27. Oktober 2013

Halloween: Konsumgrusel oder spirituelle Tradition?

Nicht noch einer von diesen alljährlichen Halloween-Artikeln! Versprochen. Ich werde mich hier nicht über den Konsumgrusel à la Amerika in den Supermärkten aufregen, aber auch nicht in den Kanon einfallen, dieses Halloween sei nur um des Profit willens aus den USA importiert worden. Umgekehrt ist es nämlich wahr: Vor allem die irischen Einwanderer brachten ihr altes "Samhain" (von "sam-fuin" = Sommers Ende) mit in die neue Heimat über den Großen Teich. In allen Landstrichen Europas, wo ehemals keltische Stämme lebten, war das Fest zwischen der schönen und der kalten Jahreszeit uralte Tradition, auf dem gallo-römischen Coligny-Kalender wird der erste Monat des Winterhalbjahres mit "Samonios" bezeichnet.

Zeit leckerer Kürbisgerichte. Hier gedünsteter Butternut.
Mein Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" beginnt mit dem traditionellen Kürbiskochen an diesem Tag und seiner Bedeutung im Elsass, die erfolgreich von der Kirche ausgerottet worden war. Wo keine eigenen Wurzeln mehr sind, bleibt die Sehnsucht, bleibt eine Leerstelle ... die man dann auch mal mit Plastik füllt. Ich beginne so den Jahreskreislauf, dem das Buch auch mit seinen Rezepten folgt, mit Rübenschnitzen und den Couplets der Kinder. So hat man das früher in Agrargesellschaften erfahren und gedacht: Das neue Jahr begann in dieser Zeit. Denn nur der moderne Mensch mag glauben, dass jetzt alles Leben von den Bäumen abfällt und die Natur "tot" erscheint. Das Gegenteil ist der Fall: Die Bäume und Pflanzen ziehen ihre Säfte in die Wurzeln zurück, um Kraft für den nächsten Zyklus aufzubauen. Die Knospen für den nächsten Frühling werden von vielen Sträuchern vor dem Winter angelegt. Ein Grund, warum es zu Spontanblüten kommen kann, wenn es zu lau ist. Aus der Ruhe, aus dem Tod wächst der Neuanfang.

Die "Alten" haben das noch gewusst, haben das Ende des Sommers und die anstrengende, aber das Überleben sichernde Ernte gefeiert ... sich danach auf jene Ruhe vorbereitet, in der auch der Mensch "nach innen" ging. Dementsprechend offen glaubte man die Übergänge zwischen dem Reich der Lebenden und Toten, der Anderswelt und der Realität. Die Geschichten von Menschen, die in die Feenwelt gerieten, wurden noch lange auch im Elsass erzählt - bei den traditionellen Spinnstubenabenden der Frauen im Winter, wenn das Kaminfeuer prasselte und man die alten Legenden und Lieder zum Besten gab. Die Lieben, die man in diesem Jahr verloren hatte, waren in jenen Momenten ganz nah ... denn es war auch die Zeit, sich an die Verstorbenen zu erinnern. Ein Aspekt, den die Kirche später freudig aufgriff, um das Fest zu christianisieren und auf ein unverdächtigeres Datum zu legen.

Überreste der Urtradition kann man noch hier und da in Frankreich finden. Ganz tief in der Provence haben manche Familien vielleicht noch ihre "poupées", archaisch anmutende Holzfiguren, die ihre Ahnen und verstorbenen Familienangehörigen darstellen. Die meisten werden wohl nur noch in Museen zu besichtigen sein. Am 31. Oktober wurden sie feierlich ausgepackt, man legte ein extra Gedeck für sie auf und feierte mit den Verstorbenen ein großes Gelage.
Dabei geht es durchaus fröhlich zu, denn die "aus der Anderswelt" essen und trinken mit. Man erzählt sich von gemeinsamen Erlebnissen mit ihnen und lässt alte Zeiten wieder lebendig werden. Die Mahlzeit für die Toten stellt man dann für die Geister in der Nacht nach draußen - die herbstliche Tierwelt freut sich.

Übrigens hat auch das Essen an diesem Abend symbolische Bedeutung. Es ist eine Suppe (meist aus Lamm oder Hammel gekocht), in der drei Zutaten nicht fehlen dürfen: Esskastanien für das Nährende im Diesseits wie im Jenseits, Reis aus der Camargue für das scheinbar tote Korn, das im Frühjahr wieder erwachen wird - und frisches Grünzeug für die Hoffnung auf einen Neuanfang nach der dunklen Zeit.

Samhain oder Halloween hat in diesem Jahr eine ganz besondere Bedeutung für mich. Zu jener Zeit fiel der wohl bekannteste "Held" der irischen Sagenwelt in einen magischen Schlaf - und den träumte er an einem Ort namens Tetebrec. Tetebrec, das neu gegründete "Atelier für Erzählkunst & Kommunikation" wird darum an diesem Tag das Geheimnis lüften, das hinter diesem Namen steht und ein überraschend zukunftsgerichtetes Konzept bedeutet.
Hoffentlich noch vor Weihnachten wird dann auch endlich die E-Book-Fassung meines Erfolgstitels "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" erscheinen!

1 Kommentar:

PvC hat gesagt…

Viel Zeit ist vergangen, Tetebrec ist längst gegründet, das Elsassbuch als E-Book bei Amazon zu haben und hoffentlich bald auch als epub (mir fehlen 10 Hände). Nur mit der Website hapert es immer noch, die fehlende Zeit. Sie steht, aber unfertig. Immerhin habe ich pünktlich zu Halloween 2015 eindlich mein Logo, das noch in Feinarbeit ist. Und dieses Blog ist umgezogen auf http://cronenburg.blogspot.com
Eile mit Weile ...