11. Oktober 2008

Exitus

Nach kurzem, aber dreist-aufdringlichem Leben ist an diesem wunderschönen Spätsommertag Herr Rheinauer plötzlich verstorben. Um genauer zu sein, er ist mit einem großen, dumpfen Plopp einfach zu Konfetti explodiert.

Wie kommt es, dass einem plötzlich Figuren wegsterben, die man noch kurz zuvor für eminent wichtig hielt? Ich kann das nur für mich beantworten...
Herr Rheinauer spielte in der Tat eine tragende Rolle. Er war sozusagen Ginas Antagonist, der Typ, der ständig widerspricht, demontiert, hinterfragt - und sie vor allem vor neue Herausforderungen stellt. Dadurch hat Gina erst ihren Biss bekommen und weiß nun, worüber sie sich aufregen muss, woran ihr wirklich liegt. Das hat sie erstarken lassen - immer mehr Rolle riss die gute Frau an sich.

In diesem Stadium sind die Figuren, die man zuerst nur skizziert hat, lebendig geworden. Sie entwickeln ihr Eigenleben und wissen verdammt genau, was richtig ist. Ich habe gelernt, auf meine Figuren zu hören, weil ihre Intuition, ihr Gefühl für die Geschichte feiner ist als das meines kritischen Wachbewusstseins. Ich als Autorin habe dann zwei Möglichkeiten. Entweder lasse ich es auf einen Streit ankommen oder bringe sogar eine Figur vorsätzlich um. Manchmal kommt es dann zu einem lebendigen Kompromiss oder einer Auferstehung. Ich hatte sogar schon einmal eine Figur umgebracht, die dann einfach als jemand anders in einem anderen Roman reinkarnierte. Mir eine Nase drehte und "Ätsch" brüllte. So etwas passiert mir, wenn ich zu genau plane und gängele.

Oder ich höre auf meine Figur, was sich meist bewährt. Praktisch sieht das so aus, dass ich in Distanz zur Geschichte gehe. Ich analysiere: Was wollte ich mit dieser Figur? Warum habe ich sie geschaffen, welche Rolle spielt sie? Und dann überlege ich: Wenn Herr Rheinauer jetzt einfach platzt - was will er mir damit sagen? Was verändert sich, wenn er nicht mehr da ist? Bin ich traurig über seinen Tod? Will ich an ihm festhalten und warum? Und schließlich die Schlüsselfrage: Was weiß Herr Rheinauer über den Sinn seines Todes, was ich noch nicht weiß?

Der Mann ist genau im richtigen Moment verschieden. Er war ein wichtiger Katalysator, aber zu blass. Er hätte - durch die Doppelrolle - unnötig wichtige Energien verschlissen und jede Menge Zusatztricks verlangt. Er hätte das Thema zerschlissen. Die Gefahr, einen Streit zu inszenieren anstatt meine eigentliche Story, wurde immer größer.

Jetzt lastet alles auf Gina. Aber es reicht, dass sie erzählt, was ihr mit diesem Typen widerfahren ist. Rheinauer ist ein Platzhalter für das Sinnenfeindliche, Lebensfeindliche. Es kommt viel besser, wenn sie sich aufregt, lustig macht, darauf herumtrampelt - als wenn da einer nur "sagt" und behauptet. Das Stück gewinnt an Tempo, die Monologe werden rasanter. Der Rollenwechsel fällt flach, all das Gespiele drumherum - dafür rückt jetzt das Requisit in den Vordergrund, das die wahren Geschichten birgt: der Koffer. Und nicht zuletzt ist Gina dadurch lebenspraller, runder geworden, sie gewinnt an Charaktertiefe. Es wird auch für den Zuschauer einfacher werden, sich auf diese eine Figur einzulassen. Gefahr: Mit dieser Figur steht und fällt alles.

Na - und ich bin erlöst. Es fühlt sich an wie nur noch halb so viel Arbeit. Ist aber auch typisch für mich. Ich bastle immer zuerst ein Riesenfeuerwerk zusammen, das schon aufgrund seiner wirren Verkabelung unmöglich hochgehen kann. Und dann miste ich erst mal aus und baue aus den Fetzen eine fette Rakete...

Danke, Herr Rheinauer. Danke für das herrliche Konfetti!

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