4. Oktober 2008

Koffergeschichten

So, Gina Grumbier hat jetzt endlich ihren Koffer! Er ist das wichtigste Requisit, weil sie darin all ihre Texte verstecken wird. Sie hat nämlich vor, dem Herrn Rheinacher harte literarische Zeugenaussagen um die Ohren zu knallen, wegen seiner perversen Diäten und esoterischen Ernährungsmythen.

Eine schöne Krankendiät hat sie bei Thackeray im "Jahrmarkt der Eitelkeit" gefunden:
"Da Joseph Sedley sehr krank war, begnügte er sich mit einer Flasche Rotwein, abgesehen von seinem Madeira beim Mittagessen. Außerdem führte er sich einige Teller voll Erdbeeren mit Sahne sowie vierundzwanzig Biskuitküchlein..."
Insgeheim freut sie sich schon auf die Mäkeleien eines Herrn Gogol, der dann seinen Figuren den Wanst voll schlägt, auf die prallen Beobachtungen eines Jean Paul oder Hans Sachs ... Aber verraten wir nicht zu viel.

DER Koffer ist also da. Madame Autorin, die schon über Auktionen hing, kam endlich auf die glorreiche Idee, in den Keller zu gehen. Da gibt es eine Ecke, in der Mrs Munster immer diese Filmspinnweben verteilt, damit man nicht sieht, dass da einige Umzugskisten aus Polen bis heute noch nicht ausgepackt sind. Da lag er dann. Ein uralter Emigrantenkoffer aus Holz, Marke Zwischendeck, aber Handwerkskunst im Kistenbau und irgendwann einmal brandgeflämmt worden.

Im Moment mieft er draußen vor der Tür aus, denn ich will sicher gehen, dass auch der letzte Holzwurm entweder aus dem letzten Jahrhundert stammte oder an meiner Petroleumeinreibung verreckt ist. Ich kann es kaum erwarten, bis das Zeug verdampft und eingezogen ist. Dann wird das Ding nämlich auftrittsfein gemacht. Gina plädiert für eine uralte Rosentapete innen. Und für außen freut sie sich auf einen nachgemachten Aufkleber der White Star Line. Ob es zu viel würde, die Titanic gleich daneben abzubilden, fragt sie mich.

Aber ich bin bereits beschäftigt und suche nach alten Kofferaufklebern, die man in Sammlerkreisen Hoteletiketten oder luggage labels nennt. Zum ersten Mal habe ich sowas gesehen, als ich als kleines Kind eine uralte Gouvernante kennenlernte, die mir ihre Schiffspapiere von der S.S. Milwaukee zeigte, mit der sie in den USA geschippert war. Da hatte man noch diese riesigen Schrankkoffer dabei, mit den großen Beschlägen und massiven Holzleisten. Es war die große goldene Zeit des Reisens zwischen 1900 und 1930. Und im Internet habe ich dann aus dieser Zeit die schönsten Koffergeschichten gefunden!

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