2. Juli 2009

Russische Eier

Wer ab meiner Generation kennt sie nicht aus den Wirtschaften der Kindheit, die leckeren, sättigenden und nach modernen Gesichtspunkten angeblich ach so ungesunden russischen Eier! Eine Freundin serviert sie mir heute abend und schon am Telefon schwärmten wir von den Hälften hartgekochter Eier, die sich in einem in Mayonnaise ertrinkenden Salat aus allerlei Dosenfutter versteckten, gekrönt von grellfarbenem falschem Kaviar und billigem Lachsersatz, der damals leuchtend orange in Büchsen verkauft wurde.

Wahrscheinlich schmeckt das nur Menschen, die damit aufgewachsen sind, die es als Belohnung für den Spaziergang bekamen, oder wenn die Eltern sich das rare Ausgehen mit der Kinderschar leisten konnten. Dabei sind die Retro-Speisen aus den 60ern und 70ern wieder am Kommen und bereits ARTE hat in Sachen Nudelsalat festgestellt: Stammt das Gemüse nicht aus der Dose, ist die Mayonnaise nicht wirklich vollfett, dann schmeckt es einfach nicht wie damals.

Um die Russischen Eier ranken Mythen. Zum einen sind sie so ungesund gar nicht. Moderne Studien haben herausgefunden, das die Angst des "Cholesterikers" vor dem Eigelb ein hysterischer Hype war, an dem eine ganze Industrie cholesterinsenkender Nahrungsergänzungsmittel kräftig verdiente. Zugegeben, Mayonnaise hat nicht wenig Kalorien und sollte nicht täglich auf dem Speiseplan stehen. Aber wer futtert schon jeden Tag Sahnetorten?

Nur eines wusste man bereits damals: Im Sommer gehört diese Speise sofort in den Kühlschrank gestellt und aus diesem sofort serviert. Mayonnaise verdirbt bei Hitze schnell. Eigentlich sind die Russischen Eier ja ein Winteressen, wurden traditionell als üppige Vorspeise, als kaltes Abendbrot oder auf dem Partybuffet angeboten - ideale Unterlage für einen alkoholreichen Abend. Ob man sie deshalb russisch nannte? Oder wegen des falschen Kaviars? Das ließ sich nie klären.

Denn die Russischen Eier sind gar nicht russisch, wie so vieles. Manche bezeichnen lediglich gefüllte Eihälften so, aber das originale Partyessen von damals sind hartgekochte Eier auf einem französischen Salat, für den man in Frankreich die Mayonnaise sogar mit der Hand frisch aufschlägt. In diesem Rezept kann man das im Titel sogar sehen - wobei jenes dem am nächsten kommt, was ich aus meiner Kindheit kenne. Im Badischen servierte man sie allerdings auch auf einem Fleischsalat.

Waren sie im Badischen deshalb so beliebt, weil das Rezept nur über den Rhein hüpfen musste? Kennt man eigentlich Russische Eier in der Pfalz? Im Elsass findet man sie - inzwischen sehr selten - in alteingesessenen Familienrestaurants. Den Salat, unter dem hier die Eier in Aspik liegen, nennt man übrigens links des Rheins Italienischen Salat.

In diesem Sinne - ein russisch-deutsch-französisch-elsässisch-italienisches europäisches Guten Appetit!

Kommentare:

Jan hat gesagt…

Hmmmm.... ewig nicht mehr gekostet, ist direkt eine Idee, die mal selbst auszuprobieren (nach Mutters Rezept).

Ja, wie meine Studien ergeben haben, kennt man diese köstlichen Hälften auch in der Pfalz - aber nicht nur dort, auch im Westerwald waren die seinerzeit Party-und Familienfeierstandard :)

PvC hat gesagt…

Ich habe inzwischen die Düsseldorfer Variante kennengelernt: Eihälften auf Kartoffelsalat mit Mayonnaise.
Wer hat noch andere?