4. Dezember 2008

Weihnachtseinkäufe im Elsass

Von draus vom Einkaufen komm' ich her,
ich muss euch sagen, es schmerzet mich sehr.
Ungefähr so möchte ich den "Einkaufsspaß" in einem bereits weihnachtlich befüllten französischen Supermarkt auf den Punkt bringen.

Schmerz 1: die Preise
Es ist erstaunlich, wie viele völlig selbstverständliche Lebensmittel man sich in Frankreich nicht mehr leisten kann mit einem Durchschnittsverdienst. Die Preise scheinen wöchentlich zu steigen, manchmal hat man den Eindruck, sie sind umgekehrt proportional an fallende Börsenkurse gebunden, denn eine Erklärung gibt es nicht. Es ist fatal, denn die Einkommen in Frankreich sind niedriger, die Steuern inzwischen fast genauso hoch wie in Deutschland. Die Verteuerung wegen des Ölpreises wird natürlich auch nicht mehr zurückgenommen.

Kurzum: Jeder, der im Elsass ein Auto hat und Zeit, flüchtet nach Deutschland, um den Kühlschrank zu füllen. Ich schrieb es bereits - dort wird man für einen stinknormalen Lebensmitteleinkauf (nichts Überkandideltes) nur etwa ein Drittel des Geldes los und hat frischere und qualitätsreichere Ware im Wagen (s.u.). In Innerfrankreich geht ohne Schwarzarbeit und Schwarzhandel eigentlich nichts mehr, in vielen Regionen sind die Leute bitter arm. Wer Familie hat und z.B. arbeiten beide als Gymnasiallehrer, dann können die schon nicht mehr im Elsass in ein Restaurant gehen. Nicht mehr zu bezahlen, denn die Touristen haben einst die Preise ins Unermessliche getrieben...

Einkauf. Kleines Beispiel Fleisch: Noch vor einem Jahr konnte man durchaus feine große Lammkoteletts zu 9,80 E / kg bekommen. Lamm, einst selbstverständlich im Land, gehört aber nun schon seit Monaten zu den teureren Sorten Fleisch. Einer der weniger teuren Supermärkte hatte heute Lammkoteletts von sehr schlechter Qualität im Sonderangebot: knapp 19 E / kg. Desgleichen habe ich mich gewundert, warum eine deutsche Freundin so oft und gern Leber isst. Auch ich liebe Leber - aber in Frankreich ist das ein Luxusessen! Ab 24 E das Kilo. Als ich zum ersten Mal in der Pfalz das "Armleuteessen" Leberknödel sah, bin ich aus allen Wolken gefallen. Knapp 10 E sollte man pro Kilo rechnen, wenn man ein auch nur annähernd ordentliches Fleisch haben will, das ist dann meist Schwein oder Huhn.

Das ist nur ein Beispiel von vielen, um zu zeigen, dass Weihnachten auf dem Teller in diesem Jahr extrem teuer wird. Kommt dazu, dass sich jetzt auch in Frankreich die Überfischung der Meere rächt. Der Raubbau an der Natur zeigt sich in eingeschränkterem Angebot, schlechterer Ware und explodierenden Preisen. Trotzdem bekommt man den Fisch natürlich fangfrischer als in Deutschland, die Ware wird ja noch am selben Tag über Rungis verteilt. Und er ist doch noch billiger als das Fleisch, man kann durchaus Krevetten statt Lamm essen. Was Muscheln und Meeresfrüchte betrifft, so sollte man über aktuelle Tankerunglücke und ähnliche Verschmutzungen informiert sein.

Käse lohnt sich ebenfalls noch, falls man eine Verkäuferin bequemen kann, ihn frisch aufzuschneiden, obwohl er seit Tagen abgepackt in der Plastikfolie schmort. Der absolute Tod für Weichkäse wie Munster, aber Profit statt Gourmet ist auch in Frankreich Trend. Und dann gibt es tatsächlich mal ein Produkt, das billiger wird: Kaffee. Meiner Meinung nach in sehr viel mehr und besseren Sorten zu haben (wenn man wie ich lieber Arabica und Espressosorten trinkt). Und heute gab's den teuersten italienischen für 2,50 E / 250 g.

Und da sind wir schon bei

Schmerz 2: die Qualität

Die Grande Nation der grande cuisine ist inzwischen zum Fast-Food-Country with convenience food geworden. Man beachte den Sprachwechsel. Es gibt eigentlich nichts, was es nicht schon fertig gibt. Vor allem bei Fisch und Fleisch hat man herausgefunden, dass man fehlende Frische mit allerhand Gewürzlaken oder unter Panade verstecken kann. Nur Vorsicht, wenn es sich nicht gerade um Grillware im Sommer, das traditionelle Cordon Bleue oder eingelegtes Wild handelt, dann liegt das schön geschminkte Zeug noch länger als die ungewürzten Stücke, die zusehends eine Patina ansetzen, wie ich sie nur Anfang der Neunziger in Polen kennenlernte. Klar, immer weniger Leute können Fleisch kaufen.

Es gibt in diesem Land nichts, was es nicht fertig gibt, die Leute baden regelrecht in künstlichen Aromastoffen, künstlichen Konservierungs- und Verdickungsmitteln und Glutamat. Eine französische Speisekarte liest sich inzwischen wie eine Ode auf E 605, wenn man das Kleingedruckte betrachtet. Frische Küche war mal, ist vielleicht noch auf dem Land, wo man selbst anbaut. Ansonsten regiert die Mikrowelle und traditionelle Rezepte beherrscht fast niemand mehr. Gemüse kommt fast ausschließlich aus Spanien und wie übel das angebaut und gespritzt wird, wissen wir ja. Die Zahl der privaten Gemüsegärten wächst wieder, die der Hasen- und Hühnerzüchter auch.

Als ich vor fast 20 Jahren ins Elsass kam, war es ein Hochgenuss, wenn man sich an Weihnachten die "Bredeleteller" austauschte. Jede Familie hatte ihre über Generationen vererbten Geheimrezepte für Kekse, man buk mit Hingabe. Die Elsässerin von heute kauft fertigen "Bredeleteig", eingeschweißt in Plastik, im Kühlregal zu finden. Offensichtlich ist es sogar zu viel geworden, Mehl, Eier, Butter und Zucker in der Maschine zu mixen. Natürlich braucht die Masse entsprechende Chemie, damit sie frisch bleibt. Und wie praktisch - Zimt und Anis kann man durch Aromen aus der Industrie ersetzen, wozu noch herkömmliche Gewürze nehmen. Es ist inzwischen ein offenes Geheimnis, dass französische Kinder Natur - etwa frische Erdbeeren - nicht mehr schmecken können. Die Sterneköche der Zukunft haben ihre Zungen längst abgetötet.

Weihnachten in Frankreich ist denn auch das Fest der Standards und des Nichtkochens. Allerdings muss man den Frauen zugute halten, die ja genau so hart arbeiten wie die Männer, dass man bei einem extrem familienzentrierten Fest mit mindestens vier Gängen à la minute nicht auch noch Stunden in der Küche stehen kann. So gibt es alles schon fertig oder man lässt es sich vom Traiteur bereiten und wärmt einfach auf. Selbst der kleine Laden im Dorf bietet von der Vorspeise bis zum Dessert alles auf Bestellung an.

Ein paar Wochen vor Weihnachten liegen die "Speisekarten" aus, man bestellt und holt dann zum Festtag ab. Ähnlich beim Bäcker, der dann die Zutaten für den Apéritif liefert, wie z.B. Pain Surprise oder salzige Kugelhopf. Die berühmte Buche de Noel, das traditionelle Weihnachtsdessert in Form eines Holzscheits, ist dann entweder aus Eis oder Biskuit ebenfalls beim Bäcker zu bestellen. Touristen aufgepasst: Die meisten Bestellungen müssen eine Woche vor dem Fest eingegangen sein, spontan wird man nichts im Laden finden!

Ich werde das Ganze finanziell überleben. Nicht nur, weil ich gar kein Weihnachten feiere. Als Landei werde ich mir beim hiesigen Bauern eine von den (nicht gestopften) Gänsen bestellen, an denen ich jeden Tag vorbeilaufe, und die sich jedes Mal einen Spaß daraus machen, meinen Hund zu jagen (der grinst, ist ja ein Zaun dazwischen). Die bereite ich dann wie meine Oma ganz einfach auf polnisch zu. Denn die Foie Gras meiner Freunde und Bekannten kommt mir nicht nur zu den Ohren heraus, sondern schon zu den Augen. Aber auch das ist Frankreich: Sie abzulehnen, ist einer der schlimmsten Faux pas, die man sich leisten kann. Man muss schon eine lebensbedrohliche Allergie haben, um eine Gänsestopfleber an einem Festessen oder bei einer Einladung zurückzuweisen.

Nachsatz:
Wer eine dicke Börse hat, findet natürlich auch weiterhin in den Edelläden das Feinste vom Feinsten, aber da muss man dann auch schon nach Strasbourg fahren.

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