29. Juni 2013

Diese Magie zwischen Menschen

Es gibt Tage, da beneide ich Bildende Künstler, Tänzer, Sänger und vor allem Musiker hemmungslos. Sie schaffen ein Werk, das jenseits aller Sprache direkt die Herzen der Menschen anspricht, egal, wo auf der Welt sie sich gerade befinden. Wer je auf einer Bühne stand, wird auch die Energie kennen, die fast magisch vom Künstler zum Publikum überspringt - und wieder zurück. Es ist dieser geheimnisvolle Moment, in dem man körperlich spürt, dass man sein Publikum "am Haken hat", in dem es kollektiv den Atem kurz anhält, um dann wie ein riesiges Wesen mitzugehen. Wer je im Publikum saß, wird den Zustand der Begeisterung kennen, die manchmal fast Be-Geisterung sein kann: Das lässt einen lange nicht los, man muss es herauslassen, abreagieren. Mit Freunden noch darüber reden, den Abend irgendwo nett ausklingen lassen. Seltenst sind die Momente, wo diese Magie zwischen Künstlern und Publikum plötzlich im Kreis tanzen kann ... (Was nun folgt, klingt nur zunächst wie eine normale Konzertkritik!)

Gestern war wieder so ein Abend. Ein Konzert mit russischer und europäischer Zigeunermusik der Klassiker im Baden-Badener Palais Biron - die Deutsch-Russische Kulturgesellschaft hatte wieder einmal zu ihrem Musikalischen Salon geladen. Die Musiker, die die Sopranistin Yaroslavna Golovanova wie immer zu diesem Ereignis zusammengetrommelt hatte, rissen die Zuhörer zu stehendem Applaus und Bravorufen hin: Da waren der Tenor Bernhard Gärtner, der bereits an vielen internationalen Opernhäusern gesungen hat und an der Staatlichen Hochschule für Musik in Stuttgart unterrichtet - der erste Konzertmeister der Philharmonie Baden-Baden, Yasushi Ideue, der mit seiner Virtuosität auf der Violine wie mit seinem Charme gleichermaßen bezauberte - und der Komponist und Pianist Sergei Dreznin, den man vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Gidon Kremer kennt, aber auch von seinen weltweit erfolgreichen Musicals wie dem mehrfach preisgekrönten Stück "Katharina die Große". Man muss sich das vorstellen: Er hat vor Tausenden in New York seine "Circus Fantasy" aufgeführt und dort mit weltweitem Presseecho sein "Whom the Bell Tolls: In Memoriam September 11" dirigiert. Er schrieb zahlreiche Filmmusiken wie zu Ari Taub's Weltkriegsdrama "The Fallen" und arbeitete am Theater mit Größen wie George Tabori. Und dann "verließ" er die Bühne auf eine Art, die wohl keiner erwartet hätte ... aber ich will nicht vorgreifen.

Dreznin und Golovanova beim Konzert im Palais Biron
 Der Zauber des Abends begann mit dem Ausklang, russischen Zigeunerromanzen. Schwierig, da die Beine stillzuhalten. Und als Yaroslavna Golovanova und Bernhard Gärtner als Zugabe zu Geige und Klavier das berühmte "Очи чёрные" (Otschi tschornyje, Schwarze Augen) in russischer und deutscher Sprache sangen, mussten sie das Publikum nicht groß bitten, mitzusingen - die Herzen flogen den Musikern zu, jenseits aller Sprachen.



Wohin mit so viel Freude und Lebenslust? Reicht da wirklich das Gespräch unter Freunden, das Glas Sekt am Buffet? Es geschah völlig unvermutet und spontan. Da stand in der Vorhalle des Palais in einer Ecke ein Klavier. Der Konzertflügel im leeren Saal war verwaist. Und es setzt sich der weltbekannte Pianist Sergei Dreznin ganz unauffällig ans Klavier zwischen die essenden, trinkenden und erzählenden Gäste, mitten unter das Publikum, das vom Konzert noch ganz beseelt ist. Er spielt und manchmal summen ein paar Menschen mit, ein paar wiegen sich im Takt. Der Funke, der vor einiger Zeit von der Bühne übergesprungen ist, ist noch da, er fängt ihn auf, verwebt diese Energien in seiner Musik. Russische Romanzen, Czardas ... die Leute haben sich zwar für diesen Abend in Schale geworfen, aber sie brechen aus ihren Schalen aus. Eine Russin fängt an zu tanzen und sie macht es hinreißend. Lebensfreude gerät in die sonst so seriös glatten Gesichter, manchen zuckt es in den Beinen, manche fangen an zu singen.

Das Völkchen ist bunt an diesem Abend im Publikum, so viele Berufe, so viele Sprachen ... und nun kommt zufällig ein Choreograf und Balletttänzer hinzu, die beiden improvisieren hinreißend einen Pas de Deux. Immer mehr holt er aus dem Publikum zum Tanz, der Pianist geht mit ... oder gehen nicht eher die Leute mit seiner Musik mit? Da gibt es kein Halten, irgendwann tanze auch ich so etwas wie einen schon gestorbenen Schwan, weil da nur noch Musik ist und diese Menschenenergie. Die bringt die Männer und Frauen in einen Kreis, längst hat man vergessen, aus welchem Land der andere kommt und welche Sprache man sprechen müsste ... Deutsch und Russisch erklingen an diesem Abend, aber auch Englisch, Französisch, Italienisch ... Wehmütige Klänge neben Lebenslust, Pianissimo und Tanzeslust ... und es werden Beine geworfen und Hüften wiegen sich.

Da ist ein Lächeln und Lachen, kaum jemand, der noch nicht mitgemacht hat - wer nicht tanzt, der singt oder summt. Irgendwann steht ein Mann aus dem Publikum neben dem Klavier und singt erstaunlich professionell und stimmmächtig, er kommt aus Moskau und ist morgen schon wieder in Moskau, sagt er, und ja, dort singe er in einem Folklorechor. Er spricht kein Wort Deutsch, sein deutscher Gegenüber kein Russisch, aber längst versteht man sich auch ohne große Worte. Die Leute sind so begeistert, dass auch Yaroslavna Golovanova noch einmal eine ganz private Einlage gibt - trotz der stimmlichen Hochleistung, die das Konzert schon von ihr verlangt hat. Sergei Dreznin, der Vollblutmusiker, hat erstaunlich lange durchgehalten. Und selten habe ich einen weltbekannten Solopianisten erlebt, der sich derart unkonventionell unter sein Publikum mischt.

Die Kamera versagt, als die Menschen miteinander tanzen. Oder zeigt sie die Energie?
Es war ein unvergesslicher Abend. An dem wohl viele das Mysterium gespürt haben, dass Musik beseelt, dass Kunst Menschen vereinen und verändern kann. Dass Kunst das Leben reicher macht und weiter. Leute, die sich beim Eintritt ins Palais völlig fremd waren, verabschieden sich herzlich voneinander ... so mancher meint, wir müssten doch einmal ein deutsch-russisches Fest miteinander feiern. Schließlich ein erlösender Moment am Auto ... die Highheels von den Füßen streifen, die schmerzenden Ballen etwas kneten und hinein in Mokassins; irgendwie merkt man nicht, wenn man sich die Füße zertanzt. Im Auto dann geht es uns einfach nicht aus dem Kopf ... dieses Otschi tscharnyje ... es wird bis nach Frankreich hinein gesummt.

14. Juni 2013

Russland hören

Für den heutigen Ausflugstipp ist es zwar noch etwas Zeit, aber weil der Kartenvorverkauf schon läuft und der Saal nicht allzu groß ist, sollten sich Interessenten besser frühzeitig informieren.

Baden-Baden ist nicht nur das Ziel vieler russischer Touristen, die hier der eigenen Vergangenheit auf die Spur kommen wollen - viele Russen haben die Stadt auch zu ihrem Domizil gemacht. Kein Wunder, dass auch kulturell immer wieder deutsch-russische Veranstaltungen geboten werden.

Diese Verflechtung beider Länder und der Stadt geht zurück auf das Jahr 1814, als die badische Prinzession Louise in ihrer Eigenschaft als Zarengattin die ersten Leute vom Zarenhof in Sankt Petersburg in ihre Heimatstadt lockte. Es plagte sie nämlich zunächst das Heimweh - und die Abgesandten waren erfreut über die Möglichkeiten, den badischen Hof in Karlsruhe mit seiner russischen Gesandtschaft einmal persönlich kennenzulernen. Das Haus Romanow und die Markgrafen von Baden waren in der Geschichte eng durch Freundschaft und Heirat verbunden. So eng, dass man einem Spross der Familie die Heirat nicht gestattete ... seine Geliebte war eine zu enge Blutsverwandte.


Diese Schönheit ist "schuld" daran, dass die Russen Baden-Baden entdeckten: Louise von Baden, als Elisabeth Alexejewna Zarin von Russland. (Gemälde von Elisabeth Vigée Lebrun, Wikipedia)

Bald folgten den geladenen Staatsgästen, Generälen und hohen Adligen die ersten reichen Kranken, um in Baden-Baden zu kuren. Das Ambiente, der Glamour der "Sommerresidenz Europas" und die Segnungen der Thermalquellen hatten sich in ganz Russland herumgesprochen, wo es ähnliche Einrichtungen damals noch nicht gab. Immer mehr Menschen konnten sich mit der Zeit die Reise leisten, die Erfindung der Eisenbahn rückte die Länder noch näher zusammen. Es folgten die Intellektuellen und Künstler und reiche Mäzene. In den oft von Russen erbauten Baden-Badener Villen pulsierten die bedeutendsten Salons Europas wie etwa der Salon um Viardot-Turgenew oder von Rachel von Varnhagen-Ense.

Etwa 5000 Gäste zählte die "russische Kolonie" um 1850 - das entsprach ziemlich genau der Menge der damaligen einheimischen Einwohnerschaft. Auch wenn immer wieder Stimmen laut wurden, das sei doch ein arges Ungleichgewicht, so erkannte die Stadt doch ihre Chancen. Die gesamte Ökonomie Baden-Badens wurde damals auf das Gastgewerbe umgestellt und ein Großteil der Bevölkerung in Berufen passend zum Kurort eingestellt. Jedes noch so kleine Loch wurde von Baden-Badenern an ausländische Gäste vermietet, jede noch so komische Ware teuer verkauft. Natürlich stiegen die Ansprüche der Kurenden: Man riss die Stadtmauer ab, um in der heutigen Sophienstraße komfortablere Wohnungen für die Reichen und Adligen zu schaffen. Die ersten Luxushotels entstanden ebenfalls aus dem Wunsch heraus, nicht unbedingt Normalverdiener oder gar Arme in die Stadt zu locken - man war begierig nach dem ganz großen Geld, das nicht selten im Casino verschwand.

Im 19. Jahrhundert war europäisches Geistesleben ohne die Russen nicht zu denken. Die Achse Paris - Sankt Petersburg blieb selbst noch für die Avantgarde der Jahrhundertwende danach unverzichtbar ... auch wenn Baden-Baden sich zu dieser Zeit längst isoliert hatte. Zu schwer wogen die Folgen des deutsch-französischen Krieges von 1870, die das kosmopolitische Leben in der Stadt fast zum Erliegen gebracht hatten. Doch die alten Traditionen werden langsam wiederbelebt. Auch heute weilen wieder viele russische Künstler in der Stadt, pflegen Russen und Deutsche kulturellen Austausch, sofern die Sprachkenntnisse nicht im Wege stehen. Darum ist auch die Musik so wichtig - sie spricht jenseits der Sprachen von Seele und Geist.


Ende Juni beginnt das "Zweite St. Roman Festival" in Baden-Baden - und vielleicht können sich nur wenige etwas darunter vorstellen, weil der Anlass für westliche Menschen eher kurios klingt. Jeder erinnert sich an Zar Nikolaj II., der mit seiner gesamten Familie während der Russischen Revolution ermordet wurde. Die wenigsten aber wissen, dass der letzte Romanow im Jahr 2002 von der russisch-orthodoxen Kirche als Märtyrer heilig gesprochen wurde. Und weil die russisch-deutsche Familie Romanow in diesem Jahr ihr 400stes Jubiläum gehabt hätte, bekommt der Heilige ein Festival ...

Man mag über Heilige und Selige denken, was man will ... Kirchenmusik aller Religionen ist immer auch ein Spiegel einer Kultur und der Seele von Menschen. Und sie kann Kulturen näherbringen - weswegen das Festival in Zusammenarbeit mit dem Kloster Lichtenthal und der evangelisch-lutherischen Kirche St. Johannes stattfindet ... übrigens auch für Nichtgläubige.

Öffentlich ist das Konzert des bekannten Vokalensembles Melos aus Moskau im Kassian Saal des Klosters Lichtenthal am Samstag, den 29. Juni 2013 um 19 Uhr. Es erklingen Kirchengesänge für Männerstimmen aus Russland, Georgien und Byzanz sowie gregorianische Gesänge.

Das Festival schließt mit einem russisch-orthodoxen Gottesdienst am Sonntag, den 30. Juni, um 11:30 - dessen Liturgie ebenfalls vom Vokalensemble Melos gestaltet wird. Ort: St. Johannes in Baden-Baden (Gausplatz) für die Gemeinde Christi Verklärung des Patriarchats Moskau.

7. Juni 2013

Rosenrote Rosenzeit

Endlich ... mit zwei bis drei Wochen Verspätung fangen die Rosen an zu blühen! Grund genug, sich bei einer Fahrt durchs Elsass Hausmauern und Bauerngärten ein wenig näher anzuschauen, vielleicht das Rosarium in Saverne zu besuchen oder einen der vielen Schaugärten.
In meinem Garten habe ich die fast schwarz-rote englische Tradescant von Austin abgelichtet und die historische bonbonrosa Louise Odier. Wie die meisten alten und englischen Sorten duften beide betörend und eignen sich besonders zum Trocknen für weitere Zubereitungen wie z.B. Rosensalz.

Übrigens bin ich dabei, "Das Buch der Rose" als E-Book vorzubereiten. Leider ist der Band aufgrund eines Verlagsverkaufs nur noch antiquarisch erhältlich - es wird also Zeit, diese Kulturgeschichte der Rose, die so viel über die Menschen preisgibt, noch im Sommer neu aufzulegen.