6. April 2009

Oschterputz

"Am Osterputz scheiden sich die Geister im Elsass. Zugereiste verstecken sich und Einheimische lästern gemeinsam über die, die von Natur aus keine Sauberkeitsfanatiker sind." So schrieb ich noch diplomatisch in meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt." Im Klartext heißt das: Jeder, der nicht den elsässischen "Oschterputz" in den Genen hat oder aus deutschen Familien mit Kehrwocheninbrunst stammt, wird in jener Zeit schier verrückt. Binnenfranzosen meinen gar, sie hätten bereits die Ostgrenze von Frankreich überschritten, ohne es zu merken.

Der "Oschterputz" beginnt in der Regel mit dem ersten Frühlingssonnenstrahl und endet kurz vor Ostern, kann also durchaus Wochen dauern. Die alten Jahreskreisbräuche und Traditionen, die ich in meinem Buch noch beschrieben habe, sind inzwischen vor allem bei Touristen und Ausländern präsent. Sonst kocht das "Ninkrittelmues", das blutreinigende Frühjahrsrezept, vielleicht noch die Großmutter - oder man nimmt einen Brauch einfach so mit.

Denn der Osterputz hat sich grundlegend modernisiert. Seit Sarkozy den aus Deutschland stammenden Hochdruckreiniger auch politisch salonfähig gemacht hat, rückt man mit ihm allem zu Leibe, was nur nach Dreck aussieht. Tagelang klingen einem die Ohren von dem schrillen Dauerton, der von allen Seiten bis in die späten Abendstunden für Tinnitus sorgt. Gekärchert werden Autos, Zäune, Mauern, Spielzeug oder Opas Rollstuhl. Allerdings darf das Gerät, weil es schon als "Maschin mid Technik" zählt, vor allem der Patriarch der Familie bedienen, während den Frauen Wischmopp, Besen und Fensterleder besser zu Gesicht stehen. Schweres Gerät würde sie zu sehr erschöpfen, sollen sie doch schließlich nebenbei noch fähig sein, ein Essen in die Mikrowelle zu schieben.

Nicht, dass ich ein Schwein wäre, obwohl ich meinen Haushalt bei wichtigeren Arbeiten gnadenlos liegenlassen kann, ohne zum Psychiater zu müssen. Natürlich putze auch ich nach den ersten Sonnenstrahlen im Frühling Fenster - einfach um das Grün draußen wieder klarer zu sehen. Dem Putzen auf Datumsbefehl hin kann ich weniger abgewinnen. Ich beobachte die Leute in meiner Straße und lache mich krumm.

Da ist der eine mit dem akkuraten Rasen, der so akkurat gepflegt ist, dass er gar nicht mehr freiwillig wachsen will. Am Samstag habe ich gesehen, wie er seinen Rasen gefegt hat, mit dem Besen. Daher also das Wort "Rasenteppich." Aber das ist noch steinzeitlich! Ein anderer hat erst die Blätter vom Winter weggeharkt, wie unsereins das ebenfalls tut. Dann hat er die letzten Reste mit den Fingern aufgesammelt. Jetzt hast du aber saubergemacht, dachte ich. Denkste. Da hat er erst den Staubsauger geholt und den Rasen fein gesaugt. Mit Bürste.

Hätten sie es doch nur so gemacht wie der Dritte im Bunde! Dem war es schon lange ein Dorn im Auge, dass sein Baum Nadeln ins Gras verstreute, die er mühsam herausklauben musste. Also hat er Spaten und Schubkarre geschnappt. Und das Gras um den Baum samt Humusschicht einfach abgegraben. Damit es auch fein sauber ist, wurde die Erde bei einem Nachbarn abgeladen. Ich war gespannt. Würde er auch mit einem Staubsauger kommen? Nein. Er hat lange Planken verlegt. Holzplanken. Viel sauberer, kann man außerdem fegen und nass wischen. Falls der böse Baum mal wieder was fallen lässt.

Sollten Sie einmal in meinem Dorf vorbeikommen: Ich bin die Unordentliche. Die mit den vielen Veilchen und Gänseblümchen, Scharbockskrautblüten und demnächst auch Löwenzahnsonnen im saftigen Gras. Die sich auf Ostern immer ungemein freut, weil an den Feiertagen all der Lärm, die Hektik und das verbissene Geschrubbe ein Ende haben und zwischen dem künstlichen Elsass-Disneyland-Kitsch mancherorts todesmutig wilde Pflanzen keimen.

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