28. Februar 2013

Vorfrühlingsahnen

Es ist das grenzüberschreitendste Ereignis par excellence, bei dem sich Menschen aller Nationen einig sind: Zum meteorologischen Frühlingsanfang reicht es jetzt gehörig mit Winterkälte und Düsternis! Also habe ich die hiesige Gärtnerin gefragt, wann man sich denn endlich Blütenträume vom Arzt verschreiben könne. Und weil ich nicht so lange warten will, bis dieses Anti-Depressivum anerkannt werden wird, habe ich als Privatpatientin zugegriffen.
Die Krankheit: Winterüberdruss mit starkem Frühlingssehnen.
Das Heilmittel: Aroma- und Farbtherapie mit Wurzeln.


Zur Lichttherapie eignen sich die ersten Frühlingsprimeln, die in der Urfarbe Gelb am längsten halten und ein wenig Sonne spielen. Auch in der eigenen Lieblingsfarbe machen sie munter. Aber je dunkler die Primel, desto schattiger mag sie stehen. Mein Tipp: Wer sie in lockerem Gartenboden belässt, hat auch in den folgenden Jahren Freude. Sie werden zwar mit der Zeit kleiner, treiben aber jedes Jahr von Neuem aus.


Im Elsass ist er sehr verbreitet - der immergrüne Mittelmeer-Schneeball (viburnum tinus). Frech blüht der anderthalb Meter hohe Busch schon jetzt mitten im Winter und duftet zu allem Überfluss herrlich blumig-honigartig, ein wenig an wilde Lupinen erinnernd. Zwei, drei Blüten beduften in der Vase ein ganzes Zimmer. Ich pflanze ihn deshalb in hohe Tonnen an der Seite einer Bank, so dass man sich an den ersten lauen Tagen den Duft um die Nase wehen lassen kann.
In harten Wintern und weniger milden Lagen will der Mittelmeer-Schneeball geschützt stehen oder unten mit einem Vlies umwickelt werden. Dafür hält er im Sommer die trockensten Standorte aus und mag keine nassen Füße.

Entdeckt habe ich diese Schneeballsorte übrigens bei einem Übersetzungsprojekt. "Meine Gartenwelt" für den Kosmos Verlag aus dem Französischen ins Deutsche zu übertragen, hat mir nicht nur wegen des Gartenthemas Spaß gemacht - in diesem Buch gibt es allerhand zu entdecken ... kleine Steckkärtchen, Heftchen, Dinge zum Aufklappen und Stöbern ... und das alles prallvoll mit Tipps. Das Buch ist schon etwas älter, aber noch zu haben.

Eine laufende Nase

Im Vollsuff können einem höchst seltsame Dinge passieren. Manche Menschen sollen plötzlich weiße Mäuse sehen, bei anderen queren rosa Elefanten die Straße. Und manchmal geht es auch recht realistisch ab, wie etwa bei einem gewissen Friseur, der zum Frühstück ein frisch gebackenes Brot in Hälften teilte und darin die Nase eines Kunden fand. War er versehentlich mit dem Rasiermesser abgerutscht?

Und was bitte sollte unser braver, wenn auch öfter zu tief ins Wodkaglas schauender Barbier mit der frisch gebackenen Nase anfangen? Man konnte ihm schließlich auf irgendwelche Spuren kommen, womöglich die Polizei ... Die Bekannten unseres Friseurs werden es ahnen: Im morgendlichen Kater vollführt der Mensch seltsame Dinge, um so eine Nase unauffällig loszuwerden. Schlau ist er ja. Er geht zur Isaaks-Brücke und hat einen Geistesblitz. Er blickte sich vor allem um; dann beugte er sich über das Geländer, als wolle er unter die Brücke schauen - ob da viel Fische schwömmen -, und schleuderte den Lappen mit der Nase verstohlen ins Wasser. Ihm war, als habe er zehn Pud auf einmal abgeworfen. Doch wäre er kaum derart erleichtert gewesen, wenn er noch alle Sinne zusammen gehabt hätte. Wer hätte schließlich gedacht, dass die Newa irgendwann in die Oos fließt und jene Nase ... in der Tat, sehr groß und schwer wog!



Anderswo in der Stadt vollführt ein anderer Mensch noch wunderlichere Dinge. Er ist nüchtern, aber seine Nase ist weg. Wo sie einst saß, prangt eine glatte Stelle ohne Narben, ohne jede Spur, dass sich hier einmal etwas im Gesicht befunden haben könnte. Kowaljow, so heißt unser nasenloser Zeitgenosse, hat schlechte Laune, denn er kann nicht flirten und sein Gesicht nicht zeigen. Er hält ein Taschentuch vors Nichts und betritt eine Konditorei, um sich im Spiegel zu betrachten. Schließlich ist das einigermaßen unglaublich, wenn einem über Nacht die Nase abhanden gekommen ist, ohne dass man mitsamt Riechorgan zu tief ins Glas geschaut hat.

Kowaljow kann es nicht fassen. Vor der Konditorei hält ein Wagen. Ein Herr in Uniform sprang, leicht gebückt, heraus und eilte die Treppe hinauf. Wie groß aber war das Erstaunen, ja das Entsetzen Kowaljows, als er die eigene Nase in ihm erkannte!


Der arme Kowaljow war nahe daran, den Verstand zu verlieren. Er nimmt die Verfolgung seiner Nase auf, die wie ein Herr durch die Stadt spaziert, mit dem Wagen fährt und sogar sprechen kann. Der Herr, der eine Nase ist, fährt in seinem Wagen, der eines Staatsrates würdig ist, an den wunderschön gekleideten Damen vorbei, vor denen sich Kowaljow mühsam versteckt. Einmal trifft er sogar auf seine Nase und spricht sie an! Was soll er in seiner Verzweiflung sonst auch tun?


Schlimm ist, wie die Stadt auf die Katastrophe reagiert. Unter den Schönen und Reichen kursieren die Gerüchte, man zerreißt sich das Maul und behauptet, die Nase Kowaljows gehe täglich, Punkt drei Uhr nachmittags, auf der Promenade spazieren! Die Bewohner der Stadt sehen eine neue einträgliche Quelle, um mit den Schaulustigen und Touristen Umsatz zu machen. Ein backenbärtiger Geschäftemacher, von würdigem Äußeren, der sonst vor den Theatereingängen mit allerlei halbvertrockneten Konditorwaren handelte, ließ eigens Holzstühle anfertigen, die er vor den Kolonaden aufstellte und an die Besucher vermietete, welche die Nase betrachten wollten, die wie ein Herr durch ihre Stadt lief und sich vors Kurhaus setzte.


Was, liebe Leser, die Geschichte klingt euch trotz aller Beweise allzu phantastisch? Ihr glaubt nicht, dass die Newa irgendwann irgendwo in die Oos tropft, dass Friseure saufen können und durch die Straßen von Baden-Baden ein Herr namens Kowaljow laufen könnte, der sich ein Taschentuch vors Gesicht hält, als habe er Nasenbluten?

Dann glaubt ihr wahrscheinlich auch nicht, dass ein Herr namens Nikolai Gogol in Baden-Baden seine Nase verloren hat!?! Damit er seine Nase wiederfindet, wenn er wieder einmal zu Besuch kommen sollte, haben sie die ordentlichen Einwohner der Stadt ans Bürgerbüro geheftet. Dort hat er einmal gewohnt - und wer weiß, vielleicht erinnert er sich ja eines Tages doch noch an die Stadt an der Oos, in der sich Nasen selbstständig machen können ...


Die kursiven Zitate stammen aus Nikolai Gogols Erzählung "Die Nase" in der Übersetzung von Georg Schwarz. Die Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern.
 
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 3.11.2011 in meinem Baden-Baden-Blog, das nun in diesem Blog aufgegangen ist.

23. Februar 2013

Um den Pfosten herum

Ich halte mich eigentlich für einen recht kosmopolitischen, offenen Menschen, der es gewohnt ist, in binationalen Beziehungen weit über den eigenen Tellerrand zu schauen. Umso schöner ist es, wenn ich mir der Balken im eigenen Auge wieder bewusst werde und lerne, dass man gar nicht neugierig und offen genug sein kann. Vielleicht erinnern sich manche Blogleser noch daran, wie ich über die alte Achse der Avantgarde zu Beginn des 20. Jhdts. geschwärmt habe, die einmal von Paris bis Petersburg reichte und durch den ungeheuer großen kulturellen Reichtum aller Beteiligten für solche Umwälzungen in der Kunst sorgen konnte.


Henrik G. Vogel bei pixelio.de
Am Wochenende ging ein kleiner persönlicher Traum in Erfüllung - vier Nationen versammelten sich an einem Tisch, die westlichste davon Frankreich, die östlichste Russland.
Würden derart unterschiedliche Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen hatten, miteinander zurechtkommen? Würden irgendwelche Hürden zu bewältigen seien, zumal wir ja auch nicht unbedingt kreuz und quer durch alle Sprachen wechseln konnten? Wie viel wissen wir eigentlich voneinander?

Um dem Ganzen zwischenmenschliches Schmieröl zu verleihen, war die Vorspeise russisch, die zweite Vorspeise badisch, der Käse französisch und das Dessert englisch, während sich der Hauptgang nicht so ganz zwischen nördlichen Meeren und Tropen entscheiden konnte. Bekanntlich geht nicht nur die Liebe durch den Magen, ersten Annäherungsversuchen hilft der Magen auch - so weit würde ich sogar in rein geschäftlichen Beziehungen gehen. Und es lernt sich leichter, wenn man keinen Hunger schiebt. Das war - neben allen privaten Freuden - der größte Aspekt bei mir: Ich habe eine Menge gelernt. Und zwar nicht nur darüber, was für Arten von Butter man wo kennt und wie man wo Pfannkuchen oder Rote Beete zubereitet - diese wahrhaft globalen Genüsse. Ich habe gelernt, dass vor mir ein Grenzpfosten steht und dass ich zwei Möglichkeiten habe. Ich kann ihn ignorieren, drauflos schwätzen und mir den Kopf daran anschlagen. Ich kann mir das Hindernis aber auch anschauen, damit leben, dass es im Weg steht - und um das Hindernis herumlaufen.

Dann stehe ich auf der Seite des anderen und schaue aus dessen Perspektive auf den Grenzpfosten. Ich kann mich sogar an der Hand nehmen lassen, kann neugierige Fragen stellen. So ermögliche ich meinem Gegenüber, genauer zu beschreiben, was er sieht - er schärft mir den Blick. Wenn ich es schaffe, diesen störenden Grenzpfosten nicht nur von einer einzigen "Gegenseite" aus zu sehen, sondern womöglich mehrere unterschiedliche Positionen einzunehmen, geschieht etwas, was wir aus der Kindheit kennen: Je mehr wir uns im Kreise drehen, desto schwindliger wird uns. Der Pfosten scheint sich aufzulösen. Bleiben wir plötzlich stehen, wissen wir nicht mehr, wer sich da um wen dreht. Die ganze Welt scheint um uns als klitzekleinen Fixpunkt zu rotieren, Hindernisse gibt es nicht mehr. Grenzen lösen sich auf, wir drehen und tanzen mit - und die Welt ist nur bunt, weil es so viele winzige Fixpunkte gibt, weil sie zum Glück alle eine andere Farbe und Form haben als wir.

Das klingt nach Idyll. Aber es will hart erarbeitet werden. Es ist ja so viel einfacher, eine Gegenmeinung zur Meinung loszuwerden und in der eigenen Welt verhaftet zu bleiben. Du machst Pfannkuchen mit Hefe, ich mache Pfannkuchen ohne Triebmittel, Pfannkuchen ist doch Pfannkuchen und basta. Wir kennen Butter aus Sauerrahm und bei euch finde ich keine, basta. Du kennst nur das richtige Butterwort nicht, deshalb kannst du sie im Regal nicht finden, dir fehlt einfach nur ein Wort. Aha! Schon wird die Welt ein wenig reicher: Für den Hefepfannkuchen hat jede einen anderen Trick. Da gibt es die kleine runde Pfanne, in der er dicker und ebenmäßig geformt gebacken wird. Oder den Trick mit der spät eingerührten heißen Butter, die ihn zu filigranen Spitzen explodieren lässt. Pfannkuchen ist eben nicht gleich Pfannkuchen und manchmal fehlt uns nur einfach das richtige Wort.

Wenn sich sehr unterschiedliche Kulturen annähern, dann geht das wie bei allen zwischenmenschlichen Beziehungen mit vorsichtigem Beschnuppern los. Um den anderen einschätzen zu können, muss ich mir ein Bild machen und eher zuhören und fragen, als jemandem die Ohren abreden. Ich muss mich zeigen, der andere muss sich zeigen. Plötzlich geschieht etwas Faszinierendes, was man in dieser Intensität bei Treffen unter Altvertrauten nicht derart stark wahrnimmt. Die Leute zeigen ihr Sein, nicht all das Angelernte. In dem Moment, in dem jeder am Tisch eine Minderheit ist, weil es keine Mehrheit gibt, kann sich jeder so geben, wie er ist. Der Anpassungsdruck fällt weg, dem man ausgeliefert ist, wenn man als Einzelner in einer konformen Menge nicht auffallen will. Es gibt plötzlich nur Exoten, wir alle sind Fremde - und das können wir teilen. Man tauscht sich aus, schaut an, lernt, lacht und wundert sich auch tüchtig.

Wenn nämlich jeder so einen Grenzpfosten vor dem eigenen Kopf wahrnimmt, ist man ja gezwungen, sich um den Balken im eigenen Auge herum zu bewegen. Vor allem bei politischen und tagesaktuellen Diskussionen, bei denen es nicht mehr nur um die Butter auf dem Brot geht, wird das deutlich. Irgendwer am Tisch mag eine für andere vollkommen drollige oder absurd klingende Sichtweise äußern. So manches Schlagwort mag uns aus Medienberichten sogar bekannt vorkommen. Wie kann man nur eine Sache derart sehen! Wo wir uns doch alle einig sind, dass sie ganz anders aussieht!

Stopp. Wer ist dieses "wir"? Wer ist "alle"? Wir haben uns so schön an den Konsens gewöhnt, weil Konsens so behaglich ist, weil wir uns darin sicher fühlen. Und plötzlich kommt da jemand, schüttelt den Kopf, lacht vielleicht und kommt auch mit einem "wir". Da sind andere "alle", die sehen das aber völlig anders!

In solch einem Moment könnte man zu streiten beginnen, auf dem eigenen Standpunkt beharren und vielleicht sogar Kriege erklären. Das Vertrackte dabei ist nur die Tatsache, dass diese dämlichen Grenzpfosten eigenlich immer nur und immer wieder der gleiche Dorn im Auge des Betrachters sind. Wir stehen lediglich an unterschiedlichen Positionen um diese Pfosten herum. Wir können bleiben und ballern. Wir könnten uns aber auch bewegen. Wie siehst du mich von deinem Blickwinkel aus? Warum siehst du die Sache so ganz anders? Was müsste bei mir geschehen sein oder sich verändern, dass ich deinen Blickwinkel zumindest nachvollziehen kann? Magst du einmal auf meine Seite kommen und anschauen, welchen Balken ich im Auge habe?

Schnell wird klar, dass wir nicht aus Butter gemacht sind, sondern einen ganzen Rattenschwanz an persönlicher Geschichte, aber auch an "ganz großer" Geschichte im Gepäck tragen. Die vier Nationen, die da an einem Tisch sitzen, sind das aufgrund oft zufälliger Passverteilungen. In Wirklichkeit jedoch - betrachtet man die Geschichte eines jeden einzelnen - sitzen da weit mehr Nationen an einem Tisch, abenteuerliche Kombinationen, Völkerwanderungen, Fluchten, freiwillige Grenzübertritte, Gebliebende und Emigranten, Weltenwechsler und Stabile. Unterm Tisch liegen viel zu viele Kriege, aber auch Versöhnungen und sogar grenzenlose Lieben. Der Tisch, der diese Menschen versammelt, biegt sich. Nicht nur wegen der internationalen Köstlichkeiten. Er biegt sich unter dem menschlichen Reichtum, unter wertvollen Erfahrungen, unter all den farbigen Sichtweisen.

Wenn man im Russischen Kaviar zur Genüge hat, dann sagt man, man löffle Kaviar mit dem Schöpflöffel. Ein Gerät, das auch der Franzose oder Engländer kennt. Im Deutschen "schöpft man aus dem Vollen". Wer jeden Tag Kaviar zur Verfügung hat und sich nur unter Menschen bewegt, die ausschließlich Kaviar essen, dem würden die begehrten Fischeier ganz schnell wieder "aus den Ohren herauskommen". So stelle ich es mir vor, wenn man sich nur immer unter Seinesgleichen bewegt. Es mag zuweilen nahrhaft sein, von allen Seiten bestätigt zu bekommen, dass man Meinungen teilt. Aber wie öde ist das auf Dauer? Lernen muss man da nicht mehr viel, allenfalls das Sodbrennen bekämpfen.

"Aus dem Vollen schöpfen" kann aber auch doppeldeutig sein: Wie schmackhaft ist erst die Kombination unterschiedlicher Geschmäcker, unbekannter Genüsse und ungewohnter Speisen! Kaviar und Kartoffeln? Warum eigentlich nicht? Dumme Verbote stellen wir uns doch nur selbst auf, oder? Ich wette: Wenn wir unseren eigenen Grenzpfahl mit beiden Händen halten und uns nur schnell genug um ihn drehen, dann wird er unsichtbar - und plötzlich tanzt die ganze Welt mit uns.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in meinem nun stillgelegten Baden-Baden-Blog.

18. Februar 2013

Der reine Schokotraum

Schokoladensucht, Schokoladensehnsucht - wer kennt das nicht: Packung aufreißen, in den Mund stecken, alles so schön einfach. Und dann? Bei der letzten Packung Schokowaffeln hätte ich am liebsten gleich gespuckt, das schmeckte nach "kann Spuren von allerlei unerwünschten Zusatzstoffen enthalten", nur nicht nach echter Schokolade. Das Kleingedruckte, das bei der schön bequem abgepackten Nahrung exponential zum Verschwinden von Frische und Wahrhaftigkeit anwächst, klang nicht minder unappetitlich.

Wut macht mich kreativ: Könnte es nicht möglich sein, wirklich Schokoladiges aus völlig bodenständigen und preiswerten Zutaten selbst zu mixen? Vielleicht auch noch so, dass man so gut wie keine Arbeit damit hat? Eine Schokoladenköstlichkeit, für die man nicht aufs Pralinenseminar für Fortgeschrittene gehen muss und die obendrein auch noch einigermaßen gesund ist?

Es ist tatsächlich verblüffend einfach. Für diese recht leichten Schokoladenträume braucht man:

Dessertschokolade (hier 75% Kakao) nach Wunsch
grob gehackte Nüsse oder Mandeln
evtl. etwas Granola (geröstetes Müsli) oder grob zerbröseltes trockenes Brot / Keks
ein Schuss Vanilleessenz
etwas Milch oder Sahne
Backpapier

Und so geht's:

Man sucht sich je nach Gusto die trockenen Bestandteile der Praline zusammen. Die Nüsse machen sie knackig, Granola, Brotbrösel oder sogar Puffreis locker. Die Zutaten in einer Schüssel mischen. Man nimmt etwa so viel, wie man später Pralinen haben möchte.
Bei den Zutaten kann man die Phantasie spielen lassen, auch Trockenfrüchte machen sich gut, halten aber nicht so lang. Die Pralinen auf den Fotos beinhalten ganz wenig gehacktes Zedrat, grob gehackte Mandeln und grobe Weißbrotbrösel.




Zum Abkühlen und Trocknen auf Backpapier setzen.

Schokolade zerbrechen (für ein Schüsselchen Pralinen reicht eine halbe Tafel, man braucht sie fast nur als "Kleber" zwischen den Zutaten). Die Schokolade in einem Topf vorsichtig bei kleiner Hitze schmelzen und gut mit der Vanilleessenz verrühren. Etwas Milch einrühren, oder wenn man nicht auf Kalorien achten will, auch Sahne - das macht die Schokolade geschmeidiger. Vanilleessenz mache ich selbst: Aufgeschnittene Bourbonstangen in Wodka einlegen.

Die fertigen Pralinen sind knackig und leicht.

 Die Zutaten gut in der Schokolade verrühren. Mit einem Löffel kleine Häufchen abstechen und zum Trocknen auf Backpapier oder eine Glas- oder Marmorplatte setzen. Das geht leichter, wenn man den Löffel ab und zu in heißes Wasser taucht. Die Pralinen lagere ich im Kühlschrank.

13. Februar 2013

Von Feuerscheiben und Donnerern

Es ist wieder so weit: Mit Karneval, Fasching oder Fastnet wurden die letzten Wintergeister vertrieben, der Frühling sollte kommen. Wirklich die letzten? Beim Erfassen meines Elsass-Buchs für die E-Book-Fassung bin ich gerade mit dem Kapitel des Monats Februar fertig, das sich der Gegend um den "heiligen Berg" Donon widmet, wo man keltische und gallorömische Relikte gefunden hat. Auf so großer Höhe über der Baumgrenze kommt der Frühling nicht so schnell wie im Tal - und vielleicht haben sich darum so viele Fastnachtsbräuche gehalten, die weit über den Aschermittwoch hinaus weisen.

Einer dieser Bräuche ist das keltische "Schiweschlage" in den Vogesen, das im benachbarten alemannischen Schwarzwald "Schiibefir" genannt wird (Wikipedia). In Baden-Oos wird es am Wochenende nach Fastnacht gefeiert, im Elsass am traditionellen ersten Fastensonntag Estomihi. Man findet es heute noch vor allem im Sundgau und auch in Oberbronn in den Nordvogesen hat man den Brauch wiederbelebt.

Im Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" heißt es dazu:
"Die jungen Leute schnitzen flache Holzscheiben, manchmal mit dem Namen der oder des Angebeteten verziert. Wie die Taranisräder, die brennend zu Tal getrieben wurden, sind sie Sonnensymbole nach einer kalten Jahreszeit. Man bringt sie zum Glühen, schwingt sie mit einer biegsamen Haselgerte im Kreis und lässt sie durch einen abrupten Schlag auf den Felsen ins Tal schwirren.
Dabei hat man auch die Frauen „g’fitzt“, also ihre Oberschenkel mit den Haselgerten gekitzelt. Ein „G’fitzter“ im Elsässischen hat Erfolg im Leben – und die „Vermählung“ von Feuer und Erde macht fruchtbar, gesund, bringt Glück und Frühling. Früher war das Schiweschlage als Heiratsmarkt für die Alleinstehenden reserviert, heute wird es auch einmal zum sinnentleerten Folklorespektakel."
Und wie das war mit dem Götterkampf zwischen Cernunnos (hinter dem auch Esus und Merkur stecken) und Taranis um die Göttin Rigani, bei dem mal der eine und mal der andere in die Unterwelt hinabsteigt - das hat der Spezialist für Vorgeschichte, Jean-Jacques Hatt herausgefunden, den ich in meinem Buch zu Wort kommen lasse. Der gallo-römische Taranis ist derjenige, der in dieser Jahreszeit mit Blitz und Donner wieder nach oben steigt, während Rigani aus ihrem Kessel des Überflusses für die fruchtbaren Frühjahrsregen sorgt. Ihn sollen die brennenden Räder eigentlich anlocken. Es ist ein religionsübergreifender, vorzeitlicher Mythos, den man sogar in slawischen Ländern wiederfindet. In Polen etwa gibt es den Brauch, sich zum Ostermontag gegenseitig mit Wasser zu bespritzen - dort beginnt der Frühling klimatisch gesehen etwas später.

Spätestens nach dem nächsten Wochenende hat der Winter in unseren Breiten also nicht mehr wirklich Kraft, wenn man den Traditionen glaubt. Dann hockt der Hirschgott endgültig wieder in der Unterwelt, bis man ihn zur Wintersonnenwende mit den lecker gebackenen "Hirschhörnle" herauslockt. Das Amselmännchen, das gerade auf meinem Fensterbrett singt, glaubt jedenfalls fest an diesen Wechsel der Jahreszeiten!

1. Februar 2013

Depressiv und vergessen: eine Frau

Als Frau betrachte ich Geschichte grundsätzlich zuerst einmal mit Verwunderung: Beim Umgang mit älterem Recherchematerial fehlt nämlich mein Geschlecht entweder oder es wird - je nach Rollenverständnis der betreffenden Zeiten, zurechtgebogen. Wer kennt das nicht: Frauen werden als Anhängsel ihres Gatten genannt, oft ist ihr Vorleben aufgrund fehlender Mädchennamen kaum herauszufinden. Als Frau des 21. Jahrhunderts habe ich zum Glück nicht nur moderne Methoden der Recherche zur Verfügung, ich kann auch das Vergessen und Verdrängen vorsätzlich aufbrechen, kann versuchen zu beleuchten, wo diese weiblichen "Anhängsel" ein sehr eigenes Leben hatten.

Elisabeth von Reutern ist so eine Frau. Die übliche Geschichtsschreibung nimmt sie nur in Bezug auf zwei Männer wahr: Ihren recht bekannten Vater Gerhardt von Reutern, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Malschule gegründet hat - und ihren noch sehr viel berühmteren Ehemann, Wassili Schukowski, den Begründer der russischen Romantik. Sie hat auch heute noch keinen eigenen Wikipedia-Artikel. In Baden-Baden hat sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern Alexandra und Paul gelebt, hauptsächlich in der Sophienstraße Nr. 5.

War diese Frau wirklich so unsichtbar, wie es mir so viele Texte vorgaukeln wollen? Sie führte ein eigenartiges Leben. Schon im Elternhaus bis über eine ungesunde Grenze hinaus durch eine Erweckungssekte beeinflusst, war sie nicht der Typ Frau, der sich als eigenständiger Mensch oder gar künstlerisch durchsetzte. Vor allem die Baden-Badener Jahre waren gezeichnet von einer schweren, damals unheilbaren Depression, die wir heute als Schwangerschaftsdepression diagnostizieren würden.

Fromm und depressiv, außerdem von Geschlecht eine Frau - eine Frau, die zwischen zwei berühmten Männern verblasst. Elisabeth von Reutern scheint wie geschaffen dafür, in der patriarchalen Zeit des 19. Jahrhunderts komplett ausgelöscht zu werden. Und auch heute macht es mehr her, bringt es mehr Ehre, wenn man sich lieber mit ihrem Mann beschäftigt. Und doch hat es diese Frau geschafft, trotz der Sektenhirnwäsche, trotz der Krankheit, künstlerisch tätig zu werden. Während ihr Bruder Christoph und ihr Sohn Paul wirklich zu Malern wurden, verließen ihre Bilder jedoch nie das Haus. Elisabeth von Reutern malte für sich, ganz privat - die Blätter tauchten erst später aus dem Nachlass auf.
Und wenn man sich dann für so eine Frau interessiert, wird man auch fündig - hier sind drei ihrer Bilder in einer Frankfurter Galerie aufgetaucht: hier klicken. In der Vergrößerung lässt sich gut erkennen: Elisabeths Leben hätte auch anders verlaufen können.

Interessant, dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft genau zur gleichen Zeit eine völlig andere Persönlichkeit wohnte, eine heute berühmte Frau, die Baden-Baden lange Jahre einfach nicht beachtet hat. Emma Herwegh, die große Vorkämpferin der Frauenbewegung und erste weibliche Heerführerin deutscher Sprache, war in Frankreich schon ein Begriff, bevor man in der Kurstadt endlich ihre Gedenktafel neben diejenige montierte, die nur den Ehemann, Georg Herwegh, erwähnt hatte.

Zwei Häuser in unmittelbarer Nachbarschaft in einer Stadt, zwei völlig unterschiedliche Frauen. Die wilden Jahre der badischen Revolution. Die eine Frau häuslich, zurückgezogen und krank - die andere auf den Barrikaden. Und irgendwann hat man sie beide aus den Überlieferungen hinausgeschrieben, als Anhängsel, Ehefrau, Tochter. Eine Konstellation, die mich ganz bestimmt noch weiter beschäftigen wird! Denn das zeichnet sich bei meinen Recherchen schon jetzt ab: Auch unter den berühmten Russen in Baden-Baden verstecken sich viel mehr spannende und faszinierende Frauen als gedacht! Erstaunlich viele sogar ...

Schukowski in Baden-Baden (Archiv)

Mein Buch über Wassili Schukowski erscheint in Kürze - zunächst als E-Book in deutscher Sprache, eine zweisprachige gedruckte Fassung auf Deutsch und Russisch ist angedacht. Grundlage für das Essay ist ein Vortrag, den ich überarbeitet und leicht ergänzt habe. Ich möchte deshalb hier den Beitrag zu jenem Vortrag von meinem Baden-Baden-Blog übernehmen, zumal jenes Blog langsam hierher umziehen und integriert werden soll.

Artikel vom 25.9.2012
Einer der berühmtesten Dichter Russlands ist in diesem Jahr durch seinen 160sten Todestag wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt: Wassili Schukowski (1783–1852). Er verbrachte seinen Lebensabend in Baden-Baden und wurde vor seiner Überführung nach Sankt Petersburg hier begraben – wie später auch seine Kinder. Zu diesem Anlass hat die Deutsch-Russische Kulturgesellschaft Baden-Baden e.V. die Patenschaft für die aufgegebene Grabstätte auf dem Stadtfriedhof übernommen, um sie mit einem Obelisken als historische Gedenkstätte zu bewahren.

Sie wird im Beisein von OB Wolfgang Gerstner am 11. Oktober um 15 Uhr öffentlich von Abt Andrey von der russisch-orthodoxen Kirchengemeinde Baden-Baden gesegnet. Eine Feierstunde zu Ehren des Dichters in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek, zu der auch russische Gäste aus diplomatischen Kreisen erwartet werden, schließt sich um 16.30 Uhr im Gartenhaus der Stadtbibliothek an. Die Buchautorin Petra van Cronenburg hält einen kurzen Vortrag über Wassili Schukowski.

Wassili Schukowski, zu Lebzeiten gemalt von P. F. Sokolov
Wassili Schukowski gilt als Begründer der russischen Romantik und war Freund und Mentor Puschkins. Fast noch bedeutender ist seine Rolle als Kulturvermittler. Der viersprachige Lyriker machte durch seine freien Übersetzungen vor allem Schriftsteller wie Goethe und Schiller, aber auch Johann Peter Hebel und Ludwig Uhland in Russland bekannt. Von Baden hatte Wassili Schukowski sicher schon früh gehört, als er Hauslehrer des späteren Zaren Alexander II. wurde. Das Haus Romanow war durch die Einheirat der Prinzessin Louise von Baden 1793 mit dem Haus der Markgrafen verwandt. Nach einem ersten Kurbesuch im Jahr 1827 ließ sich Schukowski 1848 endgültig in Baden-Baden nieder, wo er am längsten im Maison Kleinmann in der Sophienstraße 5 wohnte. Hier pflegte er seine Freundschaft mit Nikolaj Gogol und schrieb neben Aufsätzen und Fabeln vor allem an einer Nachdichtung von Homers Odyssee und Gesängen aus der Ilias, die wie der Großteil seiner Gesamtausgabe in der berühmten „russischen Offizin“ der Karlsruher Hofbuchhandlung Hasper erschienen. Fast erblindet verschied er nach einem langen Herzleiden 1852 im Alter von 69 Jahren.
Im Maison Kleinmann in der Sophienstraße 5 wohnte der Dichter

Auch familiär waren Schukowskis Verbindungen zur deutschen Kultur sehr eng. Seine 38 Jahre jüngere Frau Elisabeth von Reutern war die Tochter der hessischen Adligen Charlotte von Schwertzell und des Baltendeutschen Gerhardt Wilhelm von Reutern, einem alten Freund Schukowskis. Der Schwiegervater, ein guter Bekannter von Goethe, kam durch dessen Ermunterung zur Malerei. Die von ihm gegründete Malerkolonie imhessischen Willinghausen gilt als die erste Freiluftmalerei-Schule Europas. Ebenso viele Künstler zog sein späterer Wohn- und Atelierssitz in der Frankfurter Villa Metzler an, heute Teil des Museums für angewandte Kunst. Schukowski wohnte zeitweise auch dort.

Jene künstlerische Begabung blieb in der Familie. Wassili Schukowskis Sohn wurde in anderer Schreibweise in Deutschland berühmt: als Maler und Architekt Paul von Joukowsky (1845-1912) zählte er zu den engsten Vertrauten von Cosima und Richard Wagner im Haus Wahnfried. Besonders bekannt sind seine Portraits von Richard Wagner und Franz Liszt, aber vor allem die Bühnenausstattung und Entwürfe von Kostümen und Requisiten für die Uraufführung des Parsifal.

Die Tochter Alexandra von Joukowsky-Wöhrmann (1842–1899), die als Hofdame in Sankt Petersburg aufwuchs, machte auf andere Weise von sich reden. Ihr Sohn Alexej entstammte einem Verhältnis mit dem vierten Sohn von Zar Alexander II. Jener verschaffte ihr trotz Widerstand seines Vaters im Jahr ihrer Heirat mit einem sächsischen Baron den Adelstitel einer Baroness Seggiano. Alexej wurde schließlich von seinem Onkel, Zar Alexander III. zum Grafen Belewski geadelt.

Der 2010 gegründete gemeinnützige Verein „Deutsch-Russische Kulturgesellschaft Baden-Baden e. V.“ möchte die Völkerverständigung zwischen Deutschen und Russen durch einen lebendigen Kulturdialog stärken. Dazu gehört auch die Erforschung und Pflege historischer Spuren. Die Förderung der kulturellen Zusammenarbeit für eine gemeinsame Zukunft liegt dem Verein besonders am Herzen. Jeden zweiten Dienstag im Monat veranstaltet er öffentliche Vorträge und Themenabende.