6. Oktober 2013

Die Ästhetik des Einfachen

Kürzlich unterhielt ich mich mit international geprägten Freunden darüber, was ihnen an Frankreich im Unterschied etwa zu Deutschland oder Großbritannien besonders positiv auffalle. Da sei immer eine gewisse Ästhetik, eine Kultiviertheit zu erkennen, auch im Einfachsten, in Dingen wie im Umgang miteinander. Und das mache die Dinge angenehm.

Auch ein Billigwein (um 3 Euro) verdient ein ansprechendes Etikett. Die Aufschrift hinten auf der Flasche liest sich übrigens wie der Geheimtipp eines Spitzen-Sommeliers und vermittelt, wozu er passt.
Nun mag der Franzose den Kopf schütteln, wenn er etwa in einem Behördenformular oder auf schreienden Werbeplakaten für globalen Mainstream vergeblich nach jener Ästhetik sucht. Über Kultiviertheit kann man auch streiten, wenn Madame einfach Convenience Food in die Mikrowelle schiebt und während des Kochvorgangs auf ihrem Smartphone herumfingert. Aber es ist trotzdem etwas dran: Die Packung für den Schnellfraß sieht so gar nicht nach Schnellfraß aus. Da erwartet man schon eine gewisse Bildkraft in Fotos und Beschreibung. Klingt dann wie ein Gourmetmenu, gekocht von glücklichen, freilaufenden Köchen!

Rohrzucker in Deutschland: Quadratisch, praktisch, gut. In Frankreich: Frei und und einfach er selbst.
Ich bin gestern darum einmal mit offenen Augen durch einen ganz normalen Supermarkt im Kleinstädtel gelaufen und habe nach der Schönheit von Billigware gesucht - die einen in Deutschland gern mal mit einem saftigen "Ja!" einfach anschreit. Ja, auch billige Ware kann schön und ästhetisch gestaltet sein. Manche Dosen sind so schön, dass ich sie durchaus mal als Übertöpfchen für Pflanzengeschenke verwende!

Selbstgemachtes Mitbringsel: Dosen als Übertöpfchen für Ableger

Kommentare:

Jan hat gesagt…

Ich frage mich allerdings manchmal, inwieweit Frankreich (bei Ausländern) vielleicht eher doch vom Mythos "France" lebt.

Zwei alte Damen aus meinem Freundeskreis sind gerade, wie jedes Jahr, durch Süddeutschland, die Schweiz, Frankreich und Italien getourt und haben ziemlich entsetzt erzählt, daß das Essen nirgends so miserabel war wie in Frankreich.

PvC hat gesagt…

Ähm, tja, Jan ... ich kann natürlich nicht beurteilen, welchen Geschmack die Damen haben und wo sie eingekehrt sind. Tatsache ist, dass Convenience Food und Mikrowelle in Frankreich leider nicht nur im privaten Bereich um sich greifen. Ein neueres Phänomen von Armut ist, dass viele ehemals gute Restaurants kaum noch besucht werden, sich das viele Personal nicht mehr leisten können und dann auch plötzlich zu TK und Abgepacktem greifen ... man darf nicht vergessen, dass viele touristisch beliebte Gebiete etwas außerhalb eigentlich Notstandsgebiete sind, mit fürchterlich hoher Arbeitslosigkeit.

Wirklich gut kann man in Frankreich immer noch essen, aber es ist zumindest für Einheimische sehr teuer geworden! Und man muss wissen, wo ...

Außerdem ist es eine Generationenfrage wie überall. Will man tafeln wie in den pittoresken ARTE-Sendungen, muss man am besten in der tiefsten Provinz möglichst alte Leute suchen. Die Smartphone-Generation ist fest in den Händen der Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé und lernt die eigenen Traditionen und Rezepte vielleicht mal im Eco-Musée bei Animationen ;-)

Ja, auch in meiner Region ist es extrem schwer geworden, frische, regionale und gute Produkte zu kaufen. Der letzte wunderbare Traiteur musste aufgeben und arbeitet jetzt bei Cora an der Theke - mit Fertigprodukten. Die guten Restaurants sind alle nicht mehr ... die Kinder wollten nicht übernehmen oder die Kunden konnten sich das Essengehen nicht mehr leisten. Meine elsässischen Bekannten sitzen heute hochzufrieden beim Winzer in der Südpfalz und kaufen auch drüben ein. Ich kann in Deutschland beim Discounter dreimal so viel fürs Geld Lebensmittel kaufen und sie sind von besserer Qualität. Ausgenommen natürlich all das, was es wirklich nur in Frankreich gut gibt: frischen Fisch, Käse, Kaffee ...

Ja, natürlich gibt es viel Mythos dabei. Wie wohl in jedem Land?
In jenen wunderhübschen Dosen ist auch nur stinknormales Tomatenmark drin ;-)

Peter Pielmeier hat gesagt…

Noch ein kleiner Unterschied: deutsche Verpackungen lassen sich häufig an den vorgesehenen Stellen öffnen, bei französischen ist man ohne Haushaltschere verloren.

PvC hat gesagt…

Echt jetzt? Dabei haben die Franzosen doch zuerst die "ouverture facile" erfunden! Habe gerade das Beispiel vor mir: Hundefutter, gleiche Firma, zwei Nationen. Die deutsche Verpackung sieht irre "öko" aus und muss mit Papierstreifen aufgerissen werden und steht dann offen. Die französische Verpackung hat einen Klippverschluss, sieht irre edel aus und ist eigentlich noch viel reiner aus Papier als die deutsche ...
Muss ich glatt mal darauf achten, falls mir mal wieder Verpackungen unterkommen!