28. Februar 2013

Eine laufende Nase

Im Vollsuff können einem höchst seltsame Dinge passieren. Manche Menschen sollen plötzlich weiße Mäuse sehen, bei anderen queren rosa Elefanten die Straße. Und manchmal geht es auch recht realistisch ab, wie etwa bei einem gewissen Friseur, der zum Frühstück ein frisch gebackenes Brot in Hälften teilte und darin die Nase eines Kunden fand. War er versehentlich mit dem Rasiermesser abgerutscht?

Und was bitte sollte unser braver, wenn auch öfter zu tief ins Wodkaglas schauender Barbier mit der frisch gebackenen Nase anfangen? Man konnte ihm schließlich auf irgendwelche Spuren kommen, womöglich die Polizei ... Die Bekannten unseres Friseurs werden es ahnen: Im morgendlichen Kater vollführt der Mensch seltsame Dinge, um so eine Nase unauffällig loszuwerden. Schlau ist er ja. Er geht zur Isaaks-Brücke und hat einen Geistesblitz. Er blickte sich vor allem um; dann beugte er sich über das Geländer, als wolle er unter die Brücke schauen - ob da viel Fische schwömmen -, und schleuderte den Lappen mit der Nase verstohlen ins Wasser. Ihm war, als habe er zehn Pud auf einmal abgeworfen. Doch wäre er kaum derart erleichtert gewesen, wenn er noch alle Sinne zusammen gehabt hätte. Wer hätte schließlich gedacht, dass die Newa irgendwann in die Oos fließt und jene Nase ... in der Tat, sehr groß und schwer wog!



Anderswo in der Stadt vollführt ein anderer Mensch noch wunderlichere Dinge. Er ist nüchtern, aber seine Nase ist weg. Wo sie einst saß, prangt eine glatte Stelle ohne Narben, ohne jede Spur, dass sich hier einmal etwas im Gesicht befunden haben könnte. Kowaljow, so heißt unser nasenloser Zeitgenosse, hat schlechte Laune, denn er kann nicht flirten und sein Gesicht nicht zeigen. Er hält ein Taschentuch vors Nichts und betritt eine Konditorei, um sich im Spiegel zu betrachten. Schließlich ist das einigermaßen unglaublich, wenn einem über Nacht die Nase abhanden gekommen ist, ohne dass man mitsamt Riechorgan zu tief ins Glas geschaut hat.

Kowaljow kann es nicht fassen. Vor der Konditorei hält ein Wagen. Ein Herr in Uniform sprang, leicht gebückt, heraus und eilte die Treppe hinauf. Wie groß aber war das Erstaunen, ja das Entsetzen Kowaljows, als er die eigene Nase in ihm erkannte!


Der arme Kowaljow war nahe daran, den Verstand zu verlieren. Er nimmt die Verfolgung seiner Nase auf, die wie ein Herr durch die Stadt spaziert, mit dem Wagen fährt und sogar sprechen kann. Der Herr, der eine Nase ist, fährt in seinem Wagen, der eines Staatsrates würdig ist, an den wunderschön gekleideten Damen vorbei, vor denen sich Kowaljow mühsam versteckt. Einmal trifft er sogar auf seine Nase und spricht sie an! Was soll er in seiner Verzweiflung sonst auch tun?


Schlimm ist, wie die Stadt auf die Katastrophe reagiert. Unter den Schönen und Reichen kursieren die Gerüchte, man zerreißt sich das Maul und behauptet, die Nase Kowaljows gehe täglich, Punkt drei Uhr nachmittags, auf der Promenade spazieren! Die Bewohner der Stadt sehen eine neue einträgliche Quelle, um mit den Schaulustigen und Touristen Umsatz zu machen. Ein backenbärtiger Geschäftemacher, von würdigem Äußeren, der sonst vor den Theatereingängen mit allerlei halbvertrockneten Konditorwaren handelte, ließ eigens Holzstühle anfertigen, die er vor den Kolonaden aufstellte und an die Besucher vermietete, welche die Nase betrachten wollten, die wie ein Herr durch ihre Stadt lief und sich vors Kurhaus setzte.


Was, liebe Leser, die Geschichte klingt euch trotz aller Beweise allzu phantastisch? Ihr glaubt nicht, dass die Newa irgendwann irgendwo in die Oos tropft, dass Friseure saufen können und durch die Straßen von Baden-Baden ein Herr namens Kowaljow laufen könnte, der sich ein Taschentuch vors Gesicht hält, als habe er Nasenbluten?

Dann glaubt ihr wahrscheinlich auch nicht, dass ein Herr namens Nikolai Gogol in Baden-Baden seine Nase verloren hat!?! Damit er seine Nase wiederfindet, wenn er wieder einmal zu Besuch kommen sollte, haben sie die ordentlichen Einwohner der Stadt ans Bürgerbüro geheftet. Dort hat er einmal gewohnt - und wer weiß, vielleicht erinnert er sich ja eines Tages doch noch an die Stadt an der Oos, in der sich Nasen selbstständig machen können ...


Die kursiven Zitate stammen aus Nikolai Gogols Erzählung "Die Nase" in der Übersetzung von Georg Schwarz. Die Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern.
 
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 3.11.2011 in meinem Baden-Baden-Blog, das nun in diesem Blog aufgegangen ist.

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