21. August 2009

Theaterfestival im Nordelsass

Wie bringt man Kultur aufs platte Land?

Wenn die Autorin nicht schreibt, widmet sie sich gern einer anderen Leidenschaft: dem Theater. So bin ich in den Verein "Sur les Sentiers du Théâtre" gekommen, der sich einer verrückten Sisyphosarbeit widmet: Ein ländliches Milieu mit dem Theatervirus zu impfen, das mit Kultur eher nicht liebäugelt. Ich erzählte bereits von einer Amtsperson, die "culture" ernsthaft für eine neue Form von "agriculture" hielt... Traditionell ist das Nordelsass in Richtung Grenze in der Tat von der Landwirtschaft und von Arbeitern geprägt, Intellektuelle und Künstler existieren zwar sehr vereinzelt, leben aber eher zurückgezogen - verglichen mit dem, was sich auf deutscher Seite entwickelt hat.

Dieser Verein von Theaterbegeisterten hat sich deshalb auf die Fahne geschrieben, erstens die Landbevölkerung in die Theater der Städte zu bringen - und zweitens das Theater aufs Land zu holen. Wichtig ist uns dabei das Publikum von morgen - denn Kunstbegeisterung fängt im frühen Kindesalter an. Das Ganze soll außerdem nicht auf Hobbyniveau ablaufen, sondern dauerhaft die Qualität der ländlichen Kulturhäuser stärken und wiedererkennbare Strukturen schaffen.

Der Theaterverein im Nordelsass

Theater lebt aber nur - oder belebt eine Region, wenn es soziale Bindungen zur Bevölkerung gibt, wenn die Menschen einen "Sinn" für ihr eigenes Leben erkennen. Deshalb liegt uns der Austausch zwischen Künstlern und Zuschauern sehr am Herzen. Wir veranstalten Busfahrten vom Land in die faszinierenden unabhängigen Theater in Strasbourg und können dank Sponsoring durch offizielle Stellen einen preisgünstigen Abend anbieten. Die Zuschauer haben das Vergnügen, chauffiert zu werden und ihre Emotionen nicht nur mit Gleichgesinnten teilen zu können, sondern auch mit Schauspielern oder Regisseuren zu sprechen.

Die geben auf dem Land nicht nur Gastspiele, sondern veranstalten auch Workshops und Trainings für Schüler wie Erwachsene. Das Herbstfestival feiert diese Zusammenarbeit. Ein besonderes Projekt zur Verankerung der Theaterkunst in der Bevölkerung ist das Spiel bei Privatpersonen. Wir vermitteln Menschen, die für einen Abend einen Raum bei sich zur Verfügung stellen wollen, die passenden Schauspieler oder Theatergruppen - so ein Theaterabend bei "Nachbars" ist ein unvergessliches Erlebnis für alle Beteiligten. Besonders die "kleine Kunst" wird dabei gefördert.

Grenzüberschreitungen

Sisyphos beackert allerdings nicht nur den eigenen Berg, sondern orientiert sich zunehmend zweisprachig und grenzüberschreitend. Die szenische Lesung "Frontières- Grenzen" als abendfüllendes Programm, gelesen von Profis und geschulten Laien, ist im letzten Jahr entstanden. Zuerst wurden hüben und drüben vom Rhein Interviews mit der Bevölkerung zum Thema "Grenzen" geführt, dann zu einem Stück bearbeitet und (von mir) ins Deutsche übersetzt. Diese spannende Lesung, bei der Erinnerungen, Emotionen und Diskussionsbedarf entstehen, tourte bereits erfolgreich im deutsch-französischen Grenzgebiet und darf jederzeit angefordert werden! Und beim diesjährigen Festival haben wir ein deutsch-französisches Stück für Zuschauer ab 3 Jahren.

Veranstaltungstipps

Herbstfestival Les Sentiers du Théâtre
ab 19. September 2009 (Programm und Zeiten siehe Link)

19.9. in Seltz
20.9. in Hohwiller
21./22./23.10. in Soultz-sous-Forets
17./18.11. in Surbourg
außerdem im November in Buhl, Siegen, Keffenach, Eberbach
und am 18.12. in Beinheim

Die Termine und Orte für "Frontières- Grenzen" gebe ich rechtzeitig bekannt. Haben Sie in Elsass, Baden oder Pfalz einen geeigneten Auftrittsort, interessieren Sie sich für Grenzüberschreitungen, dann kommt das Programm auch zu Ihnen, auf Deutsch oder Französisch. Fragen Sie in beiden Sprachen an, die Kontaktemail und Telefonnummer finden Sie hier am Ende der Seite.
Der Eintritt für die meisten Veranstaltungen ist frei - nur müssen manchmal Plätze reserviert werden, z.B. bei den Aufführungen in Privaträumen.

Meine Geheimtipps:
Die Compagnie Médiane (21./22.10. in der Saline in Soultz) bietet mit "Pluie" Theater für die Allerkleinsten ab 16 Monaten. Mit viel Musik und Farben wird in diesem Spektakel das Thema Regen erfahren und zum Staunen verführt. Ich selbst habe die Idee, schon die Allerkleinsten für Theater zu begeistern, in Frankreich kennen gelernt, und finde, sie eignet sich auch hervorragend für neugierige Erwachsene, die so wenig Französisch sprechen wie ein Kleinkind. Eine wunderbare Gelegenheit, Alters- und Sprachgrenzen zu überwinden.

Das geht auch am 17. und 18.11. in Surbourg, wenn Anke Scholtz ihr zweisprachiges Programm "Ich sehe was, was du nicht siehst" präsentiert (ab 3 Jahren). Madame Blanche / Frau Weiß lebt in ihrer stillen, weißen Welt völlig ungestört und zufrieden, bis sich plözlich ihr schwarzer Schatten erhebt. Sie hätte nie geahnt, welche Farbenwelt ihr der Schatten näherbringt...

Man sieht sich!

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