3. März 2009

Explodierende Wälder

Bei einer Übersetzungsarbeit habe ich etwas Interessantes über elsässische Grenzwälder erfahren. Sie können - falsch behandelt, explodieren!

Der Fachausdruck hieß "bois mitraillé", was wörtlich so viel bedeutet, dass jemand das Gehölz mit einem Maschinengewehr beschossen hat. Aber wie übersetzt man das richtig, was muss man sich darunter vorstellen? Von Polen her kenne ich - vor allem um Warschau - jene Wälder, in denen sich im Zweiten Weltkrieg die Partisanen versteckt hatten. Auch diese Wälder gerieten massiv unter Beschuss, sie wurden von den Nazis regelrecht abrasiert. Man erkennt diese Gehölze heute noch daran, dass sie keine wirklich alten Bäume enthalten, obwohl das Waldgebiet an der Stelle eine uralte Tradition haben müsste. Vor allem die schnell sprießenden Birkenwäldchen lassen mit ihrem zarten Grün und Weiß jenen Horror von damals vergessen.

"Bois mitraillé", kriegsgeschädigtes Gehölz, gibt es in Frankreich seit 1919 auf ca. 100.000 ha. Grenzgebiete und Kampfzonen sind besonders betroffen. Einige Plätze sind wegen Minengefahr noch heute gesperrt.

So wachsen diese beschossenen Gehölze heute noch entlang der elsässisch-pfälzischen Grenze zwischen Naturpark Pfälzerwald und Parc Naturel régional des Vosges du Nord, aber auch in den Hochvogesen etwa um Thann. Im Unterschied zu den polnischen Wäldern sind diese jedoch kein "kriegszerstörtes Gehölz", sondern ein "kriegsbeschädigtes Gehölz". Die Bäume stehen nämlich noch. Sie haben sich die Munition regelrecht einverleibt, sind um die Kugeln und Granatsplitter des Ersten und Zweiten Weltkriegs herumgewuchert.

Die Bäume konservieren natürlich auch noch scharfe Munition und allerlei Metallteile von kriegswichtigen Einrichtungen (Foto). Weniger sichtbar sind die toxischen Ablagerungen in diesen Wäldern - im Ersten Weltkrieg wurden auch Chemiewaffen eingesetzt.
Was da so friedlich, altehrwürdig und idyllisch grün wie Balsam auf erholungsbedürftige Städter wirkt, ist für die Holzwirtschaft also eine tickende Zeitbombe.

Solche beschossenen Bäume kann man nicht in die Maschinen der Sägereien stecken - sie würden sofort alles zum Explodieren bringen. Man sieht ihnen von außen nicht mehr an, wo die explosiven Stoffe stecken oder die Metallteile, die für ernsthafte Unfälle auch schon genügen. Ohne Durchleuchten einfach die Säge anzusetzen, wäre gefährlich. So wirken zwei Weltkriege in den grünen Idyllen von heute friedlichen Nachbarstaaten nach. Neunzig Jahre ist es her, dass der Erste Weltkrieg endete.

Diese Übersetzung von "bois mitraillé" lässt mich in Ansätzen ahnen, wie viel wertvolle (Über-)Lebenswelt moderne Kriege auf wie lange noch heute zerstören mögen - bis weit in einen Frieden hinein. Aber genauso, wie ich mir nur schwer vorstellen konnte, was hinter den beiden Wörtern steckt, genauso wenig kann ich wirklich das fatale Ausmaß an tickenden Zeitbomben und Kriegsaltlasten ermessen, mit dem Menschen anderswo auf der Welt in Zukunft fertig werden müssen. Die kriegsbeschädigten Gehölze könnten uns Besinnung lehren. Seit neunzig Jahren...

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