28. September 2013

Medikamententourismus

Gestern hörte ich unfreiwillig in der Apotheke einer verzweifelten Kundin zu. Sie hatte Angst, dass ein für sie wichtiges, lebenserhaltendes Medikament plötzlich nicht mehr zu haben sei. Verständlicherweise hätte sie am liebsten gebunkert, aber die Apothekerin erklärte ihr, es gäbe auch mit Rezept nur noch Rationen für einen Monat, streng zugeteilt. Und diesmal müsse sie den Ersatz aus Italien nehmen. Hier in Frankreich sei das Medikament gerade "en rupture", aus ... Nun ist Frankreich ja nicht gerade ein Entwicklungsland. Hier sitzen bekannte Pharmaunternehmen, Labore und Forschungsinstitute. Wie konnte das sein? Ich gestehe, ich bekam spitze Ohren und habe dann im Internet ein wenig recherchiert.

Manchmal entscheiden Pillen über Leben und Tod (Foto zeigt andere als die im Text genannten)
Es geht um das Medikament Levothyrox, künstliches Schilddrüsenhormon, verschreibungspflichtig. Man bekommt es, wenn die Schilddrüse selbst nicht genügend produziert, wenn man das Hormon TSH im Körper senken muss - oder wenn die Schilddrüse operativ entfernt wurde. Bei jener Frau war letzteres der Fall, wie sie klagte - sie ist lebenslänglich auf ihre tägliche, künstliche Dosis angewiesen, würde sonst sterben. Denn am Schilddrüsenhormon hängt der gesamte Stoffwechsel des Körpers, die Wirkungen und Nebenwirkungen sind mannigfaltig. Im Ernstfall kann man ins Koma fallen, der Körper reagiert extrem sensibel auf die kleinste Dosisveränderung. Hersteller in Frankreich ist die Firma Merck, hergestellt wird in der deutschen Fabrik in Darmstadt. Der Ersatz, den die Frau bekam, stammte von Merck Serono, Italien. Ich bin mit der Materie zu wenig vertraut, aber offensichtlich stellt derzeit nicht einmal Deutschland genug her. Auch dort finden sich im Internet zahlreiche Klagen über Lieferschwierigkeiten, selbst bei internationalen Online-Apotheken.

Die Wissenschaftszeitschrift Sciences et Avenir macht zwei Hauptgründe für die Versorgungskrise verantwortlich: Zwei Hersteller von generischen Medikamenten in Frankreich haben offenbar kurzfristig ihre Produktion eingestellt - Merck ist nun in Monopolstellung. Das ist in diesem speziellen Fall so schlecht nicht, dass ausgerechnet der Originalproduzent übrig blieb denn anders als sonst bei Generika warnten sogar Endokrinologen vor den Ersatzmedikamenten: Sie wurden nicht gleichermaßen resorbiert, der Hormonspiegel geriet durcheinander, die Wirkstoffmenge in den Tabletten war instabil, es gab üble Nebenwirkungen bei einigen Patienten. Bei einem Produkt des umstrittenen Herstellers Servier gab es 2012 sogar eine Rückrufaktion.

Der zweite Grund ist wahrscheinlich aber noch wichtiger: Der Bedarf an diesem Medikament muss so sprunghaft gestiegen sein, dass man die Engpässe nicht voraussah. Oder hat man nur geschlampert? Immerhin nehmen drei Millionen Franzosen täglich Schilddrüsenhormone ein, Levothyrox steht an sechster Stelle der meistverkauften Medikamente. Aber anders als Aspirin verschreibt kein Arzt diese Tabletten leichtfertig. Über- oder Unterdosierungen können schwerwiegende Folgen haben. Die Firma Merck verweist in einer Presseerklärung nun darauf, man sei in Lieferschwierigkeiten geraten, weil die weltweite Nachfrage enorm gestiegen sei, gleichzeitig aber weltweit Generika eingestellt worden seien. Sie waren auch in anderen Ländern umstritten gewesen. In diesem Fall ist Monopol schlecht: Der Monopolist muss schnellstens für neue Kapazitäten sorgen! Aber war das nicht vorauszusehen gewesen?

Man darf durchaus die Frage stellen: Warum funktionieren derart viele Schilddrüsen nicht mehr? So viele, dass sich ein Pharmakonzern, der in Frankreich Monopolstellung hat und in Deutschland produziert (Euthyrox), in den letzten Monaten nicht auf den Mehrbedarf hat einrichten können? Es gibt ernsthafte Warnmeldungen an die französische Bevölkerung, Verhaltensregeln und Briefe an die Apotheken, die nicht gerade Vertrauen erwecken. War es Fehlplanung? Oder wird in letzter Zeit zu schnell und zu viel operiert? Worauf ich nirgends einen Hinweis finden konnte: Steigt die Zahl der Schilddrüsenerkrankungen etwa dramatisch durch die Havarien in Atomkraftwerken der letzten Zeit? Oder war es nur der lachhafte Preis, der keinen Profit verspricht? Eine mittlere Monatsversorgung bei Totalsubstitution kostet in Frankreich etwa zwei Euro. Fragen über Fragen ... Fragen auch, inwieweit Medikamentenmissbrauch die Situation verschärft haben könnte: Viel zu viele Tabletten (allerdings auch Fälschungen) landen auf dem Schwarzmarkt, wo sich Bodybuilder und Magersüchtige bedienen.

Nun ist diese Episode, die mich nach der Angst jener Frau in der Apotheke nicht losgelassen hat, wahrlich kein Genussthema. Aber die Geschichte zeigt, wie wichtig und segensreich unsere Verknüpfungen in Europa sind. Auch wenn jede Nation im Gesundheitswesen ihre eigenen Regeln aufstellt, so ist es doch heutzutage viel schneller möglich als früher, sich unkonventionell über die Grenzen hinweg auszuhelfen. Zum Glück gibt es diesen Weg über Italien! Was würden die Betroffenen in Frankreich jetzt sonst tun? Wichtiger noch - hier handelt es sich offenbar um ein globales Problem. Die Zusammenarbeit in Europa müsste also noch enger werden, um in Zukunft zu verhindern, dass ein überlebenswichtiges Medikament - aus welchen Gründen auch immer - rationiert werden muss und täglich die Gefahr besteht, dass nicht nachgeliefert werden kann. Für viele Patienten gibt es nämlich zu Levothyrox nur eine Alternative: das Koma.