21. Dezember 2008

Gina Grumbier: Mit dem Kopf durch die Wand

Als ich die Idee mit der literarischen Kleinkunst hatte, ahnte ich nicht, dass Europa und seine Administration und insbesondere Deutschland auf Initiativverhinderung eingeschworen sind. Wer Ideen hat, kann nicht einfach machen, Publikum verwöhnt man nicht ungestraft und am besten sollte man zwei Semester Jura einlegen, bevor man die Bretter betritt, die angeblich die Welt bedeuten.

Ich will niemanden langweilen, ähnliche europäische Bürokratenauswüchse wuchern auch in anderen Berufen. Um es kurz zu machen: Die eierlegende Wollmilchsau, die heutzutage überall gefordert und zum Überleben immer notwendiger wird, ist administrativ auf nationaler Ebene nicht vorgesehen. Kommt erschwerend dazu, dass sich eierlegende Wollmilchsäue aus Frankreich von den deutschen grundlegend zu unterscheiden haben. Ich darf also selbst meine Kaffeemaschine bedienen, aber wehe, die Künstlerin macht auch noch PR. Pfui, das ist eine andere Branche.

Eine ganz besonders nette Hürde ist jedoch eine typische Erfindung meines "Heimat"lands Deutschland, die es sonst in Europa meines Wissens nicht gibt. Ich gelte nämlich für mein Geburtsland als Ausländer, weil ich böse, böse Künstlerin im Ausland lebe. Und böse ausländische Künstler müssen in Deutschland erkennen, was sie sind. Deshalb hat man dort trotz aller Doppelbesteuerungsabkommen und eigentlich halblegal die sogenannte Künstlerausländersteuer erfunden. Angeblich, damit Leute wie Michael Jackson das deutsche Bruttosozialprodukt aufpeppen. Aber die ärmeren Künstler trifft es auch. Jahrelange Vorstöße von Künstlern zur Abschaffung dieser brutal hohen Abgabe wurden von verschiedenen Finanzministern immer wieder abgebügelt. Für Musterprozesse fehlt normalen Künstlern das Geld, und Leute wie Michael Jackson haben ihre Tricks, auch diese Steuer zu umgehen.

Um sich das vorzustellen: Der Künstler A lebt links vom Rhein und will - weil wir ja Europa haben, rechts auftreten. Er kann da zu Fuß hinlaufen. Wer aber über die Brücke latscht, ist Ausländer. Ausländersteuer wird zusätzlich in Deutschland fällig , obwohl Künstler A brav seine Steuern laut Doppelbesteuerungsabkommen daheim bezahlt. Damit will der deutsche Staat nicht nur sein Säckel sanieren, sondern verhindern, dass zu viele Ausländer zu viele Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen oder Lesungen machen. Der einheimische Künstler, auch wenn ihn niemand will, wird dadurch billiger für den Veranstalter. Was bei Promis natürlich nicht interessiert, aber Anfänger hart trifft.

Die Steigerung: Künstler A von links vom Rhein ist aber nun Deutscher. Gilt nicht. Ein ordentlicher Deutscher lebt nicht links vom Rhein und tritt frech rechts auf. Solche Individuen nennt man Ausländer. Ausländersteuer. So kommt es, dass der deutsche Künstler A von links vom Rhein teurer ist als der Kollege B von rechts vom Rhein, der ihn zu Fuß besuchen kann.
Nein, das ist aber noch nicht alles! Es könnte nämlich sein, dass Kollege B wirklich ein Ausländer ist. Wir sehen ja an Künstler A, dass man in Europa seinen Wohn- und Arbeitsplatz frei wählen darf. Weil das mit dem Nationalitätenkram angeblich kaum eine Rolle spielt, schon gar nicht in der Kunst.

Denkste. Nehmen wir an, Künstler A von links vom Rhein ist Deutscher, wohnt in Frankreich und tritt in Deutschland auf. Sein Kollege B ist ein in Deutschland lebender Franzose, der in Deutschland auftritt. Genau. Sie haben es erraten. Steuerlich ist der Deutsche ein Ausländer und der Franzose ein Deutscher. Tritt aber der Franzose in seinem Herkunftsland auf, ist er weiter Franzose und wird für seinen Wohnsitz nicht bestraft. Frankreich hält das Doppelbesteuerungsabkommen nämlich korrekt ein und zockt Ausländer nicht extra noch einmal ab. Auch nicht die eigenen.

Das war nur eine der Hürden, die Gina Grumbier zu nehmen hat. Beinahe hätte sie den Sabbel hingeschmissen, denn irgendwann ist auch die Energie eines Menschen mit Multijobverpflichtung aufgebraucht. Aber zum Glück hat sie in Strasbourg eine Künstlerberatung, die großzügig der französische Staat zahlt. Der will nämlich, dass Künstler arbeiten können und nicht auf Ämtern Däumchen drehen. Gestorben ist das "Theater", auf Deutsch würde man jetzt "szenische Lesung" dazu sagen; aber die Inhalte sind geblieben. Gina hat immer noch den falschen Pass im falschen Land und nimmt das als Inspiration für den Kampf mit dem genussfeindlichen Land, in das sie der Billigflieger entführt. Immerhin versteht man "Grumbier" links und rechts des Rheins - ein Wort, das sich nicht um Ländergrenzen schert.

Und trotz aller Hürden, nationalen Abstrusitäten und europäischen Wahnsinnsvergaloppierungen wird sie auftreten! Fest vormerken kann man sich schon einmal den Juni 2009 im zauberhaften Tabakschuppen des Galand, der Galerie auf dem Land in Kehl-Odelshofen. Genauer Termin folgt im neuen Jahr. Die Außenminister sind herzlich eingeladen.

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