12. Dezember 2013

Literarischer Spaziergang

Im nächsten Jahr werde ich ein neues Live-Projekt anbieten: Literarische Spaziergänge in Baden-Baden.
Die folgende Veranstaltung findet zunächst für die Deutsch-Russische Kulturgesellschaft e.V. statt (noch unter Vorbehalt: am 10.06.2014 um 18 Uhr, offen für Publikum), kann aber von Gruppen frei gebucht werden. Genauere Modalitäten im nächsten Jahr ...

Vom ersten Boulevard der Stadt vorbei am ehemaligen Hotel Victoria ... (Fotos: PvC)

Hier ein kleiner Vorgeschmack:
Madame Orlando ist von seltsam unbestimmtem Alter. Sie will in Baden-Baden gelebt haben, als es die badische Prinzessin Louise in Richtung Zarenhof verlassen hat, und behauptet, noch den weltberühmten Opernsänger Schaljapin in einer Kneipe singen gehört zu haben.

Auf einem Spaziergang zwischen Thermen und Kurhaus plaudert sie aus dem Nähkästchen ihrer berühmten Salonbekanntschaften um Pauline Viardot, Iwan Turgenjew oder Rachel von Varnhagen-Ense. Sie hat sie alle in scheinbar unbeobachteten Momenten erlebt: den zürnenden Richard Wagner, Clara Schumann und Brahms in innigen Momenten, aber auch die mit sich ringenden Schriftstellergiganten wie Gogol, Dostojewskij oder Tolstoi.

Mme Orlando weiß, wie sich ein deutscher Bestsellerautor und ein Verleger durch russische Logiergäste eine goldene Nase verdienten; sie hat gesehen, wie man aus einer Anlage zum Schweineabbrühen ein Wellness-Center machte und Thermalwasser mit einem Pülverchen zu angeblichem „Carlsbader Wasser“ schönte. Sie stand mit den russischen Schriftstellergrößen am Spieltisch, faulenzte wie Oblomow mit Gontscharow und erwischte Gogols Muse bei einer Liebschaft.


Ärmlich war es hier, als Anna Dostojewskaja hungern musste ... (PvC)

Aber die Salondame kennt auch die Schattenseiten der Stadt: Anna Dostojewskaja hat ihr beim Verkauf ihres letzten Kleids Geständnisse über „die Hölle auf Erden“ gemacht. Mme Orlando weiß, wo die Herren „Blankwaffen“ kaufen und die Kokotten in Negligés vor Verkaufsbuden stehen – wie die arme Moskauerin, die sich sogar einen echten Fürsten als Gatten angelt. Der „Brandstifter“ von Moskau, Schrecken Napoleons, soll in Baden-Baden abgestiegen sein. Seine Schwiegertochter, eine der ersten Dichterinnen Russlands, vor Zar Nikolaus geflohen sein, verbannt wegen einer einzigen Ballade! Die Geheimpolizei des Zaren hat ihre Spitzel auch unter den Kurgästen. Einige Russen schmuggeln darum ihre Texte an der Zensur vorbei in die Karlsruher russische Druckerei. Was sind dagegen die „kleinen Charlatanerien“, mit denen sich die Einwohner an den Begüterten und Schönen zu bereichern versuchen ... oder ein Fürst Menschikow, der sich schon einmal im Voraus für seine Geschwindigkeitsüberschreitungen bei der badischen Polizei freikauft?

Im Lesekabinett bei Marx findet Mme Orlando die Zeitungen mit dem neuesten Tratsch, mit den Skandalen der internationalen Lebewelt. Und die erste Versandapotheke der damaligen Zeit hält mit dem „Morning Chronicle“ im Wartezimmer einen besonderen Leckerbissen bereit – hier schreibt Lästermaul Boswell über Touristennepp und Küchensünden der Kurstadt. Nichts Neues allerdings für Mme Orlando, die lieber bei César Ritz ihren Tee nimmt und bei Georges Auguste Escoffier die Erfindung des Speisens à la carte genießen konnte.

Wie gut, dass sie schon so lange lebt! So kann sie ihre vergnüglich menschlichen Geschichten über das bunte Baden-Badener Völkchen des 19. Jahrhunderts all denen nahe bringen, die das Glück nicht hatten, diese berauschende Zeit selbst erlebt zu haben!

Szenische Führung von knapp anderthalb Stunden.
Treffpunkt Hotel Aqua Aurelia gegenüber Vincenti-Parkhaus. Endpunkt: Kurhaus.


Die Buchautorin, Journalistin und Übersetzerin Petra van Cronenburg kennt Baden-Baden seit ihrer Kindheit, ihr Roman „Lavendelblues“ spielt in der Stadt. Bekannt wurde sie mit ihrem literarischen Reisebuch „Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt“. Petra van Cronenburg schrieb für renommierte literarische Verlage wie Hanser und Suhrkamp und versucht derzeit, mit ihrem eigenen „Atelier für Erzählkunst Tetebrec“ das Medium Buch zu sprengen – ins erlebbare Erzählen. Ihr Steckenpferd sind genussvolle Grenzgängereien.

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