30. Dezember 2013

Wider den Kater

Ich möchte all meinen Leserinnen und Lesern jetzt schon einen guten Rutsch und ein spannendes neues Jahr wünschen - als kleines Dankeschön für die Treue gibt's mein persönliches Silvesterrezept. Ich müsste zwar wie meine französischen Freunde traditionellerweise Austern essen - aber nach dem, was inzwischen um die Austernzuchten so im Meer herumschwimmt, vergeht mir dieser Appetit immer öfter. Die Auster ist bekanntermaßen so etwas wie der Mülleimer der Meere. Natürlich ist es absolut inkonsequent, was ich stattdessen koche - es kommt nämlich auch aus dem Meer! Hier im Elsass lieben sie es und so mancher ist überrascht, dass man zumindest den ersten Salat nicht in schwerer Mayonnaise ertränken muss. Der zweite schmeckt dagegen mit Mayonnaise umso besser.

Meine Oma hat das Heringssalatessen aus Osteuropa mitgebracht, es gibt dazu Pellkartoffeln mit etwas zerlassener Butter. Der Salat schmeckt am besten, wenn man ihn einen halben Tag im Kühlschrank ziehen lässt. Wenn man genügend anrichtet und ihn gut kühlt, hilft er am nächsten Tag auch gegen den Kater. Kleinere Portionen ohne Kartoffeln eignen sich als deftigere Vorspeise.

Aus der Pi-mal-Daumen-Küche das Rezept für 2 nicht sehr hungrige Personen:

4 milde Matjesfilets (zu salzige vorher wässern)
mind. 2 große Malossol-Gurken (oder andere schön würzige)
1 säuerlicher Apfel (Boskop oder Reinette)
1 Zwiebel
Knoblauch
Kefir
Cidre- oder Apfelessig
2-3 Lorbeerblätter
5 Wacholderbeeren
viel Dill, am besten frisch
etwas Zitronensaft
Salz, Pfeffer

Die Filets in Querstreifen schneiden; die Gurken längs teilen und dann in möglichst feine Scheiben schneiden, die Zwiebel in sehr feine halbierte Ringe, Knoblauch hacken. Aus dem Kefir mit dem Knoblauch, den Gewürzen und wenig Essig / Zitronensaft eine Soße anrühren, die alles bedecken muss. Mindestens zwei Stunden gekühlt ziehen lassen.

"Hering im Pelzmantel" ein russischer Schichtsalat (Foto: P. van Cronenburg)
Ein wahrer Killer durch die Kalorien ist eine Variation: "Hering im Pelzmantel" oder "Schuba". Mit russischer Mayonnaise aber übel lecker ... und dieser Schichtsalat macht bei Gästen richtig etwas her! Alles hängt an der Qualität der Mayonnaise, die Kalorienbewusste allenfalls mit Sauerrahm mischen können. Leichtere Saucen schmecken einfach nicht - und natürlich dient so eine Speise dazu, den Alkohol "aufzusaugen", der an solchen Tagen getrunken wird ...

Für die Version auf dem Foto:

4 mittelgroße Salatkartoffeln, gekocht, grob geraspelt
2 mittelgroße Karotten, gekocht, grob geraspelt
1 mittelgroße Zwiebel, gehackt
5 hartgekochte Eier, gewürfelt
250 g Hering (Matjes oder in Öl eingelegt), klein gewürfelt
3 gekochte Rote Beete, klein gewürfelt
gute Mayonnaise, evtl. mit Sauerrahm gemischt
schwarzer Pfeffer für die Kartoffeln
Deko (hier: Karottenscheiben, Preiselbeeren und Petersilie)

Zutaten vorbereiten und nacheinander schichten. Zwischen jede Schicht Mayonnaise streichen (ganz dünn). Die hier angegebene Mayonnaise-Schicht st eine Extraportion! Man schichtet in eine Glasform oder wie ich in einen Kuchenring, der dann vorsichtig abgehoben wird - der Reihe nach von unten angefangen:
Kartoffeln - Hering - Zwiebel - 4-5 EL Mayo - Möhren - Eier - Mayo - Rote Beete - Mayo - evtl. von vorn anfangen - Deko (z.B. Eier).
Mit Frischhaltefolie abgedeckt im Kühlschrank mehrere Stunden, besser aber über Nacht ziehen lassen. Zwischen Möhren und Rote Beete kann man auch noch zerkleinerte Walnusskerne streuen.
Den Kuchenring erst kurz vor dem Servieren entfernen!

Guten Appetit und Prosit Neujahr!

18. Dezember 2013

E-Book soeben erschienen!

Die meisten kaufen ein Genussbuch aus Papier. Aber man kann durchaus so etwas als E-Book gestalten. Vorteil: Das Rezepteregister wird interaktiv, ein Klick aufs Gericht führt automatisch zum Rezept.

Das E-Book erscheint in der edition tetebrec
 Und jetzt ist es so weit: In der edition tetebrec erscheint ab sofort die Kindle-Ausgabe: hier klicken. Weil das Dateiformat Epub über Distributor laufen muss und hier Weihnachtspause herrscht, wird dieses Format noch etwas Zeit brauchen. Mehr zum Buch und dauerhafte Links rechts im Blogmenu.

12. Dezember 2013

Literarischer Spaziergang

Im nächsten Jahr werde ich ein neues Live-Projekt anbieten: Literarische Spaziergänge in Baden-Baden.
Die folgende Veranstaltung findet zunächst für die Deutsch-Russische Kulturgesellschaft e.V. statt (noch unter Vorbehalt: am 10.06.2014 um 18 Uhr, offen für Publikum), kann aber von Gruppen frei gebucht werden. Genauere Modalitäten im nächsten Jahr ...

Vom ersten Boulevard der Stadt vorbei am ehemaligen Hotel Victoria ... (Fotos: PvC)

Hier ein kleiner Vorgeschmack:
Madame Orlando ist von seltsam unbestimmtem Alter. Sie will in Baden-Baden gelebt haben, als es die badische Prinzessin Louise in Richtung Zarenhof verlassen hat, und behauptet, noch den weltberühmten Opernsänger Schaljapin in einer Kneipe singen gehört zu haben.

Auf einem Spaziergang zwischen Thermen und Kurhaus plaudert sie aus dem Nähkästchen ihrer berühmten Salonbekanntschaften um Pauline Viardot, Iwan Turgenjew oder Rachel von Varnhagen-Ense. Sie hat sie alle in scheinbar unbeobachteten Momenten erlebt: den zürnenden Richard Wagner, Clara Schumann und Brahms in innigen Momenten, aber auch die mit sich ringenden Schriftstellergiganten wie Gogol, Dostojewskij oder Tolstoi.

Mme Orlando weiß, wie sich ein deutscher Bestsellerautor und ein Verleger durch russische Logiergäste eine goldene Nase verdienten; sie hat gesehen, wie man aus einer Anlage zum Schweineabbrühen ein Wellness-Center machte und Thermalwasser mit einem Pülverchen zu angeblichem „Carlsbader Wasser“ schönte. Sie stand mit den russischen Schriftstellergrößen am Spieltisch, faulenzte wie Oblomow mit Gontscharow und erwischte Gogols Muse bei einer Liebschaft.


Ärmlich war es hier, als Anna Dostojewskaja hungern musste ... (PvC)

Aber die Salondame kennt auch die Schattenseiten der Stadt: Anna Dostojewskaja hat ihr beim Verkauf ihres letzten Kleids Geständnisse über „die Hölle auf Erden“ gemacht. Mme Orlando weiß, wo die Herren „Blankwaffen“ kaufen und die Kokotten in Negligés vor Verkaufsbuden stehen – wie die arme Moskauerin, die sich sogar einen echten Fürsten als Gatten angelt. Der „Brandstifter“ von Moskau, Schrecken Napoleons, soll in Baden-Baden abgestiegen sein. Seine Schwiegertochter, eine der ersten Dichterinnen Russlands, vor Zar Nikolaus geflohen sein, verbannt wegen einer einzigen Ballade! Die Geheimpolizei des Zaren hat ihre Spitzel auch unter den Kurgästen. Einige Russen schmuggeln darum ihre Texte an der Zensur vorbei in die Karlsruher russische Druckerei. Was sind dagegen die „kleinen Charlatanerien“, mit denen sich die Einwohner an den Begüterten und Schönen zu bereichern versuchen ... oder ein Fürst Menschikow, der sich schon einmal im Voraus für seine Geschwindigkeitsüberschreitungen bei der badischen Polizei freikauft?

Im Lesekabinett bei Marx findet Mme Orlando die Zeitungen mit dem neuesten Tratsch, mit den Skandalen der internationalen Lebewelt. Und die erste Versandapotheke der damaligen Zeit hält mit dem „Morning Chronicle“ im Wartezimmer einen besonderen Leckerbissen bereit – hier schreibt Lästermaul Boswell über Touristennepp und Küchensünden der Kurstadt. Nichts Neues allerdings für Mme Orlando, die lieber bei César Ritz ihren Tee nimmt und bei Georges Auguste Escoffier die Erfindung des Speisens à la carte genießen konnte.

Wie gut, dass sie schon so lange lebt! So kann sie ihre vergnüglich menschlichen Geschichten über das bunte Baden-Badener Völkchen des 19. Jahrhunderts all denen nahe bringen, die das Glück nicht hatten, diese berauschende Zeit selbst erlebt zu haben!

Szenische Führung von knapp anderthalb Stunden.
Treffpunkt Hotel Aqua Aurelia gegenüber Vincenti-Parkhaus. Endpunkt: Kurhaus.


Die Buchautorin, Journalistin und Übersetzerin Petra van Cronenburg kennt Baden-Baden seit ihrer Kindheit, ihr Roman „Lavendelblues“ spielt in der Stadt. Bekannt wurde sie mit ihrem literarischen Reisebuch „Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt“. Petra van Cronenburg schrieb für renommierte literarische Verlage wie Hanser und Suhrkamp und versucht derzeit, mit ihrem eigenen „Atelier für Erzählkunst Tetebrec“ das Medium Buch zu sprengen – ins erlebbare Erzählen. Ihr Steckenpferd sind genussvolle Grenzgängereien.