4. Mai 2013

Heilige und unheilige Feiertage

Trotz des Dauerregens der letzten Tage werden im Elsass teilweise schon die Flaggen für den nächsten Feiertag herausgehängt: die französische und die Europaflagge. Und immer wieder fragen Touristen: Was wird denn da gefeiert?
In vielen Ländern Europas außer in Deutschland feiert man am 8. Mai das Ende des Zweiten Weltkriegs, das Ende der Schreckensherrschaft der Nazis, das Ende der Besatzung. Stand in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg noch der eigene Sieg im Vordergrund, so dient der Tag neben den Ehrungen der Gefallenen und Vermissten inzwischen eher dem Gedenken, dass endlich Schluss war mit der brutalen Barbarei - und dass wir alles daran setzen müssen, dass so etwas nie wieder geschieht. Ein Anlass, an dem inzwischen auch deutsche Staatsgäste teilnehmen, schließlich geht es für uns um die Befreiung.



Also vormerken: Am nächsten Mittwoch, den 8. Mai, einem weltlichen Feiertag, sind die Läden in Frankreich geschlossen und diejenigen auf der deutschen Seite womöglich überfüllt. Denn an solchen Tagen hat längst der Kapitalismus das hehre Gedenken verdrängt: Man geht auf der anderen Seite des Rheins shoppen und essen. Am Donnerstag könnte sich die Sache dann umkehren!

Denn der 9. Mai ist Christi Himmelfahrt, eigentlich ein Feiertag. Viele Einzelhändler und Supermärkte wollen sich jedoch das Geschäft nicht entgehen lassen und öffnen ausnahmsweise am Donnerstag. Vielleicht deshalb, weil der sonst starke Mittwoch ausfällt. Da ist nämlich in den meisten Schulen im Elsass keine Schule - mittwochs kaufen vorwiegend Mütter mit Kindern ein, die Läden sind voll. Und weil das liebe Geld über jeden Feiertag dieser Welt erhaben ist, ob heilig oder unheilig: Die Preise an der Tankstelle sind selbstverständlich schon heute leicht gestiegen. Das machen sie immer vor Ferien, Feiertagen und langen Brückenwochenenden.

Ein Ausflug lohnt sich aber nicht nur für Menschen, die sich in geschlossenen Supermärkten aufhalten wollen. Trotz oder gerade wegen der für den Boden notwendigen Regenfälle blühen im ganzen Elsass die Streuobstwiesen zum Maiengrün der Wälder, auch die Wiesen stehen schon recht hoch. Ein Paradiesgarten in der Hügellandschaft! Leider war es zu kalt für Bienenflug, so dass viele Bauern sich bereits Sorgen um die Ernte von Kirschen, Zwetschgen und Mirabellen machen. Viel zu schnell verblüht alles wieder - bei Äpfeln und Birnen hoffen wir auf nächste Woche. Ab morgen soll es richtig "dämpfig" werden, feucht, aber wärmer. Ganz im Norden, rund um Wissembourg, erreicht das Thermometer dann auch am Berg zweistellige Ziffern mit einer 2 vorn: 22 Grad am Mittwoch, am Donnerstag leichter Regen bei 18 Grad und dann wieder um die 20 Grad. Die aktuellen Werte gibt's hier.

Und auch wenn ein deutscher Radiosender vorschnell das Ende der Eisheiligen gefeiert hat - die haben wir beidseitig noch vor uns. Die "kalte Sophie", der Endpunkt der wenigen berühmten Kältetage, steht im deutschen Heiligenkalender am 15. Mai an. Nach dem französischen wird sie erst am 25. Mai gefeiert. Kein Wunder, dass das Wetter so spinnt, wenn schon die dafür zuständigen Heiligen sich nicht einigen können. Wie gut nur, dass wir immer im rechten Augenblick über die Grenze wechseln können!

Kommentare:

Lydia hat gesagt…

Über die transkulturelle Feiertagsproblematik bin ich gerade heute auch gestolpert. Von meiner griechischen Obst- und Gemüsehändlerin erfuhr ich nämlich, dass sie morgen Ostern feiern. Zusammen mit einer Russin, die im Laden neben mir stand, rätselten wir, wieso die Abweichung bei Weihnachten nur 13 Tage beträgt, bei Ostern aber mehr als fünf Wochen.

Daheim warf ich die Suchmaschine an und stieß auf die Mysterien des Computus - der Osterrechnung. Da kann Ostern mal vor, mal nach Pessach liegen, die Feier von Ost- und Westkirche zusammenfallen oder bis zu fünf Wochen voneinander abweichen. Von Osterzyklus ist da die Rede, von alexandrinischer Osterrechnung und Gaußscher Osterformel, alles dermaßen kompliziert, dass einem nur so der Kopf schwirrt. Wenn ich mir vorstelle, dass die Wikipedia-Einträge zu Osterdatum und Computus Satiren sind, werd ich ganz neidisch - ach, warum ist mir das nicht eingefallen? Aber ich habe den Verdacht, das meinen die alles ernst.

Das erinnert mich an dieses Buch von Wilhelm Pötters, in dem er Petrarcas Canzoniere von vorne bis hinten und hinten nach vorne analysiert (linguistisch und mathematisch!) und am Schluss rauskriegt: 3,1416464. Will heißen: Die in den Gedichten besungene Laura ist nichts anderes als Pi.

PvC hat gesagt…

Ui, die Weltverschwörung des pi ;-)
Du bringst mich gerade drauf, dass ich vergessen habe, über das russische Ostern zu schreiben, dabei hatte ich mir den 5.Mai extra notiert.

Da hatte ich in meinem Erstling eine schöne Geschichte. Die heilige Odilia feierte wie die irischen Christen auch, das Osterfest noch nach Vollmondrechnung an alter heidnischer Stelle. Das ging natürlich gar nicht, weil man unmöglich daran erinnert werden wollte, dass der olle altgriechische Adonis mal als Gott geopfert wurde, die Frauen zu diesem Anlass "Adonisgärtchen" in Form kleiner Nester anfertigten und auch sonst die Bräuche schrecklich ähnlich wirkten.

Also haben die Franken alles daran getan, auch in ihren Klöstern das Osterfest zu verschieben. Alles, bloß nicht mehr zu Vollmond!

Wie leicht es ist, uralte Bräuche wegbefehlen zu wollen, sieht man noch heute. Odilienwasser wird zum Frühlingsvollmond gesammelt, dem Oster-Mond-Tag. Und in Polen säen die Kinder kleine Nester aus Weizenkörnern, die sie in der Kirche segnen lassen. Haargenau so, wie die kleinen Griechen damals für Adonis ...

PvC hat gesagt…

Adonis ist übrigens auch auferstanden ... habe ich vergessen zu erwähnen.