfen muss, wenn Convenience und Billigpapp die frischen Nahrungsmittel ersetzen. Zwar gibt es unter Fertiggerichten durchaus Angenehmes, aber ich habe es schon mehrfach beschrieben: Es wird immer schwerer und vor allem teurer, in französischen Supermärkten eine Qualität zu finden, wie sie noch vor zwanzig Jahren selbstverständlich war. Touristen bemerken es ob der reizenden Exotik nicht gleich. Da fährt man täglich an Schafherden vorbei und hat doch das geschmacksarme Lammfleisch aus Neuseeland im Angebot! Käse sind inzwischen stückweise verschweißt, schimmeln gern in der schmierigen Folienverpackung ein zweites Mal. Das Angebot verarmt, immer mehr Traiteure und andere Spezialisten schließen ihre Läden, können mit den niedrigen Preisen der Industrieware nicht mehr mithalten - denn den Franzosen geht es wirtschaftlich nicht gut.

Genuss: Das sind Düfte und Geschmäcker so reich wie die Welt
Ras-le-bol nennt man das Gefühl, das mich hier immer wieder überkam: "die Schnauze gestrichen voll" - im Französischen ist es das Kaffeeschüsselchen. Und so zog ich aus, um herauszufinden, wie man sich preiswert und dennoch qualitativ wertvoll in meiner Region ernähren kann. Noch vor wenigen Jahren hätte ich dafür viel Benzin bei Autofahrten übers Land verfahren müssen. Direktvermarktung gab es schon immer, aber die Strecken zwischen den Anbietern waren nicht ohne. Dörfer wie etwa in der Südpfalz, wo man auf der Hauptstraße einen Verkaufsstand nach dem anderen findet, sind im Elsass außerhalb weniger Gebiete Fehlanzeige.

Doch plötzlich schien sich etwas quasi über Nacht verändert zu haben. Waren es die vielen Fernsehberichte über unseren Umgang mit dem Essen, der industrialisierten Nahrung, dem Quälen von Tieren? Es schien spürbar, dass sich Verbraucherbewusstsein zu ändern schien, selbst etablierte Großfirmen brachten immer mehr Ware mit Öko- oder Fair Trade-Label in die Läden.

Ich bin dann nach langer Zeit auf den Markt in einem winzigen Städtchen gefahren, bewusst nicht in die großen Markthallen, wo sie manchmal auch nur die gleichen Schinken auspacken wie bei Cora. Und was sehe ich? All die regionalen Erzeuger, die vor Jahren noch allenfalls die großen Städte bestückten oder direkt vermarkteten, leisten sich inzwischen auch die Marktreise durch die Region - im ländlichen Raum. Wie viele Kilometer habe ich mir gespart: Da steht der Biobauer aus Seltz neben der Ziegenkäserei aus Obersteinbach, der Fischzüchter und Traiteur aus Wingen ist da, der Bio-Müller aus Hoffen und immer wieder Kleinsterzeuger mit der Ernte von der Streuobstwiese oder aus dem Gemüsegarten. Erwin heißt der Imker, mit überschaubarem Sortiment und lange nicht so bunt wie im Supermarkt, aber das ist eben auch naturreiner Honig und den Kastaniennektar haben seine Bienen am Rand der Nordvogesen genascht. Was für ein Aroma, was für ein Duft! "Erwin, wo bisch!?", ruft der Kollege von nebenan, als ich warte, Erwin meldet sich nicht und so verkauft er den Honig für ihn - man kennt sich und man hilft sich gegenseitig, auch beim Aufbauen der Stände und Reparieren.

Gewiss, der Mensch mit den eingelegten Oliven und den Provenceseifen ist schon Frankreichklischee wie die Kettenläden mit der Provencekosmetik. Aber selbst wenn es den in Variationen auf fast jedem Markt gibt: Die Oliven schmecken anders als die eingeschweißten. Da gibt es winzig kleine, fast runde Bio-Oliven, die so fruchtig schmecken, dass sie kaum Gewürze brauchen, aber auch mit Knoblauch gespickte oder nach Curry duftende. Wer sich hier Pesto oder Paste aus getrockneten Tomaten schöpfen lässt, hat eine fast wie hausgemacht schmeckende Sauce zu vielen Gerichten, die letztendlich billiger ist als jedes Markengedöns in Döschen und Fläschchen. Und irgend eine kleine Verführung wartet auch auf einem kleinen Markt auf dem platten Lande.

Eine süße Verführung, eine Geschmacksexplosion ...

Lavendelsirup "vum Didier". Kann man das denn trinken und wie?, will ich wissen. Schließlich passt ein derart starkes Parfum nicht zu allem. Der Händler mag es am liebsten mit heißem Wasser aufgegossen zum Schlafen, aber es schmecke auch mit eiskaltem, auf Eis. Und ja, sogar mit Crémant oder einem herben Weißwein.

Aber dann schwindelt mich der Händler an und das mag ich überhaupt nicht. Ich werde nicht gern für dumm verkauft. Der Didier, das müsse ich wissen, der mache das nur so als Hobby, mit viel Liebe und nebenbei ... man könne die Flaschen deshalb nur bei ihm, dem Händler, kaufen, nicht direkt, da gäbe es auch keine Website. Man glaube nie zu sehr geschäftstüchtigen Händlern, die Frauen für etwas unbedarft halten!

Ein kurzer Klick zu Google brachte sofort die Website zu Les Sirops de Didier und bei Facebook kann man Fan werden! Es handelt sich um ein elsässisches Mikrounternehmen aus Reichshoffen - und nein, der Didier hat auch nicht nur Lavendelsirup, sondern jede Menge leckere Geschmäcker mehr. Mit Crémant muss ich erst noch eine ideale Dosis herausfinden, das ist in der Tat äußerst gewöhnungsbedürftig. Dazu aber eine Salami mit Herbes de Provence und Lavendel gewürzt, wie es sie auch mal auf dem Markt gab - sicher ungewöhnlich? Das Glas Sprudel mit Lavendelsirup am Abend hat jedenfalls ganze Wirkung geleistet: Ich bin sofort eingeschlafen und habe selig geträumt. Lavendel entspannt ganz ohne Lavendelblues.

Lebensmittel und Produkte, die "artisanale", nach alter Handwerkskunst, hergestellt sind, erscheinen auf dem Markt oft nur vordergründig teurer als abgepackte Massenware. Der unvergleichliche Genuss, der reiche Geschmack und Duft lässt einen viel länger Freude daran haben - und man isst sehr viel weniger. Ob unser Zivilisationsproblem mit dem Übergewicht auch daran liegt, dass wir uns immer mehr aufgeblasene Pappe in dem Magen schieben? Eindeutig sehr viel billiger als im Supermarkt sind Obst und Gemüse, frischer und leckerer obendrein. Das vor allem deshalb, weil man sich automatisch wieder mehr nach der Saison ernährt, von regionalen Produkten, die nicht erst quer über den Globus transportiert werden. Stattdessen finden auch Pilze oder Heidelbeeren aus den Hochvogesen in die Ebene. Früchte und Gemüse können reif geerntet werden. Man greift auch zur alten Tomatensorte, wenn sie etwas weicher ist - man gibt Acht auf die Schätze. Bei 1,50 Euro das Kilo "Quetsche" frage ich mich allerdings, wie die Bauern davon noch leben können ...

Das Essen vom Vietnamesen hat manchmal Augen ...
Zum Schluss gönne ich mir noch die kleine Sünde: Fastfood! Dafür, dass ich mir nun angewöhnt habe, während der Arbeitszeit nachmittags auf den Markt zu fahren, belohne ich mich mit einem faulen Abend. Der nette Vietnamese hat köstliche gefüllte Hühnerschenkel oder "Crabes", Röllchen mit allen möglichen Füllungen und andere Köstlichkeiten in Teig. Er ist so freundlich, dass allein das Einkaufen bei ihm Spaß macht. Und als ich ihm sage, dass ich froh sei, noch rechtzeitig gekommen zu sein, um die letzten seiner köstlichen Hühnchenteile zu ergattern, legt er freudig zwei Gemüseröllchen dazu.

Ich habe wieder Geschmack an den Märkten gefunden, weil ich absolut regional einkaufen kann. Am meisten aber genieße ich etwas, was ich im Laden nicht bekomme: Das Gespräch über die Herstellung eines Käses oder die perfekte Lagerung einer verderblichen Köstlichkeit. Da bleibt es dann nicht aus, dass mir der Gewürzhändler endlich einmal beibringt, was ich im Französischen nie auseinander halten konnte: all die Sorten "piment", Pfeffer und Chilli. Er hat seinen Spaß daran, erzählt, er habe 40 Jahre in Deutschland gearbeitet und wisse darum um jene ganz typischen Vokabelverwechsler. Diese Wörter vergesse ich nie mehr!

Wo finde ich solche Märkte?

Auf Testkauf war ich im sonst eher nicht so reich bestückten Nordelsass, der winzige ländliche Markt mit nur wenigen Ständen befindet sich in Soultz-sous-Forets jeden Freitag von 16 bis 19 Uhr - wobei man durchaus auch mal um 15 und bald 20 Uhr etwas bekommen kann. Wer eine doch größere Auswahl schätzt, geht in die Halle aux Houblons nach Haguenau, dienstags und freitags, allerdings morgens früh. Eine Liste der nordelsässischen Wochenmärkte und "Jorigmärkte" gibt es hier.
Die Bezeichnungen sind für Deutsche manchmal etwas irreführend: Ein marché hebdomadaire ist ein Wochenmarkt. Hängt das Wörtchen "traditionel" daran, gibt es meist auch "non food": Handarbeiten, Küchengeräte und Billigklamotten wie früher auf den Krämermärkten. So sind auch die alle drei Monate ("trimestriel") stattfindenden Jorigmärkte organisiert: Hier traf und trifft sich die Landbevölkerung einer Region, hier kauft man vom Honig über die regionalen Würste, die extra stabile Käsereibe und den Jahrmarkstschmuck für die Kinder bis hin zur traditionellen Kittelschürze für die Oma und die neue Axt so ziemlich alles, was man zum Landleben braucht. Dazwischen bieten Stände Essbares und Getränke an. Die selteneren Marchés des produits du terroir schließlich sind eine Art "Schaufenster" für Produkte der Region, die es sonst nicht unbedingt auf Märkten gibt.

Das nächste Mal erzähle ich, wo man im Elsass nun endlich das wunderbare Lammfleisch kaufen kann von all den freilaufenden Lämmern auf den Wiesen ...

26. August 2014

Wider den Kriegswahnsinn

Eins meiner Steckenpferde ist das Wiederentdecken vergessener Literatur. Eine wahre Perle fand ich unlängst unter den kostenlosen Klassikern. Die Friedensaktivistin Bertha von Suttner schrieb damals im Vorwort zu dem für seine Zeit außergewöhnlichen Roman von ihrer Hoffnung, dass er Menschen davon überzeugen könne: 
"... nicht nur, dass der Wahnsinn zu den Krankheiten des modernen Krieges gehört - das ist ja auch eine beglaubigte Tatsache - sondern dass der Krieg selber ein Wahnsinn ist."
Das Buch erschien 1904, inspiriert durch den russisch-japanischen Krieg. Es war zehn Jahre später, als 1914 die große Weltenschlächterei begann, einer der wichtigsten pazifistischen Romane. Und es liest sich leider völlig unverbraucht über 100 Jahre später, im Jahr des Gedenkens an den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs, 2014 - weil es zeigt, dass der Wahnsinn der Krieger und Kampfsüchtigen unsere Welt weiterhin gegen alle Vernunft befällt, als habe niemand je aus der Geschichte gelernt. Es ist ein wichtiges und ein brutales Buch, der Roman "Das rote Lachen" des Russen Leonid Nikolajewitsch Andrejew.

Leonid N. Andrejew (Wikipedia)

Der 1871 geborene Russe Leonid Nikolajewitsch Andrejew wurde nur 48 Jahre alt, aber er gehört zu den wichtigsten Vertretern des sogenannten Silbernen Zeitalters und hinterließ Bücher, die schon zu Lebzeiten das Publikum in Bewunderer und erbitterte Feinde spaltete und ihm selbst Gefängnis einbrachten. Er floh vor der Geheimpolizei des Zaren in den Westen, u.a. nach Deutschland und in die Schweiz, er starb vergessen, blieb lange im eigenen Land geächtet und wurde erst nach der Ära Stalin in der Nähe der Schriftstellerkollegen Turgenjew, Leskow und Gontscharow auf dem Wolkowo-Friedhof in Sankt Petersburg zur Ruhe gebettet.

Der große Europäer René Schickele lobte ihn dafür, dass seine Bücher weit über russische Befindlichkeiten hinausgingen, andere zerrissen sich das Maul über seine tragische Weltsicht und wollten in ihm nur einen "Zeitungsschreiber" sehen; Militaristen aller Länder hassten seine Werke, Pazifisten bejubelten sie. Man lobte ihn, dass er besser sei als sein Freund Maxim Gorki, aber Tolstoi bekämpfte offen und vehement seinen Erstling, die Erzählung "Der Abgrund". Ich selbst habe von all dem nichts gewusst und mich durch nichts im Vorfeld beeindrucken lassen, sondern einfach einen "alten", ganz zufällig entdeckten Roman aufgeschlagen.

Geschrieben ist der Roman in Fragmenten in der Ich-Form, als habe jemand das Tagebuch eines Soldaten abgedruckt, mit einem Text, an dem von der ersten Zeile an Schweiß und Blut kleben. Im zweiten Teil ebenfalls Fragmente, vom Bruder, der daheim blieb, der nicht kämpft in der Schlacht und den der Wahnsinn des Krieges doch genauso einholen wird.

Nun gibt es keine schwierigere Gratwanderung in der Literatur als menschenvernichtendes Grauen adäquat zu beschreiben, ohne in Gefühlsduselei zu verfallen oder in billigen Voyeurismus. Wenn einer das Schlimmste, was Menschen Menschen antun, beschreiben kann, dann Andrejew. Das klingt zunächst wie banale Alltäglichkeiten, wir marschieren mit einem namenlosen Ich eine Straße entlang, erfahren von einer Kriegssituation, passen unseren Schritt an, sehen Kameraden umfallen, können nicht halten, werden weitergetrieben durch die unerträgliche Hitze, unter der stechenden Sonne, über die glühende Erde ... können nicht mehr Halt machen, weil diese Sprache einen fast halluzinatorischen Sog ausübt.

Alles klingt so beiläufig, so alltäglich, dass wir uns bezirzen lassen wie die Soldaten, der Krieg sei womöglich so schlimm gar nicht und ohnehin bald vergessen, Kampfhandlungen dagegen seien notwendig, normal, ohnehin befohlen. Und da sind wir schon drinnen in der Mühle, haben das bürgerliche, das einst wohl eher moralische Leben verlassen: Die Sprache treibt uns im Marschschritt voran. Sie bremst uns aus in ihrer Erschöpfung. Sie reißt uns hoch mit der Unerbittlichkeit der Befehle von oben. August Scholz hat mit seiner Übersetzung ins Deutsche damals große Literatur von einer bestechenden Rhythmik nachgebildet.

Was uns aber am schlimmsten packt in diesem Roman, das ist der Wahnsinn, der psychologisch so fein und wissend ausgearbeitet ist, dass man Leonid Andrejew nicht umsonst immer wieder mit Edgar Allan Poe verglich und mit der Stimmung der Gemälde eines Michail Wrubel. So beiläufig wie die Fragmente mit der Schilderung eines harmlos erscheinenden Marsches beginnen, so allmählich und bedrohlich steigert sich dieser im Irrsinn, den der Soldat zunächst bei anderen beobachtet und der ihn dann schließlich mit jenem roten, blutstinkenden Lachen selbst befällt.

"Das rote Lachen" ist kein bequemer Roman, schon gar keine Gutenachtgeschichte für Sensibelchen. Es ist der verstörende Text eines Menschen, in dem Figur und Autor verschwimmen, weil der Autor selbst tiefstes Leid und Grauen erlebt hat - und weil er es studiert hat an anderen. Der große pazifistische Roman des frühen 20. Jahrhundert ist kein bißchen gealtert, denn das perverse rote Lachen geht um auf den Feldern der Ukraine, es erschallt im Nahen Osten und im Nordirak, in Syrien wie in Afrika und überall dort, wo der Wahnsinn der Kriegstreiber siegt über die menschliche Vernunft.

Blutig lachen nach wie vor all jene Friedensunwilligen, all jene Eroberungssüchtigen und Habgierigen unserer Zeit - und es spielt Nationalität nie wirklich eine Rolle, sie bleibt immer nur ein Vorwand für Begierden. Andrejew schreit es uns ins Gesicht, auch wenn wir nicht hören wollen: Dass Krieg den Wahnsinn bringt und in sich selbst der Wahnsinn ist, dass Krieg verbrannte Erde hinterlässt, Generationen zerstörter Menschen, psychische Wracks, deformierte Familien. Weil Krieg im Grunde nur eines tut: Er vernichtet Leben. Dreckig, bar jeder Ethik, un-menschlich. Ein erschütternder Roman, den man gar nicht oft genug empfehlen kann.

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"Das rote Lachen" beim Projekt Gutenberg lesen
Die russische Moderne als Experiment der Freiheit
Andrejews Kurzbiografie und Buch "Das Joch des Krieges"
Andrejews Buch "Der Gouverneur" als Kindle
Andrejews Buch "Die Geschichte von den sieben Gehenkten" als Kindle


1. August 2014

Azyklisch kochen: Roigebragedli

Nein, es ist viel zu heiß, um Roigebrageldi zu essen, dieses Traditionsgericht mit dem schwer aussprechbaren Namen (o und i getrennt sprechen - und nicht mal ich konnte es im Titel richtig tippen!), der so viel bedeutet wie "Rohgebratene". Es ist ein Wintergericht der Hochalmen in den Vogesen, vorzüglich nach einer langen Bergwanderung oder körperlicher Arbeit.

Aber ich habe das Rezept gerade bei FB erzählt und möchte nicht, dass es dort verschwindet. Dazu sind die Roigebrageldi zu lecker. Also einfach für die kalte Jahreszeit vormerken!

Fertig sind die Roigebrageldi, wenn sie ihre Form verloren haben.

Zutaten:
2 kg rohe Kartoffeln in feinsten (!) Scheibchen
200-400 g gehackte Zwiebeln (Ich gebe auch etwas Knoblauch dazu)
wer mag: 300-400 g fein gewürfelten Räucherspeck (traditionell legt man Fleischernes extra dazu)
500 g Butter
1 nicht zu kleines Glas trockenen Weißwein (Sylvaner kommt gut, Riesling geht auch)
Salz, Pfeffer frisch geriebenes Muskat, 2 Lorbeerblätter, etwas Öl

Zubereitung:
In einen großen Steinguttopf gibt man einige Flocken Butter und schichtet dann die Zutaten abwechselnd ein: Kartoffeln, Zwiebeln, Gewürze, Speck. Und immer tüchtig Butter zwischen die Schichten und obenauf. Die letzte Schicht sind Kartoffeln mit Butterflocken. Das übergießt man mit dem Weißwein und lässt das Ganze im gut verschlossenen Topf im Ofen bei 180 Grad mindestens 2 Stunden garen. Ich persönlich backe es eine Stunde bei 180 Grad und dann sehr lange bei Niedertemperatur, das Gericht eignet sich vorzüglich für den Crockpot / Slow Cooker.
Wahre Adepten gießen noch ein Glas Weißwein in dem Moment auf, in dem das Gericht aus dem Ofen kommt.

Den schrecklich leckeren Pamp isst man zu geräuchertem oder gesalzenem Fleisch und grünem Salat an Knoblauchvinaigrette.

Wer meint, Butter sparen zu müssen, kann bis zu 250 g sparen, wenn er das durch Fleischbrühe ersetzt. Aber 250 g sind das Minimum, damit das schmeckt.

Ist ein traditionelles Gericht von den Almen der Hochvogesen, wo es stundenlang im eisernen Topf am Feuer hing, während man die Kühe versorgte und Käse machte. Da gibt's dann auch noch den Kaloriengeheimtipp: Roigebrageldi schmecken aufgewärmt ja noch besser. Und wenn man sie dann mit hauchdünnen Scheiben Räucherschinken belegt und mit einem Rohmilch-Munster gratiniert.

22. Juni 2014

Geschenk für meine LeserInnen

Wer mein Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" gelesen hat, wird womöglich zur Sommersonnenwende schon seinen eigenen Nüssle nach dem Rezept im Buch angesetzt haben. Im Kapitel über den Juni in der Region von Thann, den Ballons oder Belchen erzähle ich nicht nur von alten Sonnwendbräuchen und modernen Fehlinterpretationen, ich spendiere darin auch mein Rezept für Lindenblütenbowle sowie das "Nussewasser", jenen asterixgleichen, magischen Trank, der gegen Verdauungsprobleme ebenso hilft wie gegen eingebildete Krankheiten. Hergestellt wird er traditionell um die Sommersonnenwende herum, mit grünen, also unreifen Walnüssen.

Wenn Nüsse reif sind, ist der Nüssle längst sattbraun im Einmachglas gereift.
Die eigenen Geheimrezepte der besonders feinen Art behält man meist für sich - und ich will auch gar nicht langweilen damit, dass ich den Nüssli in einem Jahr schon mal mit grünem Anis und Zimt in eine pfiffigere Richtung würzte - und im anderen auf die weiche Milde von Bourbonvanille schwor - immer zusätzlich zu den im Buch genannten Spezereien. Auch der Alkohol spielt eine große Rolle. An dessen Qualität sollte man nicht sparen, weil der Nüssle mit den Jahren immer besser wird. Ich benutze einen guten Wodka oder allenfalls Obstbrand, weil der Untergrund nicht vorschmecken soll, verwende nur besten Rohrzucker für die Süße. Das heißt aber nicht, dass man nicht auch mit einem Rum und braunem Kandis experimentieren könnte! Übrigens: Je besser und älter der Nüssle, desto weniger Zucker braucht's überhaupt!

Als kleines Dankeschön möchte ich meinen treuen Leserinnen und Lesern heute eine Variation verraten, die ich aus dem Kloster Oberbronn habe. Dort lebte damals eine schon rund 90jährige Nonne, die sich wie ein altes Kräuterweiblein bestens mit Heilmitteln und Leckereien aus der Natur auskannte und sie herstellte. Ich fürchte, ihren Wissensschatz hat sie mit ins Grab genommen, denn sie selbst wollte über ihre Rezepte nie reden. Eine Mitschwester hat mir verraten, wie man den Nüssle so aufpeppt, dass er zu einem wahren Lebenselixir würde. Ob er auch verjüngen kann? Das müsste man wohl den Beichtvater fragen, der ihn gern probiert hat.

In der "Oberbronner Variante" wird auf hochprozentigem Alkohol mit ein paar Rosinen angesetzt, dann aber mit Rotwein verdünnt. Ingwer, grüner Anis, Zimt und Nelken sind hier die Hauptgewürze. Der Clou: Man lässt im Schnaps Kaffeebohnen und Orangen mitziehen, letztere mitsamt Schale, in die man große, tiefe Löcher piekt. Ich muss wohl kaum erwähnen, dass die Orangen dafür absolut aus Bioanbau stammen sollten und kein bißchen gespritzt sein dürfen. Wer diese Garantie nicht hat, schält sie besser! Kein Vergnügen ist das Abfiltern, bei dem alle Trübstoffe entfernt werden müssen. Mein Trick, damit es schneller geht: Zuerst durch ein Sieb abgießen. Dann das Ganze durch ständig erneuerte Baumwollwatte in einem Trichter filtern. Und erst danach mit Filterpapier arbeiten, das jedoch ständig ausgewechselt werden muss, weil es sich zusetzt.

So einfach geht das ... fertig ist das Lebenswasser! Und damit es zum echten Galliertrank wird, braucht es natürlich die richtigen Zaubersprüche von Miraculix.

Das Grundrezept verpasst? Neugierig auf die elsässischen Sonnwendtraditionen? Mein Buch ist als TB im Insel Verlag erschienen und als Kindle-E-Book mit wenigen Mausklicks sofort zu lesen: hier!

14. April 2014

Genusswelt Rohrzucker

Süß als Genuss noch erlaubt?

Keine Angst, wir werden uns in einem Genussblog nicht mit der Verteufelung von Zucker als möglichem Auslöser von Zivilisationskrankheiten beschäftigen. Es liegt auf der Hand: Die Dosis macht's - und wer sich bewusst und ohne Fertigkost ernährt, dem gelingt es durchaus, versteckte Zucker zu meiden und Süße auch wieder bewusster zu genießen. Ob Aufrufe zu einem zuckerlosen Leben oder eine Zuckersteuer wie in Frankreich die Menschen wirklich gesünder macht, sei dahingestellt. Es gibt inzwischen Studien über die Gefährlichkeit von künstlichen Süßstoffen (Artikel in ZEIT / Stern). Ist es also nicht viel eher der gedankenlose Konsum des "In-Sich-Hineinstopfens", der Leiden verursacht? Wer sich näher mit Lebens- und Genussmitteln beschäftigt und wieder wirklich genießen lernt, wird kaum in diese Gefahr geraten - denn wahrer Genuss braucht nur wenig Genussstoff!

Mesolithische Bienenjägerin, Felszeichnung, Spanien (Wikipedia / Achillea)
Die Geschichte der Menschheit ist süß
 
"Süß" - eine der Hauptgeschmacksrichtungen auf unserer Zunge - schmeckt die Menschheit von Anbeginn. Schon die reinen Fleischesser konnten wahrscheinlich "süßer" schmeckende Fleischsorten von herberen unterscheiden, so wie wir heute z.B. Pferdefleisch im Gegensatz zu Hirsch als süßlich empfinden würden. Süß waren zuallererst reife Früchte; eine Süße, die auf die warmen Jahreszeiten beschränkt war, solange man sie nicht trocknen konnte. Aber es gab auch süßlich schmeckende Kräuter und Grassamen, die Vorläufer des später domestizierten Korns. Vielleicht stammen aus jenen Urzeiten die Signale in unserem Gehirn, die Süße als etwas Warmes, Besonderes, Wohliges, ja geradezu als Belohnung empfinden lassen?

Früh fing der Mensch an, sich zusätzlich zum Nahrungsangebot mit Süßem zu versorgen. Dabei ist er nicht das einzige Schleckermaul und hat die Jagd nach der leckeren Belohnung ganz sicher Tieren abgeschaut: Etwa Bären und anderen Säugetieren bei der Suche nach Wildbienennestern oder Ameisen beim "Tanken von Süßstoff". Die ältesten Darstellungen von Honigjägern sind rund 9000 Jahre alt, eine gezielte Bienenzucht zur Gewinnung von Honig setzt man seit 7000 Jahren mit Ursprung in Anatolien an. Wissenschaftler haben schon früh vermutet, dass das von Gott verstreute Manna in der Bibel der sogenannte "Honigtau" einer speziellen Schildlausart war. Man kann ihn im eigenen Garten beobachten: Auch Blattläuse scheiden ein süßes Sekret aus, das wie Tropfen an den Pflanzen klebt. Ameisen lieben diesen "Honigtau" so sehr, dass sie sich Blattläuse wie Milchkühe halten. Durch Betrillern der Hinterleiber mit den Fühlern werden die Blattläuse dann gemolken.

Honig war lange heilig und teuer. Die Armen süßten vorwiegend mithilfe von Früchten, Sirup und eingekochten Konfitüren - ein Brauch, der bei der russischen Teezeremonie noch erhalten ist. Rohrzucker soll in Indien und im Südpazifik ebenfalls seit der Steinzeit genutzt worden sein, er wurde aber erst durch die Kreuzfahrer nach Europa gebracht und vor allem durch die Araber im Mittelmeerraum angebaut. Die Produktion des heimischen Rübenzuckers im industriellen Stil war eigentlich eine Kriegsfolge: Napoleons Kontinentalsperre hatte den Import von Rohrzucker elend erschwert und verteuert. Man besann sich in Preußen auf die Entdeckung des Apothekers Andreas Sigismund Markgraf, der 1747 herausgefunden hatte, dass Rüben wie Rohrzucker den gleichen chemischen Rohstoff enthalten.

Unterschiedliche Rohrzucker, weißer Rübenzucker
Was ist eigentlich Zucker?

Ist nun alles Zucker oder was? Nein, süß ist nicht gleich süß! Am komplexesten ist immer noch der Honig aufgebaut, der hauptsächlich aus Fructose (Fruchtzucker), Glucose, Wasser und anderen Stoffen besteht. Der Zweifachzucker Saccharose ist nur in sehr geringem Anteil enthalten. Naturbelassener Honig wurde früh in der Heilkunde genutzt: Einmal wegen seiner Nährkraft, zum anderen wegen der enthaltenen Wirkstoffe, die später identifiziert wurden als Vitamine, Mineralstoffe, Pollen, Enzyme und Aminosäuren.

Mit einer solch reichen Palette kann herkömmlicher Zucker nicht aufwarten: Rübenzucker liefert lediglich Saccharose - das, was wir im Volksmund gemeinhin als reinen Zucker bezeichnen und als weißen Haushaltszucker kennen. Aber auch Rohrzucker besteht hauptsächlich aus Saccharose - das hat der Apotheker Markgraf ja bewiesen. Warum aber schmeckt der bräunliche Rohrzucker so ganz anders als der übliche Haushaltszucker, wenn doch das Gleiche drin ist? Vereinfachend gesagt: Je mehr der Rohrzucker bearbeitet und raffiniert wird, desto mehr Saccharose enthält er - er schmeckt dann einfach nur noch süß. Je naturbelassener Rohrzucker jedoch ist, desto mehr enthält er außerdem Melasse und andere Inhaltsstoffe - der Geschmack wird dadurch würzig-süß, melassenartig, erinnert ein wenig an braunen Kandis und kann Geschmacksnoten von Rum, Vanille oder Zimt entwickeln. In Frankreich nutzt man traditionell eher Rohrzucker als Rübenzucker und da wollen wir uns einmal durchkosten!

li: biologischer "Vollrohrzucker", re: Rohrzucker gemahlen und in Würfeln
Zucker für Genießer

Rohrzucker kann tatsächlich fast weiß sein, jedoch nie reinweiß wie Rübenzucker .- aber er schmeckt dann auch ähnlich langweilig und hat chemische Verfahren bei der Herstellung hinter sich.. Wenden wir uns lieber dem "normalen" Rohrzucker zu, den es als Cassonade, also Streuzucker, gibt, als grobe Stücke oder sogar in Würfel gepresst. Die Würfel (sucre en morceaux) zerfallen deshalb so leicht in warmen Getränken, weil der Zucker einiges hinter sich hat: Vor dem Pressen in Formen wird er mit Wasserdampf befeuchtet - und Wasser nimmt er auch gern aus der Luft bei der Lagerung auf. Die Würfel zerkrümeln dann schnell. Man sollte diesen Zucker also möglichst luftdicht verschlossen und trocken aufbewahren.

Zuckerrohr wird für die Zuckergewinnung zuerst in Mühlen ausgepresst, es folgen mehrere Kochvorgänge der Flüssigkeit, wobei der Zucker immer dunkler wird (sucre roux) bis hin zur Melasse. Die Flüssigkeiten der unterschiedlichen Stufen werden teilweise miteinander gemischt. Der dunkle Zucker enthält im Gegensatz zum raffinierten und weißen Zucker durch das Pressen Pflanzenfasern, aber auch Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente (etwa 5%). Und genau diese Pflanzenreste machen den anderen Geschmack aus.

Den wahren Genuss bestimmt dann die Mischung mit der Melasse.

Durch Zentrifugieren und Kristallisieren wird dem helleren Zucker Melasse weitgehend entzogen. In Frankreich kommt er in zwei Qualitäten in den Handel: als Sucre de canne roux veritable (echter Roh-Rohrzucker) und als Sucre blond (heller Rohrzucker). Belässt man jedoch die Melasse im Zucker, entsteht der sogenannte Vollrohrzucker. Entweder durch einfaches Verdunsten die edle Rapadura, wo man für 1 kg Zucker 10 Liter Saft benötigt. Oder man erhält ein Pulver durch künstliches Verdunsten, das etwas billiger ist. Diese Vollrohrzucker stammen fast ausschließlich aus biologischem Anbau und Fair Trade - das dunkle Häufchen links auf dem Teller zeigt einen davon.

Es ist zusätzlich zu den Pflanzenfasern der hohe Melasseanteil, der diesen Zucker würzt und geschmacklich wahrhaft explodieren lässt. Er schmeckt weniger süß, hat dafür reichere Noten. Und durch den reicheren Geschmack isst man viel weniger davon! Übrigens enthält Zuckerrohrmelasse weniger Kalorien als reiner Zucker und vor allem Vitamin B und wichtige Mineralstoffe wie Kalzium, Magnesium, Eisen und Kalium.

Kurzum: Vollrohrzucker ist nicht nur geschmacklich die genussvollere Variante, sondern auch die gesündere (sofern man bei Zucker von "gesund" reden kann). Durch den fairen Handel und den biologischen Anbau außerdem die vernünftigere. Die ausgepressten Pflanzen werden beim konventionellen Anbau einfach entsorgt, im biologischen Anbau als Heizmaterial für die Bevölkerung wiederverwendet. Einen klitzekleinen Nachteil hat dieses Pulver: Während hochraffinierter Zucker eigentlich kein Haltbarkeitsdatum hat, sollte Vollrohrzucker fest verschlossen aufbewahrt und immer frisch aus der Verpackung entnommen werden.
Und dann wäre da ja noch der heimische Honig - dieses wunderbare Naturprodukt. Nur leider passt er geschmacklich dann doch nicht zu allem, meinen Espresso schlürfe ich lieber mit dem Vollrohrzucker.

PS: Die WHO empfiehlt, je nach Körpergewicht nicht mehr als 20-40 g Zucker pro Tag zu essen, also höchstens 10% der Tageskalorien. - Am meisten Zucker braucht übrigens das Gehirn, es verbrennt täglich etwa 130 g Glukose.

5. April 2014

Frisch verwurstet

Wurst konnte früher so lecker sein! Als es noch in jedem Ort echte Metzger gab, die nicht im Großhandel einkauften ... Ich erinnere mich an ein wahres Gourmeterlebnis im italienischen Apulien: Salsicce, die in der Abendsonne nach Fenchel dufteten. Man konnte sie geschnippelt in Spaghetti essen, mit kleinen Röschen von Brokkoli oder noch besser Stängelkohl zu Orecchiette, öhrchenförmigen Nudeln, kombiniert - oder man grillte sie schön knusprig über Weinrebenfeuer. Und heute? Möchte man die Wurst gleich wieder weglegen, wenn man das Kleingedruckte gelesen hat, aus dem sie besteht.

Die gewürzte Wurstfarce zieht im Kühlschrank

Aus Verzweiflung über zu viel Chemie und Junk - und aus Sehnsucht nach diesem Geschmack aus dem südlichen Italien bin ich zum Wursten gekommen. Mangels Metzger komme ich leider eher nicht zum Einkaufen von Naturdarm und verwende daher eine Urform der Wurst: offen, nur mit den Händen geformt, gerade genug für eine Mahlzeit hergestellt. Man kennt das von Cevapcici und ähnlichen Spezialitäten.

Ich kaufe dafür möglichst ungewürzte Wurstfarce. Wer noch tiefer in die Eigenherstellung eintauchen will, kauft sich einen Fleischwolf und dreht Fett und Fleisch gleich selbst durch, idealerweise enthalten die Salsicce u.a. Lamm.
Dieses Wurstbrät verknete ich mit folgenden Zutaten:
  • Frisch gemörserte Fenchelkörner, im Sommer dazu etwas frische Fenchelblüte aus dem Garten (eine tüchtige Portion)
  • Feinst gehackter Knoblauch (sehr reichlich)
  • Eigene Pfeffermischung aus schwarzem Pfeffer, etwas Muskat, Koriander, viel Piment und "Rosa Pfeffer" (Sumachgewächs aus Peru oder Brasilien).
  • Ein Hauch frisch gemahlene Gewürznelke
  • Oregano oder italienischer Majoran aus dem Garten
  • Salz lasse ich weg, weil das Wurstbrät leider vorgesalzen ist.
Die gut verknetete Mischung sollte mindestens einen halben Tag zugedeckt im Kühlschrank durchziehen und wird erst kurz vor dem Braten oder Grillen verarbeitet. Zum Formen der Würstchen (zwischen den flachen Händen rollen) braucht man kein Ei. Solange die Zutaten sehr gut zerkleinert sind, hält das Fett nämlich allein alles zusammen. Ei als Bindemittel verwendet man nur dann, wenn z.B. gehackte Zwiebeln die Masse aufbrechen oder man größere Klöpse formen will. Zum Braten ist so gut wie kein Fett nötig, weil das vorhandene schnell ausbrät. Wer die Würstchen grillt oder nach dem Braten kurz auf Küchenpapier entfettet, hat damit auch sehr viel weniger fette Würste als im Handel. Zu sehr sollte man darauf allerdings nicht verzichten, denn Fett ist ein wichtiger Geschmacksträger. Manche Gewürze brauchen das heiße Fett sogar, um sich noch besser zu entfalten.

24. März 2014

Erklär mir dein Land

Drei Länder, eine Situation: Freiberufler X will ein ausgefallenes Projekt vorschlagen, für das er ausländische Partner braucht.

Kulturen: Zucker aus Frankreich und Deutschland
 Frankreich:
"Wir sollten in den nächsten Wochen eine Sitzung anberaumen, um abzutasten, welche Vorgremien wir ansprechen könnten, reichen Sie doch mal die Projektbeschreibung detailliert bis ins Kleinste ein." Vier Sitzungen im Abstand von mehreren Monaten folgen, in denen Gremienmitglieder von noch nicht existierenden Gremien mit denen von bereits bekannten Gremien darüber diskutieren, wie man eine Sitzung gestalten könnte, in der das Projekt zur Geltung kommen könnte. Drei Jahre später, unser X hat längst einen anderen Beruf ergriffen, kommt ein Brief: "Stellen Sie uns Ihr Projekt bitte in spätestens 14 Tagen detailliert vor, damit unser Gremium ..."
Deutschland:
"Das haben wir aber noch nie so gemacht." - "Aber nein, wie soll so etwas denn funktionieren? Welche Diplome und Preise diesbezüglich haben Sie eigentlich?" - "Wir hätten da eine Firma an der Hand, die weitaus billiger ist." Man beruft eine Konferenz ein mit Powerpoint-Präsentation. Sämtliche Anwesenden lassen daraufhin ihre Kommentare mit einem bedenklichen "Ja, aber!" beginnen. Man einigt sich darauf, dass die Sache noch einmal sehr gründlich durchdiskutiert werden muss, unter Berücksichtigung sämtlicher Ja-Aber-Stimmen. Dem einzigen Befürworter legt man nahe, seine Meinung noch einmal kritisch zu bedenken, platter Jubel helfe schließlich keinem.
Russland:
"Das klingt sehr interessant, spannend. Wie stellen Sie sich das vor?" Freiberufler X sprudelt. Sein Gegenüber lässt sich keine Regung anmerken und fragt: "Könnte man das auch anders machen?" Unser X denkt nach, hat eine Idee. "Das wird mit unseren Leuten nicht funktionieren, die passen absolut nicht zum Projekt. Nein, das kann kaum funktionieren." Während X krampfhaft nachdenkt, scherzt sein Gegenüber über Irgendetwas ohne klar ersichtlichen Zusammenhang. X muss lachen und witzelt spontan mit. Fünf Scherze später lacht der Russe über typische Russenklischees und X kippt ein Klischee seines Landes dazu. Kaum ist das gemeinsame Lachen verebbt, meint der Russe: "Brauchen Sie Kontakte in die Universitäten, in die Politik? Was brauchen Sie? Können Sie haben! Das Projekt ist fantastisch. Erzählen Sie uns morgen, wie's funktioniert. Wir schauen mal, wie wir's zum Funktionieren bringen."

Nein, natürlich sind diese Beispiele nicht pauschaltypisch für die jeweiligen Kulturen. Und doch beinhalten die Szenen ein wenig von dem, was einem tatsächlich in diesen Ländern passieren könnte. Die geschilderten Szenen sind sogar satirisch überhöht udn verkürzt dargestellt - und doch vermeinen wir, darin Mentalitäten wiederzufinden.

Bussinessleute wissen, wie schwierig oft die sogenannte interkulturelle Kommunikation ist. Es gibt derart viele unsichtbare Fettnäpfchen und unbekannte Rituale, die zu beachten sind. Meist kauft man sich dann ein schlaues Anleitungsbuch, das die jeweiligen Klischees vom anderen illustriert. "Ich hab's ja schon immer gewusst" ... und plötzlich sitzt man wieder im Fettnäpfchen.
Es ist ungeheuer schwer, sich von allen Vorurteilen, Vorverurteilungen und Klischees im eigenen Kopf frei zu machen. Selbst bei der deutsch-französischen Zusammenarbeit, die ja nun wirklich Tradition hat und unter Nachbarn stattfindet, halten sich hartnäckig die Postkartenbilder. Wie schwierig sich der Austausch dagegen erst zwischen Deutschen und Russen gestaltet, erleben wir derzeit in Sachen Ukraine-Krise.

Hören wir unserem Gegenüber wirklich aktiv zu und lassen ihn ausreden? Wie stark beurteilen wir den anderen über innere, vorgefertigte Bilder? Oder lassen wir einen Menschen in aller Offenheit wirken, versuchen wir uns an Empathie? Wie fähig sind wir, andere Meinungen gelten lassen zu können, selbst wenn sie absolut konträr zu den unseren stehen? Haben wir die Bereitschaft, die Welt einmal mit den Augen des anderen zu sehen? Wollen wir uns mit dessen Geschichte, Mentalität, Kultur beschäftigen? Welche Ängste löst der andere in uns aus? Welche Ängste könnte er vor uns haben?

Nur selten geben wir zu, uns irren zu können oder gar Angst zu haben. Dabei sind solche Gefühle im interkulturellen Austausch meist beidseitig vorhanden! Und das fängt schon bei so einfachen Dingen wie dem Grüßen an. Was bin ich früher in Fettnäpfchen getappt, als ich nicht wusste, wer, wann, wie und wo in Frankreich zur Begrüßung wie viele Küßchen verteilt. Die Anzahl ist nämlich sogar regional verschieden. Ich konnte erst ein wenig lockerer werden, als ich von einer Umfrage erfuhr, wonach die Franzosen auch nicht genau wüssten, in welchem Departement man wie oft küsse. Wie aufgeregt war ich folglich bei meinem ersten offiziellen russischen Kontakt: Wie benehme ich mich, ohne mich daneben zu benehmen?

Mich fasziniert das Thema des interkulturellen Austauschs. Und seit kurzem finde ich, wir haben das zu lange allein den Politikern und Journalisten überlassen. Noch nie war es so wichtig, diese Basis unter ganz normalen Menschen zu beleuchten.

Deshalb wurde gestern abend durch ein zufälliges Brainstorming ein Projekt geboren, das mich als Journalistin und Autorin gleichermaßen beschäftigen wird. Ich möchte Russen und Deutschen auf den Zahn fühlen, was sie jeweils vom anderen denken. Welche Klischees sie von sich selbst im Kopf haben. Was sie gern vom anderen wissen wollen und nicht zu fragen wagen. Wo sie sich im Umgang mit dem anderen unsicher fühlen. Und das auf lockere und spielerische Weise, um uns gegenseitig noch besser kennenzulernen.
Das Projekt soll gleichzeitig im Internet, im "richtigen Leben" - und womöglich, sofern es gut anläuft, als Buch verarbeitet werden. Nicht ich werde den Leuten die Welt erklären, die Menschen beider Nationen werden mir ihre Welt erklären.

18. März 2014

Was der Bauer nicht kennt?

Es ist für Touristen womöglich ein Geheimtipp: Wo verkaufen regionale Bauern und Betriebe im Elsass eigentlich ihre Produkte?
Im Gegensatz zu deutschen Gewohnheiten verkaufen sie nur manchmal ab Hof - das kündigt sich dann meist durch ein Schild an der Straße an, wie etwa bei den Käsereien, die in den Hochvogesen Munsterkäse im Direktverkauf anbieten. Einmal auf der richtigen Straße, muss man sich nur noch von Nase, Intuition oder Empfehlungen leiten lassen ... oder man probiert sich durch. Örtliche Metzger sind oft für Fleischspezialitäten zuständig, wie dem saisonal begrenzten Verkauf von Highland-Rind ... aber welcher Ort kann sich heutzutage schon noch glücklich schätzen, einen eigenen Metzger zu haben! Und wie diesen Metzger als Tourist finden, wenn man keine Insider kennt?

Highland-Rinder in der Region um Obersteinbach / Nordvogesen

Unübersichtliches Wirrwarr
Auch auf dem sogenannten "Johrmärik", saisonalen Straßenmärkten in den Städten, kann man fündig werden. Sie werden in örtlichen Blättern und durch Transparente angekündigt, die über den Straßen hängen. Je nach Region muss man fürs Auffinden von Direktvermarktern selbst sehr mühevoll  auf die Suche gehen oder sich umhören - wirklich professionell gemachte Branchenverzeichnisse für Hofverkauf sucht man nämlich vergebens. Manchmal sind zu klein gefasste regionale Einheiten in recht unzugänglich ausliegenden Prospekten aufgeführt und manchmal ist es schwierig, die Öffnungszeiten und Einzelheiten zum Angebot zu erfahren. Websites sind oft nur in französischer Sprache abrufbar oder man hat mal wieder am Übersetzer gespart und per Google übersetzt. Das klingt sehr drollig, macht aber nicht wirklich Lust.

Als Autorin eines Genussbuchs über das Elsass (Taschenbuch / Ebook) bekomme ich oft Zuschriften, die ich eigentlich an die Tourismusbranche des Elsass weiterreichen müsste. Da schrieb erst unlängst eine Leserin, die sich vor einer Reise im Internet kundig machen wollte: "Diese Websites lösten bei mir kürzlich bei einer privaten Recherche für eine Elsasstour allerallerallerhöchstes Entzücken aus. Nein, nicht wirklich! Wehe man versucht, da ernsthaft was zu finden. Geht eh nicht. Aus der Zeit gefallen irgendwie. Ich klicke da sofort weg." Leider geht es mir bei der Suche nach Hofverkauf ganz ähnlich. Hier bestünde Nachholbedarf für so manche Fremdenverkehrs- oder Erzeugerorganisation!

Eine Supermarktkette erkennt die Chance
Aber es geht auch einfacher: in großen Supermärkten! So hat sich die Kette "Super U" (ich mache ungern Firmenwerbung, aber hier muss man Namen nennen) seit einiger Zeit der Förderung regionaler Strukturen verschrieben und übernimmt den Verkauf von Produkten der Region. Dieses Spezialangebot ist dadurch von Supermarkt zu Supermarkt verschieden. So bekomme ich z.B. in dem meinen feines frisches Lamm- und Schaffleisch direkt vom Züchter oder Charolais aus dem Elsass - die Tiere grasen auf den saftigen Wiesen des Umlands. Räucherfisch kommt von einer Fischzucht mit eigenem Traiteurbetrieb, auch Nudeln, Würste und selbst Joghurts, Honig und Marmeladen aus der Region sind zu haben. Das spart sehr weite Wege und man ist nicht auf oftmals ungünstige Öffnungszeiten angewiesen. Erzeuger wie jener Schafzüchter vermarkten übrigens ausschließlich via Super U und zwei Metzger, nicht ab Hof. Auch das ist anders als in Deutschland.

Topinambur, weiße, gelbe und schwarze Karotten und eine italienische Artischocke
Neue Genüsse entdecken
Auf diese Art bin ich heute bei Super U wieder fündig geworden. Im Angebot an der Gemüsetheke: Unbekannte Wurzeln oder Gemüsearten, die eigentlich uralt sind, aber irgendwann vergessen wurden. Zur Auswahl gab es erfreulich frischen Topinambur, unterschiedliche Arten von Rübchen, die man sonst in keinem Laden findet - und verschiedenfarbige Möhren. Wie das Sprichwort so schön sagt: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht ... den Zuspruch unter den Konsumenten musste man mit extra Beschreibungen und einem Tiefstpreis erst wecken! So kostete jedes dieser feinen Gemüse ganze 1,50 Euro das Kilo - wer französische Preise kennt, weiß, was das für ein Schnäppchen ist! Wunderbare Köstlichkeiten lassen sich daraus zaubern. Die ideale Beilage zum Lammkotelett aus der Region.

Für alle, die nur einen Kurzurlaub lang Zeit haben und sich die mühsame Sucherei nicht antun wollen: Schauen Sie ruhig mal im Supermarkt vorbei, vielleicht entdecken Sie dort die regionalen Erzeuger, die in Prospekten und auf Websites fehlen?

Tipps unter Vorbehalt
Mir persönlich ist leider kein unabhängiges, komplettes, professionell gestaltetes / navigierbares Verzeichnis für Hof- und Direktverkauf für das gesamte Elsass oder Bas Rhin und Haut Rhin bekannt - falls es ein solches gibt, das trotz intensiver Googlesuche nicht auffindbar war, würde ich mich über einen Hinweis in den Kommentaren freuen. Die meisten Websites sind lustig bunt, manchmal lausig übersetzt - wenn überhaupt ... aber hier ist schon mal ein Anfang:

Französisches Verzeichnis für Hofverkauf im Elsass (Nur Mitglieder eines Labels, darum sehr unvollständig)
Einkaufen im Grand Ried
Charolais Hoeffel Walbourg
Deutsche Seite mit Bioläden und Biobauern im Elsass
Einkaufen im Buckligen Elsass
Auswahl aus dem Nordelsass (recht willkürlich erscheinend, ohne Weblinks und weiterführende Infos)
Verzeichnis "Freundliches Wochenmarkt" (tja, die Übersetzungen ..)

16. März 2014

Winzige Welten

Ständig dieses Stöhnen, die heutige Welt sei so furchtbar komplex, kompliziert und chaotisch! Man redet von Overflow und haut sich gleichzeitig noch ein paar Megabytes Infos rein, man sehnt sich nach Stille und kommuniziert darüber. Zeit, einmal auszusteigen und eine Expedition in abenteuerliche Gefilde zu wagen ... in menschenleere Gebiete.

Vorsicht - diese kleinen stillen Welten erfordern Mut! Man kämpft sich durch dichte, sattgrüne Urwälder, muss die ein oder andere Steilklamm überwinden und sich vor riesigen Wurzelschlangen hüten! Baumgroße Blütengewächse versperren den Weg, ein Abri im Sandstein bietet Schutz vor Regen. Im Morgenlicht leuchten eigenartige Tentakel. Im Tal locken riesenblättrige Pflanzen. Und dann endlich am Ziel: ein immenser Feenstein und eine eigenartige Stele. Das muss einst ein heiliger Ort gewesen sein. Uralte Legenden erzählen, hier habe ein Eulenwesen den Menschen das Gefühl für Zeit und Raum genommen ...

Fotos: (c) Petra van Cronenburg, alle Rechte vorbehalten. Teilen des Artikellinks erlaubt.

Am Rande der Plastikzivilisation: Der Schlingwald

Schlangenwurzeln und Drachenbäume

Steinzeitliche Abris bieten Schutz vor Unwettern

Der schwebende Fels mit Leuchttentakeln: menschenfressende Pflanzen?

Die Wälder der Steilgrate wechseln ihr Grün

Der geheimnisvolle Feentisch ragt aus dem Gebirge

Das Eulenwesen - riesig wie auf den Osterinseln

1. März 2014

Kann man Russland lieben?

Bei Facebook fragte mich jemand, woher meine Liebe zu Russland käme und ob mich erst mein Buch "Faszination Nijinsky" dahin gebracht hätte. Die Antwort selbst wäre wohl ein eigener Roman. Ich habe schon so oft versucht, sie zu geben und bin immer wieder gescheitert ... habe nur Annäherungen gefunden wie jenen etwas rührseligen Bericht eines Zusammentreffens der Kulturen, das mich daran erinnerte: James Bond könnte schuld sein.

In Wirklichkeit ist die Sache komplexer. Vor allem, wenn sie einen immer wieder auf seltsam verschlungenen Wegen im Leben "anspringt". Kommt es vielleicht daher, dass mir meine Mutter, keine Russin übrigens, kyrillische Buchstaben beibrachte, als ich gerade erst schreiben gelernt hatte? Dass in meinen Bilderbüchern von der DDR-Oma Mischa, der Bär, vorkam und eines meiner Sonntagskleider mit handbestickten Säumen einer russischen Bauernbluse nachgeahmt war? Russland war weit weit weg. Ich wurde im äußersten Westen des Westens geboren, in Gehweite von der französischen Grenze entfernt. Wuchs mitten im Kalten Krieg auf, ohne Informationen, ohne einen lebenden Zugang. Mit einem Feindbild im Kopf, das in den Schulen und Medien gelehrt - und lediglich durch Familiengeschichten unterbrochen wurde.


Aber russische Geschichte war für mich auch Heimatkunde, in Teilen wenigstens. Baden (auch Württemberg) und Russland waren durch Hin- und Herheiraterei eng miteinander verbunden. Unsere "schöne Louise" wurde vor nunmehr 200 Jahren Zarin und der letzte Zar sah so badisch aus wie ein Schwarwälder Holzfäller. In der nahen Residenz Karlsruhe standen Russen auf der Bühne und auf dem politischen Parkett, eine eigene russische Vertretung gab es am Hofe. Wenn in Baden-Baden Turgenjew mit der Sängerin Viardot und ihrem Mann ein Dreiecksverhältnis pflegte oder Dostojewskij sein letztes Hemd verspielte, dann war das ziemlich nah vor meiner Haustür geschehen ... ich laufe heute noch an ihren Wohnungen vorbei, ohne tausende Kilometer fliegen zu müssen! Ich habe sie alle verschlungen als Kind, die russischen Klassiker, habe ihre Werke kompletter gelesen als Goethe oder Fontane ... bin mit ihnen im Kopf in ihrem Russland gewesen und beneide sie noch heute um ihre großen Figuren. Viele sind zuerst im Badischen gedruckt worden, um die Zensur des Zaren zu umgehen! So schreiben können - ein Traum. So lebendig andere Welten und lebensvolle Menschen erschaffen können! Ich bin an der osteuropäischen Literatur hängen geblieben, auch an der modernen. So viel lebendiger und abwechslungsreicher erscheint sie mir gegen die Creative-Writing-Kilometerware aus den USA.


Halt, stopp ... da war noch etwas anderes. Ich bin ja nur durch Zufall im Badischen geboren worden. Heute würde man sagen, ich hätte Migrationshintergrund. Einen ziemlich wilden sogar: Meine Familie teilt sich nämlich in zwei Hälften: Diejenigen, die irgendwoher irgendwohin flüchteten oder mehr oder weniger freiwillig die Koffer packten - und diejenigen, die sitzen blieben, die alles aussaßen. Irgendwann haben sich die Kofferleute und die Sesshaften sprachlich auseinander entwickelt und darum aus den Augen verloren. Da ist z.B. jener immens große Familienzweig in den USA. Natürlich waren sie nie "Uramerikaner" gewesen, aber sie sahen sich in einem "gelobten Land" auf der Suche nach Freiheit und Überleben und Auskommen. Gekommen waren sie aus dem Osten.

Kofferleute ... Menschen, denen nur der Koffer als Sujet gemeinsam war und womöglich eine Mentalität. Sie verkehrten in den slavischen Clubs, vermischten slavische Musik mit Bluegrass und heirateten andere Kofferleute. Bevor ich Englisch lernte, hätte ich keinen von ihnen verstanden: Die Alten sprachen Tschechisch und alles, was man im früheren Galizien so sprach. Sie heirateten Tschechen, Russen, Polen und welche, deren Vorfahren auch aus Galizien stammten. Wird es einem in die Wiege gelegt, so eine Mentalität? Schön wäre es, denn dann könnte ich heute fließend Russisch sprechen! Aber nur das Polnische ist mir gelungen. Ich habe später die Familientradition ungeplant weitergeführt, bin emigriert und spreche nun ausgerechnet die Sprache, die mir am fernsten scheint.

So viel man sich auch zurechtreden mag mit Lebenszufällen, Kindheitsprägungen und inneren Bildern - letztendlich entscheiden nur die ganz realen Menschen, was aus so einer Faszination wird. Und da ist nun wirklich die Arbeit an meinem Nijinsky-Projekt schuld, die mich aufgestachelt hat, in meinem Umfeld nach "echten Russen" zu suchen. Baden-Baden, meine heimliche Lieblingsstadt, schien dafür wie geschaffen: Ballett und russische Musik und vor allem die Leute in der Stadt. Wie aber sollte ich es anstellen, welche kennenzulernen? Und wie waren die? Schließlich wurde ich von Anfang an mit bösen, russenfeindlichen Ressentiments in der Stadt konfrontiert. In der Presse erschienen Russen außerdem immer als superreich, immer in Immobilien zockend und irgendwie natürlich immer mafiös."Lass das sein", wurde ich ernsthaft sogar von ach so wohlmeinenden Kollegen gewarnt: "Du machst dir deine Karriere kaputt, du verstrickst dich!" Hoppla?!?

So etwas darf man einer ernsthaften Schriftstellerin nicht sagen. Wenn es denn so gefährlich war, dann würde ich mich diesem Abenteuer gern stellen! Ist nicht alles gut für ein Buch?

Es kam natürlich völlig anders, als es diese bemitleidenswerten Unken riefen. Durch einen seltsamen Zu-Fall (?) lernte ich die Präsidentin der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft kennen, eine Russin. Durch die Kulturgesellschaft kam ich in Kontakt mit anderen Russen und mit gebildeten, offenen Bewohnern der Stadt, die zum Glück vom Bild der Neureichen und Mafiabosse zu abstrahieren wussten. Worauf ich traf, lässt sich in drei Worten beschreiben: Herzenswärme, Kulturhunger und faszinierend reiche Lebenshintergründe. Wobei sich dieser Reichtum absolut nicht in Geld misst. Denn siehe da, die meisten Russen konnten ungehobelte Neureichs auch nicht ausstehen! Und diejenigen wirklich Reichen, die ich traf, traten als Mäzene von Kunst und Kultur auf, im bescheidenen Straßenanzug und keineswegs wie aus einem deutschen "Tatort"-Krimi entsprungen. So viele ganz normale Menschen, denen man begegnet. Aber man läuft auch Menschen über den Weg, von denen man kaum glaubt, dass sie in Baden-Baden weilen könnten. Wir holen sie zu Veranstaltungen.

Da war z.B. die in der ganzen Welt bekannte "Jägerin des Zarenschatzes", eine Professorin mit dem Spezialgebiet Kunstschätze. Da sind Musiker von Weltrang. Wir laden Politologen ein, Kunsthistorikerinnen, Reisende, Künstler ... neugierig auf Kunst und Kultur und Menschen. Und so langsam tauen auch die sprachlich etwas Schüchternen auf, die ersten lernen Brocken vom anderen, wobei die Russen bei weitem besser Deutsch verstehen als die Deutschen Russisch. Das sind Abende mit gemeinsamen Gesprächen danach, die oft sehr spät ausklingen ... weil man gar nicht aufhören mag.

Warum ich dieser Arbeit mache? Ich weiß es nicht. Es ist ein Stück "Daheimsein" für mich. Dieses "Das ist mein Ding". Und wenn ich die Steine und Häuser berühren kann, die Wege all dieser Geschichten ablaufen, dann bin ich dieser Faszination immer wieder von Neuem verfallen. Es gibt Tage, da sitze ich am Kurhaus und sehe die Figuren aus Iwan Turgenjews Roman "Rauch" vorbeiflanieren ... und inzwischen verstehe ich so viel Russisch, dass ich glaube, sogar die Dialoge ähneln sich. Und trotz aller Berührbarkeit, trotz aller Realität bleibt das alles auch ein Mysterium, das man ahnen, aber nie vollkommen beschreiben kann.

Es sind die Menschen, die die Faszination wecken. Und deshalb gibt es noch einen anderen Grund, warum ich mich für deutsch-russische Verständigung engagiere: Russland ist so viel mehr als das armselige Zerrbild, das wir oft in den Medien dargestellt bekommen. Russland ist nämlich nicht Putin. Und selbst der ist nicht immer das, was wir aus ihm herauslesen wollen. Es wäre falsch, ein ganzes Land mit all seinen Menschen fallen zu lassen, nur weil einem an der Politik vieles nicht gefällt oder weil einem einzelne Zeitgenossen auf die Nerven fallen. Es ist verdammt schwer geworden, gegen Vorurteile und Klischees anzukämpfen. Aber genau darum ist es so wichtig wie nie zuvor. Und es gibt eine effektive Waffe gegen Feindbilder und Machtstrukturen, die von Politikern aufgebaut werden: den lebendigen Kulturdialog der Menschen. Wir können versuchen, gemeinsam an einer Welt arbeiten, in der man Koffer eher zum Urlaub in die Hand nimmt denn gezwungenermaßen ...

PS: Ausgerechnet bei diesem Beitrag wurde ich von den aktuellen Ereignissen um die Ukraine überrollt. Ich bleibe dabei: Ein Land und seine Leute sind etwas ganz anderes als seine Politiker. Das nie zu vergessen, ist so wichtig wie nie zuvor.