29. Juni 2009

zweisprachig - bilingue

Mir wurde häufig kolportiert, dass sich meine Mutter für ihr vierjähriges Mädchen geschämt haben soll. Das lief nämlich mitsamt der besten Freundin äußerlich brav am Händchen mit, unterhielt jedoch die Passanten der Garnisonsstadt mit viel zu lautem, fast theatralischem "Gebabbel". In dieser Stadt, in der einem ständig Franzosen über den Weg liefen, parlierten die beiden Mädchen in einer seltsamen Eingeborenensprache, die geklungen haben soll wie "terötöteh kamirapüh". Die ein oder andere mitleidige Dame soll meine Mutter angelächelt und gesagt haben: "Ach sind die niedlich, die kleinen Französinnen, haben Sie die adoptiert?" Ach, wenn Sprache so einfach gewesen wäre, wir taten ja nur so!

Später hat mich der Schuldirektor vom Französischlernen abgehalten. Der bekam nämlich seinen Kurs für Altgriechisch nicht voll. "Altgriechisch könnt ihr so schnell nicht wieder lernen, Französisch aber gleich über der Grenze!" Wie recht er hatte. Bis heute begegnete mir kein Homer am Rhein. Aber ich hatte wenigstens mein Graecum, das ich wundersamerweise fürs Studium brauchte.

Wenn es denn mit dem Lernen am lebenden Objekt so leicht gewesen wäre! Wieder standen uns die Mütter im Weg. Diesmal meinten sie, uns Teenies von Tanzabenteuern in Zweisprachigkeit abhalten zu müssen. Denn die Franzosen in unserer Stadt hatten einen Nachteil in den Augen von Müttern: Sie waren alle männlich, jung und doch zu alt - und sahen verdammt gut aus. (Später erfuhr ich, dass bei uns vorwiegend Leute aus der Provence stationiert waren.)

Und dann rückten sie ab - und mit ihnen ein großes Stück Kultur. Kein französisches Kino mehr, keine Feste mit Merguez und Baguette, keine erregten Mütter mehr in der Faschingszeit, keine französische literature, culture ... Ich lernte erst wirklich im Land selbst. Nicht von einem Glutäugigen aus dem Süden, sondern mit Donald Ducks lustigen Taschenbüchern und Speisekarten. So richtig flüssig wurde die Sache dann ausgerechnet in Polen. Man wählt immer das kleinere Übel, wenn man wie ein Alien vor einer neuen Sprache steht, die plötzlich klang wie "turtschinsky kamirawü". (Ich gestehe, der Turtschinsky hat dann den Terötöteh überholt).

Kürzlich bekam ich eine Einladung zum Sprachkurs für Neubürger. Schön, dass sie mich nach zwanzig Jahren Frankreich endlich entdeckt haben. Vielleicht sollte ich mal hingehen, um die Sache mit dem le und la und diese Satzkonstruktionen von hinten durchs Auge zu verstehen. Aber mein Nachbar meint, seine Schüler machten viel schlimmere Fehler. Vielleicht sollte ich Grammatik im Twittermodus üben. Kurz, übersichtlich und in einer Minute wieder vergessen.

Drum - sollten sich Ihre Kinder einmal unerlaubterweise in fremden Eingeborenendialekten verständigen, schämen Sie sich nicht, machen Sie mit! Und fahren Sie, so oft sie können, in alle Richtungen über den Rhein, ob mit oder ohne Homer.

21. Juni 2009

Kirschplotzer - Battelmonn - Mendiant

Unlängst bin ich 40 Kilometer gefahren, um einen guten badischen Kirschplotzer zu bekommen. Nein, natürlich bin ich nicht deshalb so weit gefahren, aber dieser Armleutekuchen aus Kinderzeiten ist immer seltener in wirklich guter Qualität zu bekommen. Ob es daran liegt, dass ihn die Leute lieber selbst backen? Scheinbar nicht, denn jüngere Generationen gehen unkompliziert in die nächste Bäckerei und holen sich das, was als Kirschplotzer verkauft wird, aber nie im Leben einer gewesen ist.

Im Idealfall ist es dann ein Blechkuchen mit biskuitartigem Teig und vielen Kirschen, die - ganz wichtig - ihre Kerne behalten haben. Denn auch das gehört zu den Kindheitserinnerungen: Endlich einmal am Tisch hemmunglos spucken zu dürfen; wenn die Erwachsenen wegschauten, in heimlichen Weitspuckwettbewerben. Die Kerne haben natürlich einen Sinn: Die Kirschen bleiben beim Backen knackiger und saftiger, der Kuchen matscht weniger, der Teig geht dadurch besser und eine nicht entkernte Kirsche hat mehr Aroma.

Armleutekuchen bedeutet: Mutter Natur bescherte einem im Überfluss Kirschen, die wie die vorhandenen Küchenreste verwertet werden wollten. Die Zutaten waren billig, immer im Haus zu finden; die Zubereitung einfach und schnell. Der echte alte Kirschplotzer, den die Elsässer Battelmonn (Bettelmann) nennen und die Franzosen im Elsass Mendiant, wird deshalb nicht aus Teig, sondern aus altbackenen Brötchen gemacht.
Hier mein uraltes Privatrezept, das mir mal irgendwer in Jugendzeiten gegeben hat (und wie immer gibt's keine Gewähr, weil ich pi mal Daumen koche!)

Badischer Kirschplotzer

ca. 5 altbackene Milchweck
1/2 l heiße Milch
2 Pfund Süßkirschen mit Kern
125 g gemahlene Mandeln
1 TL Zimt, 1 Messerspritze gemahlene Nelken
Ein tüchtiger Schuss Kirschwasser
4 Eigelb, Schnee von 5-6 Eiweiß
1 TL Backpulver
etwas Puderzucker

Die harten Weck grob zerkleinern, mit der Milch überbrühen und ziehen lassen. Mit den Händen dann fein zerdrücken. Alle anderen Zutaten gut einarbeiten. Zuletzt vorsichtig den Eischnee unterheben und das Ganze in eine flache, mit Backpapier ausgelegte Springform einfüllen und glattstreichen. Früher hat man die Springform traditionell gefettet und mit Semmelbröseln bestreut.
Eine dreiviertel Stunde backen, auf ein Gitter stürzen, aber die Form erst nach zehn Minuten Abkühlen abheben, damit sie sich besser löst! Dann wiederum stürzen und einen Teil (s.u.***) mit Puderzucker bestreuen. Vorsicht beim Stürzen - weil der Kuchen flach ist und leicht bricht, immer ein Gitter oder Blech dagegenhalten.

Elsässischer Bettelmann

Das elsässische Rezept, das ich habe, spart noch mehr an Zutaten, verwendet dafür aber etwas, was im badischen Rezept fehlt: Zucker. Denn der badische Bettelmann lebt von der Süße der Kirschen und muss auch mal zur Kartoffelsuppe passen***. Er war ursprünglich ein billiges Mittagessen während der Kirschernte.
Der elsässische Bettelmann besteht aus etwa 6 Brötchen, 250 g Zucker (mir zu viel), 1/2 l Milch, 1 kg Kirschen, 1 EL Kirschwasser und vier Eiern. Gemacht wird er wie oben, manche verquirlen auch einfach die Eier ganz hinein, ohne Schnee zu schlagen (er geht dann nicht so auf wie der badische, schmeckt kompakter). Gebacken wird hier etwa 50 min. und ebenfalls kalt oder warm serviert.

Clafoutis mit Kirschen

Dann gibt's noch die vornehme französische Version (ich finde ja schon die Mundstellung bei den Namen so herrlich, erinnert mich immer an Breitmaulfrosch und Spitzmaulfrosch, die sich um Maaarmelaaaade oder Konnnfitüüüre streiten). Die Franzosen aus der Stadt sind etwas betuchter und sparen weniger, haben aber dafür nicht so viele Kirschen wie die Landbauern:

1 Pfund Süßkirschen (und die werden jetzt gewaschen und entsteint, welche Sünde!)
30 g Butter
8 Eier
500 ml Creme fraiche
50 g gemahlene Mandeln
30 ml Kirschwasser
25 g Puderzucker
etwas Vanille

Eine große, flache Steingutform buttern und die Kirschen darauf verteilen. Die Eier mit der Creme aufschlagen, dann das Kirschwasser, die Vanille, den Zucker, die Mandeln und eine Prise Salz einarbeiten. Die Masse über die Kirschen gießen und bei 180 Grad etwa eine habe Stunde backen.

Guten Appetit - e gueter - bon appetit!

8. Juni 2009

"Genuss im Gepäck" im Galand

Am Freitag, dem 12.6.2009 um 19 Uhr steigt die Premiere:
"Genuss im Gepäck" im Galand in Kehl-Odelshofen (alle Infos hier und hier)
Genuss im Gepäck trägt Gina Grumbier, Weltenbürgerin vom Land, Grenzgängerin zwischen Küche und Bibliothek.

Auf ihrer vergnüglichen Sinnesreise im Dreiländereck zeigt sie Diätgurus und Gesundheitsaposteln, was eine Gabel ist. Sie schmarotzt an den Tischen berühmter Literaten, steckt ihre Nase in Gedichte und Gerichte, und schmuggelt Schlemmersätze auf den Teller.


Ein literarisch-kulinarisches Programm für Gourmets und Geschichtenverschlinger, für Wortschmecker und Weinverkoster.

Achtung: NOCH sind freie Plätze zu haben - Reservierung ist unbedingt erwünscht und sollte so schnell wie möglich im Galand erfolgen, Adresse, Telefon und Mail hier!
Und als kleine Überraschung werde ich an diesem Abend Bücher von mir verlosen.