22. September 2009

Sprachmissionare

Wer das Elsass kennt, wird wissen, dass ich in diesem Landstrich hauptsächlich des Französischen mächtig sein muss, öfter Elsässisch höre - aber seltenst lebendiges, aktuelles Hochdeutsch zu Ohren bekomme. Nach nun genau 20 Jahren Emigration bilde ich mir ein, einigermaßen Französisch zu sprechen - zumal ich ja inzwischen auch als Übersetzerin arbeite.

Heute war jedoch wieder einmal ein Tag der Zangengeburt. Arztfranzösisch. Plötzlich fehlen mir grundlegende Wörter. Wie nennt man verdammt noch mal den Handballenteil direkt unterm Daumen? Ich weiß das nicht einmal auf Deutsch. Was für ein Pflaster, welches Instrument, was soll ich? Wie der kleine Alien frage ich zweimal nach. Und weil der Arzt ja nicht glauben soll, ich hätte etwas an den Ohren, entschuldige ich mich für mein Hauruck-Französisch, in dem der Ballen halt zur Hand wird. Ich kenne auch dieses Medikament nicht, das jedes Kind aus dem Fernsehen kennt. Ich muss als Kind auf einem anderen Planeten gewesen sein. Mir fehlten öfter noch Wörter, sage ich.

Und dann kommt diese wunderbare Antwort, die ich schon auswendig kenne: "Mais, il faut l'apprendre!" (Dann muss man es halt lernen!) So weit war ich vor 20 Jahren schon einmal. Nein, es seien nur diese medizinischen Spezialwörter, ich könne dagegen sofort eine Fachdiskussion über Archäologie... - Ich solle mir mal die Inder angucken. Die Inder kommen in unser Land als Missionare und Prediger und lernten in Nullkommanichts fließend Französisch. Und Deutsch noch besser. Und das komme daher, dass die so viel lesen und schreiben. Tja, der Kolonialismus schlägt um Ecken zurück. Ich gebe zu bedenken, dass ich als Übersetzerin auch lese und schreibe. - Reden sagt er, und denkt ans Predigen. Ich denke daran, dass ich etwas gegen das Missionieren habe.

Was reden Sie denn den ganzen Tag zu Hause? Ertappt. All meine Buchfiguren reden Deutsch. Und ich spreche bei meiner Arbeit in der Regel nicht. Ich bin eine Schreibrednerin. Ich tratsche nicht herum. Meine Nachbarn und Freunde reden fließend Europlais, diese wunderbare Mischung aus drei Sprachen, wo man sich spontan in derjenigen bedient, die einem spontan auf die Zunge rollt. Der Rest der Konsultation läuft in Pidgin-Französisch ab, wohl aus Rücksicht. Wenn der Mann nicht so viele Silben vernuscheln würde, könnte ich ja sogar sein Originalfranzösisch verstehen. Aber auch ich bin höflich. Und verspreche, fleißig zu lernen. Denn inzwischen fallen mir nicht einmal mehr die bekannten Wörter ein.

Der türkische Arzt im Krankenhaus, der absolut fließend und akzentfrei Französisch sprach, hatte mich gelobt und damit zum Reden gebracht. Dieser Arzt von heute behandelt auch meine deutsche Freundin und spricht mit ihr perfekt Deutsch.

Auch nach 20 Jahren Frankreich weiß ich noch nicht, welche Sorte Endorphine ausgeschüttet wird, wenn man jemandem nicht mit einem Wort beispringt, das man sehr wohl erklären, gar übersetzen könnte. Stattdessen wird das Skalpell angesetzt: Dummerle du, man kann das lernen. Tu endlich was dagegen, dass du ein Alien bist.

Falls sich jetzt andere Nationalitäten die Hände reiben, Vorsicht! Diese Sprachverweigerung habe ich auch schon in anderen Ländern erlebt, einschließlich Deutschland. Schade, denn sie bringt Sprachlosigkeit zur Welt. Wenn wir aufhören würden, uns gegenseitig missionieren zu wollen, andere nicht mehr partout in die eigenen Normen pressen, dann entsteht Vielfalt, die uns alle reicher macht. Weil wir auf gleicher Augenhöhe voneinander lernen können. Und wieder miteinander reden.

Sprache lebt. Sprache will wild sein dürfen, anders und unbequem. Sprache darf explodieren, falsch sein, experimentieren. Sie muss atmen können. In unserem herrlichen Europlaisgemisch kochen die Emotionen im Dialekt, bunt, drastisch, bildreich. Mit diplomatischem Französisch werden Streicheleinheiten verteilt, mit Deutsch geht es konkret ins Ziel - um dann durch den Dialekt und ein paar aus der anderen Sprache entlehnten Satzumbauten ein wenig Härte zu verlieren, Farbe anzunehmen. Ich glaube, die Inder, die hier alles in Nullkommanichts lernen, wissen das.

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