30. Dezember 2013

Wider den Kater

Ich möchte all meinen Leserinnen und Lesern jetzt schon einen guten Rutsch und ein spannendes neues Jahr wünschen - als kleines Dankeschön für die Treue gibt's mein persönliches Silvesterrezept. Ich müsste zwar wie meine französischen Freunde traditionellerweise Austern essen - aber nach dem, was inzwischen um die Austernzuchten so im Meer herumschwimmt, vergeht mir dieser Appetit immer öfter. Die Auster ist bekanntermaßen so etwas wie der Mülleimer der Meere. Natürlich ist es absolut inkonsequent, was ich stattdessen koche - es kommt nämlich auch aus dem Meer! Hier im Elsass lieben sie es und so mancher ist überrascht, dass man zumindest den ersten Salat nicht in schwerer Mayonnaise ertränken muss. Der zweite schmeckt dagegen mit Mayonnaise umso besser.

Meine Oma hat das Heringssalatessen aus Osteuropa mitgebracht, es gibt dazu Pellkartoffeln mit etwas zerlassener Butter. Der Salat schmeckt am besten, wenn man ihn einen halben Tag im Kühlschrank ziehen lässt. Wenn man genügend anrichtet und ihn gut kühlt, hilft er am nächsten Tag auch gegen den Kater. Kleinere Portionen ohne Kartoffeln eignen sich als deftigere Vorspeise.

Aus der Pi-mal-Daumen-Küche das Rezept für 2 nicht sehr hungrige Personen:

4 milde Matjesfilets (zu salzige vorher wässern)
mind. 2 große Malossol-Gurken (oder andere schön würzige)
1 säuerlicher Apfel (Boskop oder Reinette)
1 Zwiebel
Knoblauch
Kefir
Cidre- oder Apfelessig
2-3 Lorbeerblätter
5 Wacholderbeeren
viel Dill, am besten frisch
etwas Zitronensaft
Salz, Pfeffer

Die Filets in Querstreifen schneiden; die Gurken längs teilen und dann in möglichst feine Scheiben schneiden, die Zwiebel in sehr feine halbierte Ringe, Knoblauch hacken. Aus dem Kefir mit dem Knoblauch, den Gewürzen und wenig Essig / Zitronensaft eine Soße anrühren, die alles bedecken muss. Mindestens zwei Stunden gekühlt ziehen lassen.

"Hering im Pelzmantel" ein russischer Schichtsalat (Foto: P. van Cronenburg)
Ein wahrer Killer durch die Kalorien ist eine Variation: "Hering im Pelzmantel" oder "Schuba". Mit russischer Mayonnaise aber übel lecker ... und dieser Schichtsalat macht bei Gästen richtig etwas her! Alles hängt an der Qualität der Mayonnaise, die Kalorienbewusste allenfalls mit Sauerrahm mischen können. Leichtere Saucen schmecken einfach nicht - und natürlich dient so eine Speise dazu, den Alkohol "aufzusaugen", der an solchen Tagen getrunken wird ...

Für die Version auf dem Foto:

4 mittelgroße Salatkartoffeln, gekocht, grob geraspelt
2 mittelgroße Karotten, gekocht, grob geraspelt
1 mittelgroße Zwiebel, gehackt
5 hartgekochte Eier, gewürfelt
250 g Hering (Matjes oder in Öl eingelegt), klein gewürfelt
3 gekochte Rote Beete, klein gewürfelt
gute Mayonnaise, evtl. mit Sauerrahm gemischt
schwarzer Pfeffer für die Kartoffeln
Deko (hier: Karottenscheiben, Preiselbeeren und Petersilie)

Zutaten vorbereiten und nacheinander schichten. Zwischen jede Schicht Mayonnaise streichen (ganz dünn). Die hier angegebene Mayonnaise-Schicht st eine Extraportion! Man schichtet in eine Glasform oder wie ich in einen Kuchenring, der dann vorsichtig abgehoben wird - der Reihe nach von unten angefangen:
Kartoffeln - Hering - Zwiebel - 4-5 EL Mayo - Möhren - Eier - Mayo - Rote Beete - Mayo - evtl. von vorn anfangen - Deko (z.B. Eier).
Mit Frischhaltefolie abgedeckt im Kühlschrank mehrere Stunden, besser aber über Nacht ziehen lassen. Zwischen Möhren und Rote Beete kann man auch noch zerkleinerte Walnusskerne streuen.
Den Kuchenring erst kurz vor dem Servieren entfernen!

Guten Appetit und Prosit Neujahr!

18. Dezember 2013

E-Book soeben erschienen!

Die meisten kaufen ein Genussbuch aus Papier. Aber man kann durchaus so etwas als E-Book gestalten. Vorteil: Das Rezepteregister wird interaktiv, ein Klick aufs Gericht führt automatisch zum Rezept.

Das E-Book erscheint in der edition tetebrec
 Und jetzt ist es so weit: In der edition tetebrec erscheint ab sofort die Kindle-Ausgabe: hier klicken. Weil das Dateiformat Epub über Distributor laufen muss und hier Weihnachtspause herrscht, wird dieses Format noch etwas Zeit brauchen. Mehr zum Buch und dauerhafte Links rechts im Blogmenu.

12. Dezember 2013

Literarischer Spaziergang

Im nächsten Jahr werde ich ein neues Live-Projekt anbieten: Literarische Spaziergänge in Baden-Baden.
Die folgende Veranstaltung findet zunächst für die Deutsch-Russische Kulturgesellschaft e.V. statt (noch unter Vorbehalt: am 10.06.2014 um 18 Uhr, offen für Publikum), kann aber von Gruppen frei gebucht werden. Genauere Modalitäten im nächsten Jahr ...

Vom ersten Boulevard der Stadt vorbei am ehemaligen Hotel Victoria ... (Fotos: PvC)

Hier ein kleiner Vorgeschmack:
Madame Orlando ist von seltsam unbestimmtem Alter. Sie will in Baden-Baden gelebt haben, als es die badische Prinzessin Louise in Richtung Zarenhof verlassen hat, und behauptet, noch den weltberühmten Opernsänger Schaljapin in einer Kneipe singen gehört zu haben.

Auf einem Spaziergang zwischen Thermen und Kurhaus plaudert sie aus dem Nähkästchen ihrer berühmten Salonbekanntschaften um Pauline Viardot, Iwan Turgenjew oder Rachel von Varnhagen-Ense. Sie hat sie alle in scheinbar unbeobachteten Momenten erlebt: den zürnenden Richard Wagner, Clara Schumann und Brahms in innigen Momenten, aber auch die mit sich ringenden Schriftstellergiganten wie Gogol, Dostojewskij oder Tolstoi.

Mme Orlando weiß, wie sich ein deutscher Bestsellerautor und ein Verleger durch russische Logiergäste eine goldene Nase verdienten; sie hat gesehen, wie man aus einer Anlage zum Schweineabbrühen ein Wellness-Center machte und Thermalwasser mit einem Pülverchen zu angeblichem „Carlsbader Wasser“ schönte. Sie stand mit den russischen Schriftstellergrößen am Spieltisch, faulenzte wie Oblomow mit Gontscharow und erwischte Gogols Muse bei einer Liebschaft.


Ärmlich war es hier, als Anna Dostojewskaja hungern musste ... (PvC)

Aber die Salondame kennt auch die Schattenseiten der Stadt: Anna Dostojewskaja hat ihr beim Verkauf ihres letzten Kleids Geständnisse über „die Hölle auf Erden“ gemacht. Mme Orlando weiß, wo die Herren „Blankwaffen“ kaufen und die Kokotten in Negligés vor Verkaufsbuden stehen – wie die arme Moskauerin, die sich sogar einen echten Fürsten als Gatten angelt. Der „Brandstifter“ von Moskau, Schrecken Napoleons, soll in Baden-Baden abgestiegen sein. Seine Schwiegertochter, eine der ersten Dichterinnen Russlands, vor Zar Nikolaus geflohen sein, verbannt wegen einer einzigen Ballade! Die Geheimpolizei des Zaren hat ihre Spitzel auch unter den Kurgästen. Einige Russen schmuggeln darum ihre Texte an der Zensur vorbei in die Karlsruher russische Druckerei. Was sind dagegen die „kleinen Charlatanerien“, mit denen sich die Einwohner an den Begüterten und Schönen zu bereichern versuchen ... oder ein Fürst Menschikow, der sich schon einmal im Voraus für seine Geschwindigkeitsüberschreitungen bei der badischen Polizei freikauft?

Im Lesekabinett bei Marx findet Mme Orlando die Zeitungen mit dem neuesten Tratsch, mit den Skandalen der internationalen Lebewelt. Und die erste Versandapotheke der damaligen Zeit hält mit dem „Morning Chronicle“ im Wartezimmer einen besonderen Leckerbissen bereit – hier schreibt Lästermaul Boswell über Touristennepp und Küchensünden der Kurstadt. Nichts Neues allerdings für Mme Orlando, die lieber bei César Ritz ihren Tee nimmt und bei Georges Auguste Escoffier die Erfindung des Speisens à la carte genießen konnte.

Wie gut, dass sie schon so lange lebt! So kann sie ihre vergnüglich menschlichen Geschichten über das bunte Baden-Badener Völkchen des 19. Jahrhunderts all denen nahe bringen, die das Glück nicht hatten, diese berauschende Zeit selbst erlebt zu haben!

Szenische Führung von knapp anderthalb Stunden.
Treffpunkt Hotel Aqua Aurelia gegenüber Vincenti-Parkhaus. Endpunkt: Kurhaus.


Die Buchautorin, Journalistin und Übersetzerin Petra van Cronenburg kennt Baden-Baden seit ihrer Kindheit, ihr Roman „Lavendelblues“ spielt in der Stadt. Bekannt wurde sie mit ihrem literarischen Reisebuch „Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt“. Petra van Cronenburg schrieb für renommierte literarische Verlage wie Hanser und Suhrkamp und versucht derzeit, mit ihrem eigenen „Atelier für Erzählkunst Tetebrec“ das Medium Buch zu sprengen – ins erlebbare Erzählen. Ihr Steckenpferd sind genussvolle Grenzgängereien.

30. November 2013

Die Zone

"Die Zone" ... da denkt jeder an Tschernobyl. Und ist wahrscheinlich angesichts der Bilder einer entmenschten Landschaft gleichermaßen fasziniert wie von Grauen erfüllt. Der russische Regisseur Andrej Tarkowskij spielte bereits vor dem Super-GAU mit dem, was verbotene Zonen ausstrahlen, in seinem Film "Der Stalker" nach einer Geschichte der Brüder Strugatzki. Dabei gibt es so viele "Zonen" selbst im näheren Umfeld. Zonen, in denen einst der Mensch das Sagen hatte, Reibach machte, Raubbau betrieb ... bis er sich selbst ausschloss, ausschließen musste. Mich faszinieren Zwischenräume, Grenzgängereien ... und solche Zonen, in denen die Natur sich ihren Platz gegen den Menschen zurück erobert. In denen Müll wie archäologische Fundstücke anmutet und Geschichten von der einstigen Hybris erzählt. In denen die Natur fast zeichenhaft wuchert.

Als "Puits Six" früher bei Gourmets in aller Munde wegen des gleichnamigen Restaurants, ist diese scheinbare Idylle heute nur noch Tieren zugänglich. Der Hügel ist eine Abraumhalde von der Erdölförderung alter Zeiten.

Die Natur holt sich alles zurück, schert sich nicht um Warnschilder.

Eine solche "Zone" gibt es inzwischen an einem Ort, dessen Geschichte ich in meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" (demnächst als E-Book!) erzähle: In Merkwiller-Pechelbronn, jenem legendären Auslöser des europäischen Ölrauschs - der übrigens vor dem amerikanischen kam. Nahe der Stelle, an der 1813 der älteste Bohrturm der Welt errichtet wurde, ist ein riesiges Areal abgesperrt ... wegen Bodenbewegungen, drohender Einbrüche und dem, was unter der Erde noch lagern mag. Andere Stellen sind meist nur vergessen oder liegen versteckt im Wald. Die Kamera aber reicht manchmal auch über Zäune hinweg. Und immer wieder erzählen diese Bilder Geschichten ...




Leseprobe aus Petra van Cronenburg: Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt (TB: Insel Verlag, E-Book: Edition Tetebrec)

"Das Abenteuer kann beginnen. Eine Konstruktion, die an eine römische Waage erinnert und die Spulvorrichtung hält, wird direkt über dem Bohrloch installiert. Bleiwürfel werden es später ermöglichen, das Gleichgewicht der drei Kabel zu halten, die hier abgelassen werden. Noch müssen Kabelverbindungen und Anschlüsse mit Isolierband abgeklebt und in die richtige Position gebracht werden. Die Attraktion jedoch ist die Sonde, die einem gelben Fisch aus Papier ähnelt und beim Bohrmeister einigen Zweifel weckt. Jost stöhnte noch siebzig Jahre danach: „Wir waren damals schon mutig, eine solche Sonde in ein Bohrloch herabzulassen!“ Mutig war die Gruppe auch, sich nicht lächerlich zu machen. Konnte man den dünnen Fisch noch verstehen, so war die Erfindung, das Widerstandsrelais mit einer ölgefüllten Membran zu schützen, wirklich witzig anzusehen: „Mit der Injektionsblase aus rotem Gummi sahen wir aus wie eine Gruppe von Tierärzten.“

Einer der Tierärzte mit gelbem Fisch und roter Gummiblase, nämlich Scheibli, gerät während der Messungen in einen seltsamen Dialog mit einer Fahrradklingel. Jedes Mal, wenn die Klingel „Ding!“ macht, schreit er „Halt!“ und Doll zeichnet. Angestellte der Gebrüder Schlumberger arbeiten mit den einfachsten, aber effektivsten Mitteln.

Das Französische Erdölmuseum Merkwiller-Pechelbronn bietet auch Führungen durch die Landschaft an.

20. November 2013

Nein, kein Voodoo

Wer dieser Tage im Elsass einkaufen geht, hat sich vielleicht vor allem in Innenstädten und Dörfern schon gewundert. Seit 13. November hängen dort große, pechschwarze Plakate, auf denen von "Les sacrifiés" die Rede ist: "die Geopferten". Es handelt sich jedoch keinesfalls um eine typische Novemberaktion des Einzelhandels in Sachen Halloween oder Voodoo - es geht um den Einzelhandel selbst, um kleinere Handwerksbetriebe, um Freiberufler, denen wir die Lebendigkeit der Innenstädte verdanken. "Les sacrifiés" ist eine landesweite, parteiunabhängige Protestaktion. In den betreffenden Läden gibt es Unterschriftenlisten - im Internet läuft die Petition an die Regierung Hollande ebenfalls. Wer mag, kann seine Unterschrift noch mindestens sieben Tage lang leisten, Aktionen ums Thema wird es jedoch bis weit ins Jahr 2014 geben.

Worum geht es?

Die Vereinigung der Unternehmen "der Nähe", also lokale Einzelhändler, Handwerksbetriebe und Freiberufler, kämpfen dagegen, dass sie durch immer neue Steuern und Abgaben komplett ausgeblutet werden. Immer mehr kleine Läden und regional arbeitende Unternehmer müssen derzeit in Frankreich aufgeben, weil sie die Last der Abgaben nicht mehr erwirtschaften können. In der Petition geht es darum, die "Kleinen" gegenüber den Großkonzernen konkurrenzfähig zu erhalten und die Abgaben neu zu überdenken. Die Aktion begann am 13. November und soll mindestens zwei Wochen dauern.

Der November ist ohnehin eine Art Horrormonat in Frankreich. Für alle, die nicht monatlich Abschläge zahlen (können), sind auf einmal diverse Jahresabgaben fällig, dazu kommen die Abschlagszahlungen für Strom, Wasser, Grundsteuer, Wohnsteuer. Schlimm genug, dass einige dieser Rechnungen um zweistellige Prozentbeträge gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind - die Regierung Hollande versucht derzeit, durch immer neue Steuererfindungen den Staatshaushalt zu sanieren. Das trifft im Moment vor allem Freiberufler und kleine Gewerbetreibende sowie Kleinstunternehmer. Ausgerechnet diejenigen, die bei der schwierigen Wirtschaftslage am empfindlichsten sind, die Arbeitsplätze und Ausbildungsstellen bieten, obwohl jeder Angestellte in einem Kleinstunternehmen auch Risiko bedeutet. Dazu steigen die Sozialabgaben für diese Berufszweige ebenfalls enorm, während die Rentenkasse erstaunlicherweise einen Milliardenüberschuss haben soll. Kein Wunder, dass viele Betroffene wütend sind.

Noch schlimmer sind die zusätzlich "erfundenen" Steuern. Wer früher noch dachte, er könne als Freiberufler Büroräume oder Arbeitszimmer von der Steuer absetzen, wundert sich heuer tüchtig: die Räumlichkeiten werden mit einer Sonderabgabe (CFE) besteuert, die ebenfalls ausgedehnt und erhöht wird. Pech für den, der sein Arbeitszimmer früher besonders groß gemacht hat. Die CFE ist regional unterschiedlich hoch, kann empfindlich teuer werden und steigt in manchen Departements auch mal plötzlich jährlich um 100%, scheinbar willkürlich. Auch den Hausbesitzern soll es bald an den Kragen gehen - und das in einem Land, in dem 57% der Bürger Besitzer sind! Man will ihnen künftig, wenn es durchkommt, eine fiktive Miete errechnen, frei nach dem Motto, wer besitzt, der spare ja Miete! Und darauf dann eine Steuer verhängen ... bei 57% aller Bürger - so saniert man schnell das Staatsäckel. Natürlich werden die Mehrkosten ab 1.1.2014 auch auf die Preise umgelegt werden müssen - so ist der Verbraucher indirekt betroffen. Das Einkaufen in Frankreich wird wohl im nächsten Jahr teurer werden.

Was die Leute aber vor allem aufbringt: Die ganz großen Firmen und Konzerne müsen sich um diesen Kleinmist nicht scheren, sondern werden eher noch gefördert. Sie können nicht nur ihr Geld viel leichter ins Ausland verschieben, sondern erhalten auch schon mal staatliche Finanzspritzen. Die Stimmung jedenfalls ist so düster wie die schwarzen Plakate. Wer auch morgen noch seinen Friseur im Ort, die Buchhandlung oder den Bäcker haben möchte - Nachdenken lohnt sich.
Vielleicht symptomatisch: In "meinem" Städtel ist die Buchhandlung gerade eingegangen und hat nun einer weiteren Bank Platz gemacht. Ein 10.000-Seelen-Ort hat eben seine vierte Bank bekommen.

Was sich an Protest dieser Art in Frankreich so tut:
Les sacrifiés bei Facebook
Association Sauvons nos entreprises ("Verein Rettet unsere Unternehmen", auch Freiberufler)
Les citrons facilement exploitables ("Die leicht ausquetschbaren Zitronen"): Regionale Bewegung gegen CFE & Co., die bereits einer Steuersenkung erreicht hatte.

18. November 2013

Wenn Schönheit weh tut ... ist das Glück?

Die ARD fragt in einer Themenwoche, was "Glück" sein könnte und wie man dazu kommt.
Kennt jemand dieses Gefühl, dass Natur so schön und wunderbar und faszinierend sein kann, dass es richtig weh tut? Auch das ist Glück: Den Fernseher gar nicht erst einschalten, sondern vor die Tür gehen, in die Natur hinaus. Heute hat sich der Hochnebel in den Vogesen gelichtet, bei strahlendem Sonnenschein gab es eine Waldwanderung mit Hund von drei Stunden. Teilweise war es so warm, dass ich über Sonnenwiesen kurzärmelig laufen konnte!


Und dann ist da einfach dieser Zauber. Kein Mensch weit und breit, nicht einmal Waldarbeiter. Absolute Stille. Im Buchenwald rieselt es mit einem runden Wohlklang ... es ist nicht das Wasser, das in den Bächen gluckert - es sind die bunten Blätter, die in windstiller Luft gemächlich nach unten schweben, hörbar auf ihrem Liegeplätzchen für den Winter aufkommen. Die Vogesenhänge schwelgen in Farbenpracht, aber nun fallen langsam die Rottöne - und in ein oder zwei Wochen wird der Wald nur noch grün und schwarz erscheinen.

Unzählige seidene Spinnenfäden spannen sich über die frischgepflügten Äcker, im Gegenlicht ein Seidengewebe wie gesponnnes Silber, das leise im Lufthauch bebt. Der Hund erzählt von unsichtbaren Wildwechseln, kostet Rehspuren und Wildschweingeruch, schnüffelt einer längst verschwundenen Maus nach und anderen Tieren. So webt er in die Spinnenfäden eine unsichtbare Landkarte, die in der klaren Herbstluft sogar die Menschin wittern kann: Da hat ein Fuchs markiert und dort ist ein Rehbock erst kürzlich ins letzte Maisfeld eingebrochen. Der Geruch von Holzfeuer steigt am Hang hoch und mischt sich in feuchte Pilz- und Moosnoten. Jemand verbrennt Baumschnitt in einem sechs Kilometer entfernten Dorf. Nur am Qualm ist auszumachen, dass es noch andere Menschen auf der Erde gibt.

Selbst die Pferdekoppeln sind heute verlassen. Der Hund kostet am Wasser in den Pfützen die unterschiedlichen Gourmetrichtungen: Wiesenlache mit Pferde-Odeur, Wildwechselkuhle am Bach, dazu ein Schlückchen aus der Saulache ...


Ein Vogel warnt vor dem Hund, ein Specht tackert sich ein Menu aus einem hohlen Baum. Die Raben, die eben den Greif attackiert und vertrieben haben, scheinen vor Lachen zu keckern. Und da setzt sich der Hund von selbst an der schönsten Ausguckstelle hin und blickt versonnen übers Tal, über die anderen Hänge, hebt die Nase, schließt kurz die Augen und blickt wieder in eine Weite hinein, die das Herz öffnet. Jetzt sich wie ein Hund daneben kauern und dem Glück nachspüren ...


Lesetipp: Die frisch in Trennung lebende Karen will auch mal wieder so richtig wissen, was Glück ist. Angebote gibt es wohlfeil, jeder verspricht mit seiner Methode zum Glück mehr als der andere. Sie probiert sie alle durch, mit einen starken Hang zur Selbstironie. Und plötzlich ... kommt sie vollkommen auf den Hund, bevor sich ihr Leben wendet.
Petra van Cronenburg: Alptraum mit Plüschbär (Kindle) ( Roman, gedruckt im Antiquariat unter dem Titel "Stechapfel und Belladonna")

10. November 2013

Die Wildsau unter den Käsen

Novemberschmuddelwetter. Wem fällt da im Elsass nicht ein kleiner Zwischenurlaub in den Fermes Auberges auf den Vogesenhöhen ein, bevor man vielleicht in winterlichen Verhältnissen den Berg nicht mehr hinaufkommt?! Ideal zum Wandern und genau die richtige Zeit, in der die deftigeren und schwereren Genüsse auf den Teller kommen. Die Regionalküche hat die Natur der Jahreskreisläufe zu nutzen gewusst für Leute, die Holz hacken mussten, die in der schweren lehmigen Erde ihre Bauerngärten für den Winter vorbereiteten. Als Tourist muss man sich die Kalorien anders abschaffen.


Highlandcattle - eine rare Köstlichkeit in den Nordvogesen, denn nur die überzähligen Tiere der frei weidenden Tiere werden geschlachtet, und das auch nur in einem streng begrenztem Zeitraum.
Viele kulinarische Besonderheiten gibt es traditionell nur im November zu kosten: etwa die Keschdewurst aus der Region um Oberbronn, eine mit Esskastanien angereicherte Blutwurst, die in der Pfanne gebraten und mit Meerrettich-Apfelsauce zu Brat- oder Backkartoffeln gereicht wird. Oder das Fleisch vom akribisch erfassten, überzähligen Highland-Rind, das im Rahmen eines Naturschutzprojekts die Sumpfniederungen in den Nordvogesen frei hält und nur in ausgesuchten Restaurants und bei bestimmten Metzgern in den Handel gelangt. Doch nichts von diesen raren Spezialitäten kommt einer wahrhaft alltäglichen Spezialität gleich, die am besten direkt beim Bauern gekauft wird und von Rohmilch besonders fein schmeckt: Der Munster-Käs'.

Munster - hier als Rohmilchkäse, ist einer der ganz seltenen Rotschimmelkäse Frankreichs, einst von irischen Mönchen ins gleichnamige Tal importiert.

Sein Duft in normalem Zustand spaltet die Geister - es gibt nur echte Fans und wahre Verächter, dazwischen lange nichts. Wobei der Geruch sich nicht nur mit dem Reifegrad ändert, sondern auch bei falscher Lagerung extrem werden kann. Munster gibt es ab Quark und ganz frischem Weißkäse, den man fast nur in Fermes und auf Märkten finden kann, selten im Supermarkt: er verdirbt zu schnell. Ein wenig Zucker darüber, mit Kirschwasser "getauft" - fertig ist das Dessert der Almhöhen. Später reift er langsam zu rötlich-gelblichen Käselaiben aus, bis er von selbst davonläuft ...

Wenn er anfängt zu schwitzen und läufige Kanten bekommt, ist der Munster am aromatischsten.
Im mittleren Zustand wie auf den Fotos kann der Munster eisige und verregnete Novembertage über Nase und Gaumen erwärmen: Es ist die Zeit der Kartoffelgratins, die durch diesen Käse erst richtig duftig und aromatisch werden! Nie vergesse ich jenen durchfrorenen Wandertag in Lapoutroie, jenem heimlichen "Käsezentrum", wo es im Restaurant blätterdünn geschnittene Kartoffelscheiben gab, im Backofen mit guter Butter und viel Munster überbacken ... dazu wacholdergeräucherten rohen Schinken. Das Essen ist schwer, einfachst und köstlich. Die Verdauungsschnäpse der Region lassen es jedoch mit Wonne rutschen, denn sie stammen von der Vogelbeere oder einer Abart, dem Alisier, der auf Berghängen und an Felsen geerntet werden muss. Unvergleichlich, jener herb-bittere Geschmack mit einem Anflug von Sommerblumen!

Wer mehr über den Munster wissen möchte: In meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Rielsing schwimmt" (E-Book in Vorbereitung) ist ihm das letzte Kapitel gewidmet. Ich erzähle von seiner Herkunft und den Unterschieden zwischen dem evangelischen Munster des Elsass und dem katholischen Bruder aus Lothringen, aber auch von den Feinschmeckerfesten rund um diesen Käse und die berühmte Kuh, die die Milch dafür gibt: die Vosgienne ... die beinahe einmal ausgestorben wäre.

27. Oktober 2013

Halloween: Konsumgrusel oder spirituelle Tradition?

Nicht noch einer von diesen alljährlichen Halloween-Artikeln! Versprochen. Ich werde mich hier nicht über den Konsumgrusel à la Amerika in den Supermärkten aufregen, aber auch nicht in den Kanon einfallen, dieses Halloween sei nur um des Profit willens aus den USA importiert worden. Umgekehrt ist es nämlich wahr: Vor allem die irischen Einwanderer brachten ihr altes "Samhain" (von "sam-fuin" = Sommers Ende) mit in die neue Heimat über den Großen Teich. In allen Landstrichen Europas, wo ehemals keltische Stämme lebten, war das Fest zwischen der schönen und der kalten Jahreszeit uralte Tradition, auf dem gallo-römischen Coligny-Kalender wird der erste Monat des Winterhalbjahres mit "Samonios" bezeichnet.

Zeit leckerer Kürbisgerichte. Hier gedünsteter Butternut.
Mein Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" beginnt mit dem traditionellen Kürbiskochen an diesem Tag und seiner Bedeutung im Elsass, die erfolgreich von der Kirche ausgerottet worden war. Wo keine eigenen Wurzeln mehr sind, bleibt die Sehnsucht, bleibt eine Leerstelle ... die man dann auch mal mit Plastik füllt. Ich beginne so den Jahreskreislauf, dem das Buch auch mit seinen Rezepten folgt, mit Rübenschnitzen und den Couplets der Kinder. So hat man das früher in Agrargesellschaften erfahren und gedacht: Das neue Jahr begann in dieser Zeit. Denn nur der moderne Mensch mag glauben, dass jetzt alles Leben von den Bäumen abfällt und die Natur "tot" erscheint. Das Gegenteil ist der Fall: Die Bäume und Pflanzen ziehen ihre Säfte in die Wurzeln zurück, um Kraft für den nächsten Zyklus aufzubauen. Die Knospen für den nächsten Frühling werden von vielen Sträuchern vor dem Winter angelegt. Ein Grund, warum es zu Spontanblüten kommen kann, wenn es zu lau ist. Aus der Ruhe, aus dem Tod wächst der Neuanfang.

Die "Alten" haben das noch gewusst, haben das Ende des Sommers und die anstrengende, aber das Überleben sichernde Ernte gefeiert ... sich danach auf jene Ruhe vorbereitet, in der auch der Mensch "nach innen" ging. Dementsprechend offen glaubte man die Übergänge zwischen dem Reich der Lebenden und Toten, der Anderswelt und der Realität. Die Geschichten von Menschen, die in die Feenwelt gerieten, wurden noch lange auch im Elsass erzählt - bei den traditionellen Spinnstubenabenden der Frauen im Winter, wenn das Kaminfeuer prasselte und man die alten Legenden und Lieder zum Besten gab. Die Lieben, die man in diesem Jahr verloren hatte, waren in jenen Momenten ganz nah ... denn es war auch die Zeit, sich an die Verstorbenen zu erinnern. Ein Aspekt, den die Kirche später freudig aufgriff, um das Fest zu christianisieren und auf ein unverdächtigeres Datum zu legen.

Überreste der Urtradition kann man noch hier und da in Frankreich finden. Ganz tief in der Provence haben manche Familien vielleicht noch ihre "poupées", archaisch anmutende Holzfiguren, die ihre Ahnen und verstorbenen Familienangehörigen darstellen. Die meisten werden wohl nur noch in Museen zu besichtigen sein. Am 31. Oktober wurden sie feierlich ausgepackt, man legte ein extra Gedeck für sie auf und feierte mit den Verstorbenen ein großes Gelage.
Dabei geht es durchaus fröhlich zu, denn die "aus der Anderswelt" essen und trinken mit. Man erzählt sich von gemeinsamen Erlebnissen mit ihnen und lässt alte Zeiten wieder lebendig werden. Die Mahlzeit für die Toten stellt man dann für die Geister in der Nacht nach draußen - die herbstliche Tierwelt freut sich.

Übrigens hat auch das Essen an diesem Abend symbolische Bedeutung. Es ist eine Suppe (meist aus Lamm oder Hammel gekocht), in der drei Zutaten nicht fehlen dürfen: Esskastanien für das Nährende im Diesseits wie im Jenseits, Reis aus der Camargue für das scheinbar tote Korn, das im Frühjahr wieder erwachen wird - und frisches Grünzeug für die Hoffnung auf einen Neuanfang nach der dunklen Zeit.

Samhain oder Halloween hat in diesem Jahr eine ganz besondere Bedeutung für mich. Zu jener Zeit fiel der wohl bekannteste "Held" der irischen Sagenwelt in einen magischen Schlaf - und den träumte er an einem Ort namens Tetebrec. Tetebrec, das neu gegründete "Atelier für Erzählkunst & Kommunikation" wird darum an diesem Tag das Geheimnis lüften, das hinter diesem Namen steht und ein überraschend zukunftsgerichtetes Konzept bedeutet.
Hoffentlich noch vor Weihnachten wird dann auch endlich die E-Book-Fassung meines Erfolgstitels "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" erscheinen!

24. Oktober 2013

Wenn Welten in Dialogen liegen

Ich liebe knackige Dialoge. Als Schriftstellerin, das gebe ich zu, laufe ich immer mit sehr offenen Ohren durch die Gegend, denn das Leben schreibt Dialoge, die man sich mit der schrägsten Fantasie oft nicht ausdenken kann. Die landen dann in einem Notizheft ... wer weiß, wozu sie einmal gut sind!

Hier ein Gespräch unter Dachdeckern. Vorweg sei erklärt, dass "kurwa" ein polnischer Einwurf ist, der im Ursprung jene Damen unter den Straßenlaternen als Schimpfwort bezeichnet, im Alltagsgebrauch aber einfach nur für "sch*iße / f*ck you" steht. Der Mann hat übrigens ansonsten ein recht niveauvolles Polnisch fast ohne dieses Wort ... Solches Sprachspiel hätte ich mir nicht ausdenken können:

"Ich also kurwa brauchen diese kurwa kleine Kelle. Fahren, oh kurwa, in die kurwa Baukhaus für kurwa Kelle, die kleine. Und du mir besorgen kurwa Hose, mit kurwa Gürtel gratis."

"Nicht nur Gürtel, auch Schnalle ist gratis! Aus Internet!"

"Du mir also besorgen kurwa Schnalle gratis."

"Ich hab aber gar kein Internet!"

"Kurwa! Dann nur kleine Kelle, nicht Kurwa, keine Schnalle!"

15. Oktober 2013

Kokosmakronen: Hart oder weich?

Manchmal gibt es grenzgängerische Probleme von nationaler Bedeutung. Daniela fragte mich bei Facebook: Warum sind die elsässischen Kokosmakronen so schön weich? Sie versicherte mir, die deutschen seien härter. Eine Herausforderung, das zu recherchieren! So ganz herausgefunden, warum es in Deutschland wirklich harte Kokosmakronen geben kann, habe ich nicht - ich kenne die Rezepte der betreffenden Bäcker nicht. Ich kann nur aufgrund der elsässischen Rezepte vermuten: Es liegt an Zutaten und Sorgfalt bei der Herstellung! Denn bei Kokosmakronen kommt es auch auf die Temperaturen an.

Die Zutatenliste ist in allen möglichen Kochbüchern relativ gleich. Es gibt eine Variante für "Arme" mit sehr wenig Ei und wenig Aufwand:
für 400 g Makronen
2 Eiweiß
125 g Streuzucker
1 Päckchen Vanillezucker
160-180 g Kokosraspeln
und einer recht einfach gehaltenen Zubereitung:
Die Eiweiß zu Schnee aufschlagen und zuerst den Zucker, dann die Kokosraspeln dazurühren. Kleine Häufchen auf Oblaten oder Backpapier setzen und bei 200 Grad etwa zehn Minuten backen. Das ist eine Schnellvariante, die ziemlich bräunt udn eigentlich zu viel Hitze bekommt.

Früher hatte man es gern üppig, Marguerite Hinkel-Rudrauf nimmt in ihrem Kochbuchbestseller von 1926 ein Rezept für Mandelmakronen:
500 g geriebene Mandeln (oder Kokosraspeln in ähnlichem Volumen, nicht Gewicht!)
500 g Zucker
2 EL Wasser
verrührt sie auf dem Feuer, bis die Masse trocken ist. Dazu rührt sie den Schnee von 4 Eiweiß und lässt das Ganze im Backofen bei geringer Hitze eher trocknen als backen.

Bei diesen beiden Varianten entscheiden eigentlich nur der Zucker und die Backofenhitze über die Qualität. Wir nehmen in Frankreich meist braunen Rohrzucker. Und man sollte auf alle Fälle die Finger von Staubzucker lassen, denn der macht schön hart - man kennt das von den "Springerle". Je kühler der Backofen, je mehr Eiweiß, desto eher ähnelt das Gebäck außerdem einer Meringue in der Konsistenz.

Und jetzt zum eigentlichen Luxusrezept, das das Geheimnis lüften könnte. Man nehme für etwa 50 Makronen:
Schüssel für Wasserbad
6 Eiweiß
250 g Streuzucker
1 Prise Salz
1 Spritzer Zitronensaft
250 g Kokosraspeln
etwas Mark von Bourbonvanille

Den (kalten) Eischnee schlägt man in einer großen, kalten Schüssel mit einer Prise Salz auf (das Salz macht ihn schneller steif). Währenddessen hat man ein Wasserbad vorbereitet, das man sehr vorsichtig erhitzt. Darin schlägt man nun zum Eischnee den Zucker mit dem Vanillemark. Die Kunst: Man sollte bei 40 Grad bleiben und so lange schlagen, bis der Eischne richtig schön steif ist. Gibt man nun noch einen Spritzer Zitrone hinzu, wird der Eischnee schön weiß, aber auch fester! Darunter hebt man vorsichtig mit einem Holzspatel die Kokosraspeln.

Wir haben hier schon drei Komponenten, die über die Zartheit der fertigen Makronen entscheiden: Nicht zu heiß aufschlagen, nicht zu viel Zitronensaft zugeben und darauf achten, beim Unterheben der Kokosraspeln den Eischnee nicht zusammenfallen zu lassen!

Ein Backblech wird mit Backpapier belegt und darauf setzt man die Makronen mit dem Löffel als Häufchen. Sie rutschen besser, wenn der Löffel kalt ist, mit einem zweiten Löffel, den man öfter in kaltes Wasser taucht und abtropfen lässt, kann man außerdem nachhelfen.

Auch jetzt eminent wichtig: Nicht zu heiß ausbacken, sonst werden sie trocken und hart! 140 Grad (Stufe 4-5) reichen völlig, und das 30-40 Minuten lang. Die Makronen sind fertig, wenn sie an den Spitzen nur ganz leicht gebräunt sind. Sie sind dann außen knusprig und innen weich. Möchte man sie noch weicher haben, reduziert man einfach die Hitze des Ofens um zehn Grad! Man kann sie gleich probieren, wenn sie ausgekühlt sind.

Kokosmakronen sind zwar auch Bestandteil von Weihnachtstellern, werden aber das ganze Jahr über gebacken. Sie sind eigentlich typisch für die Herbstzeit und alle Arten von Erntedankfesten. Bei der Kerwe und auf dem "Johrmärig" findet man immer leckere "Kokosbredle"!

Liebe Leserinnen und Leser aus Deutschland - vielleicht könnt ihr das Geheimnis lüften ... sind Kokosmakronen bei euch tatsächlich eher hart? Backt ihr sie vielleicht ganz anders?

6. Oktober 2013

Die Ästhetik des Einfachen

Kürzlich unterhielt ich mich mit international geprägten Freunden darüber, was ihnen an Frankreich im Unterschied etwa zu Deutschland oder Großbritannien besonders positiv auffalle. Da sei immer eine gewisse Ästhetik, eine Kultiviertheit zu erkennen, auch im Einfachsten, in Dingen wie im Umgang miteinander. Und das mache die Dinge angenehm.

Auch ein Billigwein (um 3 Euro) verdient ein ansprechendes Etikett. Die Aufschrift hinten auf der Flasche liest sich übrigens wie der Geheimtipp eines Spitzen-Sommeliers und vermittelt, wozu er passt.
Nun mag der Franzose den Kopf schütteln, wenn er etwa in einem Behördenformular oder auf schreienden Werbeplakaten für globalen Mainstream vergeblich nach jener Ästhetik sucht. Über Kultiviertheit kann man auch streiten, wenn Madame einfach Convenience Food in die Mikrowelle schiebt und während des Kochvorgangs auf ihrem Smartphone herumfingert. Aber es ist trotzdem etwas dran: Die Packung für den Schnellfraß sieht so gar nicht nach Schnellfraß aus. Da erwartet man schon eine gewisse Bildkraft in Fotos und Beschreibung. Klingt dann wie ein Gourmetmenu, gekocht von glücklichen, freilaufenden Köchen!

Rohrzucker in Deutschland: Quadratisch, praktisch, gut. In Frankreich: Frei und und einfach er selbst.
Ich bin gestern darum einmal mit offenen Augen durch einen ganz normalen Supermarkt im Kleinstädtel gelaufen und habe nach der Schönheit von Billigware gesucht - die einen in Deutschland gern mal mit einem saftigen "Ja!" einfach anschreit. Ja, auch billige Ware kann schön und ästhetisch gestaltet sein. Manche Dosen sind so schön, dass ich sie durchaus mal als Übertöpfchen für Pflanzengeschenke verwende!

Selbstgemachtes Mitbringsel: Dosen als Übertöpfchen für Ableger

28. September 2013

Medikamententourismus

Gestern hörte ich unfreiwillig in der Apotheke einer verzweifelten Kundin zu. Sie hatte Angst, dass ein für sie wichtiges, lebenserhaltendes Medikament plötzlich nicht mehr zu haben sei. Verständlicherweise hätte sie am liebsten gebunkert, aber die Apothekerin erklärte ihr, es gäbe auch mit Rezept nur noch Rationen für einen Monat, streng zugeteilt. Und diesmal müsse sie den Ersatz aus Italien nehmen. Hier in Frankreich sei das Medikament gerade "en rupture", aus ... Nun ist Frankreich ja nicht gerade ein Entwicklungsland. Hier sitzen bekannte Pharmaunternehmen, Labore und Forschungsinstitute. Wie konnte das sein? Ich gestehe, ich bekam spitze Ohren und habe dann im Internet ein wenig recherchiert.

Manchmal entscheiden Pillen über Leben und Tod (Foto zeigt andere als die im Text genannten)
Es geht um das Medikament Levothyrox, künstliches Schilddrüsenhormon, verschreibungspflichtig. Man bekommt es, wenn die Schilddrüse selbst nicht genügend produziert, wenn man das Hormon TSH im Körper senken muss - oder wenn die Schilddrüse operativ entfernt wurde. Bei jener Frau war letzteres der Fall, wie sie klagte - sie ist lebenslänglich auf ihre tägliche, künstliche Dosis angewiesen, würde sonst sterben. Denn am Schilddrüsenhormon hängt der gesamte Stoffwechsel des Körpers, die Wirkungen und Nebenwirkungen sind mannigfaltig. Im Ernstfall kann man ins Koma fallen, der Körper reagiert extrem sensibel auf die kleinste Dosisveränderung. Hersteller in Frankreich ist die Firma Merck, hergestellt wird in der deutschen Fabrik in Darmstadt. Der Ersatz, den die Frau bekam, stammte von Merck Serono, Italien. Ich bin mit der Materie zu wenig vertraut, aber offensichtlich stellt derzeit nicht einmal Deutschland genug her. Auch dort finden sich im Internet zahlreiche Klagen über Lieferschwierigkeiten, selbst bei internationalen Online-Apotheken.

Die Wissenschaftszeitschrift Sciences et Avenir macht zwei Hauptgründe für die Versorgungskrise verantwortlich: Zwei Hersteller von generischen Medikamenten in Frankreich haben offenbar kurzfristig ihre Produktion eingestellt - Merck ist nun in Monopolstellung. Das ist in diesem speziellen Fall so schlecht nicht, dass ausgerechnet der Originalproduzent übrig blieb denn anders als sonst bei Generika warnten sogar Endokrinologen vor den Ersatzmedikamenten: Sie wurden nicht gleichermaßen resorbiert, der Hormonspiegel geriet durcheinander, die Wirkstoffmenge in den Tabletten war instabil, es gab üble Nebenwirkungen bei einigen Patienten. Bei einem Produkt des umstrittenen Herstellers Servier gab es 2012 sogar eine Rückrufaktion.

Der zweite Grund ist wahrscheinlich aber noch wichtiger: Der Bedarf an diesem Medikament muss so sprunghaft gestiegen sein, dass man die Engpässe nicht voraussah. Oder hat man nur geschlampert? Immerhin nehmen drei Millionen Franzosen täglich Schilddrüsenhormone ein, Levothyrox steht an sechster Stelle der meistverkauften Medikamente. Aber anders als Aspirin verschreibt kein Arzt diese Tabletten leichtfertig. Über- oder Unterdosierungen können schwerwiegende Folgen haben. Die Firma Merck verweist in einer Presseerklärung nun darauf, man sei in Lieferschwierigkeiten geraten, weil die weltweite Nachfrage enorm gestiegen sei, gleichzeitig aber weltweit Generika eingestellt worden seien. Sie waren auch in anderen Ländern umstritten gewesen. In diesem Fall ist Monopol schlecht: Der Monopolist muss schnellstens für neue Kapazitäten sorgen! Aber war das nicht vorauszusehen gewesen?

Man darf durchaus die Frage stellen: Warum funktionieren derart viele Schilddrüsen nicht mehr? So viele, dass sich ein Pharmakonzern, der in Frankreich Monopolstellung hat und in Deutschland produziert (Euthyrox), in den letzten Monaten nicht auf den Mehrbedarf hat einrichten können? Es gibt ernsthafte Warnmeldungen an die französische Bevölkerung, Verhaltensregeln und Briefe an die Apotheken, die nicht gerade Vertrauen erwecken. War es Fehlplanung? Oder wird in letzter Zeit zu schnell und zu viel operiert? Worauf ich nirgends einen Hinweis finden konnte: Steigt die Zahl der Schilddrüsenerkrankungen etwa dramatisch durch die Havarien in Atomkraftwerken der letzten Zeit? Oder war es nur der lachhafte Preis, der keinen Profit verspricht? Eine mittlere Monatsversorgung bei Totalsubstitution kostet in Frankreich etwa zwei Euro. Fragen über Fragen ... Fragen auch, inwieweit Medikamentenmissbrauch die Situation verschärft haben könnte: Viel zu viele Tabletten (allerdings auch Fälschungen) landen auf dem Schwarzmarkt, wo sich Bodybuilder und Magersüchtige bedienen.

Nun ist diese Episode, die mich nach der Angst jener Frau in der Apotheke nicht losgelassen hat, wahrlich kein Genussthema. Aber die Geschichte zeigt, wie wichtig und segensreich unsere Verknüpfungen in Europa sind. Auch wenn jede Nation im Gesundheitswesen ihre eigenen Regeln aufstellt, so ist es doch heutzutage viel schneller möglich als früher, sich unkonventionell über die Grenzen hinweg auszuhelfen. Zum Glück gibt es diesen Weg über Italien! Was würden die Betroffenen in Frankreich jetzt sonst tun? Wichtiger noch - hier handelt es sich offenbar um ein globales Problem. Die Zusammenarbeit in Europa müsste also noch enger werden, um in Zukunft zu verhindern, dass ein überlebenswichtiges Medikament - aus welchen Gründen auch immer - rationiert werden muss und täglich die Gefahr besteht, dass nicht nachgeliefert werden kann. Für viele Patienten gibt es nämlich zu Levothyrox nur eine Alternative: das Koma.

29. August 2013

Das Wau des Tages

Immer wieder spannend: Grenzgängereien zwischen Hund und Mensch. Man kann da so vieles lernen!


Eberhard Trumler schreibt in seinem Klassiker "Hunde ernst genommen", dass der Sozialverband im Vergleich zum Einzelgängertum die höhere Evolutionsstufe ausmache. Warum das so ist? Einzelgänger können keine Nahrungskonkurrenten brauchen, während der Sozialverband sogar dabei helfe, die Ernährungsgrundlage zu sichern. So heißt es:
"Das Leben in Gruppen mit gesicherter Ernährungsgrundlage verbietet jedoch jeden asozialen Futterneid."

18. August 2013

Le "Ersatz"

Als unerschrockene Experimentatorin in der Küche mache ich vor wenig seltsamen Genüssen Halt. Zumindest ausprobieren kann man ja mal - und es dann lassen, wenn es nicht schmeckt. Nun steht auf meinem Speiseplan ohnehin schon nur sporadisch Fleisch, auch wenn ich es sehr gern esse. Die französischen Preise sind der eine Grund, der noch erheblichere jedoch, dass man gutes Fleisch inzwischen auch hierzulande gut auswählen muss. Nach einem ARTE-Bericht über Fleischersatz wurde mir dann fast vom Zuschauen schlecht: Bevor ich Stammzellengezüchtetes auf meinem Teller toleriere, esse ich lieber trocken Brot! Aber vernünftig könnte man ja trotzdem sein? Warum nicht mal wieder Tofu ausprobieren? Das war schon zu meiner Studentenzeit hip, als die "Körnerfresser" in Tübingen aufkamen. Nach all den Errungenschaften in Sachen Ersatzstoff müsste sich hier doch einiges getan haben?

Ich bin, um das Leben von Otto Normalverbraucher möglichst genau zu simulieren, nicht ins Reformhaus oder in den Bioladen gegangen. Die gibt es hier auf dem Land ohnehin extrem selten - und um darin einkaufen zu können, braucht es weit mehr als ein Künstlereinkommen. Bioware und Fair Trade bieten bezahlbar auch Supermärkte an, wobei sämtliche Label heutzutage sowieso und grundsätzlich angezweifelt werden dürfen. Erzählte ARTE unlängst. Im regionalen Supermarkt war das ARTE-Programm jedenfalls spürbar: Tofu war fast ausverkauft. Und das, obwohl die Sojapampe im Kilopreis durchaus mit einem Boeuf Bourguignon im Sonderangebot mithalten kann! Ich schnappte mir zwei Päckchen: Tofu natur in Portionspackung und Tofu als Convenience-Food in Bulettenform, vorgewürzt. Convenience Food macht offensichtlich auch vor freilaufenden, glücklichen Weltrettern nicht Halt. Außer, dass möglichst viel an dem Zeug "bio" war (die Label lassen durchaus Ausnahmen zu), musste es vor allem eine Bedingung erfüllen: "Sans OGM" / keine genmanipulierten Zutaten darin.

Zuhause dann der Gourmet-Härtetest. Beide Sorten, eingeschweißt in Plastik, haben den Vorteil, dass sie verdächtig lange halten, also fast für die Vorratshaltung im Atombunker geeignet sind. Die vorgewürzten Buletten werden schneller alt, sind aber praktisch für die faulste Hausfrau: Ratzfatz, nämlich in maximal vier Minuten, sind sie in der Pfanne heißgemacht.
Tofu als Convenience Food. Wenigstens die Tomatensauce ist frisch.
Ihr Geruch, frisch aus der Verpackung gepellt, ist etwas gewöhnungsbedürftig. So riecht Ersatz, dem man mit Aromastoffen auf die Sprünge helfen möchte. Irgend etwas gaukelt sogar Fleischbrühe vor, aber angeblich sind keine künstlichen Aromen enthalten. Trocken, etwas gummiartig, wirken die runden Scheiben. Mir kommt spontan der Gedanke, dass sie sich ungebraten gut in einer Steinschleuder machen könnten. Warum aber Ersatz so tun muss, als sei er Fleisch, geht mir nicht ein. Die vorgeprägten Riffel erinnern mich an rekonstituiertes Billigsthack vom Discounter, das mir nie auf den Teller kommt. Ich entscheide mich für eine möglichst flüssige Sauce aus frischen Sommertomaten, roter Zwiebel und passenden Gewürzen.

Vom Duft her ist das Essen fein. Vom Biss her könnte man sich wahrscheinlich daran gewöhnen, es ist weniger gummiartig als vor dem Braten. Aber beim ersten Probieren kam mir dann sofort ein Bild in den Kopf: Ich als Studentin in schlimmsten Hungerzeiten, als das Geld nur noch für die billigste aller Tütensuppen reichte. Die Firma, die all die Trockengemüschen und Würzen herstellte, muss allem Grauen zum Trotz überlebt haben. Das ging gar nicht! Das war dieser ekelhafte Pseudosellerie-Möchtergerngrünzeug-Geschmack, den man auch in billigen Trocken-Fertigwürzen für Salate findet. So also wollte man mir weismachen, ich würde vielleicht doch Fleisch essen? Fleisch vom Aromamonster. Zwei Buletten sind dann tatsächlich genug für zwei Personen ... an einem solchen Abend sollte der Käseteller oder wenigstens das Dessert größer bemessen sein, um diesen ekelhaften Geschmack aus dem Mund zu bekommen.

Viel Karton braucht viel Gewürz. Überdosieren unmöglich!
Beim Naturtofu hatte ich also schon dazugelernt. Im Gegensatz zum Gummiteil kommt er eher grau-bräunlich daher und erinnert an weichgezogene Kartonage. Er riecht auch wie Karton. Dementsprechend lange wollte ich ihn marinieren, diesmal mit eigenen Aromen, zum Großteil aus dem Garten. Bei Karton kann man nicht viel falsch machen: Eine volle Lage gehackter Knoblauch, Öl, Worcestersauce, gemörserter frischer Schwarzkümmel (die erdbeerartig duftende Sorte), frisch gemahlener bunter Pfeffer, frisch gehackter Zitronenthymian, Rosensalz und Colombo-Curry. Das Ganze gewendet und auf der anderen Seite ebenso eingepackt. Und derweil das Fenster verschlossen, denn der Nachbar warf in etwa die gleichen Kräuter auf seinen Grill.
An Tofu haftet die Marinade bestens.
Zum Braten schneidet man den Tofuklops dann in Scheiben. Die Kartonage ist durch die Würzmischung nun etwas brauner als grau und wirkt wie überlagerte Leberwurst, die sich langsam davonkrümelt. Sie ist weicher als die Gummivariante und die Würze ist einfach fantastisch. Erstaunlich jedoch die Resistenz des Tofu gegenüber Würze, ja selbst Knoblauch: Beißt man nämlich auf das Innere, entsteht der Eindruck, da habe jemand die Idee gehabt, Verpackungsmaterial zu recyclen, um zu schneller Magenfüllung zu kommen. Satt macht das Zeug, keine Frage! Man kann das auch mal essen, wenn man geschmacklich ein wenig auf den Hund gekommen ist. Aber ganz ehrlich: Diese Würze auf einen schönen Feta geben, zwei bis drei Stunden marinieren - und der siebte Geschmackshimmel öffnet sich.

Fazit: Ich bin satt geworden, ohne groß zu leiden, aber Gourmet ist anders. Ich brauche keinen Ersatz für Fleisch, jeder Bohneneintopf hätte mir doch besser gemundet. In Sachen Convenience muss die "Bioindustrie" noch mächtig dazulernen. Denn der Geschmack billiger Tütensuppen aus den 1980ern auf Gummi, nein danke!
Die Marinade werde ich demnächst an einem Boeuf Bourguignon probieren, was dann genauso viel kostet. Und vielleicht vielleicht werde ich irgendwann auch einmal austesten, wie sich Verpackungsmaterial aufkochen lässt?

Tofuliebhaber, die jetzt nicht lachen können, werden nur entlassen, wenn sie ihr Lieblings-Tofurezept hier hinterlassen. Ich bin nämlich lernfähig! ;-)

10. August 2013

Saison Russe in Baden-Baden

Für die russische Kultur ist die Sommerpause in Baden-Baden vorbei. Ab nächster Woche geht es wieder los mit den monatlichen öffentlichen Veranstaltungen der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft Baden-Baden e.V. Man trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat um 19 Uhr, wenn nicht anders angegeben, im Saal Aurelian des Hotels Aqua Aurelia - direkt gegenüber des Vincenti-Parkhauses im Thermenviertel. Wenn nicht anders angegeben, sind die Veranstaltungen öffentlich. Hier ein kleiner Überblick bis Jahresende:
August
"Kunstausstellungen als Mittel der Diplomatie"

13.8.2013, 19 Uhr, Hotel Aqua Aurelia
Vortrag mit Bildbeispielen der Kunstwissenschaftlerin Elena Korowin, die Baden-Badener aus der Kunsthalle kennen. Anwesend werden außerdem sein: der russische Botschafter a.D. Prof. Andrej I. Stepanow  und die Kunstwissenschaftlerin Prof. Dr. Nadeshda W. Danilewitsch von der Lomonossow-Universität Moskau.

Ausstellungen aus dem Ausland werden nicht nur organisiert, um dem Publikum Kunstgenuss zu ermöglichen. Sie sind ein Mittel zur Selbstdarstellung, Annäherung und Aufklärung von Staaten. Die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen der Nachkriegszeit wird deutlich in den Kunstausstellungen dieser Zeit, eine genaue  Untersuchung beweist einmal mehr, wie schwierig eine bilaterale Annäherung ist und weiterhin sein wird. Aktuell erinnern daran die Ereignisse um die Eröffnung der Ausstellung "Bronzezeit. Europa ohne Grenzen".

Elena Korowin hat zum Thema ihre Doktorarbeit geschrieben. Die russische Kunsthistorikerin Nadeshda Danilewitsch wurde international bekannt, weil sie seit 20 Jahren nach dem Schatz der Zarenfamilie fahndet, u.a. nach den berüchtigten "Blutdiamanten". ARTE hat erst im Juni eine Sendung über ihre Arbeit gezeigt: "Auf der Suche nach dem Zarenschatz".

September
Die Villa Seelachhöhe von Chreptowitsch im 19. Jahrhundert

9.9.2013, 19 Uhr
Vortrag von Michaela Markert vom Verein Stadtbild mit Bildbeispielen und anschließender Filmvorführung „Die Geschichte der Russen in Baden-Baden.“

In der Presse ist immer wieder von Villenaufkäufen durch Russen die Rede, doch relativ unbekannt ist, dass viele Villen in Baden-Baden ursprünglich von Russen gebaut und bewohnt wurden. Schloss Seelach ist in dieser Hinsicht ein besonderes Projekt: Die Villa wurde 1862 von der Gräfin Chreptowitsch, geb. von Nesselrode, bezogen, deren Mann in Polen Hofmarschall war. Hier gingen Zar Nikolaus II. und wichtige Persönlichkeiten der "russischen Kolonie" ebenso ein und aus wie das deutsche Großherzogspaar. Seit den 1950er Jahren verfiel das Anwesen zusehends, inzwischen hat ein russischer Besitzer die marode Villa komplett abtragen lassen und mit Originalmaterial und modernsten Techniken, ebenso wie andere Teile des Anwesens, originalgetreu wieder aufbauen lassen (Bildsequenz des Architekturbüros).

Oktober
Gedenkveranstaltung zum 130. Todestag von Fürst Alexander Michailowitsch Gortschakow, Außenminister und Kanzler unter Zar Nikolaus II., in Baden-Baden verstorben und beerdigt. Veranstaltung im Palais Biron.


November
Musikalischer Salon: Wagner und die russische Musik im Palais Biron. Nur für Vereinsmitglieder.
Dezember
Reihe Russische Städte: Odessa

22. Juli 2013

Tziginer Sepp - ein Original

Ich bin dem Mann zum ersten Mal über den Weg gelaufen, als ich in Sachen Recherche zur Erdölgeschichte in Merkwiller-Pechelbronn unterwegs war. Mit völlig verrußtem Gesicht und schmutzstarrenden Händen schob er ein altes Fahrrad ohne Reifen neben sich her, das mit allerlei alten Decken und Reisig beladen war. Was mich jedoch eher gruselte: Der Mann trug Militärklamotten und einen Stahlhelm aus dem Weltkrieg. Spontan vermutete ich Filmaufnahmen und schaute mich nach Kameras um, aber da war kein Filmteam. Eine Frau im Laden staunte mich mit offenem Mund an: "Sie kanne nit dr Tziginer Sepp?"

Später sah ich den "Zigeuner-Sepp" noch einmal an einem Hoftor stehen und da konnte ich ihn in Ruhe anschauen, denn er schien mich gar nicht zu bemerken. Er hatte nur Augen für den Hund, der ihn offenbar schon kannte und begrüßte. Es war ein fast magischer Moment: Die Augen dieses Mannes leuchteten voller Liebe aus dem Ruß. Und auf der anderen Seite des Hoftors stand ein Schäferhund und schaute fast genauso zurück, bis der Mann mit ihm sprach, eine Kaffeetasse vom Pfeiler nahm und eintrat. Die Leute gaben dem Joseph immer etwas zu Essen und zu Trinken, manchmal kauften sie ihm einen seiner Körbe ab, die immer und in allen Größen fünf Francs kosteten. "Für den Sepp haben wir eine eigene Tasse, die gehört nur ihm", erzählte mir später jemand aus Soultz. Nun, der Sepp hatte einen mächtigen Odeur und auch schon mal Flöhe.

Der Tziginer Sepp, mit bürgerlichem Namen Joseph Haag, war ein absolutes Original im Canton Outre-Foret. Jeder kannte ihn, die Kinder waren mit seinem Anblick aufgewachsen. Inzwischen ist der Mann seit fünf Jahren tot, 85 ist er geworden, erstaunlich alt für das entbehrungsreiche Leben auf der Straße. Als er elf Jahre vor seinem Tod im Altenheim verschwand, zu krank und schwach für das Leben als Obdachloser, fehlte den Dörfern etwas, fehlte ein Stück Leben. Dabei war er so wirklich obdachlos nicht gewesen - die Gemeinde Kutzenhausen baute ihm ein Holzhüttchen auf einem Rasenplatz am Friedhof, von wo aus sein Lagerfeuer in der Nacht die vorbeikommenden Autofahrer grüßte.




Heute fand ich zufällig das Heftchen, das im Gedenken ans Dorforiginal die Freunde des "Maison Rurale" in Kutzenhausen herausgebracht haben: "Tziginer Sepp. Joseph Haag". Es ist dort im Museum und in den Tourismusbüros der Gegend zu kaufen. Einmal nicht ein Gedenken an berühmte Menschen einer Region, wie es im Vorwort heißt, sondern an einen Ausgestoßenen, einen, der nach seinen eigenen Regeln in einer eigenen Welt lebte. Aus dem vordergründig nichts geworden war, ohne dessen Leben das der anderen jedoch nicht denkbar war. Einer, der alles aushielt und durchhielt.

Für Menschen wie mich, die ich nicht mit der ganzen Geschichte des Joseph Haag von dessen Jugend an aufgewachsen bin, sondern nur die wildesten Gerüchte kenne, ist das Heftchen eine große Bereicherung, vor allem durch die vielen Fotos, die man in den Dörfern zusammengetragen hat. Und da ist er wieder, dieser Blick, den der Joseph bei jenem Hund hatte: Ein ausdrucksvolles Gesicht hat er schon in jungen Jahren gehabt, geheimnisvolle Augen, deren Geschichte man zu gern von ihnen ablesen würde.

Brutal und erschütternd das Leben, 1923 in einen deutsch-elsässischen Zigeunerclan geboren, "tsigane" ist das einzige, was man weiß, ob Roma oder Sinti oder Jenische ... niemand weiß Näheres. Nur, dass der Vater ein schwerer Alkoholiker war, gefürchtet selbst von der Familie. Und da gab es einen Totschlag an Sepps Bruder und einen schweren Unfall, bei dem der Sepp unter einen Pferdewagen gerät und seither komisch gewesen sein soll. Irgendwann, irgendwie, wird er aus dem Clan ausgestoßen, steht einsam zwischen allen Stühlen. Die Fahrenden wollen ihn nicht, die Sesshaften auch nicht. Und da reißt es nicht ab, das schwere Leben auf der Straße - im zweiten Weltkrieg wird die Familie womöglich von den Nazis deportiert und er Soldat in der französischen Armee. Das lässt ihn nie wieder los. Da muss er ein Trauma erlebt haben, das ihn ein Leben lang begleiten wird. Der Tziginer-Sepp kleidet sich fortan nur noch in Militärklamotten und ist ganz wunderlich im Kopf.

Seine Geschichte ist nicht nur eine Hommage an ein lebendiges "Denk-Mal" einer Region. Sie erzählt auch vom wechselnden Sozialverhalten ganzer Generationen: dem Ausgestoßensein der Fahrenden, der späteren vorsichtigen Akzeptanz, den Ängsten der "Normalen" und dem fast natürlichen Umgang mit Schrullen durch die Kinder und die Alten. Es ist darin auch die Rede von der Sondergeschichte des Elsass, vom Irrsinn der Nazis, die ihren neuen Gau "säubern" wollten und sich ein Programm ausdachten, um Frankreich "zu kontaminieren" mit all jenen, die sie ausstießen. Fahrende, Korbflechter, Sinti und Roma, Obdachlose ... sie alle werden aus dem Elsass nach Frankreich deportiert, weil man tatsächlich glaubte, das Nachbarland so in "Dekadenz" und Untergang treiben zu können. Doch auch beim Vichy-Regime waren sie nicht willkommen - sie wurden in Lager gesteckt. Medizinische Versuche an lebenden Menschen sind aus den elsässischen Konzentrationslagern Schirmeck und Struthof bekannt. In Frankreich - da hat sich die Regierung nach Kriegsende nicht mit Ruhm bekleckert, werden die Sinti und Roma, Jenischen und andere erst 1946 befreit!

Wie Sepp dem ganzen entkam und was er an Schrecken erlebt hat, die ihm die psychische Gesundheit kosteten, das nahm er mit ins Grab. Immer hat er nur vom Krieg geredet, vom Soldatenleben, hat wohl nie begriffen, dass der Krieg längst zu Ende war. Irgendwann wollten sie ihren Sepp dann nicht mehr gehen lassen, die gleichen Dörfler, die früher übel über ihn hergezogen waren, wollten ihn sogar sesshaft machen ... und so viele in den Dörfern haben ihn immer wieder wie selbstverständlich versorgt. Mit Essen, mit Brennholz, mit seinem geliebten Kaffee-Schnaps - und später auch mit ärztlicher Hilfe.
Eine wichtige Erinnerung in einer Zeit, in der kaum noch Platz zu sein scheint für echte Originale.

Im Outre-Foret gibt es sogar ein Lied: "De Tziginer Sepp", Wilfried Berger hat es auf Elsässisch geschrieben. Im Refrain heißt es: "S'isch e Bruder von dir / s'isch e Bruder von mir ..."

29. Juni 2013

Diese Magie zwischen Menschen

Es gibt Tage, da beneide ich Bildende Künstler, Tänzer, Sänger und vor allem Musiker hemmungslos. Sie schaffen ein Werk, das jenseits aller Sprache direkt die Herzen der Menschen anspricht, egal, wo auf der Welt sie sich gerade befinden. Wer je auf einer Bühne stand, wird auch die Energie kennen, die fast magisch vom Künstler zum Publikum überspringt - und wieder zurück. Es ist dieser geheimnisvolle Moment, in dem man körperlich spürt, dass man sein Publikum "am Haken hat", in dem es kollektiv den Atem kurz anhält, um dann wie ein riesiges Wesen mitzugehen. Wer je im Publikum saß, wird den Zustand der Begeisterung kennen, die manchmal fast Be-Geisterung sein kann: Das lässt einen lange nicht los, man muss es herauslassen, abreagieren. Mit Freunden noch darüber reden, den Abend irgendwo nett ausklingen lassen. Seltenst sind die Momente, wo diese Magie zwischen Künstlern und Publikum plötzlich im Kreis tanzen kann ... (Was nun folgt, klingt nur zunächst wie eine normale Konzertkritik!)

Gestern war wieder so ein Abend. Ein Konzert mit russischer und europäischer Zigeunermusik der Klassiker im Baden-Badener Palais Biron - die Deutsch-Russische Kulturgesellschaft hatte wieder einmal zu ihrem Musikalischen Salon geladen. Die Musiker, die die Sopranistin Yaroslavna Golovanova wie immer zu diesem Ereignis zusammengetrommelt hatte, rissen die Zuhörer zu stehendem Applaus und Bravorufen hin: Da waren der Tenor Bernhard Gärtner, der bereits an vielen internationalen Opernhäusern gesungen hat und an der Staatlichen Hochschule für Musik in Stuttgart unterrichtet - der erste Konzertmeister der Philharmonie Baden-Baden, Yasushi Ideue, der mit seiner Virtuosität auf der Violine wie mit seinem Charme gleichermaßen bezauberte - und der Komponist und Pianist Sergei Dreznin, den man vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Gidon Kremer kennt, aber auch von seinen weltweit erfolgreichen Musicals wie dem mehrfach preisgekrönten Stück "Katharina die Große". Man muss sich das vorstellen: Er hat vor Tausenden in New York seine "Circus Fantasy" aufgeführt und dort mit weltweitem Presseecho sein "Whom the Bell Tolls: In Memoriam September 11" dirigiert. Er schrieb zahlreiche Filmmusiken wie zu Ari Taub's Weltkriegsdrama "The Fallen" und arbeitete am Theater mit Größen wie George Tabori. Und dann "verließ" er die Bühne auf eine Art, die wohl keiner erwartet hätte ... aber ich will nicht vorgreifen.

Dreznin und Golovanova beim Konzert im Palais Biron
 Der Zauber des Abends begann mit dem Ausklang, russischen Zigeunerromanzen. Schwierig, da die Beine stillzuhalten. Und als Yaroslavna Golovanova und Bernhard Gärtner als Zugabe zu Geige und Klavier das berühmte "Очи чёрные" (Otschi tschornyje, Schwarze Augen) in russischer und deutscher Sprache sangen, mussten sie das Publikum nicht groß bitten, mitzusingen - die Herzen flogen den Musikern zu, jenseits aller Sprachen.



Wohin mit so viel Freude und Lebenslust? Reicht da wirklich das Gespräch unter Freunden, das Glas Sekt am Buffet? Es geschah völlig unvermutet und spontan. Da stand in der Vorhalle des Palais in einer Ecke ein Klavier. Der Konzertflügel im leeren Saal war verwaist. Und es setzt sich der weltbekannte Pianist Sergei Dreznin ganz unauffällig ans Klavier zwischen die essenden, trinkenden und erzählenden Gäste, mitten unter das Publikum, das vom Konzert noch ganz beseelt ist. Er spielt und manchmal summen ein paar Menschen mit, ein paar wiegen sich im Takt. Der Funke, der vor einiger Zeit von der Bühne übergesprungen ist, ist noch da, er fängt ihn auf, verwebt diese Energien in seiner Musik. Russische Romanzen, Czardas ... die Leute haben sich zwar für diesen Abend in Schale geworfen, aber sie brechen aus ihren Schalen aus. Eine Russin fängt an zu tanzen und sie macht es hinreißend. Lebensfreude gerät in die sonst so seriös glatten Gesichter, manchen zuckt es in den Beinen, manche fangen an zu singen.

Das Völkchen ist bunt an diesem Abend im Publikum, so viele Berufe, so viele Sprachen ... und nun kommt zufällig ein Choreograf und Balletttänzer hinzu, die beiden improvisieren hinreißend einen Pas de Deux. Immer mehr holt er aus dem Publikum zum Tanz, der Pianist geht mit ... oder gehen nicht eher die Leute mit seiner Musik mit? Da gibt es kein Halten, irgendwann tanze auch ich so etwas wie einen schon gestorbenen Schwan, weil da nur noch Musik ist und diese Menschenenergie. Die bringt die Männer und Frauen in einen Kreis, längst hat man vergessen, aus welchem Land der andere kommt und welche Sprache man sprechen müsste ... Deutsch und Russisch erklingen an diesem Abend, aber auch Englisch, Französisch, Italienisch ... Wehmütige Klänge neben Lebenslust, Pianissimo und Tanzeslust ... und es werden Beine geworfen und Hüften wiegen sich.

Da ist ein Lächeln und Lachen, kaum jemand, der noch nicht mitgemacht hat - wer nicht tanzt, der singt oder summt. Irgendwann steht ein Mann aus dem Publikum neben dem Klavier und singt erstaunlich professionell und stimmmächtig, er kommt aus Moskau und ist morgen schon wieder in Moskau, sagt er, und ja, dort singe er in einem Folklorechor. Er spricht kein Wort Deutsch, sein deutscher Gegenüber kein Russisch, aber längst versteht man sich auch ohne große Worte. Die Leute sind so begeistert, dass auch Yaroslavna Golovanova noch einmal eine ganz private Einlage gibt - trotz der stimmlichen Hochleistung, die das Konzert schon von ihr verlangt hat. Sergei Dreznin, der Vollblutmusiker, hat erstaunlich lange durchgehalten. Und selten habe ich einen weltbekannten Solopianisten erlebt, der sich derart unkonventionell unter sein Publikum mischt.

Die Kamera versagt, als die Menschen miteinander tanzen. Oder zeigt sie die Energie?
Es war ein unvergesslicher Abend. An dem wohl viele das Mysterium gespürt haben, dass Musik beseelt, dass Kunst Menschen vereinen und verändern kann. Dass Kunst das Leben reicher macht und weiter. Leute, die sich beim Eintritt ins Palais völlig fremd waren, verabschieden sich herzlich voneinander ... so mancher meint, wir müssten doch einmal ein deutsch-russisches Fest miteinander feiern. Schließlich ein erlösender Moment am Auto ... die Highheels von den Füßen streifen, die schmerzenden Ballen etwas kneten und hinein in Mokassins; irgendwie merkt man nicht, wenn man sich die Füße zertanzt. Im Auto dann geht es uns einfach nicht aus dem Kopf ... dieses Otschi tscharnyje ... es wird bis nach Frankreich hinein gesummt.

14. Juni 2013

Russland hören

Für den heutigen Ausflugstipp ist es zwar noch etwas Zeit, aber weil der Kartenvorverkauf schon läuft und der Saal nicht allzu groß ist, sollten sich Interessenten besser frühzeitig informieren.

Baden-Baden ist nicht nur das Ziel vieler russischer Touristen, die hier der eigenen Vergangenheit auf die Spur kommen wollen - viele Russen haben die Stadt auch zu ihrem Domizil gemacht. Kein Wunder, dass auch kulturell immer wieder deutsch-russische Veranstaltungen geboten werden.

Diese Verflechtung beider Länder und der Stadt geht zurück auf das Jahr 1814, als die badische Prinzession Louise in ihrer Eigenschaft als Zarengattin die ersten Leute vom Zarenhof in Sankt Petersburg in ihre Heimatstadt lockte. Es plagte sie nämlich zunächst das Heimweh - und die Abgesandten waren erfreut über die Möglichkeiten, den badischen Hof in Karlsruhe mit seiner russischen Gesandtschaft einmal persönlich kennenzulernen. Das Haus Romanow und die Markgrafen von Baden waren in der Geschichte eng durch Freundschaft und Heirat verbunden. So eng, dass man einem Spross der Familie die Heirat nicht gestattete ... seine Geliebte war eine zu enge Blutsverwandte.


Diese Schönheit ist "schuld" daran, dass die Russen Baden-Baden entdeckten: Louise von Baden, als Elisabeth Alexejewna Zarin von Russland. (Gemälde von Elisabeth Vigée Lebrun, Wikipedia)

Bald folgten den geladenen Staatsgästen, Generälen und hohen Adligen die ersten reichen Kranken, um in Baden-Baden zu kuren. Das Ambiente, der Glamour der "Sommerresidenz Europas" und die Segnungen der Thermalquellen hatten sich in ganz Russland herumgesprochen, wo es ähnliche Einrichtungen damals noch nicht gab. Immer mehr Menschen konnten sich mit der Zeit die Reise leisten, die Erfindung der Eisenbahn rückte die Länder noch näher zusammen. Es folgten die Intellektuellen und Künstler und reiche Mäzene. In den oft von Russen erbauten Baden-Badener Villen pulsierten die bedeutendsten Salons Europas wie etwa der Salon um Viardot-Turgenew oder von Rachel von Varnhagen-Ense.

Etwa 5000 Gäste zählte die "russische Kolonie" um 1850 - das entsprach ziemlich genau der Menge der damaligen einheimischen Einwohnerschaft. Auch wenn immer wieder Stimmen laut wurden, das sei doch ein arges Ungleichgewicht, so erkannte die Stadt doch ihre Chancen. Die gesamte Ökonomie Baden-Badens wurde damals auf das Gastgewerbe umgestellt und ein Großteil der Bevölkerung in Berufen passend zum Kurort eingestellt. Jedes noch so kleine Loch wurde von Baden-Badenern an ausländische Gäste vermietet, jede noch so komische Ware teuer verkauft. Natürlich stiegen die Ansprüche der Kurenden: Man riss die Stadtmauer ab, um in der heutigen Sophienstraße komfortablere Wohnungen für die Reichen und Adligen zu schaffen. Die ersten Luxushotels entstanden ebenfalls aus dem Wunsch heraus, nicht unbedingt Normalverdiener oder gar Arme in die Stadt zu locken - man war begierig nach dem ganz großen Geld, das nicht selten im Casino verschwand.

Im 19. Jahrhundert war europäisches Geistesleben ohne die Russen nicht zu denken. Die Achse Paris - Sankt Petersburg blieb selbst noch für die Avantgarde der Jahrhundertwende danach unverzichtbar ... auch wenn Baden-Baden sich zu dieser Zeit längst isoliert hatte. Zu schwer wogen die Folgen des deutsch-französischen Krieges von 1870, die das kosmopolitische Leben in der Stadt fast zum Erliegen gebracht hatten. Doch die alten Traditionen werden langsam wiederbelebt. Auch heute weilen wieder viele russische Künstler in der Stadt, pflegen Russen und Deutsche kulturellen Austausch, sofern die Sprachkenntnisse nicht im Wege stehen. Darum ist auch die Musik so wichtig - sie spricht jenseits der Sprachen von Seele und Geist.


Ende Juni beginnt das "Zweite St. Roman Festival" in Baden-Baden - und vielleicht können sich nur wenige etwas darunter vorstellen, weil der Anlass für westliche Menschen eher kurios klingt. Jeder erinnert sich an Zar Nikolaj II., der mit seiner gesamten Familie während der Russischen Revolution ermordet wurde. Die wenigsten aber wissen, dass der letzte Romanow im Jahr 2002 von der russisch-orthodoxen Kirche als Märtyrer heilig gesprochen wurde. Und weil die russisch-deutsche Familie Romanow in diesem Jahr ihr 400stes Jubiläum gehabt hätte, bekommt der Heilige ein Festival ...

Man mag über Heilige und Selige denken, was man will ... Kirchenmusik aller Religionen ist immer auch ein Spiegel einer Kultur und der Seele von Menschen. Und sie kann Kulturen näherbringen - weswegen das Festival in Zusammenarbeit mit dem Kloster Lichtenthal und der evangelisch-lutherischen Kirche St. Johannes stattfindet ... übrigens auch für Nichtgläubige.

Öffentlich ist das Konzert des bekannten Vokalensembles Melos aus Moskau im Kassian Saal des Klosters Lichtenthal am Samstag, den 29. Juni 2013 um 19 Uhr. Es erklingen Kirchengesänge für Männerstimmen aus Russland, Georgien und Byzanz sowie gregorianische Gesänge.

Das Festival schließt mit einem russisch-orthodoxen Gottesdienst am Sonntag, den 30. Juni, um 11:30 - dessen Liturgie ebenfalls vom Vokalensemble Melos gestaltet wird. Ort: St. Johannes in Baden-Baden (Gausplatz) für die Gemeinde Christi Verklärung des Patriarchats Moskau.

7. Juni 2013

Rosenrote Rosenzeit

Endlich ... mit zwei bis drei Wochen Verspätung fangen die Rosen an zu blühen! Grund genug, sich bei einer Fahrt durchs Elsass Hausmauern und Bauerngärten ein wenig näher anzuschauen, vielleicht das Rosarium in Saverne zu besuchen oder einen der vielen Schaugärten.
In meinem Garten habe ich die fast schwarz-rote englische Tradescant von Austin abgelichtet und die historische bonbonrosa Louise Odier. Wie die meisten alten und englischen Sorten duften beide betörend und eignen sich besonders zum Trocknen für weitere Zubereitungen wie z.B. Rosensalz.

Übrigens bin ich dabei, "Das Buch der Rose" als E-Book vorzubereiten. Leider ist der Band aufgrund eines Verlagsverkaufs nur noch antiquarisch erhältlich - es wird also Zeit, diese Kulturgeschichte der Rose, die so viel über die Menschen preisgibt, noch im Sommer neu aufzulegen.



29. Mai 2013

Ausflugstipp: Rhododendren

Manche öffnen sich erst zaghaft, andere stehen bereits in voller Blüte: Rhododendren und Azaleen versehen Gärten und Parks im Elsass derzeit mit Farbtupfern in allen Pink- und Lilatönen, aber auch in Gelb und Lachsfarben. Das regnerische Wetter kommt diesen Blüten eher entgegen - die Moorpflanzen fühlen sich mit feuchten Füßen so richtig in ihrem Element. Und wo könnten Rhododendren schöner sein als in alten Schlossgärten, wo sie manchmal baumgroß wuchern!


In meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" habe ich darum auch einen Geheimtipp in Sachen Rhododendrenblüte. Es handelt sich um eine uralte Allee mit riesigen Rhododendren, welche die Zufahrt zum Schloss von Jägerthal bildet. Das schottisch anmutende Schloss, das einst von den Industriebaronen de Dietrich erbaut wurde, ist im Privatbesitz und nicht öffentlich zugänglich. Man kann die Allee jedoch von der Straße aus betrachten, wenn man sich vor dem Schloss in Jägerthal befindet. Nimmt man dann die Straße nach Bad Niederbronn, die gleich scharf rechts den Berg hochführt, so kann man kurz nach der Einmündung rechts in einer kleinen Bucht halten. Von hier ist der Blick frei, um von oben auf die Pracht zu schauen. In meinem Buch erzähle ich, was es dort noch zu sehen gibt und wie abenteuerlich und gefährlich die Schlossbesitzer einst lebten. Auf alle Fälle lohnt die Region mit ihren Kletterfelsen, Burgen, Vulkankegelbergen und kulinarischen Genüssen eine Wochenendtour.

4. Mai 2013

Heilige und unheilige Feiertage

Trotz des Dauerregens der letzten Tage werden im Elsass teilweise schon die Flaggen für den nächsten Feiertag herausgehängt: die französische und die Europaflagge. Und immer wieder fragen Touristen: Was wird denn da gefeiert?
In vielen Ländern Europas außer in Deutschland feiert man am 8. Mai das Ende des Zweiten Weltkriegs, das Ende der Schreckensherrschaft der Nazis, das Ende der Besatzung. Stand in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg noch der eigene Sieg im Vordergrund, so dient der Tag neben den Ehrungen der Gefallenen und Vermissten inzwischen eher dem Gedenken, dass endlich Schluss war mit der brutalen Barbarei - und dass wir alles daran setzen müssen, dass so etwas nie wieder geschieht. Ein Anlass, an dem inzwischen auch deutsche Staatsgäste teilnehmen, schließlich geht es für uns um die Befreiung.



Also vormerken: Am nächsten Mittwoch, den 8. Mai, einem weltlichen Feiertag, sind die Läden in Frankreich geschlossen und diejenigen auf der deutschen Seite womöglich überfüllt. Denn an solchen Tagen hat längst der Kapitalismus das hehre Gedenken verdrängt: Man geht auf der anderen Seite des Rheins shoppen und essen. Am Donnerstag könnte sich die Sache dann umkehren!

Denn der 9. Mai ist Christi Himmelfahrt, eigentlich ein Feiertag. Viele Einzelhändler und Supermärkte wollen sich jedoch das Geschäft nicht entgehen lassen und öffnen ausnahmsweise am Donnerstag. Vielleicht deshalb, weil der sonst starke Mittwoch ausfällt. Da ist nämlich in den meisten Schulen im Elsass keine Schule - mittwochs kaufen vorwiegend Mütter mit Kindern ein, die Läden sind voll. Und weil das liebe Geld über jeden Feiertag dieser Welt erhaben ist, ob heilig oder unheilig: Die Preise an der Tankstelle sind selbstverständlich schon heute leicht gestiegen. Das machen sie immer vor Ferien, Feiertagen und langen Brückenwochenenden.

Ein Ausflug lohnt sich aber nicht nur für Menschen, die sich in geschlossenen Supermärkten aufhalten wollen. Trotz oder gerade wegen der für den Boden notwendigen Regenfälle blühen im ganzen Elsass die Streuobstwiesen zum Maiengrün der Wälder, auch die Wiesen stehen schon recht hoch. Ein Paradiesgarten in der Hügellandschaft! Leider war es zu kalt für Bienenflug, so dass viele Bauern sich bereits Sorgen um die Ernte von Kirschen, Zwetschgen und Mirabellen machen. Viel zu schnell verblüht alles wieder - bei Äpfeln und Birnen hoffen wir auf nächste Woche. Ab morgen soll es richtig "dämpfig" werden, feucht, aber wärmer. Ganz im Norden, rund um Wissembourg, erreicht das Thermometer dann auch am Berg zweistellige Ziffern mit einer 2 vorn: 22 Grad am Mittwoch, am Donnerstag leichter Regen bei 18 Grad und dann wieder um die 20 Grad. Die aktuellen Werte gibt's hier.

Und auch wenn ein deutscher Radiosender vorschnell das Ende der Eisheiligen gefeiert hat - die haben wir beidseitig noch vor uns. Die "kalte Sophie", der Endpunkt der wenigen berühmten Kältetage, steht im deutschen Heiligenkalender am 15. Mai an. Nach dem französischen wird sie erst am 25. Mai gefeiert. Kein Wunder, dass das Wetter so spinnt, wenn schon die dafür zuständigen Heiligen sich nicht einigen können. Wie gut nur, dass wir immer im rechten Augenblick über die Grenze wechseln können!