22. Juli 2013

Tziginer Sepp - ein Original

Ich bin dem Mann zum ersten Mal über den Weg gelaufen, als ich in Sachen Recherche zur Erdölgeschichte in Merkwiller-Pechelbronn unterwegs war. Mit völlig verrußtem Gesicht und schmutzstarrenden Händen schob er ein altes Fahrrad ohne Reifen neben sich her, das mit allerlei alten Decken und Reisig beladen war. Was mich jedoch eher gruselte: Der Mann trug Militärklamotten und einen Stahlhelm aus dem Weltkrieg. Spontan vermutete ich Filmaufnahmen und schaute mich nach Kameras um, aber da war kein Filmteam. Eine Frau im Laden staunte mich mit offenem Mund an: "Sie kanne nit dr Tziginer Sepp?"

Später sah ich den "Zigeuner-Sepp" noch einmal an einem Hoftor stehen und da konnte ich ihn in Ruhe anschauen, denn er schien mich gar nicht zu bemerken. Er hatte nur Augen für den Hund, der ihn offenbar schon kannte und begrüßte. Es war ein fast magischer Moment: Die Augen dieses Mannes leuchteten voller Liebe aus dem Ruß. Und auf der anderen Seite des Hoftors stand ein Schäferhund und schaute fast genauso zurück, bis der Mann mit ihm sprach, eine Kaffeetasse vom Pfeiler nahm und eintrat. Die Leute gaben dem Joseph immer etwas zu Essen und zu Trinken, manchmal kauften sie ihm einen seiner Körbe ab, die immer und in allen Größen fünf Francs kosteten. "Für den Sepp haben wir eine eigene Tasse, die gehört nur ihm", erzählte mir später jemand aus Soultz. Nun, der Sepp hatte einen mächtigen Odeur und auch schon mal Flöhe.

Der Tziginer Sepp, mit bürgerlichem Namen Joseph Haag, war ein absolutes Original im Canton Outre-Foret. Jeder kannte ihn, die Kinder waren mit seinem Anblick aufgewachsen. Inzwischen ist der Mann seit fünf Jahren tot, 85 ist er geworden, erstaunlich alt für das entbehrungsreiche Leben auf der Straße. Als er elf Jahre vor seinem Tod im Altenheim verschwand, zu krank und schwach für das Leben als Obdachloser, fehlte den Dörfern etwas, fehlte ein Stück Leben. Dabei war er so wirklich obdachlos nicht gewesen - die Gemeinde Kutzenhausen baute ihm ein Holzhüttchen auf einem Rasenplatz am Friedhof, von wo aus sein Lagerfeuer in der Nacht die vorbeikommenden Autofahrer grüßte.




Heute fand ich zufällig das Heftchen, das im Gedenken ans Dorforiginal die Freunde des "Maison Rurale" in Kutzenhausen herausgebracht haben: "Tziginer Sepp. Joseph Haag". Es ist dort im Museum und in den Tourismusbüros der Gegend zu kaufen. Einmal nicht ein Gedenken an berühmte Menschen einer Region, wie es im Vorwort heißt, sondern an einen Ausgestoßenen, einen, der nach seinen eigenen Regeln in einer eigenen Welt lebte. Aus dem vordergründig nichts geworden war, ohne dessen Leben das der anderen jedoch nicht denkbar war. Einer, der alles aushielt und durchhielt.

Für Menschen wie mich, die ich nicht mit der ganzen Geschichte des Joseph Haag von dessen Jugend an aufgewachsen bin, sondern nur die wildesten Gerüchte kenne, ist das Heftchen eine große Bereicherung, vor allem durch die vielen Fotos, die man in den Dörfern zusammengetragen hat. Und da ist er wieder, dieser Blick, den der Joseph bei jenem Hund hatte: Ein ausdrucksvolles Gesicht hat er schon in jungen Jahren gehabt, geheimnisvolle Augen, deren Geschichte man zu gern von ihnen ablesen würde.

Brutal und erschütternd das Leben, 1923 in einen deutsch-elsässischen Zigeunerclan geboren, "tsigane" ist das einzige, was man weiß, ob Roma oder Sinti oder Jenische ... niemand weiß Näheres. Nur, dass der Vater ein schwerer Alkoholiker war, gefürchtet selbst von der Familie. Und da gab es einen Totschlag an Sepps Bruder und einen schweren Unfall, bei dem der Sepp unter einen Pferdewagen gerät und seither komisch gewesen sein soll. Irgendwann, irgendwie, wird er aus dem Clan ausgestoßen, steht einsam zwischen allen Stühlen. Die Fahrenden wollen ihn nicht, die Sesshaften auch nicht. Und da reißt es nicht ab, das schwere Leben auf der Straße - im zweiten Weltkrieg wird die Familie womöglich von den Nazis deportiert und er Soldat in der französischen Armee. Das lässt ihn nie wieder los. Da muss er ein Trauma erlebt haben, das ihn ein Leben lang begleiten wird. Der Tziginer-Sepp kleidet sich fortan nur noch in Militärklamotten und ist ganz wunderlich im Kopf.

Seine Geschichte ist nicht nur eine Hommage an ein lebendiges "Denk-Mal" einer Region. Sie erzählt auch vom wechselnden Sozialverhalten ganzer Generationen: dem Ausgestoßensein der Fahrenden, der späteren vorsichtigen Akzeptanz, den Ängsten der "Normalen" und dem fast natürlichen Umgang mit Schrullen durch die Kinder und die Alten. Es ist darin auch die Rede von der Sondergeschichte des Elsass, vom Irrsinn der Nazis, die ihren neuen Gau "säubern" wollten und sich ein Programm ausdachten, um Frankreich "zu kontaminieren" mit all jenen, die sie ausstießen. Fahrende, Korbflechter, Sinti und Roma, Obdachlose ... sie alle werden aus dem Elsass nach Frankreich deportiert, weil man tatsächlich glaubte, das Nachbarland so in "Dekadenz" und Untergang treiben zu können. Doch auch beim Vichy-Regime waren sie nicht willkommen - sie wurden in Lager gesteckt. Medizinische Versuche an lebenden Menschen sind aus den elsässischen Konzentrationslagern Schirmeck und Struthof bekannt. In Frankreich - da hat sich die Regierung nach Kriegsende nicht mit Ruhm bekleckert, werden die Sinti und Roma, Jenischen und andere erst 1946 befreit!

Wie Sepp dem ganzen entkam und was er an Schrecken erlebt hat, die ihm die psychische Gesundheit kosteten, das nahm er mit ins Grab. Immer hat er nur vom Krieg geredet, vom Soldatenleben, hat wohl nie begriffen, dass der Krieg längst zu Ende war. Irgendwann wollten sie ihren Sepp dann nicht mehr gehen lassen, die gleichen Dörfler, die früher übel über ihn hergezogen waren, wollten ihn sogar sesshaft machen ... und so viele in den Dörfern haben ihn immer wieder wie selbstverständlich versorgt. Mit Essen, mit Brennholz, mit seinem geliebten Kaffee-Schnaps - und später auch mit ärztlicher Hilfe.
Eine wichtige Erinnerung in einer Zeit, in der kaum noch Platz zu sein scheint für echte Originale.

Im Outre-Foret gibt es sogar ein Lied: "De Tziginer Sepp", Wilfried Berger hat es auf Elsässisch geschrieben. Im Refrain heißt es: "S'isch e Bruder von dir / s'isch e Bruder von mir ..."

Kommentare:

Peter Pielmeier hat gesagt…

Der Artikel über den Tsiganer Sepp hat mir nicht nur gut gefallen, wie die meisten Beiträge, sondern hat mich ein wenig persönlich betroffen: als wir vor mehr als 20 Jahren ins Elsass gezogen sind, ist mir oft bei meinen Radausfügern ein "Schwarzer Mann" aufgefallen, immer mit Rad, aber selten fahrend. Er stand meist am Rand der Strasse, manchmal hat er Weiden für Körbe geschnitten. Meine Nachbarn kannten ihn aber nicht. Ich hielt ihn für einen klassischen Clochard/Landstreicher. Jetzt kenne ich die tragische Geschichte diese Mannes, bei meinem nächsten Besuch in Kutzenhausen werde ich mir das kleine Buch kaufen. Machen Sie bitte weiter so!

Andy Parson hat gesagt…

Er hiess Wowela. (Wowla)

"...jetzt war er schon wieder beim Sepp...komm mal her du Lausbub...(in der Tat) !!.. Du sollst doch nich zu im geh'n er hat doch Läuse !"

So bin ich des öfteren als 6 bis 10 jähriger zu hause bei meiner Oma in Oberdorf empfangen worden..und trotz "Drohungen" zog es mich immer wieder zum Sepp, seinem Feuer unter der grossen Linde am westlichen Dorf eingang, Feuer wovon er abends die glut zu seite schob damit der Boden ihm nachts die wäme zurück geben konnte...

Meine Oma und die ganze Nachbarschaft pflegten dies zu äussern doch waren sie um Ihn besorgt wenn er einmal einige Wochen nicht auftauchte..."Aber Sepp wo bist du den geblieben.." .An der Sauer Waschbritsche wurde tüchtig nach dem Sepp gefahndet ...mit der sauberen Wäsche kam dann auch ebenso beruhingendere Nachricht nachhause ...mann hätte ihn hier oder da mal kurz gesichtet...Ach was will er den Merkwiller oder gar bis Woerth...hier bei uns unter der Linde ist er doch besser...usw ...

Er war der Grossmütter Kind und nicht weniger ein Glied zur einer anderen Welt als die Heutige deren Wahnsin sich dort schon ahnen lies.. Im hintergrund waren sie stolz den wenigen ausserwählten Gemeinden zu gehören, die der Sepp zu besuchen pflegte Grenze die er auch extrem sellten überscritt.

Eifrig sammelte Tante Elise von Kunden ihres kleinen Bierladen hinterlassenen Zigarette Stümmel die der Tziginer bei dem nächsten besuch religiös zu einer ganzen Zigarette ausbeutete... ja die Tante Elise hat so einen manchen ihrer "Stammkunden zu einer beseren Spende bekehrt...so fiel auch eine ganze Zigarette für den Sepp ab, nach feiertagen bis zu einem P¨kchen Gauloises, ohne filtert. Für die immer gleichen Stammkunden wurde es eiegntlich zum Ritual ihre Kippen auf dem Mauer Rand wo die Garten Bank annlehnte...dieser wurde zum Altar..

Joseph Haag der "Tziginer Sepp" erwiderte mir einmal in einem puren, "Ho shukar loli mol" was in Deutsch ergibt "Was für ein schöner (guter) rot Wein !" den ich ihm von meinem Onkel aus hab' mal bringen dürfen...Ja er sprach Romannès die ware Sprache der Sinti,..was er auch vollblütig war !..

Es ist schön das sich noch leute bemühen Errinnerungen zu beleben die Ehren, einen belehren und die nostalgie einer bestimmt Edleren Zeit beleben. " Nicht was du besasst sondern wer du warst wird von dir sprechen !


Seine Körbe waren krumm, und sein Bart bekam oft soviel Wein und Schnaps als sein Gaumen. " Mutter hasch' kein Schnaps, e bissele schnaps...fier de Buch inriewe..( Mutter hast du nicht ein bischen Schnaps um den Bauch einzureiben ? " Von dem wenigen das sie hatte hat meine Oma ihm gerne gegeben .. Je nach Haus war er ein bischen mehr beschenkt worden..."Komm geh und bring dem Sepp einen bischen heissen Speck hinaus "..damit er sich mit der schwereren "Beute" ein wenig weiter von der Haustür entfernen möge... man sah ihn selten sich am Bach waschen und wenn dann ...ein Spektakel.. oder vielleicht doch vergessene Heilkunde ?

Er sass dann gerne einige Zeit im offenen Hof auf dem umgefallenen Sandstein Pfosten der einst zum Mähe klopfen diente, genoss die Gaben und sprach mit sich selbst oder manchmal auch mit General BeretKapp......nach einer oder drei Stunden verschwandt er wieder...

Er fehlt all denen die Er zusammen geflochten hat...bestimmt soviel wie die ruhigere Zeit wärend deren dies geschah..


Vielen Dank für errinnerungs arbeit um ihn zu Ehren, meiner seits und nicht weniger auch von Wowela's Enkel .
Wenn die grosse mehrheit in als Joseph Haag, Sepp oder TziginerSepp kannten,
Wowela war sein wahrer Sinti Name

Er hiess Wowela.

Gerard F. Winling

PvC hat gesagt…

Herzlichen Dank für diese Erinnerungen! Ich fühle mich dadurch richtig reich beschenkt, denn Sie erinnern sich an so viel mehr, als in dem Heft steht. Danke auch, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, auf Deutsch zu schreiben. Dass er Sinti war und Wowela hieß, das kommt in dem Heftchen nicht vor - und ist doch seine Identität.
Für mich ist diese Geschichte auch deshalb spannend, weil ich erst gegen 1990 ins Elsass kam. Möge der unvergessliche Wowela noch lange in der Erinnerung der Menschen leben!