30. Oktober 2008

Emmaus-Mania

In meinem Bekanntenkreis und überhaupt in der Region gehört es längst zur Kultur und ist schon Manie: Der Kreislauf von Emmaus. Ich kenne kaum jemanden, der es noch nicht genutzt hat, sich nicht engagiert. Aber was ist das eigentlich?

Emmaus wurde als karitative Bewegung von Abbé Pierre in Frankreich gegründet, um den Menschen zu helfen, denen kaum noch jemand hilft. Inzwischen haben sich die Aufgabengebiete erweitert und modernisiert, die Laien-"Bruder"schaft (inklusive Frauen) arbeitet heute weltweit in 36 Ländern. Und das nach folgenden vier Wertmaßstäben:
  • Sich ohne Vorbehalt dem anderen öffnen
  • Sich für die Würde des freien Menschen einsetzen
  • Solidarisch handeln
  • Durch Worte und Taten Bewusstsein schaffen
Praktisch sieht das so aus, dass sich Emmaus um die Ärmsten der Armen, Obdachlose und Rechtlose kümmert. Menschen, die die Gesellschaft aus welchen Gründen auch immer ausgeschlossen hat, sollen wieder einen Weg in die Gesellschaft finden. Und weil die Würde des Menschen so wichtig ist, geschieht diese Hilfe durch aktive Selbsthilfe.

Es gibt die Emmaus-Depots, im Elsass z.B. in Hagenau, Saverne und Straßburg. So einfach kann ich helfen:

  • Ich spende dort, was ich selbst nicht mehr brauche - und zwar alles, von gebrauchter Kleidung über Tassen, Teller, Einrichtungsgegenstände, ausgelesene Bücher, bis hin zu alten Waschbecken oder Türen etc. Emmaus macht auch Haushaltsentrümpelungen und holt große Mengen oder Möbel von zu Hause ab. Anruf beim nächstgelegenen Depot genügt.
  • Ich bringe recyclebaren Müll (und nur den!) zum Mülldepot von Emmaus. Hagenau nimmt jetzt auch Laserdrucker-Kartuschen und Elektronikschrott.
  • Ich kaufe im Depot von Emmaus ein - ein riesiges "Flohmarkt"vergnügen, wo ich sehr preiswert das erstehen kann, was andere Leute nicht mehr brauchen.
Und so funktioniert der Kreislauf:

Die sogenannten "compagnons", die bei Emmaus Hilfe suchen, bekommen Unterkunft und verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch Arbeit in den Depots. Sie arbeiten in der Müllverarbeitung. Sie finden Einfachstarbeiten, wie z.B. beim Reinigen der gespendeten Ware, um wieder in den Arbeitsprozess zu finden. Sie reparieren in eigenen Werkstätten Geräte oder setzen aus Teilen verschiedener Gegenstände einen neuen zusammen. Sie arbeiten im Verkauf und in der Warenausgabe in den Depots. All diese Jobs sind an Programme des französischen Staates zur Wiedereingliederung angeschlossen. Ziel ist es, über die drei Faktoren Ernährung, Wohnen und Arbeiten wieder in ein Leben zurückzufinden, das man sich selbst finanzieren kann.

Gleichzeitig sind die Depots von Emmaus zu einer wichtigen Versorgungquelle armer Menschen in der Region geworden. Hier kaufen nicht nur Flohmarktfans und Antiquitätenhändler ein, hier versorgen sich kinderreiche Familien mit billiger Kleidung, suchen sich alleinerziehende Mütter Spielzeug und Hausrat zusammen. Billiges Einkaufen, ohne dass man sich für seine Armut schämen muss.

Wenn ich bei Emmaus einkaufe, fahre ich immer mit vollem Auto los. Ich finde irgendetwas, das den Compagnons Arbeit gibt und im Verkauf vielleicht jemand anderem Freude macht. Die Emmausleute möbeln Fahrräder auf, bringen alte Öfen wieder zum Laufen oder kombinieren aus einem Lampenschirm und einem Lampenfuß eine neue Lampe.

Das ist das Schöne an der Sache - auch wenn ich selbst kaum Geld habe, kann ich helfen. Und wenn ich dort etwas kaufe, habe ich selbst Freude daran. Mit Freunden machen wir uns manchmal dort einen schönen Tag. Es ist herrlich, herumzukramen. Ein Kaufrausch ist auch nicht teuer. Da fand ich gestern nicht nur mein Theaterkostüm, sondern auch einen geschnitzten Bilderrahmen um 1930, handgefertigte alte Hohlsaumdeckchen, einen Winterblazer aus Wolle mit Kaschmir, altes Badonviller-Geschirr für meine Rosen-Sammlung um 1920...

Wer Lust bekommen hat: Am 1. November veranstaltet das Emmaus-Depot Hagenau (hinter dem Flugplatz und der Dechetterie) einen Sonderverkauf - alle Preise sind noch einmal stark herabgesetzt! Und wenn Sie losfahren, überlegen Sie doch, was Sie schon immer entrümpeln wollten. Die Nachttischlampe nicht mehr schick genug? Ein Stapel Bücher im Weg? Der Kleiderschrank zu voll? Hauptsache, in gutem Zustand. So halten Sie den Kreislauf am Leben...

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