20. November 2013

Nein, kein Voodoo

Wer dieser Tage im Elsass einkaufen geht, hat sich vielleicht vor allem in Innenstädten und Dörfern schon gewundert. Seit 13. November hängen dort große, pechschwarze Plakate, auf denen von "Les sacrifiés" die Rede ist: "die Geopferten". Es handelt sich jedoch keinesfalls um eine typische Novemberaktion des Einzelhandels in Sachen Halloween oder Voodoo - es geht um den Einzelhandel selbst, um kleinere Handwerksbetriebe, um Freiberufler, denen wir die Lebendigkeit der Innenstädte verdanken. "Les sacrifiés" ist eine landesweite, parteiunabhängige Protestaktion. In den betreffenden Läden gibt es Unterschriftenlisten - im Internet läuft die Petition an die Regierung Hollande ebenfalls. Wer mag, kann seine Unterschrift noch mindestens sieben Tage lang leisten, Aktionen ums Thema wird es jedoch bis weit ins Jahr 2014 geben.

Worum geht es?

Die Vereinigung der Unternehmen "der Nähe", also lokale Einzelhändler, Handwerksbetriebe und Freiberufler, kämpfen dagegen, dass sie durch immer neue Steuern und Abgaben komplett ausgeblutet werden. Immer mehr kleine Läden und regional arbeitende Unternehmer müssen derzeit in Frankreich aufgeben, weil sie die Last der Abgaben nicht mehr erwirtschaften können. In der Petition geht es darum, die "Kleinen" gegenüber den Großkonzernen konkurrenzfähig zu erhalten und die Abgaben neu zu überdenken. Die Aktion begann am 13. November und soll mindestens zwei Wochen dauern.

Der November ist ohnehin eine Art Horrormonat in Frankreich. Für alle, die nicht monatlich Abschläge zahlen (können), sind auf einmal diverse Jahresabgaben fällig, dazu kommen die Abschlagszahlungen für Strom, Wasser, Grundsteuer, Wohnsteuer. Schlimm genug, dass einige dieser Rechnungen um zweistellige Prozentbeträge gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind - die Regierung Hollande versucht derzeit, durch immer neue Steuererfindungen den Staatshaushalt zu sanieren. Das trifft im Moment vor allem Freiberufler und kleine Gewerbetreibende sowie Kleinstunternehmer. Ausgerechnet diejenigen, die bei der schwierigen Wirtschaftslage am empfindlichsten sind, die Arbeitsplätze und Ausbildungsstellen bieten, obwohl jeder Angestellte in einem Kleinstunternehmen auch Risiko bedeutet. Dazu steigen die Sozialabgaben für diese Berufszweige ebenfalls enorm, während die Rentenkasse erstaunlicherweise einen Milliardenüberschuss haben soll. Kein Wunder, dass viele Betroffene wütend sind.

Noch schlimmer sind die zusätzlich "erfundenen" Steuern. Wer früher noch dachte, er könne als Freiberufler Büroräume oder Arbeitszimmer von der Steuer absetzen, wundert sich heuer tüchtig: die Räumlichkeiten werden mit einer Sonderabgabe (CFE) besteuert, die ebenfalls ausgedehnt und erhöht wird. Pech für den, der sein Arbeitszimmer früher besonders groß gemacht hat. Die CFE ist regional unterschiedlich hoch, kann empfindlich teuer werden und steigt in manchen Departements auch mal plötzlich jährlich um 100%, scheinbar willkürlich. Auch den Hausbesitzern soll es bald an den Kragen gehen - und das in einem Land, in dem 57% der Bürger Besitzer sind! Man will ihnen künftig, wenn es durchkommt, eine fiktive Miete errechnen, frei nach dem Motto, wer besitzt, der spare ja Miete! Und darauf dann eine Steuer verhängen ... bei 57% aller Bürger - so saniert man schnell das Staatsäckel. Natürlich werden die Mehrkosten ab 1.1.2014 auch auf die Preise umgelegt werden müssen - so ist der Verbraucher indirekt betroffen. Das Einkaufen in Frankreich wird wohl im nächsten Jahr teurer werden.

Was die Leute aber vor allem aufbringt: Die ganz großen Firmen und Konzerne müsen sich um diesen Kleinmist nicht scheren, sondern werden eher noch gefördert. Sie können nicht nur ihr Geld viel leichter ins Ausland verschieben, sondern erhalten auch schon mal staatliche Finanzspritzen. Die Stimmung jedenfalls ist so düster wie die schwarzen Plakate. Wer auch morgen noch seinen Friseur im Ort, die Buchhandlung oder den Bäcker haben möchte - Nachdenken lohnt sich.
Vielleicht symptomatisch: In "meinem" Städtel ist die Buchhandlung gerade eingegangen und hat nun einer weiteren Bank Platz gemacht. Ein 10.000-Seelen-Ort hat eben seine vierte Bank bekommen.

Was sich an Protest dieser Art in Frankreich so tut:
Les sacrifiés bei Facebook
Association Sauvons nos entreprises ("Verein Rettet unsere Unternehmen", auch Freiberufler)
Les citrons facilement exploitables ("Die leicht ausquetschbaren Zitronen"): Regionale Bewegung gegen CFE & Co., die bereits einer Steuersenkung erreicht hatte.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Deinem Artikel nach zu schliessen, Petra, sitzen viele europäische Länder im sprichwörtlichen gleichen Boot.Bei uns in Italien werden die Kleinunternehmer "a km zero" (Nullkilometer) immer weniger, da die steuerliche belastung immer grösser wird. Logischerweise müssen diese "kleinen" Handwerker, Gemüsehändler usw. "in der Nähe", trotz ihrer geringen Transport-/Anfahrtskosten die Preise erhöhen und sterben weg. - die Peetition bei euch in Franreich gefällt mir, doch hoffentlich gibt es auch ein "Danach". - Barbara Reishofer

Petra hat gesagt…

Das Danach, Barbara, heißt im Ernstfall immer Emigration oder "Berufsmobilität". Wenn ein Land gewisse wichtige Berufsschichten nicht pflegt, gehen diese entweder ein oder emigrieren. Ob Fachkräfte, Intellektuelle oder Händler ... man merkt erst hinterher, was man daran hatte.