1. Februar 2013

Depressiv und vergessen: eine Frau

Als Frau betrachte ich Geschichte grundsätzlich zuerst einmal mit Verwunderung: Beim Umgang mit älterem Recherchematerial fehlt nämlich mein Geschlecht entweder oder es wird - je nach Rollenverständnis der betreffenden Zeiten, zurechtgebogen. Wer kennt das nicht: Frauen werden als Anhängsel ihres Gatten genannt, oft ist ihr Vorleben aufgrund fehlender Mädchennamen kaum herauszufinden. Als Frau des 21. Jahrhunderts habe ich zum Glück nicht nur moderne Methoden der Recherche zur Verfügung, ich kann auch das Vergessen und Verdrängen vorsätzlich aufbrechen, kann versuchen zu beleuchten, wo diese weiblichen "Anhängsel" ein sehr eigenes Leben hatten.

Elisabeth von Reutern ist so eine Frau. Die übliche Geschichtsschreibung nimmt sie nur in Bezug auf zwei Männer wahr: Ihren recht bekannten Vater Gerhardt von Reutern, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Malschule gegründet hat - und ihren noch sehr viel berühmteren Ehemann, Wassili Schukowski, den Begründer der russischen Romantik. Sie hat auch heute noch keinen eigenen Wikipedia-Artikel. In Baden-Baden hat sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern Alexandra und Paul gelebt, hauptsächlich in der Sophienstraße Nr. 5.

War diese Frau wirklich so unsichtbar, wie es mir so viele Texte vorgaukeln wollen? Sie führte ein eigenartiges Leben. Schon im Elternhaus bis über eine ungesunde Grenze hinaus durch eine Erweckungssekte beeinflusst, war sie nicht der Typ Frau, der sich als eigenständiger Mensch oder gar künstlerisch durchsetzte. Vor allem die Baden-Badener Jahre waren gezeichnet von einer schweren, damals unheilbaren Depression, die wir heute als Schwangerschaftsdepression diagnostizieren würden.

Fromm und depressiv, außerdem von Geschlecht eine Frau - eine Frau, die zwischen zwei berühmten Männern verblasst. Elisabeth von Reutern scheint wie geschaffen dafür, in der patriarchalen Zeit des 19. Jahrhunderts komplett ausgelöscht zu werden. Und auch heute macht es mehr her, bringt es mehr Ehre, wenn man sich lieber mit ihrem Mann beschäftigt. Und doch hat es diese Frau geschafft, trotz der Sektenhirnwäsche, trotz der Krankheit, künstlerisch tätig zu werden. Während ihr Bruder Christoph und ihr Sohn Paul wirklich zu Malern wurden, verließen ihre Bilder jedoch nie das Haus. Elisabeth von Reutern malte für sich, ganz privat - die Blätter tauchten erst später aus dem Nachlass auf.
Und wenn man sich dann für so eine Frau interessiert, wird man auch fündig - hier sind drei ihrer Bilder in einer Frankfurter Galerie aufgetaucht: hier klicken. In der Vergrößerung lässt sich gut erkennen: Elisabeths Leben hätte auch anders verlaufen können.

Interessant, dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft genau zur gleichen Zeit eine völlig andere Persönlichkeit wohnte, eine heute berühmte Frau, die Baden-Baden lange Jahre einfach nicht beachtet hat. Emma Herwegh, die große Vorkämpferin der Frauenbewegung und erste weibliche Heerführerin deutscher Sprache, war in Frankreich schon ein Begriff, bevor man in der Kurstadt endlich ihre Gedenktafel neben diejenige montierte, die nur den Ehemann, Georg Herwegh, erwähnt hatte.

Zwei Häuser in unmittelbarer Nachbarschaft in einer Stadt, zwei völlig unterschiedliche Frauen. Die wilden Jahre der badischen Revolution. Die eine Frau häuslich, zurückgezogen und krank - die andere auf den Barrikaden. Und irgendwann hat man sie beide aus den Überlieferungen hinausgeschrieben, als Anhängsel, Ehefrau, Tochter. Eine Konstellation, die mich ganz bestimmt noch weiter beschäftigen wird! Denn das zeichnet sich bei meinen Recherchen schon jetzt ab: Auch unter den berühmten Russen in Baden-Baden verstecken sich viel mehr spannende und faszinierende Frauen als gedacht! Erstaunlich viele sogar ...

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