13. Oktober 2009

Kindheitserinnerung: Mohn

Kürzlich habe ich mich noch mit Mohnliebhabern darüber unterhalten, dass die Verwendung dieser köstlichen Samen einem zeigen kann, dass man sich in Mitteleuropa befindet. Ganz alte und traditionelle elsässische Bäcker verwenden noch Blaumohn fürs Gebäck, aber danach muss man lange suchen. In Frankreich sind diese Füllungen eher unbekannt. Schade, denn ich bin als Kind schon mit köstlichen Mohnkuchen groß geworden, ein Vorteil von Familien, die wer weiß woher kommen. Und dann gab es die Füllung irgendwie nicht mehr in der gleichen Qualität zu kaufen.

Ich musste erst in Polen leben, um zu lernen, warum. Eines Tages bekam ich dort den herrlichsten Mohnstrudel zu essen. Die fröhliche Bäckerin zwinkerte mit den Augen, lachte und erklärte, der sei noch richtig nach traditioneller Art gebacken, nur so schmecke er. Denn der blaue Mohn sei einfach nicht dasselbe, weniger fruchtig, viel trockener. Und entspanne auch nicht so schön...

Was sie denn stattdessen verbacken habe, wollte ich wissen. Sie wand sich ein wenig. Na ja, ihr Cousin lebe auf dem Land und der habe hinter hohen Thujahecken noch eine kleine Plantage, schwer sei es geworden, sie kontrollierten doch überall, dabei bauten sie die Blumen nur wegen des Kuchens an. Ich brauchte das polnische Wort für diesen leckeren Mohn nicht nachschlagen. Dann erzählte sie mir, wie sie bei großen Festen den Kindern ein Stück Mohnkuchen gäben, wenn sie zu aufgekratzt seien und ja, früher habe man auch etwas in Milch aufgekochten Mohn mit Honig in Leinensäckchen gefüllt und als Schnuller verwendet.

Seither ist dieser Mohnkuchen aus den Neunzigern in Polen ein Mythos in meinem Erzählschatz, weil er schmeckte wie in meiner Kindheit - und weil ich diese Köstlichkeit seither vergeblich suche. Dumm war ich! Vergaß den Umweg über das Osmanische Reich... (und das Österreicher Waldviertel ist hier auch zu weit weg).

Heute fand ich in einem Regal mit türkischen Spezialitäten fertig gemahlenen Mohn in Gläsern. Das Kleingedruckte verspricht tatsächlich den guten alten Schlafmohn. Und auf Türkisch steht da (Akzente habe ich leider keine): Hashas Ezmesi. Man muss also erst nach Deutschland in einen türkischen Laden, um eine in Frankreich fehlende polnisch-russische Köstlichkeit zu finden! Ich bin gespannt aufs Backergebnis.

Übrigens, keine Angst, Schlafmohnzubereitungen sind eines der ältesten Nahrungsmittel der Welt und allenfalls leicht beruhigend. Das hat nichts mit dem aus dem Milchsaft der grünen angeritzten Kapseln hergestellten Opium verarbeitet wird. Allerdings sollen laut Wikipedia größere Kuchenmengen im Drogentest anschlagen.

1. Oktober 2009

Kunst im Garten

Wieder ist im Galand in Kehl-Odelshofen eine Veranstaltungssaison beendet - und das wird traditionell mit sonntäglicher "Kunst im Garten" zelebriert. Ich selbst hatte schon zwei mal das Vergnügen, an diesem besonderen Ort auftreten zu dürfen und möchte den Geheimtipp gern öffentlich teilen - hier trifft man immer wieder besondere Menschen in einer beflügelnden Atmosphäre. Gleichzeitig gibt die Kunstausstellung im Garten, der umgebauten Tabakscheuer und der kleinen Galerie Nachwuchskünstlern aus Deutschland und Frankreich die Gelegenheit, ihre Werke zu präsentieren und Gespräche mit dem Publikum zu führen.

Am Sonntag, den 4. Oktober 2009 von 11-18 Uhr gibt es Kunst im Garten zum 13. Mal, der Eintritt ist frei, der Verein sorgt für ein Buffet.
Natürlich sind die Werke zu verkaufen. Mein Tipp: Hier kann man auch den Grundstock für eine Kunstsammlung legen, ohne Millionär zu sein!

Zu sehen sind diesmal: Ursel Bopp mit Schmuck, Albrecht A. Bopp mit Bildern, Ecki Brause mit Bildern und Karrikaturen, Markus Bromm mit Pyrographien, Jan Sosein Carl mit Malerei, Suvan U. Dingler mit Keramik, Silke Charlott Häge mit Plastiken, Angela Johe mit Porzellan und Kleidern, Eliane Karakaya mit Bildern, Eva Lübold mit Figuren, Sabine Maitre mit Skulpturen und Glas und Adelheid Pfeil mit Radierungen.

Alles Wissenswerte und Adresse: Galand / Kunst im Garten
Hier ein Artikel zum Einstimmen (pdf)

22. September 2009

Sprachmissionare

Wer das Elsass kennt, wird wissen, dass ich in diesem Landstrich hauptsächlich des Französischen mächtig sein muss, öfter Elsässisch höre - aber seltenst lebendiges, aktuelles Hochdeutsch zu Ohren bekomme. Nach nun genau 20 Jahren Emigration bilde ich mir ein, einigermaßen Französisch zu sprechen - zumal ich ja inzwischen auch als Übersetzerin arbeite.

Heute war jedoch wieder einmal ein Tag der Zangengeburt. Arztfranzösisch. Plötzlich fehlen mir grundlegende Wörter. Wie nennt man verdammt noch mal den Handballenteil direkt unterm Daumen? Ich weiß das nicht einmal auf Deutsch. Was für ein Pflaster, welches Instrument, was soll ich? Wie der kleine Alien frage ich zweimal nach. Und weil der Arzt ja nicht glauben soll, ich hätte etwas an den Ohren, entschuldige ich mich für mein Hauruck-Französisch, in dem der Ballen halt zur Hand wird. Ich kenne auch dieses Medikament nicht, das jedes Kind aus dem Fernsehen kennt. Ich muss als Kind auf einem anderen Planeten gewesen sein. Mir fehlten öfter noch Wörter, sage ich.

Und dann kommt diese wunderbare Antwort, die ich schon auswendig kenne: "Mais, il faut l'apprendre!" (Dann muss man es halt lernen!) So weit war ich vor 20 Jahren schon einmal. Nein, es seien nur diese medizinischen Spezialwörter, ich könne dagegen sofort eine Fachdiskussion über Archäologie... - Ich solle mir mal die Inder angucken. Die Inder kommen in unser Land als Missionare und Prediger und lernten in Nullkommanichts fließend Französisch. Und Deutsch noch besser. Und das komme daher, dass die so viel lesen und schreiben. Tja, der Kolonialismus schlägt um Ecken zurück. Ich gebe zu bedenken, dass ich als Übersetzerin auch lese und schreibe. - Reden sagt er, und denkt ans Predigen. Ich denke daran, dass ich etwas gegen das Missionieren habe.

Was reden Sie denn den ganzen Tag zu Hause? Ertappt. All meine Buchfiguren reden Deutsch. Und ich spreche bei meiner Arbeit in der Regel nicht. Ich bin eine Schreibrednerin. Ich tratsche nicht herum. Meine Nachbarn und Freunde reden fließend Europlais, diese wunderbare Mischung aus drei Sprachen, wo man sich spontan in derjenigen bedient, die einem spontan auf die Zunge rollt. Der Rest der Konsultation läuft in Pidgin-Französisch ab, wohl aus Rücksicht. Wenn der Mann nicht so viele Silben vernuscheln würde, könnte ich ja sogar sein Originalfranzösisch verstehen. Aber auch ich bin höflich. Und verspreche, fleißig zu lernen. Denn inzwischen fallen mir nicht einmal mehr die bekannten Wörter ein.

Der türkische Arzt im Krankenhaus, der absolut fließend und akzentfrei Französisch sprach, hatte mich gelobt und damit zum Reden gebracht. Dieser Arzt von heute behandelt auch meine deutsche Freundin und spricht mit ihr perfekt Deutsch.

Auch nach 20 Jahren Frankreich weiß ich noch nicht, welche Sorte Endorphine ausgeschüttet wird, wenn man jemandem nicht mit einem Wort beispringt, das man sehr wohl erklären, gar übersetzen könnte. Stattdessen wird das Skalpell angesetzt: Dummerle du, man kann das lernen. Tu endlich was dagegen, dass du ein Alien bist.

Falls sich jetzt andere Nationalitäten die Hände reiben, Vorsicht! Diese Sprachverweigerung habe ich auch schon in anderen Ländern erlebt, einschließlich Deutschland. Schade, denn sie bringt Sprachlosigkeit zur Welt. Wenn wir aufhören würden, uns gegenseitig missionieren zu wollen, andere nicht mehr partout in die eigenen Normen pressen, dann entsteht Vielfalt, die uns alle reicher macht. Weil wir auf gleicher Augenhöhe voneinander lernen können. Und wieder miteinander reden.

Sprache lebt. Sprache will wild sein dürfen, anders und unbequem. Sprache darf explodieren, falsch sein, experimentieren. Sie muss atmen können. In unserem herrlichen Europlaisgemisch kochen die Emotionen im Dialekt, bunt, drastisch, bildreich. Mit diplomatischem Französisch werden Streicheleinheiten verteilt, mit Deutsch geht es konkret ins Ziel - um dann durch den Dialekt und ein paar aus der anderen Sprache entlehnten Satzumbauten ein wenig Härte zu verlieren, Farbe anzunehmen. Ich glaube, die Inder, die hier alles in Nullkommanichts lernen, wissen das.

16. September 2009

Herbstliche Grenzlandgenüsse

Wo einst die Römer durch barbarische Lande zogen, hinterließen sie zuerst einmal Weinreben und dann auch unbekanntere Kulturpflanzen, die bis heute die Landschaft prägen. Im Dreiländereck Pfalz-Baden-Elsass, dieser weinseligen Landschaft, kann man jene Kulturrelikte nicht nur bewundern, sondern vor allem schmecken. Und wenn nächste Woche die schönste Jahreszeit für Wanderer, Weinliebhaber und Feinschmecker beginnt, lohnt sich der Ausflug in die Natur besonders. Hier ein paar Tipps aus meiner Region und Küche. Fotos zum Vergrößern anklicken. Zu sehen: Grenzlandschilder Elsass-Pfalz / Brillat-Savarin mit Cassisgelee und Nussbrot / Esskastanienblätter.

FEIGEN

Sie sind eine Spezialität vor allem in der Südpfalz, wo sie üppig alte Stadtmauern begrünen und in Winzerhöfen Schatten spenden. Kein Wunder, denn die südliche Weinstraße erfreut sich einer der mildesten Witterungen Deutschlands - zu sehen an der Mandelbaumblüte im zeitigen Frühjahr. Noch kommen die ersten Feigen im Supermarkt aus der Türkei, doch bald sind die heimischen beim Bauern zu finden: Sommersorten und bis in den späten Herbst hinein die Herbstfeigen. Am besten schmecken sie frisch vom Baum, vielleicht mit einem luftgetrockneten Schinken.

Ich bekam von Franzosen ein Glas Feigen, die mit einigen Walnusskernen, einem guten Schuss Tresterschnaps und wenig braunem Zucker wie Marmelade eingekocht waren. Ein nicht allzu süßer Brotaufstrich, aber auch eine feine Beilage zu Wild und gebeiztem Rindfleisch - oder zu kräftigen Schweinefleischgerichten in die Sauce gerührt, etwas trockener Rotwein dazu. Am liebsten mag ich das Feigenmus zu einem Brillat-Savarin-Käse (junger Ziegenkäse passt auch) und Nussbrot. Habe ich einmal keins zur Hand, verwende ich Cassisgelee. Man muss die Kombination von leicht rauchiger Fruchtsüße zum aromatischen, leicht säuerlichen und fruchtigen Käse einfach einmal geschmeckt haben!

ESSKASTANIEN

Sie kennt hierzulande jedes Kind und sie wachsen grenzüberschreitend. Im Nordelsass vor allem auf dem hügeligen Waldmassiv um die Orte Drachenbronn, Climbach und Lembach. Da geht es dann auch schon hoch ins Burgenland und in den Pfälzer Wald hinein - die Bäume kennen keine Grenzen. Die meisten Esskastanien im Badischen fand ich um das Murgtal herum in den ansteigenden Wäldern südlich von Gaggenau. Dass man Esskastanien mit einem sehr scharfen, spitzen Messer an der platten Seite kreuzförmig aufschlitzt und über dem Feuer oder im Backofen röstet, um sie dann zu schälen, weiß auch fast jeder. Die speziellen Pfannen fürs offene Feuer, aus Eisen und mit runden Löchern im Boden, findet man in elsässischen Supermärkten und vor allem auf Märkten. So ein Maronenfeuer ist ein Vergnügen in den ersten Frostnächten, wenn der dazu gehörige Gewurztraminer von selbst kaltgestellt bleibt. In den Städten wärmt man sich die Finger bei mobilen Maroniständen.

Doch kaum einer weiß, dass auch die Esskastanienblätter eine Delikatesse sein können! Man erntet sie grün und legt sie in einen guten Marc de Gewurz ein, auch Cognac ergibt einen harmonischen Geschmack. Die übereinander gelegten Blätter müssen vollkommen vom Schnaps bedeckt sein und so lange ziehen, bis sie sich verfärben. Ist das Glas gut verschlossen und sauber, halten sich die Blätter länger darin. Zur Not kann man den Marc durch einen sehr fruchtigen Grappa ersetzen, denn beides sind Tresterschnäpse.

Jetzt besorgt man sich beim Bauern frische, junge Ziegenkäse - vielleicht sogar einen extrem jungen Munsterkäse, der gerade das Reifestadium nach dem Weißkäse erreicht hat. Man wickelt die Käse fest in die Schnapsblätter ein, so dass sie ganz bedeckt sind, und bindet sie mit Baumwollschnur auf. Die so zubereiteten Blätter machen ähnlich wie Holzkohlestreu den Käse haltbarer. Zwei bis drei Wochen kühl gestellt ziehen lassen - das neue Käsearoma betört schon durch den Duft beim Auswickeln! Und nein, die Blätter isst man nicht mit.

Wer auf den Geschmack gekommen ist, findet weitere Rezepte (und natürlich nicht nur die) aus meiner Küche in "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" (Geschenkbuchausgabe / Hörbuchausgabe). Ich beschreibe darin u.a. die Keschtewurst, die es nur im Herbst gibt und Foie Gras an Kastanienpüree. Da fällt mir sogar ein, dass das Wildschwein mit Hagebuttensauce auch hervorragend mit obigem Feigenmus schmecken müsste! Guten Appetit!

11. September 2009

Leben wie Gott im Dreiländereck

Sauertöpfe und Edelgabeln

Eine Kollegin war kürzlich in Strasbourg und kam ziemlich entsetzt über die mangelnde Freundlichkeit des Servicepersonals zurück - von überteuerter und schlechter Qualität kaum zu reden. Inzwischen muss man sich in Strasbourg in der Tat bestens auskennen oder noch besser in die leckere Ortenau flüchten - denn selbst die einst kulinarisch reizvolle Region Richtung Odilienberg oder Choucroute-Land ist inzwischen fest in der Hand der Großstadt-Schicki-Mickis. Die nennt man in Frankreich zwar anders (BCBG), aber wie in jedem Land hinterlassen sie eine Spur unbezahlbar gewordener Edelrestaurants. Der Rest sinkt auf Billigbusreisen-Niveau ab: fressen, Maul halten, zahlen.

Mein Tipp, den ich auch nur von Elsässern habe, ruft bei vielen deutschen Elsassbesuchern Erstaunen hervor: Nutzt die Reichtümer des Grenzlands, sucht euch von allem das beste. Und das bedeutet, dass Normalverdiener im Elsass selten noch das Vergnügen der guten alten Kneipen haben, wo tagsüber Handwerker und Bauern verkehren und abends noch kein Lachs auf die Flammkuchen gebröckelt wird. Viele Wirte mit gutem Ruf von einst scheinen es nicht mehr nötig zu haben, auch ich habe schon die kantigen Gesichter vor mir gehabt, wenn ich nicht das Acht-Gänge-Touri-Menu bestellen wollte. Die Weinstubenkultur hat man sich kaputt gemacht, offen gibt es meist nur einfachen Wein, ansonsten muss man schauen, wie man die ganze Flasche in erlaubten 0,3 Promill unterbringt.

Essen in Gärten

Kurzum: Elsässer findet man immer öfter in deutschen Gasthäusern im Grenzland. Da ist die badische Küche, die der französischen in vielem ähnelt und oft ein wenig mehr Raffinesse entwickeln durfte als im Elsass. Und wo bekommt man sonst für einen Tratsch unter Freunden einen einfachen Kartoffel- oder Wurstsalat oder lebend gefangene Forellen? Wir im Nordelsass schwärmen meist aus in die Winzerhöfe der Pfalz. Edle Tropfen auch als Achtel oder Viertel, der arme Fahrer muss keinen Siff trinken - und mehrfach billiger ist es obendrein. Ambiente gibt's für die Großfamilie genauso wie für den Antiquitätenfreak. Vor allem Gärten, Gärten, Gärten.

Wir lästern manchmal: Zuerst haben uns die deutschen Touristen die Preise und die Qualität kaputt gemacht, weil sie nicht kritisch waren, jetzt fallen wir bei denen ein wie die Ameisen am Zuckertropfen. Und vielleicht geben sich die elsässischen Wirte dann im Normalpreissegment irgendwann auch wieder ein wenig Mühe?

Dabei können sie kaum etwas für die Preisentwicklung. In französischen Großstädten gab es bereits offene Diebstahlaktionen in Hypermarchés, um darauf aufmerksam zu machen, dass eine französische Familie sich die Lebensmittelpreise kaum noch leisten kann. Von Woche zu Woche fehlt in meinem Einkaufsmarkt ein neues Markenprodukt mit dem Hinweis, man handle noch einen bezahlbaren Preis aus und werde so lange das Produkt nicht mehr führen. Deutsche Billigdiscounter sichern das Leben in Frankreich.

Meine Genießerstraße

Und wir im Grenzland überqueren einmal mehr die Grenze. Neben den Supermärkten hat es mir in der Pfalz ganz speziell das Einkaufen von Frischware angetan. Es gibt da gleich hinter der Grenze eine Route, die ich Genießerstraße nenne. Mindestens einmal im Monat gehe ich auf Tour und kaufe auf Vorrat ein. Wenn ich dann koche, koche ich zu viel und friere Portionen ein - so liebe ich Fastfood. Meine Genießerstraße führt durch Grenzkauderwelsch, Elsässer pflücken dort gerade deutschen Wein und bei einem deutschen Winzer kommen elsässische Trauben ins Fass. Heute nur ein paar Schritte, vor dem Schengener Abkommen brauchten die Winzer noch Sondergenehmigungen für den häufigen Grenzübertritt im Traktor.

Dann fängt irgendwo dahinter das Paradies an, rotbackig leuchten die Äpfel, so weit das Auge reicht. Statt der elenden landschaftsverödenden Maisfelder Obst und Gemüse - so reich kann Natur aussehen. Jedes Dorf ist mit Schildern gespickt, manchmal durch Auslagen untermalt. Man macht mir Mirabellen und Weinbergpfirsiche schmackhaft, die hier Persching heißen. Unzählige Kürbisse leuchten zwischen Kartoffelsäcken und jemand verkauft Wild. An einem andern Hof lockt ein Schild mit Ziegenfleisch und -wurst. Die roten, weißen und blaugrünen Kohlköpfe leuchten wie Edelsteine.

Schaummäuse und feuchter Roggensauerteig

Doch zuerst ist immer mein Bäcker dran. Ich habe ihn zufällig entdeckt, als ich immer der Nase nach fuhr, auf der Suche nach einem authentischen guten Brot ohne Fabrikgeschmack. Dann kam dieses Dorf, in dem ich mich hoffnungslos verfranste und das Gefühl hatte: hier muss ein uriger Bäcker sein. Ein Teigparadies! Natursauerteige, keine Backmischungen - ein Roggensauerteig, wie ich es seit meiner Kindheit nicht mehr gegessen habe. So ein Brot schmeckt auch nach einer Woche noch.

In der Auslage lauern ausgerechnet noch die Süßigkeiten meiner Kindheit, Colaflaschen, Schaummäuse, Lakritzschnecken, Erdbeeren und wie das alles heißen mag. Dahinter werden die Erwachsenen verführt, mit diesen herrlichen traditionellen Kuchen und Torten, die schmecken wie von Oma handgebacken. Zwetschgentorte, ein üppiger Bienenstich, ein Frankfurter Kranz - oder Nusszopf, den man zerpflücken kann, so feucht-leicht zieht der Hefeteil in der Hand. Noch ein Tiefkühlfach: Brot, wenn das Baguette mal wieder zu den Ohren herauskommt.

Kürbiskenntnisse

Anschließend geht's zum Riechen und Fühlen beim Bauern. Die roten Kartoffeln, die ich so liebe, sind noch ganz erdig, die Weinbergpfirsiche haben einen hellen Pelz. Es duftet die Gute Luise, eine Birnensorte, die man auf europäischen Normmärkten auch seltener findet. Und dann habe ich mir - als Laie in der Pfalz - gleich eine Kürbisberatung geholt. Denn so viele unterschiedliche Sorten kenne ich nicht. Heimgebracht habe ich mir ein honigbeiges birnenförmiges Etwas, das so schmecken soll, wie es aussieht: nach Honig und Nüssen. Viel zu schade für eine Suppe, den könne man wie Schnitzel in guter Butter braten. Gute Butter, sonst nichts, das empfahl auch die Bäckerin auf das Vollkornbrot.

Und immer wieder bin ich überrascht, wie viel frische und einwandfreie Ware ich für wie wenig Geld mit nach Hause bringe, wie wohlschmeckend die Küche nach Jahreszeiten ist, wie abwechslungsreich. Auf der Heimfahrt sehe ich sie ernten und pflücken, was bei mir auf den Tisch kommt - und das schmeckt gleich noch mal so gut. Da wird nicht unreif gepflückt und ewig in Schiffscontainern durch die halbe Welt verschifft, das Gemüse ist frisch vom Acker.

Das gewisse Etwas

Wer so viel spart, lässt sich dann auch verführen zu noch einem Genuß. Ich bin gespannt, ich kann es noch nicht glauben, aber die Bäuerin versicherte mir, dass der Sauerkirschlikör in Sekt jeden Kir Royal vergessen lasse. Denn auch das ist Pfalz: allenthalben stolpert man über feine Weine, herzhaft Selbstgebranntes und edle Wässerchen, selbst Sekt.

Morgen ist dann Frankreich dran, für Kaffee und Rohrzucker und Käse und all das, was man auf der anderen Seite der Grenze nicht so kennt. Kein Wunder, dass ich mir das Leben in einem Binnenland nicht mehr vorstellen mag und mich schmunzelnd erinnere, wie wir solche Sachen früher mühsam und gefahrvoll über die grüne Grenze schmuggeln mussten. Nie werde ich die Ente vergessen, die wir wegen unserer Abi-Fete im Zollgrenzbezirk mit neun Leuten füllten. Vor der Grenze stieg die Belegschaft aus und lief zu Fuß über die Rheinbrücke. Hinten stiegen alle wieder ein. Denn man durfte nur drei Flaschen Sekt pro Kopf kaufen. Da hat sich zum Glück viel getan, vor der Sektfabrik in Wissembourg laden inzwischen auch polnische Laster Paletten auf.

Europäisch wird es auch am Wochenende, ich bekoche Gäste aus Deutschland und Südfrankreich und bin gespannt auf die Gesichter, wenn ich zur Pfälzer Frischware afrikanischen Wein kredenzen werde...

27. August 2009

La rentree und Ferientermine

Weil öfter hier vergeblich gesucht wird: La rentrée, die Wiederaufnahme des normalen Lebens in Frankreich, findet heuer am 3. September statt. Alle Ferientermine fürs ganze Land gibt es hier, das Elsass liegt in der Zone B. Und bis zu diesem Tag gilt erst einmal verschärftes Feiern und Vorbereiten auf den Schulanfang! Und natürlich steigen kurz vor Ferienende wie in allen Ländern die Benzinpreise...

21. August 2009

Theaterfestival im Nordelsass

Wie bringt man Kultur aufs platte Land?

Wenn die Autorin nicht schreibt, widmet sie sich gern einer anderen Leidenschaft: dem Theater. So bin ich in den Verein "Sur les Sentiers du Théâtre" gekommen, der sich einer verrückten Sisyphosarbeit widmet: Ein ländliches Milieu mit dem Theatervirus zu impfen, das mit Kultur eher nicht liebäugelt. Ich erzählte bereits von einer Amtsperson, die "culture" ernsthaft für eine neue Form von "agriculture" hielt... Traditionell ist das Nordelsass in Richtung Grenze in der Tat von der Landwirtschaft und von Arbeitern geprägt, Intellektuelle und Künstler existieren zwar sehr vereinzelt, leben aber eher zurückgezogen - verglichen mit dem, was sich auf deutscher Seite entwickelt hat.

Dieser Verein von Theaterbegeisterten hat sich deshalb auf die Fahne geschrieben, erstens die Landbevölkerung in die Theater der Städte zu bringen - und zweitens das Theater aufs Land zu holen. Wichtig ist uns dabei das Publikum von morgen - denn Kunstbegeisterung fängt im frühen Kindesalter an. Das Ganze soll außerdem nicht auf Hobbyniveau ablaufen, sondern dauerhaft die Qualität der ländlichen Kulturhäuser stärken und wiedererkennbare Strukturen schaffen.

Der Theaterverein im Nordelsass

Theater lebt aber nur - oder belebt eine Region, wenn es soziale Bindungen zur Bevölkerung gibt, wenn die Menschen einen "Sinn" für ihr eigenes Leben erkennen. Deshalb liegt uns der Austausch zwischen Künstlern und Zuschauern sehr am Herzen. Wir veranstalten Busfahrten vom Land in die faszinierenden unabhängigen Theater in Strasbourg und können dank Sponsoring durch offizielle Stellen einen preisgünstigen Abend anbieten. Die Zuschauer haben das Vergnügen, chauffiert zu werden und ihre Emotionen nicht nur mit Gleichgesinnten teilen zu können, sondern auch mit Schauspielern oder Regisseuren zu sprechen.

Die geben auf dem Land nicht nur Gastspiele, sondern veranstalten auch Workshops und Trainings für Schüler wie Erwachsene. Das Herbstfestival feiert diese Zusammenarbeit. Ein besonderes Projekt zur Verankerung der Theaterkunst in der Bevölkerung ist das Spiel bei Privatpersonen. Wir vermitteln Menschen, die für einen Abend einen Raum bei sich zur Verfügung stellen wollen, die passenden Schauspieler oder Theatergruppen - so ein Theaterabend bei "Nachbars" ist ein unvergessliches Erlebnis für alle Beteiligten. Besonders die "kleine Kunst" wird dabei gefördert.

Grenzüberschreitungen

Sisyphos beackert allerdings nicht nur den eigenen Berg, sondern orientiert sich zunehmend zweisprachig und grenzüberschreitend. Die szenische Lesung "Frontières- Grenzen" als abendfüllendes Programm, gelesen von Profis und geschulten Laien, ist im letzten Jahr entstanden. Zuerst wurden hüben und drüben vom Rhein Interviews mit der Bevölkerung zum Thema "Grenzen" geführt, dann zu einem Stück bearbeitet und (von mir) ins Deutsche übersetzt. Diese spannende Lesung, bei der Erinnerungen, Emotionen und Diskussionsbedarf entstehen, tourte bereits erfolgreich im deutsch-französischen Grenzgebiet und darf jederzeit angefordert werden! Und beim diesjährigen Festival haben wir ein deutsch-französisches Stück für Zuschauer ab 3 Jahren.

Veranstaltungstipps

Herbstfestival Les Sentiers du Théâtre
ab 19. September 2009 (Programm und Zeiten siehe Link)

19.9. in Seltz
20.9. in Hohwiller
21./22./23.10. in Soultz-sous-Forets
17./18.11. in Surbourg
außerdem im November in Buhl, Siegen, Keffenach, Eberbach
und am 18.12. in Beinheim

Die Termine und Orte für "Frontières- Grenzen" gebe ich rechtzeitig bekannt. Haben Sie in Elsass, Baden oder Pfalz einen geeigneten Auftrittsort, interessieren Sie sich für Grenzüberschreitungen, dann kommt das Programm auch zu Ihnen, auf Deutsch oder Französisch. Fragen Sie in beiden Sprachen an, die Kontaktemail und Telefonnummer finden Sie hier am Ende der Seite.
Der Eintritt für die meisten Veranstaltungen ist frei - nur müssen manchmal Plätze reserviert werden, z.B. bei den Aufführungen in Privaträumen.

Meine Geheimtipps:
Die Compagnie Médiane (21./22.10. in der Saline in Soultz) bietet mit "Pluie" Theater für die Allerkleinsten ab 16 Monaten. Mit viel Musik und Farben wird in diesem Spektakel das Thema Regen erfahren und zum Staunen verführt. Ich selbst habe die Idee, schon die Allerkleinsten für Theater zu begeistern, in Frankreich kennen gelernt, und finde, sie eignet sich auch hervorragend für neugierige Erwachsene, die so wenig Französisch sprechen wie ein Kleinkind. Eine wunderbare Gelegenheit, Alters- und Sprachgrenzen zu überwinden.

Das geht auch am 17. und 18.11. in Surbourg, wenn Anke Scholtz ihr zweisprachiges Programm "Ich sehe was, was du nicht siehst" präsentiert (ab 3 Jahren). Madame Blanche / Frau Weiß lebt in ihrer stillen, weißen Welt völlig ungestört und zufrieden, bis sich plözlich ihr schwarzer Schatten erhebt. Sie hätte nie geahnt, welche Farbenwelt ihr der Schatten näherbringt...

Man sieht sich!

Hochkarätige Konzerte

Musik sprengt bekanntlich Grenzen und ist jenseits aller Sprachen zu verstehen. Deshalb findet man meinen folgenden Geheimtipp auch in einer Grenzregion, die sich gleich doppelt der Grenzüberschreitung widmet: Wissembourg im Elsass und Bad Bergzabern in der Pfalz sind sonst nicht unbedingt als Zentren klassischer Musik bekannt. Einmal im Jahr allerdings geben sich in diesem eher ländlich-gemütlichen Milieu international bekannte Musiker die Klinke in die Hand, für die man sonst in Metropolen reisen muss.

Festival International de Musique heißt es in Wissembourg / Weißenburg - und findet vom 28.8.2009 bis 13.9.2009 statt. Auf der anderen Seite der Grenze, in Bad Bergzabern, startet in Kooperation der Internationale Klavierherbst vom 25.9.2009 bis 23.10.2009 (jeweils freitags).

In Wissembourg werden so renommierte Musiker zu hören sein wie das Atrium Quartett aus Sankt Petersburg, Ilya Gringolts oder der amerikanische Pianist David Saliamonas.
In Bad Bergzabern stellen Künstler ihre eigenen Lieblingsstücke vor und zeigen als Schwerpunkt klassische Entwicklungen aus Lateinamerika und lateinamerikanische Interpretationen europäischer Komponisten.

Einen mehrsprachigen Online-Vorverkauf für das Festival in Wissembourg gibt es leider nicht (nur französisch über FNAC), ermäßigte Abonnements sind in Wissembourg zu haben (Infos), Karten aber auch an der Abendkasse.
Und einen Vorteil hat "Provinz": Die Eintrittspreise sind derart erschwinglich, dass man gleich mehrere Konzerte besuchen kann. Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre haben freien Eintritt.
Ich kann den Genuss nur empfehlen!

13. Juli 2009

Grenzverkehr extrem gestört

Wer im Norden über die deutsch-französische Grenze muss, wird wie ich öfter nach schlimmsten Flüchen suchen. Es ist, als hätten die zuständigen Behörden absichtlich alle Baustellen und Kataströphchen auf die gleichen Termine gelegt und sich um Abhilfe nicht gekümmert. Dabei handelt es sich außerdem im Fall der Iffezheimer Staustufe um eine Dauerbaustelle bis 2012 und im Fall von Maxau um eine Baustelle, die man zeitlich hätte besser legen können. Nun ja, zwei verschiedene Bundesländer, da fällt Koordination im europäischen Gesamtraum schon mal schwer...
  • Kurzum, wer nicht über den Rhein schwimmen kann, muss beim Grenzübergang Iffezheim mit einspuriger Fahrbahn, schweren Behinderungen und zeitweise Vollsperrungen rechnen. Fahrräder und Fußgänger sind überhaupt nicht mehr erlaubt.
  • Ähnlich lustig sieht es bei der Rheinbrücke Maxau aus, deren Behinderungen noch durch Baustellen in Richtung Kandel aufgepeppt werden.
  • Die Fähre Plittersdorf-Beinheim fällt nicht nur wie früher bei Nebel aus, sie fährt überhaupt nicht. Man verspricht Abhilfe, aber das verspricht man schon seit meiner Kindheit immer wieder vergeblich.
  • Die Rheinbrücke Wintersdorf nimmt als altes, enges Nadelöhr darum den gesamten Verkehr des Umlands auf und ist die einzige mögliche Strecke für Fußgänger und Fahrradfahrer. Eben ist sie notdürftig aufgepflastert worden, sollte aber nur wirklich langsam befahren werden. Vor allem die Naht auf der französischen Seite zum Festland ist eine Freude für die Stoßdämpfer. Wegen der Schienen und des schmalen Fahrstreifens kann sie gerade für Fahrradfahrer und Fußgänger lebensgefährlich sein!
  • Der Fernverkehr wird über Gambsheim geleitet.
Eine gute Zusammenfassung der Baustellen, Umleitungen und Vollsperrungen finden Sie für Iffezheim und Maxau / Kandel bei der Pamina und für Iffezheim und Fernstrecken bei einem Schwaben (ja...) Portal.

Meine eigene Erfahrung: Meiden Sie, wenn es geht, die Stoßzeiten, vor allem zu den Schichtwechseln der angrenzenden Großfabriken wie Mercedes in Rastatt. Geraten Sie trotzdem in den Stau, wappnen Sie sich mit Geduld und einem guten Buch, denn auf der Rheinbrücke Wintersdorf können bei entgegenkommendem Verkehr auch Fahrräder kaum überholt werden.

Leider sind die Zeitangaben des Regierungspräsidiums für die Vollsperrungen nicht immer korrekt. Ich habe jetzt schon zwei Vollsperrungen auf der Staustufe Iffezheim erlebt, die im Zeitplan nicht angegeben waren. Die Straßenschilder, die davor warnen sollen, sind leider so knapp davor aufgestellt, dass man nur unter Mühen Umleitungen zurück findet. Auch hier würde ich mir mehr Europa wünschen - nämlich eine Warnung schon dort, wo man noch bequem zu einem Ausweichübergang fahren kann.

Nehmen wir es positiv: Diese Zeit lehrt uns auch, wie eng wir bereits zusammen gewachsen sind hüben und drüben vom Rhein - und wie notwendig offene Grenzübergänge für einen lebendigen europäischen Austausch sind. Vielleicht lernen ja auch einmal irgendwann die Politiker von Frankreich, Baden und der Pfalz, sich in einer konzertierten Aktion zusammen zu setzen und endlich die zusätzliche Rheinbrücke zu schaffen, deren Pläne seit vielen Jahren immer wieder von einem der drei Länder behindert werden. Sie würde auch ohne die derzeitigen Baustellen eine wichtige ökonomische und kulturelle Region im Verkehr entlasten!

Und so schön die versenkten Milliönchen als Investition in das Museumsstück Rheinfähre Plittersdorf-Beinheim waren - wenn das Ding wieder nicht funktioniert, wäre eine Fußgänger-Radfahrer-Brücke vielleicht sinnvoller gewesen. Aber diesen Slapstick erlebe ich, wie gesagt, seit meiner Kindheit - das ist also auch schon irgendwie Museum...

6. Juli 2009

Das kleine Übel nach dem café

Madame ist heute wieder einmal als Übersetzerin unterwegs. Dabei lerne ich karambolagemäßig Erstaunliches über die beiden Nachbarländer am Rhein. Etwa über deren Umgang mit Geld. Zu Helmut Kohls Zeiten transportierte man es rechts vom Rhein noch in schwarzen Koffern und ebenso einfallslos schmuggelten Elsässer in diesem Behältnis Devisen in die Schweiz.

Seit die Banken und die Wirtschaft kriseln, ist das kleine Managerköfferchen zumindest sprachlich abgeschafft.
Die Deutschen stopfen Geld jetzt in große Finanzpakete, die so überladen sind, dass man sie schnüren muss. Franzosen dagegen legen Budgets elegant in einen Umschlag (l'enveloppe budgétaire).

Das erinnert mich an die Anfänge meines Französischlernens, als ich noch glaubte, man verlange nach dem Café in einem Restaurant eine bessere Diktion der Speisekarte (la diction). Stattdessen ging es wirklich nur um schnöden Mammon: l'addition.

Während nämlich der deutsche Gast unsensibel nach der Rechnung ruft oder "zahlen bittäh!", gern auch direkt übersetzt: "la facture!" gehen Franzosen das kleine Übel nach einem Festessen im Restaurant dekorativ und diskret an. Korrekt sagt man nämlich: "L'addition s.v.p." L'addition ist das Zusammengezählte, aber auch das kleine Anhängsel - wie der Keks zum Café. Ebenso dezent wie bei der Budgetverteilung legt man deshalb Kreditkarte oder Geld auf einem Tellerchen unter die Rechnung, nicht obenauf.

Madame geht jetzt wieder an ihre traduction, die eine Menge diction verlangt, aber am Ende keine addition, sondern eine facture. Für ein Finanzpaket reicht das zwar nicht, aber für die nächste addition und das Finanzamt, das in Frankreich ein "Zentrum für Steuern" ist (Centre des impôts). Das Paket aller Pakete sozusagen.

2. Juli 2009

Russische Eier

Wer ab meiner Generation kennt sie nicht aus den Wirtschaften der Kindheit, die leckeren, sättigenden und nach modernen Gesichtspunkten angeblich ach so ungesunden russischen Eier! Eine Freundin serviert sie mir heute abend und schon am Telefon schwärmten wir von den Hälften hartgekochter Eier, die sich in einem in Mayonnaise ertrinkenden Salat aus allerlei Dosenfutter versteckten, gekrönt von grellfarbenem falschem Kaviar und billigem Lachsersatz, der damals leuchtend orange in Büchsen verkauft wurde.

Wahrscheinlich schmeckt das nur Menschen, die damit aufgewachsen sind, die es als Belohnung für den Spaziergang bekamen, oder wenn die Eltern sich das rare Ausgehen mit der Kinderschar leisten konnten. Dabei sind die Retro-Speisen aus den 60ern und 70ern wieder am Kommen und bereits ARTE hat in Sachen Nudelsalat festgestellt: Stammt das Gemüse nicht aus der Dose, ist die Mayonnaise nicht wirklich vollfett, dann schmeckt es einfach nicht wie damals.

Um die Russischen Eier ranken Mythen. Zum einen sind sie so ungesund gar nicht. Moderne Studien haben herausgefunden, das die Angst des "Cholesterikers" vor dem Eigelb ein hysterischer Hype war, an dem eine ganze Industrie cholesterinsenkender Nahrungsergänzungsmittel kräftig verdiente. Zugegeben, Mayonnaise hat nicht wenig Kalorien und sollte nicht täglich auf dem Speiseplan stehen. Aber wer futtert schon jeden Tag Sahnetorten?

Nur eines wusste man bereits damals: Im Sommer gehört diese Speise sofort in den Kühlschrank gestellt und aus diesem sofort serviert. Mayonnaise verdirbt bei Hitze schnell. Eigentlich sind die Russischen Eier ja ein Winteressen, wurden traditionell als üppige Vorspeise, als kaltes Abendbrot oder auf dem Partybuffet angeboten - ideale Unterlage für einen alkoholreichen Abend. Ob man sie deshalb russisch nannte? Oder wegen des falschen Kaviars? Das ließ sich nie klären.

Denn die Russischen Eier sind gar nicht russisch, wie so vieles. Manche bezeichnen lediglich gefüllte Eihälften so, aber das originale Partyessen von damals sind hartgekochte Eier auf einem französischen Salat, für den man in Frankreich die Mayonnaise sogar mit der Hand frisch aufschlägt. In diesem Rezept kann man das im Titel sogar sehen - wobei jenes dem am nächsten kommt, was ich aus meiner Kindheit kenne. Im Badischen servierte man sie allerdings auch auf einem Fleischsalat.

Waren sie im Badischen deshalb so beliebt, weil das Rezept nur über den Rhein hüpfen musste? Kennt man eigentlich Russische Eier in der Pfalz? Im Elsass findet man sie - inzwischen sehr selten - in alteingesessenen Familienrestaurants. Den Salat, unter dem hier die Eier in Aspik liegen, nennt man übrigens links des Rheins Italienischen Salat.

In diesem Sinne - ein russisch-deutsch-französisch-elsässisch-italienisches europäisches Guten Appetit!

1. Juli 2009

Grenzüberschreitendes Lesen

"Sie sind Grenzgängerin? - Aber Sie haben doch noch einen Wohnsitz bei uns? - Sie könnten sich doch in Deutschland wieder anmelden?" So oder so ähnlich klingen die Fragen, denen ich mich im deutschen Grenzraum oft stellen muss. Und dann ernte ich fassungslose Blicke, wenn ich sage, dass ich ehrlich und wahrhaftig vor zwanzig Jahren nach Frankreich emigriert bin, mit allen amtlichen Folgen. Dass wir aber freien Personen- und Warenverkehr in Europa hätten, freie Wohnsitzwahl und ein paar andere grenzüberschreitende Freiheiten dazu.

Ich bin also nur eine von Hunderttausenden von Elsässern und Deutschen, die zwar in einem französischsprachigen Land leben, aber ganz gern mal deutsche Bücher lesen. Schlimmer noch: Ich lebe in einem dreisprachigen Land, in dem man lustig vom Französischen ins Elsässische und Deutsche wechselt. Als Autorin habe ich einen Durchsatz an Büchern, den ich längst vom schmalen Künstlerhonorar nicht mehr finanzieren kann. In diesem Beruf liest man zur Fortbildung, als Lehrstoff, zum Beobachten des Marktes, aus Berufskrankheit, aus Lust. Kommen unzählige Bücher für Recherchen hinzu. Hoppla, werden jetzt manche denken, warum geht die Frau nicht in eine Bibliothek - und gut ist?

Das dachte ich mir ursprünglich auch einmal. Nun liegen für mich die deutschen Bibliotheken im Genzraum näher als Strasbourg, aber genau in jenen wurde ich mit obigen Fragen konfrontiert. In so mancher deutschen Bibliothek dürfen offensichtlich nur ordentlich Ortsansässige zahlendes Mitglied werden (Stand vor ein paar Jahren, ich gab dann auf). Das war mir neu, denn Fernleihe von Büchern funktioniert doch auch seit Urzeiten, weltweit. Nur die Leserinnen und Leser dürfen nicht reisen.

Ich habe professionelle Internetrecherche ursprünglich nicht deshalb gelernt, weil ich das besonders spritzig fand. Sondern weil man mir den Zugang zu den Bibliotheken verwehrte (und das Brimborium, jedesmal einen "Forschungsauftrag" o. ä. nachzuweisen - nein danke). Und warum bitte sollte ich mir einen fremden, ungewollten Wohnsitz am Bibliotheksort suchen, nur um Ian Rankin preiswert in meiner Muttersprache lesen zu dürfen?

Die französischen Mediatheken, wahre Genusstempel für unsereins, hätten mir natürlich jedes gewünschte Buch aus den mir verbotenen Bibliotheken sofort verschafft. Per Fernleihe. Aber warum sollte ich für Fernleihe mehr bezahlen, als ich an Benzin in eben jene Bibliothek verfahren würde? Warum sollte ich schmachtend an Bibliotheken vorbeilaufen, wenn ich ohnehin regelmäßig an ihren Standorten Besuche machte (wo andere weniger pingelig waren, meine französischen Euro zu nehmen)?

Ich mache es kurz: Seit gestern hat mein Leiden ein Ende. Ich bin jetzt Nutzerin der Stadtbibliothek in Baden-Baden. Und bin so freundlich aufgenommen worden, dass ich es zuerst kaum glauben konnte! Völlig selbstverständlich dort, dass es Menschen gibt, die im Grenzbereich mal hüben, mal drüben leben. Ich war in einem mehrstöckigen Schlaraffenland deutschsprachigen Lesestoffs ... hoppla, nein, noch viel mehr: da gibt es auch eine russische Bibliothek. Denn auch russische Kunden möchten Bücher lesen und deutschprachige vielleicht Russisch lernen. Es öffneten sich nicht nur die Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland für mich, sondern auch zwischen Ost und West.

Die Bibliothek erinnert mich an einen modernen Turm, inspiriert aus "Der Name der Rose". Ein wenig labyrinthisch, verführerisch, die Entdeckerlaune anstachelnd. Manche Sitzecken könnten selbst aus einem Roman stammen. Etwa der Sessel vor dem Ofen in der Krimiecke. Oder der Platz am alten hohen Fenster mit Blick auf den Kurpark. Man kommt ins Träumen, wie schön es wäre, hier einfach vergessen und eingeschlossen zu werden. Zuerst war die Menge an Büchern so groß, dass ich versagte, mir eines auszusuchen. Dann bin ich wie ein kleines Kind an Weihnachten mit einem fetten Stapel Lesestoff nach Hause gefahren, den ich mir derzeit nie hätte kaufen können. Ich fand sogar auf Anhieb ein Buch, dem ich vergeblich seit Jahren in Antiquariten und im Internet hinterher jage. Dort stand das vergriffene Werk völlig selbstverständlich im Regal.

Noch schöner: Die Mitarbeiterinnen haben mir eine neue Recherchequelle für meinen Nijinsky erschlossen. Demnächst kann ich mich ihm via Microfiche an die Fersen heften. Denn das, was ich recherchieren möchte, ist auch im Internet mit all seinen Neuerungen nicht möglich.

Meinen ganz herzlichen Dank an Frau Münch, die Leiterin der Stadtbibliothek, und an die super freundlichen Mitarbeiterinnen, die Leselust vermitteln, dass es Spaß macht - insbesondere an die hilfreiche Angestellte bei der Auskunft - und die "Frau mit den Traubenzuckern", die mich damit vor einem Termin aufgemöbelt hat.

Baden-Badener, falls Ihr Eure Stadtbibliothek noch nicht kennt: nichts wie hin, sie liegt mitten in der Fußgängerzone! Vielleicht trifft man sich ja mal...

Ansonsten: Grenzüberschreitende Leselust-Aktionen statt Leseverhinderung - das wäre doch mal ein europäisches Thema?

29. Juni 2009

zweisprachig - bilingue

Mir wurde häufig kolportiert, dass sich meine Mutter für ihr vierjähriges Mädchen geschämt haben soll. Das lief nämlich mitsamt der besten Freundin äußerlich brav am Händchen mit, unterhielt jedoch die Passanten der Garnisonsstadt mit viel zu lautem, fast theatralischem "Gebabbel". In dieser Stadt, in der einem ständig Franzosen über den Weg liefen, parlierten die beiden Mädchen in einer seltsamen Eingeborenensprache, die geklungen haben soll wie "terötöteh kamirapüh". Die ein oder andere mitleidige Dame soll meine Mutter angelächelt und gesagt haben: "Ach sind die niedlich, die kleinen Französinnen, haben Sie die adoptiert?" Ach, wenn Sprache so einfach gewesen wäre, wir taten ja nur so!

Später hat mich der Schuldirektor vom Französischlernen abgehalten. Der bekam nämlich seinen Kurs für Altgriechisch nicht voll. "Altgriechisch könnt ihr so schnell nicht wieder lernen, Französisch aber gleich über der Grenze!" Wie recht er hatte. Bis heute begegnete mir kein Homer am Rhein. Aber ich hatte wenigstens mein Graecum, das ich wundersamerweise fürs Studium brauchte.

Wenn es denn mit dem Lernen am lebenden Objekt so leicht gewesen wäre! Wieder standen uns die Mütter im Weg. Diesmal meinten sie, uns Teenies von Tanzabenteuern in Zweisprachigkeit abhalten zu müssen. Denn die Franzosen in unserer Stadt hatten einen Nachteil in den Augen von Müttern: Sie waren alle männlich, jung und doch zu alt - und sahen verdammt gut aus. (Später erfuhr ich, dass bei uns vorwiegend Leute aus der Provence stationiert waren.)

Und dann rückten sie ab - und mit ihnen ein großes Stück Kultur. Kein französisches Kino mehr, keine Feste mit Merguez und Baguette, keine erregten Mütter mehr in der Faschingszeit, keine französische literature, culture ... Ich lernte erst wirklich im Land selbst. Nicht von einem Glutäugigen aus dem Süden, sondern mit Donald Ducks lustigen Taschenbüchern und Speisekarten. So richtig flüssig wurde die Sache dann ausgerechnet in Polen. Man wählt immer das kleinere Übel, wenn man wie ein Alien vor einer neuen Sprache steht, die plötzlich klang wie "turtschinsky kamirawü". (Ich gestehe, der Turtschinsky hat dann den Terötöteh überholt).

Kürzlich bekam ich eine Einladung zum Sprachkurs für Neubürger. Schön, dass sie mich nach zwanzig Jahren Frankreich endlich entdeckt haben. Vielleicht sollte ich mal hingehen, um die Sache mit dem le und la und diese Satzkonstruktionen von hinten durchs Auge zu verstehen. Aber mein Nachbar meint, seine Schüler machten viel schlimmere Fehler. Vielleicht sollte ich Grammatik im Twittermodus üben. Kurz, übersichtlich und in einer Minute wieder vergessen.

Drum - sollten sich Ihre Kinder einmal unerlaubterweise in fremden Eingeborenendialekten verständigen, schämen Sie sich nicht, machen Sie mit! Und fahren Sie, so oft sie können, in alle Richtungen über den Rhein, ob mit oder ohne Homer.

21. Juni 2009

Kirschplotzer - Battelmonn - Mendiant

Unlängst bin ich 40 Kilometer gefahren, um einen guten badischen Kirschplotzer zu bekommen. Nein, natürlich bin ich nicht deshalb so weit gefahren, aber dieser Armleutekuchen aus Kinderzeiten ist immer seltener in wirklich guter Qualität zu bekommen. Ob es daran liegt, dass ihn die Leute lieber selbst backen? Scheinbar nicht, denn jüngere Generationen gehen unkompliziert in die nächste Bäckerei und holen sich das, was als Kirschplotzer verkauft wird, aber nie im Leben einer gewesen ist.

Im Idealfall ist es dann ein Blechkuchen mit biskuitartigem Teig und vielen Kirschen, die - ganz wichtig - ihre Kerne behalten haben. Denn auch das gehört zu den Kindheitserinnerungen: Endlich einmal am Tisch hemmunglos spucken zu dürfen; wenn die Erwachsenen wegschauten, in heimlichen Weitspuckwettbewerben. Die Kerne haben natürlich einen Sinn: Die Kirschen bleiben beim Backen knackiger und saftiger, der Kuchen matscht weniger, der Teig geht dadurch besser und eine nicht entkernte Kirsche hat mehr Aroma.

Armleutekuchen bedeutet: Mutter Natur bescherte einem im Überfluss Kirschen, die wie die vorhandenen Küchenreste verwertet werden wollten. Die Zutaten waren billig, immer im Haus zu finden; die Zubereitung einfach und schnell. Der echte alte Kirschplotzer, den die Elsässer Battelmonn (Bettelmann) nennen und die Franzosen im Elsass Mendiant, wird deshalb nicht aus Teig, sondern aus altbackenen Brötchen gemacht.
Hier mein uraltes Privatrezept, das mir mal irgendwer in Jugendzeiten gegeben hat (und wie immer gibt's keine Gewähr, weil ich pi mal Daumen koche!)

Badischer Kirschplotzer

ca. 5 altbackene Milchweck
1/2 l heiße Milch
2 Pfund Süßkirschen mit Kern
125 g gemahlene Mandeln
1 TL Zimt, 1 Messerspritze gemahlene Nelken
Ein tüchtiger Schuss Kirschwasser
4 Eigelb, Schnee von 5-6 Eiweiß
1 TL Backpulver
etwas Puderzucker

Die harten Weck grob zerkleinern, mit der Milch überbrühen und ziehen lassen. Mit den Händen dann fein zerdrücken. Alle anderen Zutaten gut einarbeiten. Zuletzt vorsichtig den Eischnee unterheben und das Ganze in eine flache, mit Backpapier ausgelegte Springform einfüllen und glattstreichen. Früher hat man die Springform traditionell gefettet und mit Semmelbröseln bestreut.
Eine dreiviertel Stunde backen, auf ein Gitter stürzen, aber die Form erst nach zehn Minuten Abkühlen abheben, damit sie sich besser löst! Dann wiederum stürzen und einen Teil (s.u.***) mit Puderzucker bestreuen. Vorsicht beim Stürzen - weil der Kuchen flach ist und leicht bricht, immer ein Gitter oder Blech dagegenhalten.

Elsässischer Bettelmann

Das elsässische Rezept, das ich habe, spart noch mehr an Zutaten, verwendet dafür aber etwas, was im badischen Rezept fehlt: Zucker. Denn der badische Bettelmann lebt von der Süße der Kirschen und muss auch mal zur Kartoffelsuppe passen***. Er war ursprünglich ein billiges Mittagessen während der Kirschernte.
Der elsässische Bettelmann besteht aus etwa 6 Brötchen, 250 g Zucker (mir zu viel), 1/2 l Milch, 1 kg Kirschen, 1 EL Kirschwasser und vier Eiern. Gemacht wird er wie oben, manche verquirlen auch einfach die Eier ganz hinein, ohne Schnee zu schlagen (er geht dann nicht so auf wie der badische, schmeckt kompakter). Gebacken wird hier etwa 50 min. und ebenfalls kalt oder warm serviert.

Clafoutis mit Kirschen

Dann gibt's noch die vornehme französische Version (ich finde ja schon die Mundstellung bei den Namen so herrlich, erinnert mich immer an Breitmaulfrosch und Spitzmaulfrosch, die sich um Maaarmelaaaade oder Konnnfitüüüre streiten). Die Franzosen aus der Stadt sind etwas betuchter und sparen weniger, haben aber dafür nicht so viele Kirschen wie die Landbauern:

1 Pfund Süßkirschen (und die werden jetzt gewaschen und entsteint, welche Sünde!)
30 g Butter
8 Eier
500 ml Creme fraiche
50 g gemahlene Mandeln
30 ml Kirschwasser
25 g Puderzucker
etwas Vanille

Eine große, flache Steingutform buttern und die Kirschen darauf verteilen. Die Eier mit der Creme aufschlagen, dann das Kirschwasser, die Vanille, den Zucker, die Mandeln und eine Prise Salz einarbeiten. Die Masse über die Kirschen gießen und bei 180 Grad etwa eine habe Stunde backen.

Guten Appetit - e gueter - bon appetit!

8. Juni 2009

"Genuss im Gepäck" im Galand

Am Freitag, dem 12.6.2009 um 19 Uhr steigt die Premiere:
"Genuss im Gepäck" im Galand in Kehl-Odelshofen (alle Infos hier und hier)
Genuss im Gepäck trägt Gina Grumbier, Weltenbürgerin vom Land, Grenzgängerin zwischen Küche und Bibliothek.

Auf ihrer vergnüglichen Sinnesreise im Dreiländereck zeigt sie Diätgurus und Gesundheitsaposteln, was eine Gabel ist. Sie schmarotzt an den Tischen berühmter Literaten, steckt ihre Nase in Gedichte und Gerichte, und schmuggelt Schlemmersätze auf den Teller.


Ein literarisch-kulinarisches Programm für Gourmets und Geschichtenverschlinger, für Wortschmecker und Weinverkoster.

Achtung: NOCH sind freie Plätze zu haben - Reservierung ist unbedingt erwünscht und sollte so schnell wie möglich im Galand erfolgen, Adresse, Telefon und Mail hier!
Und als kleine Überraschung werde ich an diesem Abend Bücher von mir verlosen.

13. Mai 2009

Was ist kaputt?

Manche Leserinnen und Leser werden sich vielleicht schon gefragt haben, ob "sinnesreisen" eines dieser typischen Strohfeuer ist - schnell mal angezündet, hoch lodernd voller Enthusiasmus und das war's dann schon. Zugegeben, es ist ein bißchen still hier. Das kommt aber daher, dass ich im Moment im sogenannten "real life" aus diesem Hobby eine Art Nebenberuf mache.

Zum einen droht mir mein Auftrittstermin im nächsten Monat. Texte wollen geschrieben werden - und irgendwie proben sollte ich das Ganze auch noch. Aber das ist nicht alles. Meine Dreiländereck-Begeisterung und der Reichtum an Geschichten hüben und drüben von den Grenzen bekommen wohl irgendwann Junge. Auch das will vorbereitet werden. Wenn es dann steht, wird dieser Blog wieder brummen, versprochen! Bis dahin habe ich vielleicht auch endlich genug französische Grammatik intus - oder genug Komplexe verloren, dass ich den Spaß zweisprachig versuche. Wer weiß (als podcast könnte ich ja sofort) ...

Dann haben jetzt auch mein Elsassbuch und die Hörbuchversion über die Grenze gefunden, nämlich ins Elsass selbst. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass ich einmal auf Deutsch lesen und zweisprachig erzählen werde.

Mehr wird nicht verraten, aber nach all den gekleckerten Beiträgen wird spätestens ab Herbst hier einiges los sein!

6. April 2009

Oschterputz

"Am Osterputz scheiden sich die Geister im Elsass. Zugereiste verstecken sich und Einheimische lästern gemeinsam über die, die von Natur aus keine Sauberkeitsfanatiker sind." So schrieb ich noch diplomatisch in meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt." Im Klartext heißt das: Jeder, der nicht den elsässischen "Oschterputz" in den Genen hat oder aus deutschen Familien mit Kehrwocheninbrunst stammt, wird in jener Zeit schier verrückt. Binnenfranzosen meinen gar, sie hätten bereits die Ostgrenze von Frankreich überschritten, ohne es zu merken.

Der "Oschterputz" beginnt in der Regel mit dem ersten Frühlingssonnenstrahl und endet kurz vor Ostern, kann also durchaus Wochen dauern. Die alten Jahreskreisbräuche und Traditionen, die ich in meinem Buch noch beschrieben habe, sind inzwischen vor allem bei Touristen und Ausländern präsent. Sonst kocht das "Ninkrittelmues", das blutreinigende Frühjahrsrezept, vielleicht noch die Großmutter - oder man nimmt einen Brauch einfach so mit.

Denn der Osterputz hat sich grundlegend modernisiert. Seit Sarkozy den aus Deutschland stammenden Hochdruckreiniger auch politisch salonfähig gemacht hat, rückt man mit ihm allem zu Leibe, was nur nach Dreck aussieht. Tagelang klingen einem die Ohren von dem schrillen Dauerton, der von allen Seiten bis in die späten Abendstunden für Tinnitus sorgt. Gekärchert werden Autos, Zäune, Mauern, Spielzeug oder Opas Rollstuhl. Allerdings darf das Gerät, weil es schon als "Maschin mid Technik" zählt, vor allem der Patriarch der Familie bedienen, während den Frauen Wischmopp, Besen und Fensterleder besser zu Gesicht stehen. Schweres Gerät würde sie zu sehr erschöpfen, sollen sie doch schließlich nebenbei noch fähig sein, ein Essen in die Mikrowelle zu schieben.

Nicht, dass ich ein Schwein wäre, obwohl ich meinen Haushalt bei wichtigeren Arbeiten gnadenlos liegenlassen kann, ohne zum Psychiater zu müssen. Natürlich putze auch ich nach den ersten Sonnenstrahlen im Frühling Fenster - einfach um das Grün draußen wieder klarer zu sehen. Dem Putzen auf Datumsbefehl hin kann ich weniger abgewinnen. Ich beobachte die Leute in meiner Straße und lache mich krumm.

Da ist der eine mit dem akkuraten Rasen, der so akkurat gepflegt ist, dass er gar nicht mehr freiwillig wachsen will. Am Samstag habe ich gesehen, wie er seinen Rasen gefegt hat, mit dem Besen. Daher also das Wort "Rasenteppich." Aber das ist noch steinzeitlich! Ein anderer hat erst die Blätter vom Winter weggeharkt, wie unsereins das ebenfalls tut. Dann hat er die letzten Reste mit den Fingern aufgesammelt. Jetzt hast du aber saubergemacht, dachte ich. Denkste. Da hat er erst den Staubsauger geholt und den Rasen fein gesaugt. Mit Bürste.

Hätten sie es doch nur so gemacht wie der Dritte im Bunde! Dem war es schon lange ein Dorn im Auge, dass sein Baum Nadeln ins Gras verstreute, die er mühsam herausklauben musste. Also hat er Spaten und Schubkarre geschnappt. Und das Gras um den Baum samt Humusschicht einfach abgegraben. Damit es auch fein sauber ist, wurde die Erde bei einem Nachbarn abgeladen. Ich war gespannt. Würde er auch mit einem Staubsauger kommen? Nein. Er hat lange Planken verlegt. Holzplanken. Viel sauberer, kann man außerdem fegen und nass wischen. Falls der böse Baum mal wieder was fallen lässt.

Sollten Sie einmal in meinem Dorf vorbeikommen: Ich bin die Unordentliche. Die mit den vielen Veilchen und Gänseblümchen, Scharbockskrautblüten und demnächst auch Löwenzahnsonnen im saftigen Gras. Die sich auf Ostern immer ungemein freut, weil an den Feiertagen all der Lärm, die Hektik und das verbissene Geschrubbe ein Ende haben und zwischen dem künstlichen Elsass-Disneyland-Kitsch mancherorts todesmutig wilde Pflanzen keimen.

2. April 2009

Natotreffen: Verkehrsservice

Jetzt geht also nichts mehr ohne Polizeikontrollen im Dreiländereck, auch an entfernteren Grenzübergängen und in beiden Richtungen. Autos werden nicht mehr durchgewunken, sondern Personen und Inneres angeschaut - und einige werden dann richtig am Straßenrand gefilzt. Wie in alten Zeiten, als der kalte Krieg noch brodelte und Europa noch ein Traum war.
In meinem anderen Blog gibt's Infos zu Stauprognosen und Straßensperrungen.

Ich würde ja zu gern wissen, wie man sich rasterfahndungstechnisch einen typischen Terroristen oder einen typischen Krawallmacher so vorstellt. Warum geht eine Frau in meinem Alter mit verdrecktem Hundeauto als harmlos durch? Das Trockenfutter, das ich heute aus der Pfalz ins Elsass gekarrt habe, hätte locker ein ganzes Demonstrantendorf ernährt.

21. März 2009

14. Juli in Baden-Baden

Der Vollständigkeit noch einmal hier:
Ich werde am 14. Juli 2009 in Baden-Baden in der Gönneranlage aus "Das Buch der Rose" lesen und erzählen. Mehr dazu hier.
Es wird rechtzeitig genauere Infos geben.

Kleiner Tipp allgemein: Wer in diesem Blog, das ja nicht regelmäßig bestückt wird, keinen Beitrag verpassen möchte, kann das Blog per Feed abonnieren (rechte Spalte).
Oder einfach in einem Browser wie firefox im Menu auf "Lesezeichen" gehen, "diese Seite abonnieren" anklicken - und das Lesezeichen speichern. Firefox listet dann unter dem Lesezeichen automatisch die letzten Beiträge auf und man kann die ungelesenen direkt anklicken.

11. März 2009

Europäische Literatur in Strasbourg

Es ist mal wieder typisch: Wenn man ums Eck wohnt, denkt man an wichtige Events erst, wenn sie längst angefangen haben. Wie z.B. "Traduire l'Europe" in Strasbourg, eine Veranstaltungsreihe, die Literaturübersetzungen im Fokus hat. Für Kurzentschlossene: Am Freitag schließt nahtlos das 4. Europäische Treffen der Literatur an. Ein paar ausgewählte Veranstaltungen:

13.3.09, 14:30 - 16:30
Salle Fustel de Coulanges im Palais Universitaire
Y a-t-il une littérature européenne / Gibt es eine europäische Literatur?
Vorgestellt werden die Bemühungen des Europarates um europäische Literatur und man fragt sich, wo zwischen nationaler Literatur und Globalisierung so eine Literatur stehen könnte.

13.3.09, 16:45 - 18:15
Salle Louis Pasteur im Palais Universitaire
Gustave Stoskopf
Bei den Vorträgen und Lesungen steht das elsässische Multitalent Gustave Stoskopf im Mittelpunkt, Gründer des elsässischen Theaters und des Musée Alsacien 1900, Gründer des Kunstsalons und einer illustrierten Zeitschrift, die die regionalen Künstler der Zeit förderte. Maler war er auch selbst und schließlich Autor und Humorist. Mit von der Partie ist Roger Siffer.
Gustave Stosskopf wird in diesem Jahr mit dem Prix du Patrimoine Nathan Katz geehrt.

14.3.09, 10:30 - 12:00
Librairie Kléber (Place Kléber), Salle Blanche
Hintergründe und Lesung: Anise Koltz erhält den Literaturpreis Jean Arp des Jahres 2009.
Die bereits mit hohen Literaturpreisen ausgezeichnete Dichterin aus Luxemburg schrieb ursprünglich in deutscher Sprache. Als ihr Mann an den Folgen von Nazifolter starb, erlebte sie einen Bruch: Sie gab ihre Sprache vollkommen auf und arbeitete nur noch auf Französisch. Anise Koltz, in Deutschland wenig bekannt, wird im Ausland mit Namen wie Paul Celan oder Ingeborg Bachmann in einem Atemzug genannt.

14.3.09, 13-14:00
Hotel de Ville de Strasbourg - Place Broglie
Große Preisverleihung
Unter Anwesenheit von Prominenz und Politik werden die diesjährigen europäischen Literaturpreise verliehen.

14.3.09, 15-17:00
Librairie Kléber, Salle Blanche
Tankred Dorst: Preisträger des Prix Européen de Littérature 2009
Hommage von Gaston Jung, es sind anwesend seine Übersetzer Hélène Mauler und René Zahnd, eine Standortbestimmung innerhalb der deutschen Literatur von Maryse Staiber, Lesung - und natürlich eine Rede des Autors selbst, der heute in München lebt.

10.3. - 28.3.09
Médiathèque Malraux / Abteilung Langues et Littératures
Ausstellung zu den Preisträgern mit Bibliographie

Die Mediathek ist übrigens ein Schlaraffenland! Allein zum Thema europäische Literaturen findet man 12.000 Titel aus allen Ländern in Originalsprachen. Bei 1000 Sitzplätzen und 102 Multimedia-Zugängen verfügt die Mediathek über 35.000 CD / DVD, 160.000 Bücher, 33.000 Kinder- und Jugendbücher, 750 Enzyklopädien und einem freien Zugriff auf die Stadtbibliothek, in der 200.000 alte Bücher, Inkunabeln und Manuskripte aufbewahrt werden. Dabei ist Malraux nur eine von drei Mediatheken in Strasbourg, zusammen mit den städtischen sind es dann 27 - und 14 kommen in den umliegenden Dörfern dazu. Die Benutzerkarte gilt für alle. Infos gibt's hier.

Und damit ich nicht wieder zu spät komme: Vom 22.-28. Juni läuft wieder ein Festival in Strasbourg, das mit Schreiben zu tun hat (zwei andere folgen im September und November):
Fou d'images - verrückt nach Bildern
Es geht um den Dialog zwischen Wort und Bild, um Illustrationen, Comics und visuelle Kunst. (Infos, Sprachauswahl ganz oben rechts)

3. März 2009

Explodierende Wälder

Bei einer Übersetzungsarbeit habe ich etwas Interessantes über elsässische Grenzwälder erfahren. Sie können - falsch behandelt, explodieren!

Der Fachausdruck hieß "bois mitraillé", was wörtlich so viel bedeutet, dass jemand das Gehölz mit einem Maschinengewehr beschossen hat. Aber wie übersetzt man das richtig, was muss man sich darunter vorstellen? Von Polen her kenne ich - vor allem um Warschau - jene Wälder, in denen sich im Zweiten Weltkrieg die Partisanen versteckt hatten. Auch diese Wälder gerieten massiv unter Beschuss, sie wurden von den Nazis regelrecht abrasiert. Man erkennt diese Gehölze heute noch daran, dass sie keine wirklich alten Bäume enthalten, obwohl das Waldgebiet an der Stelle eine uralte Tradition haben müsste. Vor allem die schnell sprießenden Birkenwäldchen lassen mit ihrem zarten Grün und Weiß jenen Horror von damals vergessen.

"Bois mitraillé", kriegsgeschädigtes Gehölz, gibt es in Frankreich seit 1919 auf ca. 100.000 ha. Grenzgebiete und Kampfzonen sind besonders betroffen. Einige Plätze sind wegen Minengefahr noch heute gesperrt.

So wachsen diese beschossenen Gehölze heute noch entlang der elsässisch-pfälzischen Grenze zwischen Naturpark Pfälzerwald und Parc Naturel régional des Vosges du Nord, aber auch in den Hochvogesen etwa um Thann. Im Unterschied zu den polnischen Wäldern sind diese jedoch kein "kriegszerstörtes Gehölz", sondern ein "kriegsbeschädigtes Gehölz". Die Bäume stehen nämlich noch. Sie haben sich die Munition regelrecht einverleibt, sind um die Kugeln und Granatsplitter des Ersten und Zweiten Weltkriegs herumgewuchert.

Die Bäume konservieren natürlich auch noch scharfe Munition und allerlei Metallteile von kriegswichtigen Einrichtungen (Foto). Weniger sichtbar sind die toxischen Ablagerungen in diesen Wäldern - im Ersten Weltkrieg wurden auch Chemiewaffen eingesetzt.
Was da so friedlich, altehrwürdig und idyllisch grün wie Balsam auf erholungsbedürftige Städter wirkt, ist für die Holzwirtschaft also eine tickende Zeitbombe.

Solche beschossenen Bäume kann man nicht in die Maschinen der Sägereien stecken - sie würden sofort alles zum Explodieren bringen. Man sieht ihnen von außen nicht mehr an, wo die explosiven Stoffe stecken oder die Metallteile, die für ernsthafte Unfälle auch schon genügen. Ohne Durchleuchten einfach die Säge anzusetzen, wäre gefährlich. So wirken zwei Weltkriege in den grünen Idyllen von heute friedlichen Nachbarstaaten nach. Neunzig Jahre ist es her, dass der Erste Weltkrieg endete.

Diese Übersetzung von "bois mitraillé" lässt mich in Ansätzen ahnen, wie viel wertvolle (Über-)Lebenswelt moderne Kriege auf wie lange noch heute zerstören mögen - bis weit in einen Frieden hinein. Aber genauso, wie ich mir nur schwer vorstellen konnte, was hinter den beiden Wörtern steckt, genauso wenig kann ich wirklich das fatale Ausmaß an tickenden Zeitbomben und Kriegsaltlasten ermessen, mit dem Menschen anderswo auf der Welt in Zukunft fertig werden müssen. Die kriegsbeschädigten Gehölze könnten uns Besinnung lehren. Seit neunzig Jahren...

23. Februar 2009

Holdes Europa

In meiner Hauptkolumne erzähle ich vom wiehernden Amtsschimmel in Frankreich. Ich hätte aber auch ein grenzüberschreitendes Schildbürgermärchen, das Gina Grumbier zum Haareraufen bringt. Offensichtlich ist es nur Kindern erlaubt, sich spontan vor Leute zu stellen, sich zu bewegen und Zeug zu reden. Erwachsene müssen auf Fallstricke und Fußangeln achten, wenn sie so tun, als sei das Leben eine Bühne!

Wenn also Gina Grumbier im Juni von der ein Stockwerk hohen Bühne im Tabakschuppen in die Tiefe stürzen sollte (hier macht die Autorin sämtliche abergläubischen Schutzzeichen dieser Welt), dann ist sie nicht versichert, wenn sie das im Kostüm tut und ihre Texte auswendig vorgetragen hat. Das hieße nämlich, sie wildere im falschen Beruf, widerrechtlich und anmaßend. Bricht sie sich dagegen beim Ablesen ein Bein und trägt nur eine geschmacklose Klamotte, ist sie versorgt. Das als Erläuterung dafür, dass ich meine Texte aus dem Koffer zaubern werde...

Es wird besser: Die Frau hinter der Gina hat nämlich als Journalistin noch eine Spezialversicherung von früher übrig. Die zahlt weltweit, auch in Krisengebieten, falls Terroristen mit einem Flugzeug oder Krieger in einem Panzer in den Tabakschuppen rasen würden (Wiederholung aller internationalen Schutzzeichen). Ich muss als Leiche nur nachweisen, dass ich gekommen war, um meine eigene Kritik zu schreiben.

So einfach ist das, in Europa kreativ zu werden.

12. Februar 2009

Frankreich, Einkaufen, Bonus, Weinmesse und Schwarzhandel

Ich war heute mal wieder im eigenen Land, also im Elsass, einkaufen und mir standen die Haare an der Kasse zu Berge. Es war in einem dieser billigen Supermärkte, die jetzt Werbung mit vollen Einkaufswagen machen: "Dieser Wagen wurde mit 50 E / 80 E befüllt". Sie sehen imposant aus, bis Oberkante voll - aber leben kann man als Single mit dem Quatsch, der darin liegt, allenfalls eine halbe Woche. Nun, aber gewisse Produkte muss ich eben hier noch einkaufen, z.B. den billigeren italienischen Espresso und die billigere italienische Pasta und den besseren (Rohr)Zucker und...

Was mich diesmal besonders auf die Palme brachte: Neuerdings wird das komplizierte Bonussystem ganz offensichtlich zum Abzocken benutzt. Rabatte sind in Frankreich eine Wissenschaft für sich. Manche bekommt man per Einkaufskarte (und wird dann schön von Marketingunternehmen überwacht), manche Läen vergeben Bons für bestimmte Waren an der Kasse fürs nächste Mal. Und dann gibt es Aufkleber auf der Ware, die Ermäßigung versprechen. Vorsicht bei denen, die nicht sofort zahlen. Hier muss man oft mühsam den Kassenbon nebst Adresse einsenden, bekommt 20 Cent und jede Menge Direktwerbung, weil die Adresse verkauft wird. Besser sind die mit einer "réduction immédiat" - sprich, die aufgedruckte Summe wird sofort an der Kasse abgezogen. Vorsicht! Neuerdings vergessen es die Kassiererinnen immer häufiger, das zu tun. Und zwar mit solcher Regelmäßigkeit, dass man Absicht vermuten könnte.

Sonst kaufen wir - das erzählte ich bereits - für höchstens die Hälfte oder ein Drittel des Preises unsere Lebensmittel in Deutschland ein. An der Grenze sprießen statt der alten Zollhäuschen neuerdings die Supermärkte (ab dem Wochenende in Schweigen, kurz vor Wissembourg). Kürzlich unterhielt ich mich mit einer nicht gerade armen Elsässerin darüber, wie Franzosen im Landesinneren, die ja nicht mal schnell die Grenzen wechseln können, überhaupt noch durchhalten. Eigentlich gar nicht. Unser kleiner Napoleon hat die Armut verstärkt und wer kein Autohersteller ist, bekommt dann eher den Kärcher zu spüren. Ganze Landstriche gelten als "verlorene Départements", keine Aussichten für die Jugend, Massenarbeitslosigkeit, das Sozialamt bewilligt schon automatisch, weil Arbeit nicht aufzutreiben ist.

Wer es sich leisten kann, verkauft sein Haus dort zu verrückt überteuerten Preisen an Engländer, Belgier, Deutsche. Ein Freund erzählt, in einer Stadt bei ihm seien inzwischen alle kleinen Läden, typisch mit ihren großen Glastüren zur Straße, Edelwohnzimmer von Schicki-Micki-Ausländern. Die Grundstücke auf den Dörfern können sich Einheimische nicht mehr leisten, aber da sind die eigenen Leute schuld, die bei der Preistreiberei mitmachen. (Das Elsass hat das hinter sich). Manche Dörfer im Süden sind fast nur noch von Ausländern besiedelt. Andernfalls würden sie aber auch zerfallen - es gibt keine Arbeit, keine Infrastruktur, keine Jugend.

Wie überleben die Leute? Bitter arm. Weil Frankreich auch nur spärlich Mietwohnungen hat und ein Land von Besitzern ist, ackern die meisten im eigenen Gemüsegarten. Dazu hält man Hasen, vielleicht ein paar Hühner - und wer Platz hat, Ziegen und Schafe. Die Frauen ackern sich frühzeitig alt, denn da will der Käse gemacht werden und auf den Märkten steht man stundenlang. Schwarzhandel blüht, da werden Viecher an der EU vorbeigezüchtet und versteckt. Selbst in meinem Dorf im reichen Elsass ist das so.

Da hat einer die echten durchtrainierten Hähne, die er nicht mit den anderen im Laden verkaufen lässt. Der nächste räuchert den Wildschweinschinken vom Jäger. Wieder ein anderer brennt schwarz. Ich war schon bei Festessen eingeladen, bei denen für die wunderbaren Lebensmittel kein Cent geflossen ist. Tauschwirtschaft. Erschreckend ist, dass bei dieser Art von sozialem Netz der Genusswert wieder exorbital steigt. Schwarzgeschlachtetes schmeckt doch sehr viel besser als das in der Zellophanverpackung seit Tagen vor sich hinblutende Wasserschwein... Allerdings muss man am sozialen Netz teilhaben - wer in Isolation lebt, kann sich kaum noch versorgen, wenn er nicht gut drüben in Deutschland verdient.

Eins muss aber immer sein, egal wie arm man ist, egal wie man sonst darbt - bei einem gemütlichen Glas Wein unter Freunden kann man all den Stress vergessen. Feiern, genießen, leben - das muss sein! Unvorstellbar, was sich deutsche Politiker mit Genussmittel-Beschränkungen und Gesundheitswahn so alles ausdenken, darauf hebt man hier das Glas, lacht sich eins und freut sich, dass bei Aldi-France ein doch ordentlicher Corbières für 1,45 E zu haben ist. Weswegen dann wieder die Deutschen bei uns einfallen zum Einkaufen. Den gibt's bei Aldi-Deutschland nicht. Das ist Europa.

Wer jetzt schnell entschlossen ist und Lust auf einen guten Tropfen hat, dem empfehle ich, schleunigst nach Strasbourg zu fahren. Dort hat nämlich der berühmte "Foire au vin", die Weinmesse angefangen. Morgen geht's los bis zum Montag. Und es gibt über 2500 verschiedene Weine zu kosten! Nicht nur hochinteressant für Schnäppchen - hier präsentieren unabhängige Winzerfamilien, deren erlesene Tropfen nicht unbedingt im Laden stehen. Die meisten versenden nachher auch ihren Wein - hier ist die Gelegenheit, sie kennen zu lernen und Adressen zu sammeln.

Mein Tipp: Es ist beim Wein wie mit dem Parfum. Nach einigen Sorten schmeckt man nichts mehr. Und weil die Messe in Wacken so riesig ist, verliert man schnell die Orientierung. Also am besten sich vorher einen Plan machen und vielleicht ein wenig einlesen, welche Sorten oder Regionen man entdecken möchte. Sich darauf konzentrieren - und natürlich trotzdem offen für Überraschungen bleiben.

Auch zu beachten: In Frankreich ist bereits bei 0,3 Promille Schluss, Wagen von trunkenen Fahrern werden sofort beschlagnahmt. Achtung auch beim Beifahrer - der muss, wenn er über der Promillegrenze liegt, als potentielle Gefahr für den Fahrer hinten sitzen, sonst wird ebenfalls eine Geldstrafe fällig (die in Frankreich empfindlich höher ist als in Deutschland). Übel wird's, wenn alle im Auto zuviel haben...

Wohl bekomm's - oder wie man im Elsass sagt: "G'sundheit!"

10. Februar 2009

Augen-Schmaus: Milch

Jan Vermeer (1632-1675): Milchausgießende Magd (ca. 1657-60), Rijksmuseum Amsterdam (Bild durch Anklicken vergrößern)


Jan Vermeers „Milchausgießende Magd“ kann man kaum noch unvoreingenommen betrachten, seit eine französische Firma sie zum Logo für Milchprodukte gemacht hat. Auf den Packungen soll sie vorgaukeln, was industrielle Nahrungsmittelherstellung längst abgeschafft hat: den naturreinen, mit Handwerk und Liebe hergestellten Genuss alter Zeiten.

Aber Vermeer ist kein Gaukler. Der Maler, der so meisterhaft mit Licht und Komposition und fast palettenreinen Farben umging, erzählt in seinen Bildern mit Frauengestalten Geschichten aus dem Alltag. Eine in Blau und Gelb gekleidete Magd gießt aus einem Krug Milch in einen Topf. Der fast leere Raum, angedeutet durch zwei Wände auf Eck und ein Stück Fußboden, die meditative, bedächtige Haltung der Frau und die kahle Wand im Licht vermitteln ein Gefühl von Ruhe und Versunkenheit. Nur etwa zwei Bilder im Jahr hat Vermeer gemalt, die lange Beschäftigung mit seinen Sujets hat ebenfalls etwas von Zeitlosigkeit.

Hier gerinnt die Zeit jedoch ausgerechnet in einem Moment, in dem sich etwas bewegt. Licht und Komposition ziehen den Blick des Betrachters dorthin, wo Zeit verrinnt, weil die Milch fließt. Das still wirkende Bild erzählt von einem Geräusch, der scheinbar festgefrorene Augenblick zeigt Bewegung. Vermeer hat die Bewegung in Rundungen übersetzt, die die Komposition wie kleine Wirbel durchziehen. Um den fast unmerklich sich drehenden Strahl kreiseln die Dinge: die Körperhaltung der Magd, die rund fließenden Schürzenfalten, die Rundungen von Broten, Geschirr und dem Geflecht des Korbs.

Der Genuss kommt aus dem Anblick, den Farben, dem erahnten Geräusch und Geruch, den Texturen. Vollkommen wird er durch die Erfahrung einer Momentaufnahme, die mehr zeigt als einen Augenblick. Die Werbung tut so, als stünden die Zeit und die Dinge still. Vermeers „Melkmeisje“ weiß es besser. (Petra van Cronenburg)

Mein Rezept zum Milchschmecken:

PANNA COTTA MIT VOGESENFRÜCHTEN

1/2 l frische Sahne
1 Tüte Vanillezucker
2-3 Blatt Gelatine
frische oder tiefgekühlte rote Früchte (z.B. Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Heidelbeeren)
1/2 Glas Kirschwasser
Zucker

Die Sahne mit der aufgeweichten und ausgedrückten Gelatine und dem Vanillezucker unter ständigem Rühren erhitzen, bis sich die Gelatine vollständig aufgelöst hat. Die Masse in kleine gekühlte Formen schütten, erkalten lassen und dann im Kühlschrank fest werden lassen. Wer eine zartere Konsistenz bevorzugt, rechnet nur 1 Blatt Gelatine und gibt die Panna Cotta in möglichst kleine Förmchen, damit sie nicht zusammenfällt.

Vor dem Servieren die Früchte vorsichtig mit dem Zucker erhitzen und mit dem Kirschwasser abschmecken. Die Panna Cotta auf Teller stürzen und mit den Früchten garnieren.
Guten Appetit!

Augen-Schmaus ist ein Experiment, Kunst auf ungewöhnliche Art zu erfahren und die Sinnenlust von Gemälden zu entdecken.
Hat es Ihnen gefallen? Oder fehlt Ihnen etwas, ist es zu trocken, zu langweilig? Würden Sie so etwas lieber als prachtvollen Bildband durchblättern? Oder lieber beim Anblick der Bilder hören? Vielleicht die Rezepte lieber ohne Kunst genießen?
Hinterlassen Sie doch bitte Kritik - positive wie negative - Anregungen und Gedanken in den Kommentaren! Denn Augen-Schmaus macht zu viel Arbeit, um es ins Leere zu produzieren! Danke!

Alle Texte (c) by Petra van Cronenburg, all rights reserved. Verwendung ohne ausdrückliche Genehmigung nicht erlaubt. Zuwiderhandlungen haben juristische Folgen.
The work of art depicted in this image and the reproduction thereof are in the public domain worldwide. The reproduction is part of a collection of reproductions compiled by The Yorck Project. The compilation copyright is held by Zenodot Verlagsgesellschaft mbH and licensed under the GNU Free Documentation License.

9. Februar 2009

Theater im Pamina-Raum

Wo geht man eigentlich im Pamina-Raum ins Theater? Und gibt es nationale Unterschiede außer der Sprache?

Pa-mi-na
ist selbst schon ein Sprachgemisch und bedeutet PA = Palatinat (Pfalz) / MI = mittlerer Oberrhein / NA = Nord Alsace (Nordelsass). Der gemeinsame Wirtschafts- und Kulturraum hat eine offizielle Website, eine Website für Veranstaltungen und Touristikangebote und eine für die gemeinsame Volkshochschule. Sitz der Vereinigung ist das alte Zollhaus von Lauterbourg. Aus dem täglichen Leben ist die Pamina kaum noch wegzudenken, denn sie verwirklicht ganz praktisch, wovon Paris und Berlin nur reden - oder noch nicht einmal träumen. Grenzgänger erhalten hier auch Beratungen und Amtshilfen.

Ähnlich wie die Pamina ist das Theaterleben in diesem Raum dreisprachig.
Auf der badischen Seite gibt es die bekannten Theater in deutscher Sprache. Da liegen in Grenznähe das Badische Staatstheater in Karlsruhe und das Theater in Baden-Baden. Auf der pfälzischen Seite gibt es das Pfalztheater Kaiserslautern. In Deutschland sind kommunale Theater subventioniert und die Schauspieler meist fest angestellt. Es wird also mit festen Ensembles gespielt. Freie umherziehende Theatertruppen oder selbstständige Kleinsttheater wie z.B. das längst bekannte Sandkorntheater in Karlsruhe sind im Kulturbetrieb eher weniger etabliert. Am Staatstheater und in Baden-Baden kann man Laienkurse belegen.

Erst mit alternativen Kulturveranstaltungen wuchs hier eine Szene, die von Laien wie Professionellen gleichermaßen bedient wird. Solche Kleinsttheater sind meist als Verein organisiert, manchmal sind es auch nur Solodarsteller, die sich frei ihre Bühnen und Auftrittsgelegenheiten suchen müssen. Organisiert sind die meisten entweder im Landesverband freier Theater Baden Württemberg oder bei la profth in der Pfalz - so viel Kleinstaaterei muss sein. Auf beiden Webseiten kann man nach freien Theatern und Schauspielern in der Nähe suchen.

Noch mehr Kuddelmuddel findet man, wenn man die französische Seite mitnimmt. Dort gibt es nämlich Theater in gleich zwei Sprachen, aber hoppla: Die Sprache entscheidet über das Genre! Das sogenannte elsässische Theater ist nämlich aus der Tradition des Volkstheaters entstanden. Viele kleine Dörfer stellen ihre eigene Laienspielgruppe auf und geben ihre Schwänke und Lustspiele in der örtlichen Mehrzweckhalle zum Besten, die Aufführungen werden an der Straße bekannt gemacht. Goethe hat das Théatre Alsacien bereits geliebt, wo die Bevölkerung sich nicht nur gegen den üblichen Dorfmuff wehrt, sondern auch über die Kirche und die Konfessionen lustig macht. Für Badner und Pfälzer ist der Dialekt auf alle Fälle verständlich.

Im Elsass ist das Christkind eine Frau. Und eine besondere Spezialität ist der sogenannte "Herre-Owe" (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Kabarettgruppe), der auf Zeiten zurückgeht, als Frauen zu gewissen Kirchenfesten nicht auf der Bühne stehen durften. Heute schlüpfen die Männer eher aus Gaudi in sämtliche Rollen. Für die Dorfbewohner ein noch größerer Spaß, so manchen hochmoralischen Nachbarn in einer Travestierolle begutachten zu können. Bei diesen besonders deftigen Stücken sind Frauen im Publikum selbstverständlich zugelassen!

Das bekannteste elsässische Theater in Strasbourg bringt auch einheimische Literaten und Dramatiker auf die Bühne. Ein festes professionelles Theater gibt es in fast jeder Stadt, Laiengruppen spielen vor allem in der Wintersaison und um Weihnachten.

Wer allerdings "richtiges" Theater genießen will, sollte Französisch können! Mehr oder weniger, denn die Theaterszene, die Pantomime oder Puppenspiel einschließt, braucht nicht immer viele Worte. Sie ist riesig, fast unüberschaubar - denn hier liegt der Unterschied zur Struktur in Deutschland: Die wenigsten französischen Schauspieler genießen eine langfristige Festanstellung. Obwohl bis in Kleinstgruppen alles sehr viel stärker professionalisiert ist, müssen die Akteure um Auftrittsgelegenheiten und Publikum buhlen, oft mühsam Hilfen oder Subventionen ergattern. Dafür gibt es aber auch Künstlerberatungen und so ganz ohne Mindestschulung steigt kaum jemand auf die Bühne.

Das führt dazu, dass Frankreich über eine sehr bunte, vielfältige freie Theaterkultur verfügt, die sich in zahlreichen Festivals von ihrer Schokoladenseite präsentiert. Straßentheater oder Commedia dell'Arte, Marionettentheater oder experimentelles Theater existiert recht gleichwertig zu dem, was man in Deutschland unter Theater versteht. Weil die meisten Schauspieler und Theater nicht allein von Vorstellungen leben können, hat sich eine eigene Unterrichtskultur gebildet. Ganze Ensembles oder Solisten - Professionalität vorausgesetzt - unterrichten Theatertechniken vor allem in Schulen, aber auch zunehmend für interessierte Laien und für Darsteller des Elsässer Theaters. So wachsen viele junge Leute bereits früh in den Beruf. Leider gibt es keine Sammlung aller Bühnen, Truppen und Solisten im Internet. Veranstaltungen findet man aber z.B. via Evene.

Die wichtigsten Bühnen in Strasbourg:
Théatre National de Strasbourg, TNS (was man in D. als Staatstheater kennt)
Théatre Jeune Public, TJP (Jugendtheater)
Le Fil Rouge (Kleine und ungewöhnliche Formen für Kinder + Erwachsene)
Théatre Lumière (zeitgenössisches Theater mit humanistischem Hintergrund)
Tohu-Bohu (mehrsprachig, experimentelles Theater mit Einbindung anderer Künste, Figurentheater)
Le Kafteur (Humortheater)
Pole Sud (Musik- und Tanztheater, Jazz)
Es gibt noch weit mehr Bühnen und freie Truppen, etwa die berühmte Choucrouterie mit ihrem elsässisch-französischen Kabarettprogramm.

Außerdem arbeitet im Nordelsass der rührige Verein "Sur les Sentiers du Théatre", der Menschen aus dem ländlichen Raum ans Theater führen will und Theatervorstellungen in den ländlichen Raum bringen. Er veranstaltet jährlich ein Straßentheaterfestival in den Dörfern und hat mit dem zweisprachigen Stück "Frontières - Grenzen" schon zarte Bande ins Badische und in die Pfalz geknüpft.

(Ich entschuldige mich für fehlerhafte Akzente - mir fehlt z.B. der auf dem "a" von "théatre" fällige Zirkumflex in diesem Blog)

25. Januar 2009

Das neue Programm: Genuss im Gepäck

Genuss im Gepäck trägt Gina Grumbier, Weltenbürgerin vom Land, Grenzgängerin zwischen Küche und Bibliothek.

Auf ihrer vergnüglichen Sinnesreise im Dreiländereck zeigt sie Diätgurus und Gesundheitsaposteln, was eine Gabel ist. Sie schmarotzt an den Tischen berühmter Literaten, steckt ihre Nase in Gedichte und Gerichte, und schmuggelt Schlemmersätze auf den Teller.


Ein literarisch-kulinarisches Programm für Gourmets und Geschichtenverschlinger, für Wortschmecker und Weinverkoster.

Am 12.6.2009 im Galand, Kehl-Odelshofen.
Und ab sofort zu buchen bei Petra van Cronenburg, die die Frau mit dem Koffer ist.
Demnächst mehr auf http://www.sinnesreisen.com

22. Januar 2009

Gina Grumbier auf der Bühne

Gina Grumbier gibt es voraussichtlich am 12.06.2009 live auf der Bühne, nämlich im Galand in Odelshofen bei Kehl. Näheres, wenn das neue Programm gemacht ist und die Autorin endlich einen Titel für ihr "Zeug" gefunden hat.

Hans Jean Arp in Strasbourg

Ich klebe einen Ausstellungshinweis aus meiner Kolumne hier ein, dort gibt es mehr Hintergründe zur Zeit. Die Ausstellung läuft noch bis in den Februar.

Ausstellungstipp:

Wer Hunger bekommen hat auf die Kunst jener Zeit, dem empfehle ich dringend die Ausstellung "Art is Arp" über den Künstler, den die Deutschen Hans Arp und die Franzosen Jean Arp nennen. Zu sehen im Museum für Moderne und Zeitgenössische Kunst (MAMC, Nähe Bahnhof) in Straßburg. Dabei sollte man den absoluten Hammer nicht verpassen und sich die dafür eigens renovierte "Aubette" am Place Kléber in der Innenstadt anschauen, die erstmals wieder zugänglich ist! Zwischen 1925 und 1928 schufen die avantgardistische Innengestaltung: Theo van Doesburg, Sophie Taeuber-Arp und Hans Jean Arp. Ende der Dreißiger Jahre wurde das Innere wegen seiner Kunst weitgehend zerstört, jetzt ist das erste von vier Stockwerken wiederhergestellt. Absolut sehenswert!

Natogipfel: Pause

Kleine Ankündigung in eigener Sache: In der Woche um den 3. und 4. April werde ich nicht für Auftritte zur Verfügung stehen. Dann verwandelt sich nämlich unser friedliches Grenzland zu Erde und in der Luft in einen Hochsicherheitstrakt, weil der Natogipfel ausgerechnet in Baden-Baden und Strasbourg stattfindet. Und ich habe weder Lust auf ausgedehnte Polizeikontrollen noch auf mögliche Platzangsterlebnisse unter wildgewordenen Demonstranten. Unsereins verzieht sich ins Hinterland, bis das Spektakel vorbei ist.

Ein Gutes hat der ganze Aufwand: Nachdem es Baden-Baden seit Jahren nicht schafft, genug Geld für den Straßenbau aufzutreiben und seine Einwohnern Schlaglöcher präsentiert, die der goldenen Hülle der Millionärsstadt spotten, ist man endlich bereit, für ein, zwei Essen von Regierungschefs die maroden Beläge zu reparieren und die Haupteinfallsstraßen aufzuhübschen. Dito in Strasbourg, wo die Bauwirtschaft an gewissen Plätzen ebenfalls nicht klagen kann.
Mein Tipp für arme Kommunen: Ladet euch an renovierungsbedürftige Orte ein paar Promis ein, am besten Politiker.