8. März 2013

Schönheitsideale, Körpersignale

Männer haben es scheinbar leicht: Sie können sich hinter uniformen Anzügen und relativ normiertem Freizeitoutfit verstecken. In der Menschenwelt hat das Weibchen der buntere Vogel zu sein - die Modeindustrie gaukelt uns die unendliche Freiheit des Äußerlichen vor und verdient doch an saisonal verfallenden Modecodes Millionen. Aber ist Kleidung wirklich nur internationaler Modetrend oder Lust am individuellen Spiel mit Stoffen und Farben? Machen wir Frauen uns einfach nur schön? Lieben wir Bequemlichkeit oder soll unser Äußeres auch mehr signalisieren?

Was Klamotten und Outfit betrifft, so lebe ich im Dreiländereck zwischen den Extremen. Wenn ich am Sonntag im Elsass Flammkuchen essen gehen möchte, fände niemand etwas daran, würde ich im ausgeleierten schweinchenrosa Trainingsanzug erscheinen. Auf der badischen Seite beim Schnitzel kommt eine Jeans immer gut. Meine polnischen Modell-Hüte kann ich allenfalls im Grandhotel in Baden-Baden an die Luft lassen - und der meistgetragene Schuh hier auf dem Lande ist der Gummistiefel. Beim französischen Presseempfang werde ich ernstgenommen, wenn ich auf Highheels und in schlichter Eleganz daherstöckle, beim gleichen Event in Deutschland muss ich unauffällig gediegen wirken und tough, um mich als Frau durchzusetzen. Ein überwiegend deutsches Publikum ist bei Wasserglas-Lesungen durchaus auf Schwarz und Rollkragenpullis geeicht, für ein überwiegend russisches darf ich mich schminken und Schmuck tragen. Und dazwischen gibt es unwahrscheinlich viele individuelle Gewohnheiten - und doch kann man Mode und äußere Erscheinung in der Masse immer auch an kulturellen Unterschieden festmachen, an unterschiedlichen Sehgewohnheiten.

Landlust in Jägergrün und Gummistiefeln

Gerne wird über "die anderen" gelästert und gelacht, durchaus auch von Frauen. Dabei werden Outfits an der eigenen Erwartungshaltung, dem eigenen Geschmack gemessen. Man schaut auf die Oberfläche, nicht das Dahinter. Eine deutsche Freundin findet es ekelhaft, dass man im elsässischen Familienlokal auch am Wochenende im Schlabberlook und Sportdress aufkreuzt. Sie sieht die gewachsene Tradition dahinter nicht: Wo hauptsächlich Bauern und Handwerker leben, ist man am Wochenende froh, den durch harte Arbeit beanspruchten Körper nicht in unbequemer Kleidung zu knechten - und man trägt die Nase nicht hoch, bewegt sich unter Seinesgleichen, will einfach in der Familie unter anderen Familien lustig sein. Wohnzimmerstimmung. Die Statussymbole sind für die feineren Restaurants vorbehalten, wo Kinder nicht auf die Tischdecken malen dürfen und die Erwachsenen sehen und gesehen werden möchten.

Eine russische Freundin findet es dagegen grauenhaft, wie sich die deutschen Frauen oft "gehenlassen" und "langweilig" aussähen. Fast unsichtbar geschminkt, womöglich in Gesundheitslatschen, in Hosen sowieso, oder im einheitlichen Businessdress - wie graue unscheinbare Mäuschen. Manchmal von Männern kaum noch zu unterscheiden; was allzu sexy aufgemacht wird, gilt als "nuttig". Sie sieht die Tradition dahinter nicht: Für deutsche Frauen war Kleidung sehr früh immer auch ein politisches Signal, eine Abkehr von überkommenen Rollenklischees, ein Zeichen für mehr oder minder errungene Gleichberechtigung. Das Schönheitsideal hat sich verändert. Und gleichzeitig wird auch jedes politische Signal von der Modeindustrie aufgenommen und inhaltlich verändert: Unisex verkauft sich in der Kleidungsbranche wie in der Parfumerie. War der Smoking einst für Frauen ein Wagnis und ein Zeichen, ist das edle Stück vom Coutourier schon längst so normal wie das kleine Schwarze.

Dafür entsetzt man sich dann über die russischen Frauen. In Baden-Baden kann man die Blicke auf den Straßen spüren, die abfälligen Bemerkungen oft hören. Viel zu kurz, diese Fetzen von Kleidchen und Röckchen - das sagen auch schon mal Frauen, die in den 1960ern mit Miniröcken gegen das Establishment kämpften. Und die Haare seien zu lang, die Schminke zu dick, die Klunker zu auffällig. Großes Erstaunen dann, wenn sich das langhaarige Elfchen auf Highheels als absolut selbstbewusste und kultivierte Geschäftsfrau entpuppt. Da prallen die Kulturen aufeinander, anstatt zu fragen: Warum machen die das eigentlich? Warum sind die anders und welche Traditionen könnten dahinter stecken, wenn sich Frauen so "aufputzen"?

Was versteckt sich hinter einem solchen Stoff: Eine toughe Geschäftsfrau, ein unbedarftes Weibchen? Eine englische Gärtnerin oder eine Deutsche in der Oper? Ein Hippiemädchen oder eine Matrone?

Natalja Nemtschinowa hat für "Russland heute" einen sehr differenzierten Artikel über die russische Frau geschrieben: "Selbstverständliche Schönheit". Sie zeigt, wie selbst die Werbung für Kosmetika unterschiedliche Mentalitäten in der äußeren Selbstdarstellung ernst nimmt, und versucht zu erklären, warum Russinnen oft so aussehen, wie sie aussehen. Sehr eindrücklich finde ich ihre Beschreibung, dass in der Nähe zu Asien die Sehgewohnheiten von ganz anderen Farben, Mustern und Formen geprägt werden. Ich möchte behapten, sogar das Klima und das Licht eines Landes spielt eine enorm große Rolle! Als ich in Polen in der viel zu langen Winterdämmerung aushalten musste, stieg mein Hang zu Glimmer und Glitzer und auffälligen Farben extrem an - die gleichen Kleidungsstücke könnte ich unter südfranzösischer Sonne nicht ertragen.

Den im Artikel erwähnten Modetransfer aus einem "orientalisch" angehauchten Russland hatten wir in Europa schon einmal: Als im Gefolge der Ballets Russes und ihrer pseudoorientalischen Bühnenkostüme die großen Coutouriers in Paris das Ende der Belle Époque einläuteten. Plötzlich waren die Westeuropäerinnen wild darauf, Turbane mit Feder- und Glitzerschmuck zu tragen und üppig bunte Luxusstoffe. Bis in die heutige Zeit gibt es diese Anleihen der Modemacher am exotisch Erscheinenden. Zuerst schimpft man auf das "Fremde", dann kann man es nicht erwarten, damit aus den eigenen Modedikaten auszubrechen - bis die vermeintliche Freiheit wieder zum Diktat wird.

Aber auch das ist Mode: Rollenspiel, Spiel mit Rollen, Spiel gegen Rollen. Frauenmode kann durchaus politische Signale aussenden, wenn sie zum Gegenentwurf für eine etablierte Welt wird: Das korsettfreie Kleid, die Hose für die Frau, der Minirock, die Jeans, der Flowerpower-Fummel - das alles war im Ursprung weit mehr als ein bloßes Kleidungsstück. Verstanden werden die Signale jedoch nur innerhalb eines bestimmten historischen und gesellschaftlichen Kontexts. Spätestens in diesem Zusammenhang wird Mode, die sich nur scheinbar international immer mehr angleicht, zum Dschungel interkultureller Missverständnisse. Was die Künstlerin sich sogar erlauben soll, darf die Bankerin nicht wagen. Was in einem Land ein Tabubruch ist, fällt im anderen vielleicht nicht einmal auf. Eines jedenfalls ist ein grenzüberschreitendes Phänomen: Intelligenz, Emanzipation oder Kultiviertheit lassen sich weder an der Haar- noch an der Rocklänge sicher festmachen - und auch nicht am Gummistiefel oder einem schweinchenrosa Trainingsanzug.


1 Kommentar:

Elisabeth Mardorf hat gesagt…

Hinter dem Rosenstoff verbirgt sich eine vielseitige Rosenkönigin ;-). Danke für diesen Augen-öffnenden Artikel, liebe Petra. Ich erinnere mich leicht beschämt an die Vernissage einer russischen Künstlerin vor vielen Jahren. Sonntag Vormittag auf dem Dorf, es war dort nicht üblich, sich tagsüber aufzurüschen. Und da kam die Künstlerin tief decolletiert, stark geschminkt und mit Stöckelschuhen. So wären wir damals nicht mal in die Oper gegangen. Dementsprechend wurde sich gut schwäbisch "das Mei verrissen". Bis dann doch einigen dämmerte, dass es durchaus kulturelle Varianten dafür gibt, was einem Anlass angemessene Kleidung ist.