30. November 2013

Die Zone

"Die Zone" ... da denkt jeder an Tschernobyl. Und ist wahrscheinlich angesichts der Bilder einer entmenschten Landschaft gleichermaßen fasziniert wie von Grauen erfüllt. Der russische Regisseur Andrej Tarkowskij spielte bereits vor dem Super-GAU mit dem, was verbotene Zonen ausstrahlen, in seinem Film "Der Stalker" nach einer Geschichte der Brüder Strugatzki. Dabei gibt es so viele "Zonen" selbst im näheren Umfeld. Zonen, in denen einst der Mensch das Sagen hatte, Reibach machte, Raubbau betrieb ... bis er sich selbst ausschloss, ausschließen musste. Mich faszinieren Zwischenräume, Grenzgängereien ... und solche Zonen, in denen die Natur sich ihren Platz gegen den Menschen zurück erobert. In denen Müll wie archäologische Fundstücke anmutet und Geschichten von der einstigen Hybris erzählt. In denen die Natur fast zeichenhaft wuchert.

Als "Puits Six" früher bei Gourmets in aller Munde wegen des gleichnamigen Restaurants, ist diese scheinbare Idylle heute nur noch Tieren zugänglich. Der Hügel ist eine Abraumhalde von der Erdölförderung alter Zeiten.

Die Natur holt sich alles zurück, schert sich nicht um Warnschilder.

Eine solche "Zone" gibt es inzwischen an einem Ort, dessen Geschichte ich in meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" (demnächst als E-Book!) erzähle: In Merkwiller-Pechelbronn, jenem legendären Auslöser des europäischen Ölrauschs - der übrigens vor dem amerikanischen kam. Nahe der Stelle, an der 1813 der älteste Bohrturm der Welt errichtet wurde, ist ein riesiges Areal abgesperrt ... wegen Bodenbewegungen, drohender Einbrüche und dem, was unter der Erde noch lagern mag. Andere Stellen sind meist nur vergessen oder liegen versteckt im Wald. Die Kamera aber reicht manchmal auch über Zäune hinweg. Und immer wieder erzählen diese Bilder Geschichten ...




Leseprobe aus Petra van Cronenburg: Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt (TB: Insel Verlag, E-Book: Edition Tetebrec)

"Das Abenteuer kann beginnen. Eine Konstruktion, die an eine römische Waage erinnert und die Spulvorrichtung hält, wird direkt über dem Bohrloch installiert. Bleiwürfel werden es später ermöglichen, das Gleichgewicht der drei Kabel zu halten, die hier abgelassen werden. Noch müssen Kabelverbindungen und Anschlüsse mit Isolierband abgeklebt und in die richtige Position gebracht werden. Die Attraktion jedoch ist die Sonde, die einem gelben Fisch aus Papier ähnelt und beim Bohrmeister einigen Zweifel weckt. Jost stöhnte noch siebzig Jahre danach: „Wir waren damals schon mutig, eine solche Sonde in ein Bohrloch herabzulassen!“ Mutig war die Gruppe auch, sich nicht lächerlich zu machen. Konnte man den dünnen Fisch noch verstehen, so war die Erfindung, das Widerstandsrelais mit einer ölgefüllten Membran zu schützen, wirklich witzig anzusehen: „Mit der Injektionsblase aus rotem Gummi sahen wir aus wie eine Gruppe von Tierärzten.“

Einer der Tierärzte mit gelbem Fisch und roter Gummiblase, nämlich Scheibli, gerät während der Messungen in einen seltsamen Dialog mit einer Fahrradklingel. Jedes Mal, wenn die Klingel „Ding!“ macht, schreit er „Halt!“ und Doll zeichnet. Angestellte der Gebrüder Schlumberger arbeiten mit den einfachsten, aber effektivsten Mitteln.

Das Französische Erdölmuseum Merkwiller-Pechelbronn bietet auch Führungen durch die Landschaft an.

20. November 2013

Nein, kein Voodoo

Wer dieser Tage im Elsass einkaufen geht, hat sich vielleicht vor allem in Innenstädten und Dörfern schon gewundert. Seit 13. November hängen dort große, pechschwarze Plakate, auf denen von "Les sacrifiés" die Rede ist: "die Geopferten". Es handelt sich jedoch keinesfalls um eine typische Novemberaktion des Einzelhandels in Sachen Halloween oder Voodoo - es geht um den Einzelhandel selbst, um kleinere Handwerksbetriebe, um Freiberufler, denen wir die Lebendigkeit der Innenstädte verdanken. "Les sacrifiés" ist eine landesweite, parteiunabhängige Protestaktion. In den betreffenden Läden gibt es Unterschriftenlisten - im Internet läuft die Petition an die Regierung Hollande ebenfalls. Wer mag, kann seine Unterschrift noch mindestens sieben Tage lang leisten, Aktionen ums Thema wird es jedoch bis weit ins Jahr 2014 geben.

Worum geht es?

Die Vereinigung der Unternehmen "der Nähe", also lokale Einzelhändler, Handwerksbetriebe und Freiberufler, kämpfen dagegen, dass sie durch immer neue Steuern und Abgaben komplett ausgeblutet werden. Immer mehr kleine Läden und regional arbeitende Unternehmer müssen derzeit in Frankreich aufgeben, weil sie die Last der Abgaben nicht mehr erwirtschaften können. In der Petition geht es darum, die "Kleinen" gegenüber den Großkonzernen konkurrenzfähig zu erhalten und die Abgaben neu zu überdenken. Die Aktion begann am 13. November und soll mindestens zwei Wochen dauern.

Der November ist ohnehin eine Art Horrormonat in Frankreich. Für alle, die nicht monatlich Abschläge zahlen (können), sind auf einmal diverse Jahresabgaben fällig, dazu kommen die Abschlagszahlungen für Strom, Wasser, Grundsteuer, Wohnsteuer. Schlimm genug, dass einige dieser Rechnungen um zweistellige Prozentbeträge gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind - die Regierung Hollande versucht derzeit, durch immer neue Steuererfindungen den Staatshaushalt zu sanieren. Das trifft im Moment vor allem Freiberufler und kleine Gewerbetreibende sowie Kleinstunternehmer. Ausgerechnet diejenigen, die bei der schwierigen Wirtschaftslage am empfindlichsten sind, die Arbeitsplätze und Ausbildungsstellen bieten, obwohl jeder Angestellte in einem Kleinstunternehmen auch Risiko bedeutet. Dazu steigen die Sozialabgaben für diese Berufszweige ebenfalls enorm, während die Rentenkasse erstaunlicherweise einen Milliardenüberschuss haben soll. Kein Wunder, dass viele Betroffene wütend sind.

Noch schlimmer sind die zusätzlich "erfundenen" Steuern. Wer früher noch dachte, er könne als Freiberufler Büroräume oder Arbeitszimmer von der Steuer absetzen, wundert sich heuer tüchtig: die Räumlichkeiten werden mit einer Sonderabgabe (CFE) besteuert, die ebenfalls ausgedehnt und erhöht wird. Pech für den, der sein Arbeitszimmer früher besonders groß gemacht hat. Die CFE ist regional unterschiedlich hoch, kann empfindlich teuer werden und steigt in manchen Departements auch mal plötzlich jährlich um 100%, scheinbar willkürlich. Auch den Hausbesitzern soll es bald an den Kragen gehen - und das in einem Land, in dem 57% der Bürger Besitzer sind! Man will ihnen künftig, wenn es durchkommt, eine fiktive Miete errechnen, frei nach dem Motto, wer besitzt, der spare ja Miete! Und darauf dann eine Steuer verhängen ... bei 57% aller Bürger - so saniert man schnell das Staatsäckel. Natürlich werden die Mehrkosten ab 1.1.2014 auch auf die Preise umgelegt werden müssen - so ist der Verbraucher indirekt betroffen. Das Einkaufen in Frankreich wird wohl im nächsten Jahr teurer werden.

Was die Leute aber vor allem aufbringt: Die ganz großen Firmen und Konzerne müsen sich um diesen Kleinmist nicht scheren, sondern werden eher noch gefördert. Sie können nicht nur ihr Geld viel leichter ins Ausland verschieben, sondern erhalten auch schon mal staatliche Finanzspritzen. Die Stimmung jedenfalls ist so düster wie die schwarzen Plakate. Wer auch morgen noch seinen Friseur im Ort, die Buchhandlung oder den Bäcker haben möchte - Nachdenken lohnt sich.
Vielleicht symptomatisch: In "meinem" Städtel ist die Buchhandlung gerade eingegangen und hat nun einer weiteren Bank Platz gemacht. Ein 10.000-Seelen-Ort hat eben seine vierte Bank bekommen.

Was sich an Protest dieser Art in Frankreich so tut:
Les sacrifiés bei Facebook
Association Sauvons nos entreprises ("Verein Rettet unsere Unternehmen", auch Freiberufler)
Les citrons facilement exploitables ("Die leicht ausquetschbaren Zitronen"): Regionale Bewegung gegen CFE & Co., die bereits einer Steuersenkung erreicht hatte.

18. November 2013

Wenn Schönheit weh tut ... ist das Glück?

Die ARD fragt in einer Themenwoche, was "Glück" sein könnte und wie man dazu kommt.
Kennt jemand dieses Gefühl, dass Natur so schön und wunderbar und faszinierend sein kann, dass es richtig weh tut? Auch das ist Glück: Den Fernseher gar nicht erst einschalten, sondern vor die Tür gehen, in die Natur hinaus. Heute hat sich der Hochnebel in den Vogesen gelichtet, bei strahlendem Sonnenschein gab es eine Waldwanderung mit Hund von drei Stunden. Teilweise war es so warm, dass ich über Sonnenwiesen kurzärmelig laufen konnte!


Und dann ist da einfach dieser Zauber. Kein Mensch weit und breit, nicht einmal Waldarbeiter. Absolute Stille. Im Buchenwald rieselt es mit einem runden Wohlklang ... es ist nicht das Wasser, das in den Bächen gluckert - es sind die bunten Blätter, die in windstiller Luft gemächlich nach unten schweben, hörbar auf ihrem Liegeplätzchen für den Winter aufkommen. Die Vogesenhänge schwelgen in Farbenpracht, aber nun fallen langsam die Rottöne - und in ein oder zwei Wochen wird der Wald nur noch grün und schwarz erscheinen.

Unzählige seidene Spinnenfäden spannen sich über die frischgepflügten Äcker, im Gegenlicht ein Seidengewebe wie gesponnnes Silber, das leise im Lufthauch bebt. Der Hund erzählt von unsichtbaren Wildwechseln, kostet Rehspuren und Wildschweingeruch, schnüffelt einer längst verschwundenen Maus nach und anderen Tieren. So webt er in die Spinnenfäden eine unsichtbare Landkarte, die in der klaren Herbstluft sogar die Menschin wittern kann: Da hat ein Fuchs markiert und dort ist ein Rehbock erst kürzlich ins letzte Maisfeld eingebrochen. Der Geruch von Holzfeuer steigt am Hang hoch und mischt sich in feuchte Pilz- und Moosnoten. Jemand verbrennt Baumschnitt in einem sechs Kilometer entfernten Dorf. Nur am Qualm ist auszumachen, dass es noch andere Menschen auf der Erde gibt.

Selbst die Pferdekoppeln sind heute verlassen. Der Hund kostet am Wasser in den Pfützen die unterschiedlichen Gourmetrichtungen: Wiesenlache mit Pferde-Odeur, Wildwechselkuhle am Bach, dazu ein Schlückchen aus der Saulache ...


Ein Vogel warnt vor dem Hund, ein Specht tackert sich ein Menu aus einem hohlen Baum. Die Raben, die eben den Greif attackiert und vertrieben haben, scheinen vor Lachen zu keckern. Und da setzt sich der Hund von selbst an der schönsten Ausguckstelle hin und blickt versonnen übers Tal, über die anderen Hänge, hebt die Nase, schließt kurz die Augen und blickt wieder in eine Weite hinein, die das Herz öffnet. Jetzt sich wie ein Hund daneben kauern und dem Glück nachspüren ...


Lesetipp: Die frisch in Trennung lebende Karen will auch mal wieder so richtig wissen, was Glück ist. Angebote gibt es wohlfeil, jeder verspricht mit seiner Methode zum Glück mehr als der andere. Sie probiert sie alle durch, mit einen starken Hang zur Selbstironie. Und plötzlich ... kommt sie vollkommen auf den Hund, bevor sich ihr Leben wendet.
Petra van Cronenburg: Alptraum mit Plüschbär (Kindle) ( Roman, gedruckt im Antiquariat unter dem Titel "Stechapfel und Belladonna")

10. November 2013

Die Wildsau unter den Käsen

Novemberschmuddelwetter. Wem fällt da im Elsass nicht ein kleiner Zwischenurlaub in den Fermes Auberges auf den Vogesenhöhen ein, bevor man vielleicht in winterlichen Verhältnissen den Berg nicht mehr hinaufkommt?! Ideal zum Wandern und genau die richtige Zeit, in der die deftigeren und schwereren Genüsse auf den Teller kommen. Die Regionalküche hat die Natur der Jahreskreisläufe zu nutzen gewusst für Leute, die Holz hacken mussten, die in der schweren lehmigen Erde ihre Bauerngärten für den Winter vorbereiteten. Als Tourist muss man sich die Kalorien anders abschaffen.


Highlandcattle - eine rare Köstlichkeit in den Nordvogesen, denn nur die überzähligen Tiere der frei weidenden Tiere werden geschlachtet, und das auch nur in einem streng begrenztem Zeitraum.
Viele kulinarische Besonderheiten gibt es traditionell nur im November zu kosten: etwa die Keschdewurst aus der Region um Oberbronn, eine mit Esskastanien angereicherte Blutwurst, die in der Pfanne gebraten und mit Meerrettich-Apfelsauce zu Brat- oder Backkartoffeln gereicht wird. Oder das Fleisch vom akribisch erfassten, überzähligen Highland-Rind, das im Rahmen eines Naturschutzprojekts die Sumpfniederungen in den Nordvogesen frei hält und nur in ausgesuchten Restaurants und bei bestimmten Metzgern in den Handel gelangt. Doch nichts von diesen raren Spezialitäten kommt einer wahrhaft alltäglichen Spezialität gleich, die am besten direkt beim Bauern gekauft wird und von Rohmilch besonders fein schmeckt: Der Munster-Käs'.

Munster - hier als Rohmilchkäse, ist einer der ganz seltenen Rotschimmelkäse Frankreichs, einst von irischen Mönchen ins gleichnamige Tal importiert.

Sein Duft in normalem Zustand spaltet die Geister - es gibt nur echte Fans und wahre Verächter, dazwischen lange nichts. Wobei der Geruch sich nicht nur mit dem Reifegrad ändert, sondern auch bei falscher Lagerung extrem werden kann. Munster gibt es ab Quark und ganz frischem Weißkäse, den man fast nur in Fermes und auf Märkten finden kann, selten im Supermarkt: er verdirbt zu schnell. Ein wenig Zucker darüber, mit Kirschwasser "getauft" - fertig ist das Dessert der Almhöhen. Später reift er langsam zu rötlich-gelblichen Käselaiben aus, bis er von selbst davonläuft ...

Wenn er anfängt zu schwitzen und läufige Kanten bekommt, ist der Munster am aromatischsten.
Im mittleren Zustand wie auf den Fotos kann der Munster eisige und verregnete Novembertage über Nase und Gaumen erwärmen: Es ist die Zeit der Kartoffelgratins, die durch diesen Käse erst richtig duftig und aromatisch werden! Nie vergesse ich jenen durchfrorenen Wandertag in Lapoutroie, jenem heimlichen "Käsezentrum", wo es im Restaurant blätterdünn geschnittene Kartoffelscheiben gab, im Backofen mit guter Butter und viel Munster überbacken ... dazu wacholdergeräucherten rohen Schinken. Das Essen ist schwer, einfachst und köstlich. Die Verdauungsschnäpse der Region lassen es jedoch mit Wonne rutschen, denn sie stammen von der Vogelbeere oder einer Abart, dem Alisier, der auf Berghängen und an Felsen geerntet werden muss. Unvergleichlich, jener herb-bittere Geschmack mit einem Anflug von Sommerblumen!

Wer mehr über den Munster wissen möchte: In meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Rielsing schwimmt" (E-Book in Vorbereitung) ist ihm das letzte Kapitel gewidmet. Ich erzähle von seiner Herkunft und den Unterschieden zwischen dem evangelischen Munster des Elsass und dem katholischen Bruder aus Lothringen, aber auch von den Feinschmeckerfesten rund um diesen Käse und die berühmte Kuh, die die Milch dafür gibt: die Vosgienne ... die beinahe einmal ausgestorben wäre.