3. Oktober 2008

Titel, Kostüme und ein Verdrängungswettbewerb

Gestern habe ich die Website-Texte für den Abend mit Gina entworfen und dabei nette Fotos aus meiner schlimmsten Vergangenheit gefunden, also der Zeit, als ich etwa fünf war und schon nicht mehr auf meine Eltern gehört habe. Dumm nur, dass das beste Foto lediglich in meinem Kopf existiert - es gibt davon aber einen uralten Super-8-Film. Ich habe da vor einem vollen Saal mit Erwachsenen so getan, als sei ich Pianistin, zum Glück gab's damals noch keinen Ton. Aber die Bewegungen sind beachtlich.

Aus Mangel am Klavier wollte ich dann Schriftstellerin werden (Beweisfoto) und komische Sachen vor Leuten spielen (Beweisfotos). Ich bin z.B. Tänzerin und erinnere mich noch genau, wie mich dieses goldene Geschenkband in meinem raspelkurzen Haar verzaubert hat, das tatsächlich zu können. Was soll ich sagen... goldene Bänder im Haar waren fortan nur an Fasching erlaubt und ich wurde zum dirndltragenden braven Mädchen in weißen Kniestrümpfen gedrillt. Aber man kann ja nicht ewig spielen, was man nicht ist...

Gestern suchte ich dann also nach den goldenen Zauberbändern, sprich, prüfte in einem online-Auktionshaus, wie die Chancen für Kostüm und Requisite stehen. Irre. Umwerfend. Es gibt nichts, was es nicht gibt! Herr Rheinacher, wenn denn Budget da wäre, könnte sich sofort eine DDR-Zolluniform eines ziemlich hohen Tiers komplett mit Orden ersteigern. Ich habe ihm aber gleich gesagt, eine militärisch aussehende Mütze tut's auch und notfalls bekommt er eine für Kapitäne für 9,90 Euro.

Aber da hat sich Gina schon wieder reingedrängt. Die Dame sammelt gerade ihre Texte und flüsterte bei Durchsicht eines Kostümverleihs: Und was, wenn ich einen auf Diva aus den Zwanzigern mache? - Eine Diva mit altem Koffer??? Ich persönlich hätte ja vielleicht Spaß an dem Fummel und mit der ellenlangen Zigarettenspitze ließe sich gut auf Herrn Rheinacher losgehen... aber Mist, der bin ich ja selbst. Das ist wie mit der Doppelrolle im Zeitreisefilm: Man kann nicht gleichzeitig neben sich stehen.

Jedenfalls werde ich wieder Kind. Es macht einen Höllenspaß, sich auszudenken, was denn die Gina für eine sein wird. Und fühlt sich haargenau so an wie damals mit meinen beiden besten Freundinnen... Wir waren gerade in die Schule gekommen, ich hatte also besonders weiße Kniestrümpfe. Und eine meiner Freundinnen hatte eine Mutter, die nicht immer da war, und einen riesigen alten Dachboden mit alten Truhen und Kisten. Da gab es einen Zauberkoffer mit alten Frauenkleidern, Schuhen und Schmuck.

Zum Glück war das Haus abgelegen wie Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt. So hat meine Mutter nie mit ansehen müssen, wie ihre Tochter mit übergestreiftem Erwachsenenkleid, übergroßen Pumps und pfundweis Schmuck neben zwei ähnlich schrillen und überschminkten Minigestalten von weit draußen in die Stadt rein wackelte. Irgendwelche doofen Erwachsenen haben uns dann heimgebracht und fortan war der Dachboden verschlossen. Worauf wir beschlossen, wenn wir groß sind, werden wir Hippies.

Tja, die Ordnungsmacht hat keine Macht. Pippi hasst weiße Kniestrümpfe. Und wie ich so in Erinnerungen schwelge und dem prächtigen Gefühl, dass Kinder eigentlich ganz genau wissen, was sie wollen, rempelt mich Gina verschwörerisch an. Brauchen wir den ollen Rheinacher jetzt eigentlich noch?, fragt sie. Sie hätte gern den ganzen Text für sich. Würde doch auch Geld und Mühe sparen, oder?

Der Kampf beginnt. Ich kann mir doch nicht von meiner Figur vorschreiben lassen, wie ich den Abend konzipiere! Soll sie sich nur an dem Rheinacher reiben. Gute Texte brauchen Reibung. Aber vorher braucht die Autorin einen knackigen Titel. Und das ist schlimmer als Schlagzeilenschreiben und Buchtitelbasteln zusammen. Der muss aufs Plakat. Muss etwas vermitteln. Muss die richtigen Leute anziehen... So lange bleibt Gina in Jeans und T-Shirt. Und der Rheinacher auch.

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