26. April 2013

Duftattacke!

Ein besonderes Vergnügen für interkulturelle Hobbyethnologen sind immer wieder die Wetterberichte, die bei gleichem Wetter eigens für unterschiedliche "Eingeborene" aufbereitet werden. Im deutschen Radio herrschte heute Krieg, es drohte die Invasion einer Kaltfront nebst schlagartigem Temperaturabfall von immerhin vier Grad, gefährlicher Dauerregen und sogar eine herabstürzende echte Sintflut waren im Angebot zu haben. Bei so viel Klimakatastrophe kommt der Song "Summer in the City" dann ganz groß. Aber Leute, wir haben immer noch April und im April darf das Wetter sowas. Sogar herunterkühlen auf eisige 23 Grad.

Im französischen Fernsehen taucht bei solchen Gelegenheiten ein total lockerer Typ mit etwas langen Haaren auf und macht uns das Wochenende schmackhaft: Keine Arbeit mit dem Gießen, die Wasserrechnung bleibt geschont und vielleicht regnet es auch endlich ein wenig so ein, dass die frische Aussaat und der Garten so richtig ins Sprießen kommen. Dabei ist es auch nicht mehr so heiß, dass man ins Schwitzen kommt, wenn man die Familie am Sonntag irgendwo abholen muss ... und ach ja, warm wird's am großen runden Tisch in der guten Stube ja ohnehin ... man muss nur etwas Leckeres köcheln.


Und weil ich mir im Grenzgebiet bei identischer Temperatur den Wetterbericht aussuchen kann, beschloss ich, schnell einen Abstecher in der Gärtnerei zu machen und ein paar Töpfe zu bepflanzen, wenn der Wettergott schon mal kostenlos angießt. Licht und Schatten waren mein Thema, Vorfreude auf sommerliche Zeiten. Und wenn schon Attacke, dann doch bitte eine mit Duft!


Zu einer buschartig aufstrebenden Majoranpflanze mit ihrem bitter-aromatischen Duft gesellen sich in diesem Terracotta-Topf in voller Sonne Heliotrop und zweifarbige Lobularia (Duftsteinrich). Letztere, in Weiß und Lila-Weiß zu haben, ist ein absolut unverwüstlicher Bodendecker, der sich selbst aussät und sogar in den Ritzen von Steinmauern wuchert. Eine anspruchslose Pflanze, die Trockenheit verträgt, Sonne liebt und auch sandige Böden aushält. Vor allem aber strömt der Duftsteinrich bei zunehmender Wärme einen absolut unvergesslichen süßen Duft nach Honig und Süden aus, der ans Mittelmeer erinnert und an Zikadenkonzerte in Hochsommerluft.

Dazu passt ideal der Heliotrop, der noch gegen Nachtfröste geschützt werden will (eine Auflage von Vlies reicht in hiesigen Breiten aus) und sich nach den Eisheiligen so richtig entfaltet. Wem es gelingt, diese frostempfindliche Pflanze zu überwintern, der kann sich an einem mehrjährigen Strauch freuen. Die tiefdunklen, violetten flachen Blütendolden werden je nach Größe der Pflanze handtellergroß und duften dann, wenn das Parfum der Lobularia vergeht: mit dem hereinbrechenden Abend. Dadurch zieht der Heliotrop ähnlich wie Oleander die kolibriartigen Nachtschwärmer an.

Ich pflanze Heliotrop gern erhöht in Töpfe in der Nähe eines Sitzplatzes. Sein Parfum feinster Bourbonvanille mit einem leicht scharfen Unterton ist absolut betörend und wird durch einen Windhauch verteilt ... oder wenn man ganz leicht über die Pflanze streicht.

Und sollten die Wetterattacken dann doch einen Guerillakampf mit der eigenen Befindlichkeit und Laune liefern, so kann man die berühmte "blaue Stunde" sogar aus der Flasche haben. Danach bin ich unabhängig vom Wetter süchtig ... nicht zuletzt, weil hier auch Heliotrop in den Duftnoten mitschwingt. Hier kann man meine "Duftreise ins Jahr 1912" nachlesen. Aber Vorsicht!
"... das ist Sex und Tod, Lust und Verfall, Männliches und Weibliches. (...) Zu diesem Parfum hört man am besten Gustav Mahler und am allerbesten die fünfte Symphonie. Da bin ich wieder bei den Ballets Russes, bei den Urlauben am Lido von Venedig, in jenem Hotel, in dem Thomas Mann Urlaub machte und Visconti später dessen Novelle "Tod in Venedig" verfilmte."

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