1. Juli 2009

Grenzüberschreitendes Lesen

"Sie sind Grenzgängerin? - Aber Sie haben doch noch einen Wohnsitz bei uns? - Sie könnten sich doch in Deutschland wieder anmelden?" So oder so ähnlich klingen die Fragen, denen ich mich im deutschen Grenzraum oft stellen muss. Und dann ernte ich fassungslose Blicke, wenn ich sage, dass ich ehrlich und wahrhaftig vor zwanzig Jahren nach Frankreich emigriert bin, mit allen amtlichen Folgen. Dass wir aber freien Personen- und Warenverkehr in Europa hätten, freie Wohnsitzwahl und ein paar andere grenzüberschreitende Freiheiten dazu.

Ich bin also nur eine von Hunderttausenden von Elsässern und Deutschen, die zwar in einem französischsprachigen Land leben, aber ganz gern mal deutsche Bücher lesen. Schlimmer noch: Ich lebe in einem dreisprachigen Land, in dem man lustig vom Französischen ins Elsässische und Deutsche wechselt. Als Autorin habe ich einen Durchsatz an Büchern, den ich längst vom schmalen Künstlerhonorar nicht mehr finanzieren kann. In diesem Beruf liest man zur Fortbildung, als Lehrstoff, zum Beobachten des Marktes, aus Berufskrankheit, aus Lust. Kommen unzählige Bücher für Recherchen hinzu. Hoppla, werden jetzt manche denken, warum geht die Frau nicht in eine Bibliothek - und gut ist?

Das dachte ich mir ursprünglich auch einmal. Nun liegen für mich die deutschen Bibliotheken im Genzraum näher als Strasbourg, aber genau in jenen wurde ich mit obigen Fragen konfrontiert. In so mancher deutschen Bibliothek dürfen offensichtlich nur ordentlich Ortsansässige zahlendes Mitglied werden (Stand vor ein paar Jahren, ich gab dann auf). Das war mir neu, denn Fernleihe von Büchern funktioniert doch auch seit Urzeiten, weltweit. Nur die Leserinnen und Leser dürfen nicht reisen.

Ich habe professionelle Internetrecherche ursprünglich nicht deshalb gelernt, weil ich das besonders spritzig fand. Sondern weil man mir den Zugang zu den Bibliotheken verwehrte (und das Brimborium, jedesmal einen "Forschungsauftrag" o. ä. nachzuweisen - nein danke). Und warum bitte sollte ich mir einen fremden, ungewollten Wohnsitz am Bibliotheksort suchen, nur um Ian Rankin preiswert in meiner Muttersprache lesen zu dürfen?

Die französischen Mediatheken, wahre Genusstempel für unsereins, hätten mir natürlich jedes gewünschte Buch aus den mir verbotenen Bibliotheken sofort verschafft. Per Fernleihe. Aber warum sollte ich für Fernleihe mehr bezahlen, als ich an Benzin in eben jene Bibliothek verfahren würde? Warum sollte ich schmachtend an Bibliotheken vorbeilaufen, wenn ich ohnehin regelmäßig an ihren Standorten Besuche machte (wo andere weniger pingelig waren, meine französischen Euro zu nehmen)?

Ich mache es kurz: Seit gestern hat mein Leiden ein Ende. Ich bin jetzt Nutzerin der Stadtbibliothek in Baden-Baden. Und bin so freundlich aufgenommen worden, dass ich es zuerst kaum glauben konnte! Völlig selbstverständlich dort, dass es Menschen gibt, die im Grenzbereich mal hüben, mal drüben leben. Ich war in einem mehrstöckigen Schlaraffenland deutschsprachigen Lesestoffs ... hoppla, nein, noch viel mehr: da gibt es auch eine russische Bibliothek. Denn auch russische Kunden möchten Bücher lesen und deutschprachige vielleicht Russisch lernen. Es öffneten sich nicht nur die Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland für mich, sondern auch zwischen Ost und West.

Die Bibliothek erinnert mich an einen modernen Turm, inspiriert aus "Der Name der Rose". Ein wenig labyrinthisch, verführerisch, die Entdeckerlaune anstachelnd. Manche Sitzecken könnten selbst aus einem Roman stammen. Etwa der Sessel vor dem Ofen in der Krimiecke. Oder der Platz am alten hohen Fenster mit Blick auf den Kurpark. Man kommt ins Träumen, wie schön es wäre, hier einfach vergessen und eingeschlossen zu werden. Zuerst war die Menge an Büchern so groß, dass ich versagte, mir eines auszusuchen. Dann bin ich wie ein kleines Kind an Weihnachten mit einem fetten Stapel Lesestoff nach Hause gefahren, den ich mir derzeit nie hätte kaufen können. Ich fand sogar auf Anhieb ein Buch, dem ich vergeblich seit Jahren in Antiquariten und im Internet hinterher jage. Dort stand das vergriffene Werk völlig selbstverständlich im Regal.

Noch schöner: Die Mitarbeiterinnen haben mir eine neue Recherchequelle für meinen Nijinsky erschlossen. Demnächst kann ich mich ihm via Microfiche an die Fersen heften. Denn das, was ich recherchieren möchte, ist auch im Internet mit all seinen Neuerungen nicht möglich.

Meinen ganz herzlichen Dank an Frau Münch, die Leiterin der Stadtbibliothek, und an die super freundlichen Mitarbeiterinnen, die Leselust vermitteln, dass es Spaß macht - insbesondere an die hilfreiche Angestellte bei der Auskunft - und die "Frau mit den Traubenzuckern", die mich damit vor einem Termin aufgemöbelt hat.

Baden-Badener, falls Ihr Eure Stadtbibliothek noch nicht kennt: nichts wie hin, sie liegt mitten in der Fußgängerzone! Vielleicht trifft man sich ja mal...

Ansonsten: Grenzüberschreitende Leselust-Aktionen statt Leseverhinderung - das wäre doch mal ein europäisches Thema?

Keine Kommentare: