17. April 2013

Leben mit einem Buch

Nun ist das erste Vorabexemplar von "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" auch bei mir in Frankreich gelandet.

Zur Leseprobe bei Suhrkamp gehen
Das Taschenbuch, das bei Suhrkamp-Insel erschienen ist, kann natürlich mit der alten luxuriösen Hardcover-Ausgabe des Hanser-Verlags im farbigen Schuber äußerlich nicht mithalten, aber es hat dafür neue Farbfotos im Innenteil bekommen. Vor allem aber habe ich den Inhalt aktualisiert und auch einen Fehler im Rezept für die "Schwimmende Insel" behoben - den bei der alten Auflage übrigens niemand bemerkt hatte. Die Insel schwimmt nun leichter! Für diejenigen, die das Hardcover besitzen, werde ich diese Änderung noch hier im Blog bekanntgeben.

Natürlich wird das Buch auch in einer E-Book-Ausgabe (Kindle und Epub) zu haben sein, die wird aber noch ein kleines Weilchen brauchen, denn ich gebe sie selbst heraus. Für die Leserinnen und Leser aller Ausgaben wird dieses Blog hier künftig einen speziellen Service bieten: Links aus dem Buch werden aktuell gehalten und neue Tipps ergänzt - außerdem erzähle ich allerlei Grenzgängergeschichten, wie sie im Buch nicht vorkommen. Und auch so viel sei verraten: Es wird nicht bei diesem einen Genussbuch bleiben!


Wer das literarische Reisebuch kennt, das einen bereits im eigenen Lesesessel mit auf Reisen nimmt, der wird vielleicht die Tatsache zu schätzen wissen, dass profundere Tipps jenseits von Restaurantnamen und Hotelbewertungen recht langsam altern. Trotzdem habe ich meinen "Urtext", der im Jahr 2004 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, natürlich noch einmal gründlich unter die Lupe nehmen müssen! Kann ein solches Buch überhaupt noch aktuell sein? Würde es sich nicht wie eine historische Erzählung lesen? Ist das Elsass, das ich zu jener Zeit erlebt habe, wirklich noch so zu finden?

Ich selbst war überrascht. Natürlich sind ein Naturpark oder ein Reservat auf Dauer angelegt, setzen Häuser allenfalls Patina an. Auch wenn man heute mit anderen Autos zum Donon oder zum Odilienberg fährt und Handys selbst die Berggipfel erobert haben - so hat sich doch am Zauber jener besonderen Orte nicht viel verändert. Immer noch kann man außerhalb der Saison oder unter der Woche einsame Stellen in den Wäldern dort finden. Die Winzer haben inzwischen teils abenteuerliche Experimente hinter sich, ihre Trauben zu Geld zu machen - aber auch die Weinkultur ist nicht totzukriegen, Geschmack will nach wie vor gelernt sein und jeder Jahrgang birgt seine eigenen Überraschungen. Viel Infrastruktur ist dazugekommen, es gibt mehr Infos im Internet, aber nicht zwingend mehr Links. Leider sind immer noch viele touristische Seiten ganz jämmerlich übersetzt, wenn überhaupt. Als professionelle Übersetzerin bekomme ich das Heulen, wie viele Chancen man auf diesem Sektor vertut, auch in der Gastronomie. Schließlich ist so ein Text das Aushängeschild über alle Grenzen hinweg ... oder eben auch nicht.

Mit den Aushängeschildern ist das so eine Sache. Zum Glück hatte ich mir Hinweise auf Restaurants und Hotels verkniffen ... kaum eines wäre wiederzuerkennen. Solche aktuellen Daten und Bewertungen holt man heutzutage lieber aus dem Internet, nicht aus gedruckten Büchern. Da geht der Sternehotelier ins Ausland oder der Spitzenkoch kündigt, da werden im ehemals traditionellen Spezialitätenrestaurant plötzlich Ingredienzien aus dem Reagenzglas serviert oder auf japanisches Zen gemacht. Konnte meinem Buch nicht passieren. Trotzdem musste ich einen Ausflugstipp entfernen; nicht den Park, aber den Ort, wo ich damals noch echt englische Tea-Time feierte ... das Etablissement ist nun in Privatbesitz, man bäckt Flammkuchen - und der Rest hat mit dem, was ich einst beschrieb, nicht mehr viel zu tun.

Andere Dinge haben sich inzwischen herumgesprochen. War es beim Schreiben noch ein Geheimtipp zu wissen, dass in den Gewölbekellern des Straßburger Krankenhauses die ältesten nur denkbaren Fässer lagern (inklusive einer Originalabfüllung von 1472), so kann man heute durchaus schon einmal in elsässischen Supermärkten auf die Spitzenweine mit dem Label "Vin des Hospices civils de Strasbourg" stoßen. Drum ist auch mein Spaziergang um die innen topmoderne Klinik herum auf den Spuren der alten Bäckerei und Apotheke aus dem 16. Jahrhundert und dem Krankenhausturm aus dem 13. Jahrhundert noch so lange up-to-date, wie diese Relikte stehen werden.

In Pechelbronn sind ein neuer Schlossbesitzer und ein Erdöl-Denkmal hinzugekommen, während das Erdölmuseum immer noch so heimelig verwunschen wirkt wie vor vielen Jahren. Solche Kontinuität mag man idyllisch finden oder mit modernen Augen betrachten: Der französische Staat war einfach trotz aller Versuche der Beteiligten nicht bereit, zu investieren. Anderswo haben Europaprojekte dagegen ganze Regionen aufgewertet und in den Blickpunkt gerückt. Ehemals rückständige Gebiete konnten dank des Tourismus die Auswanderungswellen stoppen. Grenzüberschreitend hat sich viel getan, so erzählt nun auch der Grenzgängerweg zwischen dem Nordelsass und der Pfalz Geschichten - ein Projekt, an dem ich als Texterin und Übersetzerin habe mitwirken können.

Ich selbst liebe dieses Buch - und das kann ich nicht von allen meinen Büchern so frei sagen. Es hat mich über lange Jahre begleitet, ohne jemals langweilig zu werden. Jahre vor dem Schreiben spielten die menschlichen Begegnungen eine große Rolle, die Männer und Frauen, die mir ihr Land im Kopf und auf der Zunge näher brachten. Und dann hat das Buch mit meinen Auftritten und Lesungen ein Eigenleben entwickelt - wieder traf ich auf interessante Menschen und Geschichten, diesmal auf der anderen Seite des Rheins, inzwischen auch in einer dritten Kultur, so dass sich nun Frankreich, Deutschland und Russland die Hand reichen. Schriftstellerisch gesehen hatte ich mit dem Elsassbuch auch endlich meinen Weg gefunden.

Das alles ist nicht ohne Folgen geblieben. Die Grenzgängerei ist eine meiner Leidenschaften. Land und Leute außerdem unter diesem Aspekt des Entdeckens und Genießens zu betrachten, treibt mit nach wie vor um. Und bevor das nächste Buch erscheinen wird, werde ich dies hier im Blog mit Ihnen ausleben, liebe Leserinnen und Leser! Ich werde aus meinem Grenzgängerleben erzählen, mir ab und zu in den Kochtopf schauen lassen und den ein oder anderen ganz aktuellen oder modernen Ausflugstipp geben. Vor allem aber können wir hier durch die Kommentarfunktion auch in Dialog treten. Ich freue mich darauf!

Kommentare:

Lydia hat gesagt…

Habe gerade eine Mail an die Buchhandlung meines Vertrauens geschickt und ein Exemplar bestellt :-) Obwohl ich gerade erst einen Riesenstapel Bücher aussortieren musste, um die Neuzugänge des letzten Jahrs unterzubringen. Obwohl ich für die nächsten Wochen stapelweise Pflichlektüre daliegen habe. Aber ich bin total gespannt!

Dass in der Tourismusbranche Übersetzungen nicht sehr hoch im Kurs zu stehen scheinen, ist mir auch in der Pfalz immer wieder aufgefallen. Immer dann, wenn wir nicht-deutschsprachigen Besuch hatten. Irgendwelche Prospekte auf englisch oder gar französisch? Fehlanzeige! Ganz zu schweigen von fremdsprachigen Führungen. Da gibt es sicher noch Potenzial ...

PvC hat gesagt…

Lydia,
das freut mich, wenn mein Buch sogar zwischen Berufsstapel findet, es macht sich auch ganz brav dünn! ;-)

Ich kann das mit den Übersetzungen laut sagen, weil die Unbelehrbaren eh nie Kunden werden ... meinen persönlichen Erfahrungen nach liegt es an mehreren Faktoren:

1. Man geht davon aus, dass in Grenzregionen und dreisprachigen Gebieten doch eh jeder alles versteht oder irgend jemanden zum Übersetzen bei der Hand hat. Wozu sich also die Arbeit machen. Das zeugt auch von einer Unkenntnis der eigenen Kunden, die durchaus aus Hamburg oder Paris oder nicht von der Universität kommen könnten.

2. Trotz oder wegen der deutsch-französischen Freundschaft unterschätzt man radikal, wie viele Menschen NICHT die Sprache des anderen sprechen und auch nicht wirklich Ahnung von dessen Leben und Kultur haben. (Die Postkartenklischees blühen da auf beiden Seiten). Wie vielen Leuten habe ich schon die ARTE-Sendung "Karambolage" empfohlen!

3. Gute Übersetzungen kosten Geld??! Igitt aber auch! Gerade in diesem Sektor springen die Leute genau in dem Moment ab, in dem man den Kostenvoranschlag oder eine Honorarliste schickt. FALLS so ein Kunde überhaupt je noch einmal antwortet, dann so:
"Sie schwätze doch dr ganze Dag mehrsprochig, dofir wolle se noch bezahlt werre?"
"Unsere Sekretärin redet öfter mit Elsässern, die kann das nebenher übersetzen. Warum sollen wir externe Kräfte bezahlen."
"Bis jetzt hat sich noch niemand über unsere Texte beschwert, also sind sie verständlich und gut."

4. Das alte Problem der Übersetzerzunft: Laien können nicht beurteilen, dass eine gute Übersetzung weit mehr ist als nur das reine Übertragen von Wörtern. Ihnen die Kunst zu erklären, dass man manchmal "nachdichten" muss, dass Übersetzer in der Zielsprache sehr begabt sein müssen, ist ungeheuer schwer.
Aber selbst bei Übersetzern hakt es in diesem Verständnis. Ich hatte kürzlich eine nette Diskussion mit einer Kollegin, warum man "Spätzle" nicht mit "typisch deutsche Nudeln" übersetzen kann. ;-)

5. Die meisten Menschen wissen oder akzeptieren nicht, dass professionelle Übersetzer grundsätzlich nur in die eigene Muttersprache hinein übertragen. Wenn ich das laut sage, werde ich manchmal behandelt, als wolle ich mich vor der Arbeit drücken. Nicht ganz so professionelle Übersetzer sehen das nicht so eng, verkaufen sich dann auch zu Dumpingpreisen und bekommen den Zuschlag. Darum klingen dann manche deutschen Texte rückwärts und die französischen nach Google ;-)

Das Potential für solche Übersetzungen WÄRE ungeheuer groß. Noch schlimmer: Es gibt sogar die Möglichkeit, gewisse Projekte von der EU gefördert zu bekommen, etwa, wenn man das im Rahmen von regionaler Entwicklung oder Kulturprojekten macht, oder im Bereich sanfter Tourismus. Aber selbst da, wo quasi der Steuerzahler beider Länder ein Projekt subventioniert, setzt man gern alles daran, ausgerechnet an den Übersetzungen zu sparen, obwohl man die in dem Fall ja gar nicht selbst bezahlt.

Nun ja ... ich erhole mich von so etwas, indem ich ab und zu für Verlage Bücher übersetze. Das spricht, glaube ich, Bände ;-)

PvC hat gesagt…

Schande, wenn ich da oben mal wieder Präpositionsfehler gemacht habe ... ein typisches Zeichen dafür, dass ich im Moment nach einer Pause noch nicht wirklich im Deutschen angekommen bin und mich nicht richtig konzentriere ...

Daniela hat gesagt…

Lach, ja das Problem mit dem mangelnden Infomaterial kenne ich auch. Ich wollte mal Sachen über den Kaiserstuhl auf englisch für eine Freundin in den USA. Es gab ein schlecht kopiertes, schlecht übersetztes Zettelchen auf englisch. Alle Hochglanzbroschüren waren nur auf deutsch vorhanden.

Als Grenzgängerin, die im SuperU mehr schlecht als recht französisch radebrecht, kann ich bestätigen, dass das Postkartenklischee eindeutig falsch ist. Ich sehe es auch fast jeden Tag auf der deutschen Seite im Supermarkt, wo dann teilweise mit Händen und Füßen kommuniziert wird.

Wobei ich sagen muss, dass ich manche Elsässer besser verstehe, wenn sie französisch reden, als wenn sie elsässisch schwätzen.

'Spätzle' als 'typische deutsche Nudeln'??? Okay. Aber Herrgottsbescheißerle aka Maultaschen werden auch oft mit 'ravioli' ins Englische übersetzt. Ähm, naja, so ungefähr. Manche Sachen lassen sich leider nicht so leicht von einer Sprache in die andere übertragen.

Die Übersetzerproblematik kenne ich auch. Sogar bei wirklich wichtigen Dokumenten wie Angeboten oder Kaufverträgen muss der Assitent mit seinen fünf Jahren Schulenglisch ran. Oder die Putzfrau (den Fall hat mal ein Kollege erzählt). Und dann vom Deutschen ins Englische. Da schüttelt es mich jedes Mal und ich frag mich, warum ich drei Jahre lang Wirschaftenglisch und interkulturele Kommunikation studiert habe.

Aber ich hab das sogar bei einer international tätigen Hotelkette erlebt, dass dort die Broschüren über das Hotel eine Katastrophe waren. Der deutsche Text war okay, der englische Text klang nicht einmal deutsch. Teilweise hat er gar keinen Sinn ergeben. Mein amerikanischer Kollege konnte damit nichts anfangen. Ich hab die Firmenleitung auch drauf hingewiesen, aber da kam keine Reaktion.

Ich hab auch schon Kunden bei manchen Sachen drauf hingewiesen, dass da ein Übersetzer mit Rechtsfachwissen aus dem jeweiligen Land ran muss, einfach um auf Nummer sicher zu gehen.

Ich schreib dann jetzt mal meine Story weiter ;-) - auf englisch, damit ich sie dann hinterher ins deutsche übersetzen kann :-D.

Lydia hat gesagt…

Auf den Gedanken, dass in Grenzregionen alle sowieso auch die Nachbarsprache beherrschen, wär ich jetzt echt nicht gekommen. Ich dachte immer, das sei schlichte Gedankenlosigkeit. Aber wie auch immer - es ist mehr als kurzsichtig. Dass man mit einem breiteren fremdsprachigen Angebot auch Touristen anlocken könnte, die im Moment die Region noch gar nicht wahrnehmen, sieht man offenbar gar nicht. Schade.

Woran es liegt, dass Arbeiten im Bereich Wort so schlecht bezahlt sind, habe ich mich schon oft gefragt. Ob es nicht auch mit an uns selber liegt, weil wir nicht klar genug vermitteln, wie essentiell Sprache, Texte, Kommunikation ist. Ob es wirklich so ist, dass Frauen oft in Bereichen arbeiten, die schlecht bezahlt sind, oder ob es nicht umgekehrt ist: In diesen Bereichen ist die Bezahlung so schlecht, weil wir Frauen so wenig fordern?

Spätzle als "typisch deutsche Nudeln", der Kollegin hätte meine Großmutter aber was erzählt. Dass früher keine junge Frau heiraten durfte, bevor sie einen Nudelteig auswellen konnte, so dünn dass man die Zeitung hindurch lesen konnte, aber ohne Risse und Löcher. Spätzle hat meine Oma immer durch den Trichter ins nicht ganz siedende Wasser plumpsen lassen.

Aber "Spätzle" übersetzen, das ist wirklich eine Herausforderung. Schon allein die Bedeutung, ganz abgesehen vom Klang, von der schwäbischen Endung, die dem Wort dieses Anheimelnde, Gemütliche verleiht, und von dem Chor an Konnotationen und Assoziationen, die da sonst noch mitschwingen. Und was für eine Nudel ist dann die Dampfnudel, frag ich mich immer ...

Das erinnert mich an einen Post der Literaturübersetzerin Isabel Bogdan, in dem sie beschreibt, warum man "refrigerator" auch mal mit "Schlagbohrmaschine" übersetzen kann (http://isabelbogdan.de/2010/07/07/was-wir-ubersetzen-worter-satze-texte/).

Dass Übersetzen eine große Kunst ist, habe ich erst gestern wieder am eigenen Leib erfahren. Bei einer Gelegenheit, wo es wunderbar zum Thema passen würde, hätte ich gern "Puschkin i Gogol" von Daniil Charms vorgelesen. Und weil ich keine Übersetzung hier habe oder so kurzfristig auftreiben kann, dachte ich, ach, die paar Zeilen übersetze ich schnell selbst. Oje, oje ... ich kann nur sagen: In dem Text sind wesentlich mehr Stolperfallen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat ;-)

Lydia hat gesagt…

Nur zur Klarstellung: Ich lasse sonst wirklich die Finger von Übersetzungen und habe einen Heidenrespekt vor Übersetzern.

PvC hat gesagt…

Daniela und Lydia,
ich erkenne so vieles von euch wieder ...
Was die Speisen à la Ravioli betrifft, so bin ich ja radikal: Ich behaupte, es gibt echte Grenzgängerspeisen, die sich nur als Nationalgerichte tarnen, um die Aufenthaltserlaubnis zu erwirken - aber in Wirklichkeit sind sie Staatenlose, Wanderer, echte Kosmopoliten ;-)
Choucroute ist so ein Ding, dass sich zwischen Elsässern, Polen, Bayern, Russen und sogar Chinesen schier zerreißt, die gefüllten Teigtaschen auch. Im Buch erzähle ich die Geschichte, warum sich der Guglhupf im Elsassischen Kugelhopf schreibt - das ist ein wahres Legendenwunder an Geschichtsbiegerei, denn die wahre Herkunft musste ordentlich verschleiert werden seinerzeit.

Die Isabel Bogdan ist eine tolle!

PvC hat gesagt…

Schlechte Bezahlung von ÜbersetzerInnen, Männer, Frauen ... ich glaube nicht, dass es unbedingt am Geschlecht liegt. Vor nicht allzu langer Zeit starb einer der berühmtesten literarischen Übersetzer Deutschlands in bitterer Armut, immer wieder von Freunden finanziell unterstützt. Aber er hat bis ins hohe Alter und bis in die schwere Krankheit hinein arbeiten müssen, um zu überleben ... mit allen Konsequenzen für sein Privatleben. Ein Mann, der sicher besser bezahlt wurde, als das Gros der unbekannteren KollegInnen.

Als ich über die berühmte Swetlana Geier einen Nachruf schrieb, die den deutschsprachigen Ländern das wertvolle Kulturgut einer neuen Dostojewskij-Übersetzung geschenkt hat, war es das gleiche Bild. Die Frau hat nur überleben können, sich ihre Arbeit nur leisten (!!!) können, weil in schlimmen Zeiten immer wieder Freunde da waren, die ihr Geld gaben - und weil sie ebenfalls bis ins hohe Alter an der Universität lehrte - und davon zehren konnte. In Rente sind beide nicht gegangen, konnten beide nicht gehen. Sie starben vom Beruf weg.

Hätten beide in der freien Wirtschaft gearbeitet, hätten sie für Texte, die man morgen wieder vergisst, ein Mehrfaches verdient. Derweil wird diskutiert, ob Bücher nicht noch billiger werden sollten ...

Übrigens Lydia, du machst mich langsam doch neugierig. Eine Frau, die die Pfalz kennt, Russisch kann und auch sonst einige erstaunliche Parallelen zeigt: Haben wir uns wirklich noch nie privat miteinander ausgetauscht? Ich könnte glatt eine Bekannte von mir mit dir verwechseln ;-)

Daniela hat gesagt…

Irgendein Vereger von einem der großen deutschen Verlage (Name fällt mir gerade nicht ein) hat letztes Jahr in einem Artikel mal gesagt, dass man Literaturübersetzungen als Hobby betrachten sollte und nicht als Brotberuf, denn existieren kann man davon nicht. Und dann wundern sich Leute, dass die Qualität von Übersetzungen immer weiter nach unten geht.

PvC hat gesagt…

... Da bleibt mir das sarkastische Lachen im Halse stecken. Kein Wunder wandern immer mehr aus der Verlagsbranche ab. Mehr Verachtung gegenüber einem Berufstand geht nicht.

Lydia hat gesagt…

Wenn sich jetzt schon die Verleger die Argumente der Piraten zueigen machen - oder war's etwa umgekehrt? Mir bleibt echt die Spucke weg.

Liebe Petra, wie gesagt, ich stolpere über Parallelen, seit ich hier mitlese. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich Dir bewusst noch nicht begegnet bin. Obwohl es natürlich sein könnte ... wir haben in derselben Stadt studiert. Aber vielleicht sind wir auch um 87 Ecken verwandt? Meine Urgroßmutter kam aus Baden ... Wer weiß?

Von wegen Russisch können - ich würd sagen: Ich hab mal versucht, es zu lernen. Pfälzisch flutscht mir aber immer noch problemlos über die Zunge, isch bin halt e Pälzer Maad, obwohl ich jetzt schon mehr als die Hälfte meines Lebens im (freiwilligen) Exil bin.

Heut hab ich übrigens Dein Buch abgeholt, hab aber erst kurz reingeblättert. Hach, die Bilder! Vor allem die Erdölpumpe ließ mich sentimental werden (so ähnliche gab's doch früher mal haufenweise in der Südpfalz), ach, und die Schafrücken-Südvogesen, das könnte auch der Pfälzerwald sein ... Vor allem aber: Gleich auf der ersten Seite taucht eine Lydie auf. Wenn das mal kein Zufall ist ;-)

PvC hat gesagt…

Liebe Lydia, wir machen das jetzt mal ganz unkonventionell, bevor wir uns hier völlig öffentlich die Geschichte unserer Urgroßmütter erzählen ;-) - wenn du mal in der Ecke bist, mail mich doch einfach mal an. Und wenn nicht, gern auch! sinnesreisen bei gmx Punkt nicht de, sondern net.

Lydia hat gesagt…

Ist unterwegs :-)

Jetzt möchte ich doch noch einmal aufs Übersetzen zurückkommen, denn eigentlich mache ich das auch ziemlich oft. Bloß nicht aus Fremdsprachen im herkömmliches Sinn, ich bin immer wieder in der Situation, Fachchinesisch in verständliches Deutsch übersetzen zu müssen. Oder auch: zu wollen und nicht zu dürfen. "Sie sind doch gar nicht vom Fach." "Bleiben Sie mal bei Ihren Kommas ..." "Das hat doch der Vorstand schon genehmigt!" (Und was der Vorstand genehmigt hat, ist in Stein gemeißelt.)

Aber gerade in diesem Zusammenhang habe ich auch erlebt, dass man die Hoffnung nicht aufgeben darf. Dass steter Tropfen doch den Stein höhlt. Dass es durchaus Leute gibt, die sich überzeugen lassen. Manchmal ist es auch ein Generationswechsel - auf einmal ist da jemand, der erkennt, dass Sprache eben doch wichtig ist. Und dass eine, die nicht vom Fach ist, sich vielleicht doch besser in den Kunden hineinversetzen kann, der den Text lesen und verstehen soll.

PvC hat gesagt…

Das stimmt natürlich, Lydia, vor allem bei lohnenden Projekten, die beiden Seiten Spaß machen könnten - da erklärt man gern auch einmal zu viel ...