11. September 2009

Leben wie Gott im Dreiländereck

Sauertöpfe und Edelgabeln

Eine Kollegin war kürzlich in Strasbourg und kam ziemlich entsetzt über die mangelnde Freundlichkeit des Servicepersonals zurück - von überteuerter und schlechter Qualität kaum zu reden. Inzwischen muss man sich in Strasbourg in der Tat bestens auskennen oder noch besser in die leckere Ortenau flüchten - denn selbst die einst kulinarisch reizvolle Region Richtung Odilienberg oder Choucroute-Land ist inzwischen fest in der Hand der Großstadt-Schicki-Mickis. Die nennt man in Frankreich zwar anders (BCBG), aber wie in jedem Land hinterlassen sie eine Spur unbezahlbar gewordener Edelrestaurants. Der Rest sinkt auf Billigbusreisen-Niveau ab: fressen, Maul halten, zahlen.

Mein Tipp, den ich auch nur von Elsässern habe, ruft bei vielen deutschen Elsassbesuchern Erstaunen hervor: Nutzt die Reichtümer des Grenzlands, sucht euch von allem das beste. Und das bedeutet, dass Normalverdiener im Elsass selten noch das Vergnügen der guten alten Kneipen haben, wo tagsüber Handwerker und Bauern verkehren und abends noch kein Lachs auf die Flammkuchen gebröckelt wird. Viele Wirte mit gutem Ruf von einst scheinen es nicht mehr nötig zu haben, auch ich habe schon die kantigen Gesichter vor mir gehabt, wenn ich nicht das Acht-Gänge-Touri-Menu bestellen wollte. Die Weinstubenkultur hat man sich kaputt gemacht, offen gibt es meist nur einfachen Wein, ansonsten muss man schauen, wie man die ganze Flasche in erlaubten 0,3 Promill unterbringt.

Essen in Gärten

Kurzum: Elsässer findet man immer öfter in deutschen Gasthäusern im Grenzland. Da ist die badische Küche, die der französischen in vielem ähnelt und oft ein wenig mehr Raffinesse entwickeln durfte als im Elsass. Und wo bekommt man sonst für einen Tratsch unter Freunden einen einfachen Kartoffel- oder Wurstsalat oder lebend gefangene Forellen? Wir im Nordelsass schwärmen meist aus in die Winzerhöfe der Pfalz. Edle Tropfen auch als Achtel oder Viertel, der arme Fahrer muss keinen Siff trinken - und mehrfach billiger ist es obendrein. Ambiente gibt's für die Großfamilie genauso wie für den Antiquitätenfreak. Vor allem Gärten, Gärten, Gärten.

Wir lästern manchmal: Zuerst haben uns die deutschen Touristen die Preise und die Qualität kaputt gemacht, weil sie nicht kritisch waren, jetzt fallen wir bei denen ein wie die Ameisen am Zuckertropfen. Und vielleicht geben sich die elsässischen Wirte dann im Normalpreissegment irgendwann auch wieder ein wenig Mühe?

Dabei können sie kaum etwas für die Preisentwicklung. In französischen Großstädten gab es bereits offene Diebstahlaktionen in Hypermarchés, um darauf aufmerksam zu machen, dass eine französische Familie sich die Lebensmittelpreise kaum noch leisten kann. Von Woche zu Woche fehlt in meinem Einkaufsmarkt ein neues Markenprodukt mit dem Hinweis, man handle noch einen bezahlbaren Preis aus und werde so lange das Produkt nicht mehr führen. Deutsche Billigdiscounter sichern das Leben in Frankreich.

Meine Genießerstraße

Und wir im Grenzland überqueren einmal mehr die Grenze. Neben den Supermärkten hat es mir in der Pfalz ganz speziell das Einkaufen von Frischware angetan. Es gibt da gleich hinter der Grenze eine Route, die ich Genießerstraße nenne. Mindestens einmal im Monat gehe ich auf Tour und kaufe auf Vorrat ein. Wenn ich dann koche, koche ich zu viel und friere Portionen ein - so liebe ich Fastfood. Meine Genießerstraße führt durch Grenzkauderwelsch, Elsässer pflücken dort gerade deutschen Wein und bei einem deutschen Winzer kommen elsässische Trauben ins Fass. Heute nur ein paar Schritte, vor dem Schengener Abkommen brauchten die Winzer noch Sondergenehmigungen für den häufigen Grenzübertritt im Traktor.

Dann fängt irgendwo dahinter das Paradies an, rotbackig leuchten die Äpfel, so weit das Auge reicht. Statt der elenden landschaftsverödenden Maisfelder Obst und Gemüse - so reich kann Natur aussehen. Jedes Dorf ist mit Schildern gespickt, manchmal durch Auslagen untermalt. Man macht mir Mirabellen und Weinbergpfirsiche schmackhaft, die hier Persching heißen. Unzählige Kürbisse leuchten zwischen Kartoffelsäcken und jemand verkauft Wild. An einem andern Hof lockt ein Schild mit Ziegenfleisch und -wurst. Die roten, weißen und blaugrünen Kohlköpfe leuchten wie Edelsteine.

Schaummäuse und feuchter Roggensauerteig

Doch zuerst ist immer mein Bäcker dran. Ich habe ihn zufällig entdeckt, als ich immer der Nase nach fuhr, auf der Suche nach einem authentischen guten Brot ohne Fabrikgeschmack. Dann kam dieses Dorf, in dem ich mich hoffnungslos verfranste und das Gefühl hatte: hier muss ein uriger Bäcker sein. Ein Teigparadies! Natursauerteige, keine Backmischungen - ein Roggensauerteig, wie ich es seit meiner Kindheit nicht mehr gegessen habe. So ein Brot schmeckt auch nach einer Woche noch.

In der Auslage lauern ausgerechnet noch die Süßigkeiten meiner Kindheit, Colaflaschen, Schaummäuse, Lakritzschnecken, Erdbeeren und wie das alles heißen mag. Dahinter werden die Erwachsenen verführt, mit diesen herrlichen traditionellen Kuchen und Torten, die schmecken wie von Oma handgebacken. Zwetschgentorte, ein üppiger Bienenstich, ein Frankfurter Kranz - oder Nusszopf, den man zerpflücken kann, so feucht-leicht zieht der Hefeteil in der Hand. Noch ein Tiefkühlfach: Brot, wenn das Baguette mal wieder zu den Ohren herauskommt.

Kürbiskenntnisse

Anschließend geht's zum Riechen und Fühlen beim Bauern. Die roten Kartoffeln, die ich so liebe, sind noch ganz erdig, die Weinbergpfirsiche haben einen hellen Pelz. Es duftet die Gute Luise, eine Birnensorte, die man auf europäischen Normmärkten auch seltener findet. Und dann habe ich mir - als Laie in der Pfalz - gleich eine Kürbisberatung geholt. Denn so viele unterschiedliche Sorten kenne ich nicht. Heimgebracht habe ich mir ein honigbeiges birnenförmiges Etwas, das so schmecken soll, wie es aussieht: nach Honig und Nüssen. Viel zu schade für eine Suppe, den könne man wie Schnitzel in guter Butter braten. Gute Butter, sonst nichts, das empfahl auch die Bäckerin auf das Vollkornbrot.

Und immer wieder bin ich überrascht, wie viel frische und einwandfreie Ware ich für wie wenig Geld mit nach Hause bringe, wie wohlschmeckend die Küche nach Jahreszeiten ist, wie abwechslungsreich. Auf der Heimfahrt sehe ich sie ernten und pflücken, was bei mir auf den Tisch kommt - und das schmeckt gleich noch mal so gut. Da wird nicht unreif gepflückt und ewig in Schiffscontainern durch die halbe Welt verschifft, das Gemüse ist frisch vom Acker.

Das gewisse Etwas

Wer so viel spart, lässt sich dann auch verführen zu noch einem Genuß. Ich bin gespannt, ich kann es noch nicht glauben, aber die Bäuerin versicherte mir, dass der Sauerkirschlikör in Sekt jeden Kir Royal vergessen lasse. Denn auch das ist Pfalz: allenthalben stolpert man über feine Weine, herzhaft Selbstgebranntes und edle Wässerchen, selbst Sekt.

Morgen ist dann Frankreich dran, für Kaffee und Rohrzucker und Käse und all das, was man auf der anderen Seite der Grenze nicht so kennt. Kein Wunder, dass ich mir das Leben in einem Binnenland nicht mehr vorstellen mag und mich schmunzelnd erinnere, wie wir solche Sachen früher mühsam und gefahrvoll über die grüne Grenze schmuggeln mussten. Nie werde ich die Ente vergessen, die wir wegen unserer Abi-Fete im Zollgrenzbezirk mit neun Leuten füllten. Vor der Grenze stieg die Belegschaft aus und lief zu Fuß über die Rheinbrücke. Hinten stiegen alle wieder ein. Denn man durfte nur drei Flaschen Sekt pro Kopf kaufen. Da hat sich zum Glück viel getan, vor der Sektfabrik in Wissembourg laden inzwischen auch polnische Laster Paletten auf.

Europäisch wird es auch am Wochenende, ich bekoche Gäste aus Deutschland und Südfrankreich und bin gespannt auf die Gesichter, wenn ich zur Pfälzer Frischware afrikanischen Wein kredenzen werde...

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