14. Juni 2013

Russland hören

Für den heutigen Ausflugstipp ist es zwar noch etwas Zeit, aber weil der Kartenvorverkauf schon läuft und der Saal nicht allzu groß ist, sollten sich Interessenten besser frühzeitig informieren.

Baden-Baden ist nicht nur das Ziel vieler russischer Touristen, die hier der eigenen Vergangenheit auf die Spur kommen wollen - viele Russen haben die Stadt auch zu ihrem Domizil gemacht. Kein Wunder, dass auch kulturell immer wieder deutsch-russische Veranstaltungen geboten werden.

Diese Verflechtung beider Länder und der Stadt geht zurück auf das Jahr 1814, als die badische Prinzession Louise in ihrer Eigenschaft als Zarengattin die ersten Leute vom Zarenhof in Sankt Petersburg in ihre Heimatstadt lockte. Es plagte sie nämlich zunächst das Heimweh - und die Abgesandten waren erfreut über die Möglichkeiten, den badischen Hof in Karlsruhe mit seiner russischen Gesandtschaft einmal persönlich kennenzulernen. Das Haus Romanow und die Markgrafen von Baden waren in der Geschichte eng durch Freundschaft und Heirat verbunden. So eng, dass man einem Spross der Familie die Heirat nicht gestattete ... seine Geliebte war eine zu enge Blutsverwandte.


Diese Schönheit ist "schuld" daran, dass die Russen Baden-Baden entdeckten: Louise von Baden, als Elisabeth Alexejewna Zarin von Russland. (Gemälde von Elisabeth Vigée Lebrun, Wikipedia)

Bald folgten den geladenen Staatsgästen, Generälen und hohen Adligen die ersten reichen Kranken, um in Baden-Baden zu kuren. Das Ambiente, der Glamour der "Sommerresidenz Europas" und die Segnungen der Thermalquellen hatten sich in ganz Russland herumgesprochen, wo es ähnliche Einrichtungen damals noch nicht gab. Immer mehr Menschen konnten sich mit der Zeit die Reise leisten, die Erfindung der Eisenbahn rückte die Länder noch näher zusammen. Es folgten die Intellektuellen und Künstler und reiche Mäzene. In den oft von Russen erbauten Baden-Badener Villen pulsierten die bedeutendsten Salons Europas wie etwa der Salon um Viardot-Turgenew oder von Rachel von Varnhagen-Ense.

Etwa 5000 Gäste zählte die "russische Kolonie" um 1850 - das entsprach ziemlich genau der Menge der damaligen einheimischen Einwohnerschaft. Auch wenn immer wieder Stimmen laut wurden, das sei doch ein arges Ungleichgewicht, so erkannte die Stadt doch ihre Chancen. Die gesamte Ökonomie Baden-Badens wurde damals auf das Gastgewerbe umgestellt und ein Großteil der Bevölkerung in Berufen passend zum Kurort eingestellt. Jedes noch so kleine Loch wurde von Baden-Badenern an ausländische Gäste vermietet, jede noch so komische Ware teuer verkauft. Natürlich stiegen die Ansprüche der Kurenden: Man riss die Stadtmauer ab, um in der heutigen Sophienstraße komfortablere Wohnungen für die Reichen und Adligen zu schaffen. Die ersten Luxushotels entstanden ebenfalls aus dem Wunsch heraus, nicht unbedingt Normalverdiener oder gar Arme in die Stadt zu locken - man war begierig nach dem ganz großen Geld, das nicht selten im Casino verschwand.

Im 19. Jahrhundert war europäisches Geistesleben ohne die Russen nicht zu denken. Die Achse Paris - Sankt Petersburg blieb selbst noch für die Avantgarde der Jahrhundertwende danach unverzichtbar ... auch wenn Baden-Baden sich zu dieser Zeit längst isoliert hatte. Zu schwer wogen die Folgen des deutsch-französischen Krieges von 1870, die das kosmopolitische Leben in der Stadt fast zum Erliegen gebracht hatten. Doch die alten Traditionen werden langsam wiederbelebt. Auch heute weilen wieder viele russische Künstler in der Stadt, pflegen Russen und Deutsche kulturellen Austausch, sofern die Sprachkenntnisse nicht im Wege stehen. Darum ist auch die Musik so wichtig - sie spricht jenseits der Sprachen von Seele und Geist.


Ende Juni beginnt das "Zweite St. Roman Festival" in Baden-Baden - und vielleicht können sich nur wenige etwas darunter vorstellen, weil der Anlass für westliche Menschen eher kurios klingt. Jeder erinnert sich an Zar Nikolaj II., der mit seiner gesamten Familie während der Russischen Revolution ermordet wurde. Die wenigsten aber wissen, dass der letzte Romanow im Jahr 2002 von der russisch-orthodoxen Kirche als Märtyrer heilig gesprochen wurde. Und weil die russisch-deutsche Familie Romanow in diesem Jahr ihr 400stes Jubiläum gehabt hätte, bekommt der Heilige ein Festival ...

Man mag über Heilige und Selige denken, was man will ... Kirchenmusik aller Religionen ist immer auch ein Spiegel einer Kultur und der Seele von Menschen. Und sie kann Kulturen näherbringen - weswegen das Festival in Zusammenarbeit mit dem Kloster Lichtenthal und der evangelisch-lutherischen Kirche St. Johannes stattfindet ... übrigens auch für Nichtgläubige.

Öffentlich ist das Konzert des bekannten Vokalensembles Melos aus Moskau im Kassian Saal des Klosters Lichtenthal am Samstag, den 29. Juni 2013 um 19 Uhr. Es erklingen Kirchengesänge für Männerstimmen aus Russland, Georgien und Byzanz sowie gregorianische Gesänge.

Das Festival schließt mit einem russisch-orthodoxen Gottesdienst am Sonntag, den 30. Juni, um 11:30 - dessen Liturgie ebenfalls vom Vokalensemble Melos gestaltet wird. Ort: St. Johannes in Baden-Baden (Gausplatz) für die Gemeinde Christi Verklärung des Patriarchats Moskau.

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