12. Februar 2009

Frankreich, Einkaufen, Bonus, Weinmesse und Schwarzhandel

Ich war heute mal wieder im eigenen Land, also im Elsass, einkaufen und mir standen die Haare an der Kasse zu Berge. Es war in einem dieser billigen Supermärkte, die jetzt Werbung mit vollen Einkaufswagen machen: "Dieser Wagen wurde mit 50 E / 80 E befüllt". Sie sehen imposant aus, bis Oberkante voll - aber leben kann man als Single mit dem Quatsch, der darin liegt, allenfalls eine halbe Woche. Nun, aber gewisse Produkte muss ich eben hier noch einkaufen, z.B. den billigeren italienischen Espresso und die billigere italienische Pasta und den besseren (Rohr)Zucker und...

Was mich diesmal besonders auf die Palme brachte: Neuerdings wird das komplizierte Bonussystem ganz offensichtlich zum Abzocken benutzt. Rabatte sind in Frankreich eine Wissenschaft für sich. Manche bekommt man per Einkaufskarte (und wird dann schön von Marketingunternehmen überwacht), manche Läen vergeben Bons für bestimmte Waren an der Kasse fürs nächste Mal. Und dann gibt es Aufkleber auf der Ware, die Ermäßigung versprechen. Vorsicht bei denen, die nicht sofort zahlen. Hier muss man oft mühsam den Kassenbon nebst Adresse einsenden, bekommt 20 Cent und jede Menge Direktwerbung, weil die Adresse verkauft wird. Besser sind die mit einer "réduction immédiat" - sprich, die aufgedruckte Summe wird sofort an der Kasse abgezogen. Vorsicht! Neuerdings vergessen es die Kassiererinnen immer häufiger, das zu tun. Und zwar mit solcher Regelmäßigkeit, dass man Absicht vermuten könnte.

Sonst kaufen wir - das erzählte ich bereits - für höchstens die Hälfte oder ein Drittel des Preises unsere Lebensmittel in Deutschland ein. An der Grenze sprießen statt der alten Zollhäuschen neuerdings die Supermärkte (ab dem Wochenende in Schweigen, kurz vor Wissembourg). Kürzlich unterhielt ich mich mit einer nicht gerade armen Elsässerin darüber, wie Franzosen im Landesinneren, die ja nicht mal schnell die Grenzen wechseln können, überhaupt noch durchhalten. Eigentlich gar nicht. Unser kleiner Napoleon hat die Armut verstärkt und wer kein Autohersteller ist, bekommt dann eher den Kärcher zu spüren. Ganze Landstriche gelten als "verlorene Départements", keine Aussichten für die Jugend, Massenarbeitslosigkeit, das Sozialamt bewilligt schon automatisch, weil Arbeit nicht aufzutreiben ist.

Wer es sich leisten kann, verkauft sein Haus dort zu verrückt überteuerten Preisen an Engländer, Belgier, Deutsche. Ein Freund erzählt, in einer Stadt bei ihm seien inzwischen alle kleinen Läden, typisch mit ihren großen Glastüren zur Straße, Edelwohnzimmer von Schicki-Micki-Ausländern. Die Grundstücke auf den Dörfern können sich Einheimische nicht mehr leisten, aber da sind die eigenen Leute schuld, die bei der Preistreiberei mitmachen. (Das Elsass hat das hinter sich). Manche Dörfer im Süden sind fast nur noch von Ausländern besiedelt. Andernfalls würden sie aber auch zerfallen - es gibt keine Arbeit, keine Infrastruktur, keine Jugend.

Wie überleben die Leute? Bitter arm. Weil Frankreich auch nur spärlich Mietwohnungen hat und ein Land von Besitzern ist, ackern die meisten im eigenen Gemüsegarten. Dazu hält man Hasen, vielleicht ein paar Hühner - und wer Platz hat, Ziegen und Schafe. Die Frauen ackern sich frühzeitig alt, denn da will der Käse gemacht werden und auf den Märkten steht man stundenlang. Schwarzhandel blüht, da werden Viecher an der EU vorbeigezüchtet und versteckt. Selbst in meinem Dorf im reichen Elsass ist das so.

Da hat einer die echten durchtrainierten Hähne, die er nicht mit den anderen im Laden verkaufen lässt. Der nächste räuchert den Wildschweinschinken vom Jäger. Wieder ein anderer brennt schwarz. Ich war schon bei Festessen eingeladen, bei denen für die wunderbaren Lebensmittel kein Cent geflossen ist. Tauschwirtschaft. Erschreckend ist, dass bei dieser Art von sozialem Netz der Genusswert wieder exorbital steigt. Schwarzgeschlachtetes schmeckt doch sehr viel besser als das in der Zellophanverpackung seit Tagen vor sich hinblutende Wasserschwein... Allerdings muss man am sozialen Netz teilhaben - wer in Isolation lebt, kann sich kaum noch versorgen, wenn er nicht gut drüben in Deutschland verdient.

Eins muss aber immer sein, egal wie arm man ist, egal wie man sonst darbt - bei einem gemütlichen Glas Wein unter Freunden kann man all den Stress vergessen. Feiern, genießen, leben - das muss sein! Unvorstellbar, was sich deutsche Politiker mit Genussmittel-Beschränkungen und Gesundheitswahn so alles ausdenken, darauf hebt man hier das Glas, lacht sich eins und freut sich, dass bei Aldi-France ein doch ordentlicher Corbières für 1,45 E zu haben ist. Weswegen dann wieder die Deutschen bei uns einfallen zum Einkaufen. Den gibt's bei Aldi-Deutschland nicht. Das ist Europa.

Wer jetzt schnell entschlossen ist und Lust auf einen guten Tropfen hat, dem empfehle ich, schleunigst nach Strasbourg zu fahren. Dort hat nämlich der berühmte "Foire au vin", die Weinmesse angefangen. Morgen geht's los bis zum Montag. Und es gibt über 2500 verschiedene Weine zu kosten! Nicht nur hochinteressant für Schnäppchen - hier präsentieren unabhängige Winzerfamilien, deren erlesene Tropfen nicht unbedingt im Laden stehen. Die meisten versenden nachher auch ihren Wein - hier ist die Gelegenheit, sie kennen zu lernen und Adressen zu sammeln.

Mein Tipp: Es ist beim Wein wie mit dem Parfum. Nach einigen Sorten schmeckt man nichts mehr. Und weil die Messe in Wacken so riesig ist, verliert man schnell die Orientierung. Also am besten sich vorher einen Plan machen und vielleicht ein wenig einlesen, welche Sorten oder Regionen man entdecken möchte. Sich darauf konzentrieren - und natürlich trotzdem offen für Überraschungen bleiben.

Auch zu beachten: In Frankreich ist bereits bei 0,3 Promille Schluss, Wagen von trunkenen Fahrern werden sofort beschlagnahmt. Achtung auch beim Beifahrer - der muss, wenn er über der Promillegrenze liegt, als potentielle Gefahr für den Fahrer hinten sitzen, sonst wird ebenfalls eine Geldstrafe fällig (die in Frankreich empfindlich höher ist als in Deutschland). Übel wird's, wenn alle im Auto zuviel haben...

Wohl bekomm's - oder wie man im Elsass sagt: "G'sundheit!"

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