8. Januar 2013

Schwein gehabt im Loto?

Nein, das ist kein Vertipper im Titel, sondern ein typisch elsässisches Mysterium! Man kennt das ja - als ich in meiner Schulzeit nach Frankreich fuhr, mit einem Wortschatz aus bonjour, baguette, merci und vin rouge, habe ich mir über manche Aufschriften völlig falsche Gedanken gemacht. Ich fand es natürlich wie so viele Touristen seltsam, dass man im "Hotel de ville" keine Zimmer bekam, der Bürgermeister dort aber jeden Tag hausen durfte. Das "atelier municipal" schrieb ich der französischen Tradition großer Kunst und Kultur zu: Jede noch so kleine Gemeinde schien sich hier für die schönen Künste zu engagieren! Was für eine Entäuschung, als sich das "atelier" schlicht als "Werkstatt" entpuppte - der Gemeindearbeiter verstaut dort seine Gerätschaften und führt einfache Reparaturen durch. Beim "oktoverfescht" war ich dann schon vorgewarnt. Bier und Volksmusik gibt es dort auch, aber keiner versucht sich am Schuhplattler. Es ist eines der weit verbreiteten Feste, wie man sie früher zum Erntedank feierte, und die elsässische Volksmusik kommt auch schon mal aus Österreich.


Jetzt, zwischen Neujahr und Karneval, stehen wieder die Schilder an den Ortseingängen auf dem Land, das magische Wort "loto" und ein Datum. Wo das Mysterium stattfindet, wird nur notiert, wenn das Dorf groß genug für mehrere Veranstaltungsorte ist. Ein Lottospiel? Einmal im Jahr? Das kann es kaum sein, denn das hinlänglich bekannte "lotto" schreibt sich auch in Frankreich mit Doppel-T. Es gäbe dann noch "la loterie", die Lotterie. Aber nein - überall im Elsass gibt es ein "loto". Wahrscheinlich ist es vom Wort "lot" abgeleitet, das in Doppelbedeutung sowohl ein Los bezeichnet als auch ein Stück Land oder ein "Los Wald", das man zum Schlagen erwirbt. Früher hat man zur Losvergabe von Jagdparzellen und Holzeinschlag in der Gaststätte getagt und entsprechend gefeiert.

Und so ist das heute noch ein bißchen. Ein "loto" findet immer in der Dorfkneipe statt und man trifft sich dort mit Kind und Kegel und Freunden auf einen vergnüglichen Abend. Es wird gelacht und geschwätzt, getrunken und gegessen. Rustikal, ohne viel Tamtam, oft gibt es eine Spezialität, je nachdem, was Jäger, Angler oder Bauern herbeischaffen. Extra Geld sollte man mitnehmen, denn ständig läuft die Bedienung oder ein Kind des Hauses herum und preist die Lose an. Es gibt nämlich etwas zu gewinnen. Oft wird vorher im Dorf wie für eine Tombola gesammelt - da kommt dann von der Riesenbüchse Erbsen bis zum Cremetöpfchen einiges zusammen. Aber anders als bei einer Festtombola sind die Gewinne beim "loto" doch oft sehr ländlich.

Einmal habe ich bei einem mitgemacht, weil es so ein herrlicher Spaß war. Aber was für eine Angst hatte ich, den Hauptgewinn zu ziehen. Der war nebst kleineren Gewinnen im Nebenraum des Restaurants zu besichtigen und sorgte für eine Menge Gaudi: Eine lebende Sau! Jeder wollte sie gewinnen, nur ich nicht - ich hätte das Vieh einfach nicht schlachten können, das sich von den Kindern kraulen ließ. Und dann wurde ich mutig. Ich hatte noch nie irgendwo was gewonnen, also her mit noch einem Los, das würde schon nicht schiefgehen! Es ging schief. Nicht schweinisch schief, aber der zweite Preis, den ich gewann, war ein Stallkaninchen. Ebenfalls lebendig. Das hatte ich nun davon!

An diesem Abend war der Junge von Freunden total glücklich. Ich hatte ihm das Kaninchen geschenkt, denn so war's mit den Eltern ausgemacht. Das Kaninchen wurde riesig und sehr alt, hörte auf seinen Namen und lief an der Leine spazieren. Obwohl die Familie sonst nicht so empfindlich war, was das Schlachten betraf - das Geschenk durfte einfach nicht in den Kochtopf. Es hat sogar den Hund der Familie überlebt. Drum Vorsicht: Immer erst schauen, was es beim Loto gibt. Der Abend selbst ist aber auch ohne Loskauf ein Riesenspaß!

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