13. Juli 2009

Grenzverkehr extrem gestört

Wer im Norden über die deutsch-französische Grenze muss, wird wie ich öfter nach schlimmsten Flüchen suchen. Es ist, als hätten die zuständigen Behörden absichtlich alle Baustellen und Kataströphchen auf die gleichen Termine gelegt und sich um Abhilfe nicht gekümmert. Dabei handelt es sich außerdem im Fall der Iffezheimer Staustufe um eine Dauerbaustelle bis 2012 und im Fall von Maxau um eine Baustelle, die man zeitlich hätte besser legen können. Nun ja, zwei verschiedene Bundesländer, da fällt Koordination im europäischen Gesamtraum schon mal schwer...
  • Kurzum, wer nicht über den Rhein schwimmen kann, muss beim Grenzübergang Iffezheim mit einspuriger Fahrbahn, schweren Behinderungen und zeitweise Vollsperrungen rechnen. Fahrräder und Fußgänger sind überhaupt nicht mehr erlaubt.
  • Ähnlich lustig sieht es bei der Rheinbrücke Maxau aus, deren Behinderungen noch durch Baustellen in Richtung Kandel aufgepeppt werden.
  • Die Fähre Plittersdorf-Beinheim fällt nicht nur wie früher bei Nebel aus, sie fährt überhaupt nicht. Man verspricht Abhilfe, aber das verspricht man schon seit meiner Kindheit immer wieder vergeblich.
  • Die Rheinbrücke Wintersdorf nimmt als altes, enges Nadelöhr darum den gesamten Verkehr des Umlands auf und ist die einzige mögliche Strecke für Fußgänger und Fahrradfahrer. Eben ist sie notdürftig aufgepflastert worden, sollte aber nur wirklich langsam befahren werden. Vor allem die Naht auf der französischen Seite zum Festland ist eine Freude für die Stoßdämpfer. Wegen der Schienen und des schmalen Fahrstreifens kann sie gerade für Fahrradfahrer und Fußgänger lebensgefährlich sein!
  • Der Fernverkehr wird über Gambsheim geleitet.
Eine gute Zusammenfassung der Baustellen, Umleitungen und Vollsperrungen finden Sie für Iffezheim und Maxau / Kandel bei der Pamina und für Iffezheim und Fernstrecken bei einem Schwaben (ja...) Portal.

Meine eigene Erfahrung: Meiden Sie, wenn es geht, die Stoßzeiten, vor allem zu den Schichtwechseln der angrenzenden Großfabriken wie Mercedes in Rastatt. Geraten Sie trotzdem in den Stau, wappnen Sie sich mit Geduld und einem guten Buch, denn auf der Rheinbrücke Wintersdorf können bei entgegenkommendem Verkehr auch Fahrräder kaum überholt werden.

Leider sind die Zeitangaben des Regierungspräsidiums für die Vollsperrungen nicht immer korrekt. Ich habe jetzt schon zwei Vollsperrungen auf der Staustufe Iffezheim erlebt, die im Zeitplan nicht angegeben waren. Die Straßenschilder, die davor warnen sollen, sind leider so knapp davor aufgestellt, dass man nur unter Mühen Umleitungen zurück findet. Auch hier würde ich mir mehr Europa wünschen - nämlich eine Warnung schon dort, wo man noch bequem zu einem Ausweichübergang fahren kann.

Nehmen wir es positiv: Diese Zeit lehrt uns auch, wie eng wir bereits zusammen gewachsen sind hüben und drüben vom Rhein - und wie notwendig offene Grenzübergänge für einen lebendigen europäischen Austausch sind. Vielleicht lernen ja auch einmal irgendwann die Politiker von Frankreich, Baden und der Pfalz, sich in einer konzertierten Aktion zusammen zu setzen und endlich die zusätzliche Rheinbrücke zu schaffen, deren Pläne seit vielen Jahren immer wieder von einem der drei Länder behindert werden. Sie würde auch ohne die derzeitigen Baustellen eine wichtige ökonomische und kulturelle Region im Verkehr entlasten!

Und so schön die versenkten Milliönchen als Investition in das Museumsstück Rheinfähre Plittersdorf-Beinheim waren - wenn das Ding wieder nicht funktioniert, wäre eine Fußgänger-Radfahrer-Brücke vielleicht sinnvoller gewesen. Aber diesen Slapstick erlebe ich, wie gesagt, seit meiner Kindheit - das ist also auch schon irgendwie Museum...

6. Juli 2009

Das kleine Übel nach dem café

Madame ist heute wieder einmal als Übersetzerin unterwegs. Dabei lerne ich karambolagemäßig Erstaunliches über die beiden Nachbarländer am Rhein. Etwa über deren Umgang mit Geld. Zu Helmut Kohls Zeiten transportierte man es rechts vom Rhein noch in schwarzen Koffern und ebenso einfallslos schmuggelten Elsässer in diesem Behältnis Devisen in die Schweiz.

Seit die Banken und die Wirtschaft kriseln, ist das kleine Managerköfferchen zumindest sprachlich abgeschafft.
Die Deutschen stopfen Geld jetzt in große Finanzpakete, die so überladen sind, dass man sie schnüren muss. Franzosen dagegen legen Budgets elegant in einen Umschlag (l'enveloppe budgétaire).

Das erinnert mich an die Anfänge meines Französischlernens, als ich noch glaubte, man verlange nach dem Café in einem Restaurant eine bessere Diktion der Speisekarte (la diction). Stattdessen ging es wirklich nur um schnöden Mammon: l'addition.

Während nämlich der deutsche Gast unsensibel nach der Rechnung ruft oder "zahlen bittäh!", gern auch direkt übersetzt: "la facture!" gehen Franzosen das kleine Übel nach einem Festessen im Restaurant dekorativ und diskret an. Korrekt sagt man nämlich: "L'addition s.v.p." L'addition ist das Zusammengezählte, aber auch das kleine Anhängsel - wie der Keks zum Café. Ebenso dezent wie bei der Budgetverteilung legt man deshalb Kreditkarte oder Geld auf einem Tellerchen unter die Rechnung, nicht obenauf.

Madame geht jetzt wieder an ihre traduction, die eine Menge diction verlangt, aber am Ende keine addition, sondern eine facture. Für ein Finanzpaket reicht das zwar nicht, aber für die nächste addition und das Finanzamt, das in Frankreich ein "Zentrum für Steuern" ist (Centre des impôts). Das Paket aller Pakete sozusagen.

2. Juli 2009

Russische Eier

Wer ab meiner Generation kennt sie nicht aus den Wirtschaften der Kindheit, die leckeren, sättigenden und nach modernen Gesichtspunkten angeblich ach so ungesunden russischen Eier! Eine Freundin serviert sie mir heute abend und schon am Telefon schwärmten wir von den Hälften hartgekochter Eier, die sich in einem in Mayonnaise ertrinkenden Salat aus allerlei Dosenfutter versteckten, gekrönt von grellfarbenem falschem Kaviar und billigem Lachsersatz, der damals leuchtend orange in Büchsen verkauft wurde.

Wahrscheinlich schmeckt das nur Menschen, die damit aufgewachsen sind, die es als Belohnung für den Spaziergang bekamen, oder wenn die Eltern sich das rare Ausgehen mit der Kinderschar leisten konnten. Dabei sind die Retro-Speisen aus den 60ern und 70ern wieder am Kommen und bereits ARTE hat in Sachen Nudelsalat festgestellt: Stammt das Gemüse nicht aus der Dose, ist die Mayonnaise nicht wirklich vollfett, dann schmeckt es einfach nicht wie damals.

Um die Russischen Eier ranken Mythen. Zum einen sind sie so ungesund gar nicht. Moderne Studien haben herausgefunden, das die Angst des "Cholesterikers" vor dem Eigelb ein hysterischer Hype war, an dem eine ganze Industrie cholesterinsenkender Nahrungsergänzungsmittel kräftig verdiente. Zugegeben, Mayonnaise hat nicht wenig Kalorien und sollte nicht täglich auf dem Speiseplan stehen. Aber wer futtert schon jeden Tag Sahnetorten?

Nur eines wusste man bereits damals: Im Sommer gehört diese Speise sofort in den Kühlschrank gestellt und aus diesem sofort serviert. Mayonnaise verdirbt bei Hitze schnell. Eigentlich sind die Russischen Eier ja ein Winteressen, wurden traditionell als üppige Vorspeise, als kaltes Abendbrot oder auf dem Partybuffet angeboten - ideale Unterlage für einen alkoholreichen Abend. Ob man sie deshalb russisch nannte? Oder wegen des falschen Kaviars? Das ließ sich nie klären.

Denn die Russischen Eier sind gar nicht russisch, wie so vieles. Manche bezeichnen lediglich gefüllte Eihälften so, aber das originale Partyessen von damals sind hartgekochte Eier auf einem französischen Salat, für den man in Frankreich die Mayonnaise sogar mit der Hand frisch aufschlägt. In diesem Rezept kann man das im Titel sogar sehen - wobei jenes dem am nächsten kommt, was ich aus meiner Kindheit kenne. Im Badischen servierte man sie allerdings auch auf einem Fleischsalat.

Waren sie im Badischen deshalb so beliebt, weil das Rezept nur über den Rhein hüpfen musste? Kennt man eigentlich Russische Eier in der Pfalz? Im Elsass findet man sie - inzwischen sehr selten - in alteingesessenen Familienrestaurants. Den Salat, unter dem hier die Eier in Aspik liegen, nennt man übrigens links des Rheins Italienischen Salat.

In diesem Sinne - ein russisch-deutsch-französisch-elsässisch-italienisches europäisches Guten Appetit!

1. Juli 2009

Grenzüberschreitendes Lesen

"Sie sind Grenzgängerin? - Aber Sie haben doch noch einen Wohnsitz bei uns? - Sie könnten sich doch in Deutschland wieder anmelden?" So oder so ähnlich klingen die Fragen, denen ich mich im deutschen Grenzraum oft stellen muss. Und dann ernte ich fassungslose Blicke, wenn ich sage, dass ich ehrlich und wahrhaftig vor zwanzig Jahren nach Frankreich emigriert bin, mit allen amtlichen Folgen. Dass wir aber freien Personen- und Warenverkehr in Europa hätten, freie Wohnsitzwahl und ein paar andere grenzüberschreitende Freiheiten dazu.

Ich bin also nur eine von Hunderttausenden von Elsässern und Deutschen, die zwar in einem französischsprachigen Land leben, aber ganz gern mal deutsche Bücher lesen. Schlimmer noch: Ich lebe in einem dreisprachigen Land, in dem man lustig vom Französischen ins Elsässische und Deutsche wechselt. Als Autorin habe ich einen Durchsatz an Büchern, den ich längst vom schmalen Künstlerhonorar nicht mehr finanzieren kann. In diesem Beruf liest man zur Fortbildung, als Lehrstoff, zum Beobachten des Marktes, aus Berufskrankheit, aus Lust. Kommen unzählige Bücher für Recherchen hinzu. Hoppla, werden jetzt manche denken, warum geht die Frau nicht in eine Bibliothek - und gut ist?

Das dachte ich mir ursprünglich auch einmal. Nun liegen für mich die deutschen Bibliotheken im Genzraum näher als Strasbourg, aber genau in jenen wurde ich mit obigen Fragen konfrontiert. In so mancher deutschen Bibliothek dürfen offensichtlich nur ordentlich Ortsansässige zahlendes Mitglied werden (Stand vor ein paar Jahren, ich gab dann auf). Das war mir neu, denn Fernleihe von Büchern funktioniert doch auch seit Urzeiten, weltweit. Nur die Leserinnen und Leser dürfen nicht reisen.

Ich habe professionelle Internetrecherche ursprünglich nicht deshalb gelernt, weil ich das besonders spritzig fand. Sondern weil man mir den Zugang zu den Bibliotheken verwehrte (und das Brimborium, jedesmal einen "Forschungsauftrag" o. ä. nachzuweisen - nein danke). Und warum bitte sollte ich mir einen fremden, ungewollten Wohnsitz am Bibliotheksort suchen, nur um Ian Rankin preiswert in meiner Muttersprache lesen zu dürfen?

Die französischen Mediatheken, wahre Genusstempel für unsereins, hätten mir natürlich jedes gewünschte Buch aus den mir verbotenen Bibliotheken sofort verschafft. Per Fernleihe. Aber warum sollte ich für Fernleihe mehr bezahlen, als ich an Benzin in eben jene Bibliothek verfahren würde? Warum sollte ich schmachtend an Bibliotheken vorbeilaufen, wenn ich ohnehin regelmäßig an ihren Standorten Besuche machte (wo andere weniger pingelig waren, meine französischen Euro zu nehmen)?

Ich mache es kurz: Seit gestern hat mein Leiden ein Ende. Ich bin jetzt Nutzerin der Stadtbibliothek in Baden-Baden. Und bin so freundlich aufgenommen worden, dass ich es zuerst kaum glauben konnte! Völlig selbstverständlich dort, dass es Menschen gibt, die im Grenzbereich mal hüben, mal drüben leben. Ich war in einem mehrstöckigen Schlaraffenland deutschsprachigen Lesestoffs ... hoppla, nein, noch viel mehr: da gibt es auch eine russische Bibliothek. Denn auch russische Kunden möchten Bücher lesen und deutschprachige vielleicht Russisch lernen. Es öffneten sich nicht nur die Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland für mich, sondern auch zwischen Ost und West.

Die Bibliothek erinnert mich an einen modernen Turm, inspiriert aus "Der Name der Rose". Ein wenig labyrinthisch, verführerisch, die Entdeckerlaune anstachelnd. Manche Sitzecken könnten selbst aus einem Roman stammen. Etwa der Sessel vor dem Ofen in der Krimiecke. Oder der Platz am alten hohen Fenster mit Blick auf den Kurpark. Man kommt ins Träumen, wie schön es wäre, hier einfach vergessen und eingeschlossen zu werden. Zuerst war die Menge an Büchern so groß, dass ich versagte, mir eines auszusuchen. Dann bin ich wie ein kleines Kind an Weihnachten mit einem fetten Stapel Lesestoff nach Hause gefahren, den ich mir derzeit nie hätte kaufen können. Ich fand sogar auf Anhieb ein Buch, dem ich vergeblich seit Jahren in Antiquariten und im Internet hinterher jage. Dort stand das vergriffene Werk völlig selbstverständlich im Regal.

Noch schöner: Die Mitarbeiterinnen haben mir eine neue Recherchequelle für meinen Nijinsky erschlossen. Demnächst kann ich mich ihm via Microfiche an die Fersen heften. Denn das, was ich recherchieren möchte, ist auch im Internet mit all seinen Neuerungen nicht möglich.

Meinen ganz herzlichen Dank an Frau Münch, die Leiterin der Stadtbibliothek, und an die super freundlichen Mitarbeiterinnen, die Leselust vermitteln, dass es Spaß macht - insbesondere an die hilfreiche Angestellte bei der Auskunft - und die "Frau mit den Traubenzuckern", die mich damit vor einem Termin aufgemöbelt hat.

Baden-Badener, falls Ihr Eure Stadtbibliothek noch nicht kennt: nichts wie hin, sie liegt mitten in der Fußgängerzone! Vielleicht trifft man sich ja mal...

Ansonsten: Grenzüberschreitende Leselust-Aktionen statt Leseverhinderung - das wäre doch mal ein europäisches Thema?