9. Februar 2009

Theater im Pamina-Raum

Wo geht man eigentlich im Pamina-Raum ins Theater? Und gibt es nationale Unterschiede außer der Sprache?

Pa-mi-na
ist selbst schon ein Sprachgemisch und bedeutet PA = Palatinat (Pfalz) / MI = mittlerer Oberrhein / NA = Nord Alsace (Nordelsass). Der gemeinsame Wirtschafts- und Kulturraum hat eine offizielle Website, eine Website für Veranstaltungen und Touristikangebote und eine für die gemeinsame Volkshochschule. Sitz der Vereinigung ist das alte Zollhaus von Lauterbourg. Aus dem täglichen Leben ist die Pamina kaum noch wegzudenken, denn sie verwirklicht ganz praktisch, wovon Paris und Berlin nur reden - oder noch nicht einmal träumen. Grenzgänger erhalten hier auch Beratungen und Amtshilfen.

Ähnlich wie die Pamina ist das Theaterleben in diesem Raum dreisprachig.
Auf der badischen Seite gibt es die bekannten Theater in deutscher Sprache. Da liegen in Grenznähe das Badische Staatstheater in Karlsruhe und das Theater in Baden-Baden. Auf der pfälzischen Seite gibt es das Pfalztheater Kaiserslautern. In Deutschland sind kommunale Theater subventioniert und die Schauspieler meist fest angestellt. Es wird also mit festen Ensembles gespielt. Freie umherziehende Theatertruppen oder selbstständige Kleinsttheater wie z.B. das längst bekannte Sandkorntheater in Karlsruhe sind im Kulturbetrieb eher weniger etabliert. Am Staatstheater und in Baden-Baden kann man Laienkurse belegen.

Erst mit alternativen Kulturveranstaltungen wuchs hier eine Szene, die von Laien wie Professionellen gleichermaßen bedient wird. Solche Kleinsttheater sind meist als Verein organisiert, manchmal sind es auch nur Solodarsteller, die sich frei ihre Bühnen und Auftrittsgelegenheiten suchen müssen. Organisiert sind die meisten entweder im Landesverband freier Theater Baden Württemberg oder bei la profth in der Pfalz - so viel Kleinstaaterei muss sein. Auf beiden Webseiten kann man nach freien Theatern und Schauspielern in der Nähe suchen.

Noch mehr Kuddelmuddel findet man, wenn man die französische Seite mitnimmt. Dort gibt es nämlich Theater in gleich zwei Sprachen, aber hoppla: Die Sprache entscheidet über das Genre! Das sogenannte elsässische Theater ist nämlich aus der Tradition des Volkstheaters entstanden. Viele kleine Dörfer stellen ihre eigene Laienspielgruppe auf und geben ihre Schwänke und Lustspiele in der örtlichen Mehrzweckhalle zum Besten, die Aufführungen werden an der Straße bekannt gemacht. Goethe hat das Théatre Alsacien bereits geliebt, wo die Bevölkerung sich nicht nur gegen den üblichen Dorfmuff wehrt, sondern auch über die Kirche und die Konfessionen lustig macht. Für Badner und Pfälzer ist der Dialekt auf alle Fälle verständlich.

Im Elsass ist das Christkind eine Frau. Und eine besondere Spezialität ist der sogenannte "Herre-Owe" (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Kabarettgruppe), der auf Zeiten zurückgeht, als Frauen zu gewissen Kirchenfesten nicht auf der Bühne stehen durften. Heute schlüpfen die Männer eher aus Gaudi in sämtliche Rollen. Für die Dorfbewohner ein noch größerer Spaß, so manchen hochmoralischen Nachbarn in einer Travestierolle begutachten zu können. Bei diesen besonders deftigen Stücken sind Frauen im Publikum selbstverständlich zugelassen!

Das bekannteste elsässische Theater in Strasbourg bringt auch einheimische Literaten und Dramatiker auf die Bühne. Ein festes professionelles Theater gibt es in fast jeder Stadt, Laiengruppen spielen vor allem in der Wintersaison und um Weihnachten.

Wer allerdings "richtiges" Theater genießen will, sollte Französisch können! Mehr oder weniger, denn die Theaterszene, die Pantomime oder Puppenspiel einschließt, braucht nicht immer viele Worte. Sie ist riesig, fast unüberschaubar - denn hier liegt der Unterschied zur Struktur in Deutschland: Die wenigsten französischen Schauspieler genießen eine langfristige Festanstellung. Obwohl bis in Kleinstgruppen alles sehr viel stärker professionalisiert ist, müssen die Akteure um Auftrittsgelegenheiten und Publikum buhlen, oft mühsam Hilfen oder Subventionen ergattern. Dafür gibt es aber auch Künstlerberatungen und so ganz ohne Mindestschulung steigt kaum jemand auf die Bühne.

Das führt dazu, dass Frankreich über eine sehr bunte, vielfältige freie Theaterkultur verfügt, die sich in zahlreichen Festivals von ihrer Schokoladenseite präsentiert. Straßentheater oder Commedia dell'Arte, Marionettentheater oder experimentelles Theater existiert recht gleichwertig zu dem, was man in Deutschland unter Theater versteht. Weil die meisten Schauspieler und Theater nicht allein von Vorstellungen leben können, hat sich eine eigene Unterrichtskultur gebildet. Ganze Ensembles oder Solisten - Professionalität vorausgesetzt - unterrichten Theatertechniken vor allem in Schulen, aber auch zunehmend für interessierte Laien und für Darsteller des Elsässer Theaters. So wachsen viele junge Leute bereits früh in den Beruf. Leider gibt es keine Sammlung aller Bühnen, Truppen und Solisten im Internet. Veranstaltungen findet man aber z.B. via Evene.

Die wichtigsten Bühnen in Strasbourg:
Théatre National de Strasbourg, TNS (was man in D. als Staatstheater kennt)
Théatre Jeune Public, TJP (Jugendtheater)
Le Fil Rouge (Kleine und ungewöhnliche Formen für Kinder + Erwachsene)
Théatre Lumière (zeitgenössisches Theater mit humanistischem Hintergrund)
Tohu-Bohu (mehrsprachig, experimentelles Theater mit Einbindung anderer Künste, Figurentheater)
Le Kafteur (Humortheater)
Pole Sud (Musik- und Tanztheater, Jazz)
Es gibt noch weit mehr Bühnen und freie Truppen, etwa die berühmte Choucrouterie mit ihrem elsässisch-französischen Kabarettprogramm.

Außerdem arbeitet im Nordelsass der rührige Verein "Sur les Sentiers du Théatre", der Menschen aus dem ländlichen Raum ans Theater führen will und Theatervorstellungen in den ländlichen Raum bringen. Er veranstaltet jährlich ein Straßentheaterfestival in den Dörfern und hat mit dem zweisprachigen Stück "Frontières - Grenzen" schon zarte Bande ins Badische und in die Pfalz geknüpft.

(Ich entschuldige mich für fehlerhafte Akzente - mir fehlt z.B. der auf dem "a" von "théatre" fällige Zirkumflex in diesem Blog)

Keine Kommentare: