30. Oktober 2008

Emmaus-Mania

In meinem Bekanntenkreis und überhaupt in der Region gehört es längst zur Kultur und ist schon Manie: Der Kreislauf von Emmaus. Ich kenne kaum jemanden, der es noch nicht genutzt hat, sich nicht engagiert. Aber was ist das eigentlich?

Emmaus wurde als karitative Bewegung von Abbé Pierre in Frankreich gegründet, um den Menschen zu helfen, denen kaum noch jemand hilft. Inzwischen haben sich die Aufgabengebiete erweitert und modernisiert, die Laien-"Bruder"schaft (inklusive Frauen) arbeitet heute weltweit in 36 Ländern. Und das nach folgenden vier Wertmaßstäben:
  • Sich ohne Vorbehalt dem anderen öffnen
  • Sich für die Würde des freien Menschen einsetzen
  • Solidarisch handeln
  • Durch Worte und Taten Bewusstsein schaffen
Praktisch sieht das so aus, dass sich Emmaus um die Ärmsten der Armen, Obdachlose und Rechtlose kümmert. Menschen, die die Gesellschaft aus welchen Gründen auch immer ausgeschlossen hat, sollen wieder einen Weg in die Gesellschaft finden. Und weil die Würde des Menschen so wichtig ist, geschieht diese Hilfe durch aktive Selbsthilfe.

Es gibt die Emmaus-Depots, im Elsass z.B. in Hagenau, Saverne und Straßburg. So einfach kann ich helfen:

  • Ich spende dort, was ich selbst nicht mehr brauche - und zwar alles, von gebrauchter Kleidung über Tassen, Teller, Einrichtungsgegenstände, ausgelesene Bücher, bis hin zu alten Waschbecken oder Türen etc. Emmaus macht auch Haushaltsentrümpelungen und holt große Mengen oder Möbel von zu Hause ab. Anruf beim nächstgelegenen Depot genügt.
  • Ich bringe recyclebaren Müll (und nur den!) zum Mülldepot von Emmaus. Hagenau nimmt jetzt auch Laserdrucker-Kartuschen und Elektronikschrott.
  • Ich kaufe im Depot von Emmaus ein - ein riesiges "Flohmarkt"vergnügen, wo ich sehr preiswert das erstehen kann, was andere Leute nicht mehr brauchen.
Und so funktioniert der Kreislauf:

Die sogenannten "compagnons", die bei Emmaus Hilfe suchen, bekommen Unterkunft und verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch Arbeit in den Depots. Sie arbeiten in der Müllverarbeitung. Sie finden Einfachstarbeiten, wie z.B. beim Reinigen der gespendeten Ware, um wieder in den Arbeitsprozess zu finden. Sie reparieren in eigenen Werkstätten Geräte oder setzen aus Teilen verschiedener Gegenstände einen neuen zusammen. Sie arbeiten im Verkauf und in der Warenausgabe in den Depots. All diese Jobs sind an Programme des französischen Staates zur Wiedereingliederung angeschlossen. Ziel ist es, über die drei Faktoren Ernährung, Wohnen und Arbeiten wieder in ein Leben zurückzufinden, das man sich selbst finanzieren kann.

Gleichzeitig sind die Depots von Emmaus zu einer wichtigen Versorgungquelle armer Menschen in der Region geworden. Hier kaufen nicht nur Flohmarktfans und Antiquitätenhändler ein, hier versorgen sich kinderreiche Familien mit billiger Kleidung, suchen sich alleinerziehende Mütter Spielzeug und Hausrat zusammen. Billiges Einkaufen, ohne dass man sich für seine Armut schämen muss.

Wenn ich bei Emmaus einkaufe, fahre ich immer mit vollem Auto los. Ich finde irgendetwas, das den Compagnons Arbeit gibt und im Verkauf vielleicht jemand anderem Freude macht. Die Emmausleute möbeln Fahrräder auf, bringen alte Öfen wieder zum Laufen oder kombinieren aus einem Lampenschirm und einem Lampenfuß eine neue Lampe.

Das ist das Schöne an der Sache - auch wenn ich selbst kaum Geld habe, kann ich helfen. Und wenn ich dort etwas kaufe, habe ich selbst Freude daran. Mit Freunden machen wir uns manchmal dort einen schönen Tag. Es ist herrlich, herumzukramen. Ein Kaufrausch ist auch nicht teuer. Da fand ich gestern nicht nur mein Theaterkostüm, sondern auch einen geschnitzten Bilderrahmen um 1930, handgefertigte alte Hohlsaumdeckchen, einen Winterblazer aus Wolle mit Kaschmir, altes Badonviller-Geschirr für meine Rosen-Sammlung um 1920...

Wer Lust bekommen hat: Am 1. November veranstaltet das Emmaus-Depot Hagenau (hinter dem Flugplatz und der Dechetterie) einen Sonderverkauf - alle Preise sind noch einmal stark herabgesetzt! Und wenn Sie losfahren, überlegen Sie doch, was Sie schon immer entrümpeln wollten. Die Nachttischlampe nicht mehr schick genug? Ein Stapel Bücher im Weg? Der Kleiderschrank zu voll? Hauptsache, in gutem Zustand. So halten Sie den Kreislauf am Leben...

29. Oktober 2008

Gina Grumbier lebt!

In der abgefahrendsten Klamotte, die mir im Traum nicht eingefallen wäre...

Ich hatte furchtbare Probleme, die Figur der Gina Grumbier so leben zu lassen, dass der Text entsteht. Manchmal behindert einen die totale Freiheit, denn sie hätte ja jeden Typ annehmen können. Aber was passt zu dem, was ich vorhabe? In welchem Typ fühle ich mich wohl?

Es gibt dann manchmal so komische Tage, an denen das Wetter sich grundlegend ändert oder ein Frosch an der falschen Stelle quakt. An solchen Tagen wache ich morgens auf und überliste das Schicksal. Heute war so ein Tag. Ich finde heute Gina Grumbiers Kostüm, das war mal sicher. Ich gehe jetzt und finde es, nahm ich mir vor. So bin ich dann zu Emmaus gefahren, weil ich ohnehin Lust auf Flohmarktstimmung hatte. Ich war ewig nicht mehr da, aber man findet immer irgendwelche seltsamen gebrauchten Klamotten.

Zuerst bin ich in die Möbelhalle und sehe ein Schild, das mir sagt, da hinten fände ein Sonderverkauf von Kleidung statt. Richtig edel haben sie die zwischen alte Schrankwände und Schränkchen drapiert. Eine Deutsche ruft ihrer Mutter zu: Du, guck mal, die verkaufen ja Theaterkostüme! Dachte ich zunächst auch. Denn die Sachen sahen vollkommen verrückt und dadurch schon wieder toll aus. Hatten aber alle den gleichen Stil, Theaterware konnte das nicht sein.

Und dann stehe ich vor einem Paravent und werde zu Gina Grumbier. Gesehen - gefunden! DAS muss ich haben, dringend! Bitte bitte, liebe Theatergötter, macht, dass dieses Ensemble passt! Zwischen zwei alten Schränken konnte man sich umziehen... Irgendwer musste das für mich genäht haben. Passt nicht nur, sondern gibt genug Bewegungsfreiheit zum Spielen. Sogar der Hut passt wie angegossen.

Gina Grumbier sieht jetzt aus wie eine Frau vom Lande, die 1920 in einer von Gitanes betriebenen Boutique eingekauft hat, um in Deauville groß einen draufzumachen. Das ist ein seltsames zweischichtiges Ensemble aus Unterrockstoff mit Spitze, in weiß... mit vollkommen verrückt angebrachten marineblauen Volants mit weißen Punkten. Dazu gehört ein Pariser Stück von altem dunkelblauen Filzhut, der gern ein Borsalino wäre, um den der gleiche getupfte Stoff gebunden werden kann. Sieht noch härter aus als es klingt. Und als ich den Preis für alles gesehen habe, bin ich fast umgefallen: Zwölf Euro. Mein knappes Künstlerbudget juchzte.

Ich war dann natürlich neugierig und wollte wissen, woher diese außergewöhnlichen Klamotten kamen. Das Emmaus hatte sich eine Gaudi einfallen lassen und eine Modenschau veranstaltet. Und da haben die Frauen aus gebrauchten Klamotten Fantasiekostüme geschneidert. Die wurden jetzt verkauft. Mit Schuhen, Handtaschen, Schals...

Abgeguckt haben sie das den großen Modeschöpfern in Paris, die neuerdings in Altkleidersäcken wühlen, um alte oder verrückte Stoffe zu finden und aus den aufgetrennten Teilen Neues zu kreieren. In Strasbourg gibt es sogar einen Laden, wo eine Modeschöpferin mit Gitane-Frauen eigene Kreationen auf diese Art näht. Ich muss die Adresse mal heraussuchen und schreibe auch später noch über unsere herrliche Subkultur: die Emmaus-Mania.

19. Oktober 2008

Lesung in Gaggenau

Ich möchte herzlich zu meiner letzten Lesung vor der Winterpause in diesem Jahr einladen!
Ich werde zum Auftaktstag der Aktion "Deutschland liest" auftreten am
Freitag, den 24. Oktober 2008, 20 Uhr
in der Bibliothek Gaggenau, Haus am Markt
(dort auch ab sofort Reservierung möglich unter stadtbibliothek at gaggenau Punkt de)

Lesen und erzählen möchte ich aus meinem literarischen Reisebuch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" (als Geschenkbuch im farbigen Schuber erschienen bei sanssouci im Hanser Verlag - und als Hörbuch in Geschenkaufmachung bei Gugis Hörbücher).

Der rührige Bibliothekar, Herr Freist, hat sich außerdem für diese elsässische Sinnesreise zwei Bonbons für Zunge und Ohr ausgedacht: Es wird etwas Elsässisches zum Schmecken geben. Und persönlich anwesend ist Christina Walz, die Verlegerin meines Hörbuchs. So frisch nach der Frankfurter Buchmesse kann sie sicher auch etwas über neue Perlen aus ihrem literarischen Hörbuchprogramm "Der Diwan" verraten.

So liest also bei "Deutschland liest" auch Frankreich über das Grenzgebiet - und ich denke, ich werde allerhand aktuelle Anekdoten zum Thema "Grenzgängerei und Genuss" beizusteuern haben. Beim Signieren besteht sicher Möglichkeit zu einem persönlichen Gespräch. Ich freue mich auf Sie!

11. Oktober 2008

Exitus

Nach kurzem, aber dreist-aufdringlichem Leben ist an diesem wunderschönen Spätsommertag Herr Rheinauer plötzlich verstorben. Um genauer zu sein, er ist mit einem großen, dumpfen Plopp einfach zu Konfetti explodiert.

Wie kommt es, dass einem plötzlich Figuren wegsterben, die man noch kurz zuvor für eminent wichtig hielt? Ich kann das nur für mich beantworten...
Herr Rheinauer spielte in der Tat eine tragende Rolle. Er war sozusagen Ginas Antagonist, der Typ, der ständig widerspricht, demontiert, hinterfragt - und sie vor allem vor neue Herausforderungen stellt. Dadurch hat Gina erst ihren Biss bekommen und weiß nun, worüber sie sich aufregen muss, woran ihr wirklich liegt. Das hat sie erstarken lassen - immer mehr Rolle riss die gute Frau an sich.

In diesem Stadium sind die Figuren, die man zuerst nur skizziert hat, lebendig geworden. Sie entwickeln ihr Eigenleben und wissen verdammt genau, was richtig ist. Ich habe gelernt, auf meine Figuren zu hören, weil ihre Intuition, ihr Gefühl für die Geschichte feiner ist als das meines kritischen Wachbewusstseins. Ich als Autorin habe dann zwei Möglichkeiten. Entweder lasse ich es auf einen Streit ankommen oder bringe sogar eine Figur vorsätzlich um. Manchmal kommt es dann zu einem lebendigen Kompromiss oder einer Auferstehung. Ich hatte sogar schon einmal eine Figur umgebracht, die dann einfach als jemand anders in einem anderen Roman reinkarnierte. Mir eine Nase drehte und "Ätsch" brüllte. So etwas passiert mir, wenn ich zu genau plane und gängele.

Oder ich höre auf meine Figur, was sich meist bewährt. Praktisch sieht das so aus, dass ich in Distanz zur Geschichte gehe. Ich analysiere: Was wollte ich mit dieser Figur? Warum habe ich sie geschaffen, welche Rolle spielt sie? Und dann überlege ich: Wenn Herr Rheinauer jetzt einfach platzt - was will er mir damit sagen? Was verändert sich, wenn er nicht mehr da ist? Bin ich traurig über seinen Tod? Will ich an ihm festhalten und warum? Und schließlich die Schlüsselfrage: Was weiß Herr Rheinauer über den Sinn seines Todes, was ich noch nicht weiß?

Der Mann ist genau im richtigen Moment verschieden. Er war ein wichtiger Katalysator, aber zu blass. Er hätte - durch die Doppelrolle - unnötig wichtige Energien verschlissen und jede Menge Zusatztricks verlangt. Er hätte das Thema zerschlissen. Die Gefahr, einen Streit zu inszenieren anstatt meine eigentliche Story, wurde immer größer.

Jetzt lastet alles auf Gina. Aber es reicht, dass sie erzählt, was ihr mit diesem Typen widerfahren ist. Rheinauer ist ein Platzhalter für das Sinnenfeindliche, Lebensfeindliche. Es kommt viel besser, wenn sie sich aufregt, lustig macht, darauf herumtrampelt - als wenn da einer nur "sagt" und behauptet. Das Stück gewinnt an Tempo, die Monologe werden rasanter. Der Rollenwechsel fällt flach, all das Gespiele drumherum - dafür rückt jetzt das Requisit in den Vordergrund, das die wahren Geschichten birgt: der Koffer. Und nicht zuletzt ist Gina dadurch lebenspraller, runder geworden, sie gewinnt an Charaktertiefe. Es wird auch für den Zuschauer einfacher werden, sich auf diese eine Figur einzulassen. Gefahr: Mit dieser Figur steht und fällt alles.

Na - und ich bin erlöst. Es fühlt sich an wie nur noch halb so viel Arbeit. Ist aber auch typisch für mich. Ich bastle immer zuerst ein Riesenfeuerwerk zusammen, das schon aufgrund seiner wirren Verkabelung unmöglich hochgehen kann. Und dann miste ich erst mal aus und baue aus den Fetzen eine fette Rakete...

Danke, Herr Rheinauer. Danke für das herrliche Konfetti!

8. Oktober 2008

Fragestunde

Besucher kommen immer wieder durch Suchmaschinenanfragen in meine Kolumne, finden aber nicht unbedingt die Antworten. Ein paar gibt's nachträglich, subjektiv ausgewählt und ebenso subjektiv beantwortet - ich bin ja kein Reisebüro:

sauerkrauthobel

Bekommt man in Haushaltswarengeschäften in den Städten (z.B. Haguenau, Wissembourg, Strasbourg), aber meist billiger und besser auf den Krimskramsmärkten im Land, die meist im Herbst stattfinden und sich "johrmärik" nennen. Tief drinnen im Land gibt es die gleiche Vielfalt auf dem üblichen Wochenmarkt. Die Fremdenverkehrsbüros haben oft Listen der Märkte mit Ort und Datum. Übrigens: Die typischen Salzglasurtöpfe, um das Sauerkraut einzumachen, werden im Töpferdorf Betschdorf hergestellt und verkauft.

einkaufen in hagenau / buchhandlungen

Einzelhandel natürlich in der Innenstadt entlang der Grand Rue, wo die Boutiquen aufgrund der hohen Mieten oft schneller wechseln als man schauen kann. Es gibt einige, die man auch aus Deutschland kennt, insgesamt sind Niveau und Chic gestiegen. Haguenau hat zwei Buchhandlungen nah beieinander am Ende der Grand Rue Richtung Kirche - das Maison de la Presse, modern, mit Presse und Schreibwaren - und einen kleinen privaten Buchladen mit Bücherstapeln und vollgestopften Regalen wie im Märchenfilm. Außerdem hat Haguenau zwei dieser üblichen schauderhaft hübschen Viertel von Einkaufszentren. Eines liegt im Stadtteil Schweighouse (mit Auchan), das andere Richtung Bischwiller (mit Cora). Wer es mondäner will oder in Buchläden ertrinken, fährt nach Strasbourg.

strasbourg koscheres geschäft

Wenn ich mich recht entsinne, gab es einen kleinen Supermarkt in der Nähe des Gerichts (tribunal) und kürzlich bin ich an einem Geschäft vorbei, das gerade zugemacht hatte. Solche Spezialläden wechseln oft die Adresse, auch in Strasbourg hat es der kleine Einzelhandel immer schwerer. Ich empfehle deshalb einen Blick ins Branchenbuch, einen Spaziergang im jüdischen Viertel oder einen Blick ins Strassbuch, das überhaupt der beste Leitfaden ist, um Strasbourg jenseits des Massentourismus zu entdecken. Weil es von Studenten geschrieben wird, findet man auch viele preiswerte Ideen. Obwohl es eine virtuelle Ausgabe gibt: Die gedruckte ist ausführlicher und genauer - und in jedem Buchladen zu haben. In der Online-Ausgabe findet sich nur ein koscheres Restaurant.

Schreibweisen:

Nicht immer ist das mit den Suchmaschinen praktisch. Da kann man ja Straßburg, Strassburg oder Strasbourg eingeben. Ich persönlich benutze die einheimische Schreibweise, die man auch auf den Straßenschildern sieht. Denn bei manchen Orten erkennt man als Autofahrer nicht sofort den Ort, den man vielleicht in der deutschen Schule gelernt hat, z.B. ist Weißenburg schlicht Wissembourg. Dafür ist bei mir auch München nicht Munich.

Gina Grumbiers heimliche Angst

Gina Grumbier hat Angst. Ihr Nachname, so fürchtet sie, könnte in den Leuten das Bild einer aufgedunsenen Kabarettnudel heraufbeschwören, die mit Kittelschürzencharme, Dialekt und Witzle aus der Küch' nur so um sich wirft.

Ich gebe zu, ich war bereits versucht, ihr eine wirklich schrille Kittelschürze aus einem dieser elsässischen Kruschtelläden mitzubringen, in denen die Bauersfrau Kurzwaren und riesige Büstenhalter, gehäkelte Lurexpullis und wollene Nachthemden besorgt. Aber wir machen ja kein Kabarett und Gina ist eine, die genießt und Klassiker liest.

Um sie zu beruhigen, habe ich das gemacht, was man "Umfeldrecherche" nennt. Man kann Gugl so herrlich über jeden ausfragen, auch über Leute, die es gar nicht gibt. Schlägt mir doch die gehupfte Suchmaschine vor, die Gina schreibe sich eigentlich "Grumpier". Und sei sogar schon in einem Film aus Hollywood aufgetreten! Hä? Haben wir da ein paar Produzenten übersprungen?

Nein, Suchmaschinen sind doof, können nicht schreiben. Gemeint war der Film "Grumpier old men", der in Deutschland unter dem ultrakurzen, einprägsamen Titel lief: "Der dritte Frühling. Freunde, Feinde, Fisch und Frauen". Na - und in dem spiele eine Gina mit. Die heißt aber Lollobrigida. Behauptete jedenfalls Gugl. Suchmaschinen sind ja ach so doof! Die Gina war nämlich eigentlich die Sophia, Loren mit Nachnamen. Klar, wenn man im Silicon Valley hockt, kann man solche Feinheiten aus Hollywood schon mal verwechseln. Sind schließlich Ausländerinnen, die Damen, wie meine Gina.

Gina Grumbier jedenfalls ist glücklich. In Zukunft wird sie wenigstens virtuell gleich mit zwei italienischen Schönheiten verwechselt werden. Aber eines ist jetzt eindeutig klar: Mit den verschrumpelten ollen Kartoffeln waren Männer gemeint - feine Beilage zu Fisch mit Fahrrad.

Versprochen: Wir beide, Gina Nicht-Lollobrigida-Nicht-Loren-Grumbier und ich, werden garantiert einen weniger idiotischen Titel finden!

Anmerkung der Autorin: An diesem Text kann man lernen, wie man Online-Texte so schreibt, dass robots gierig zusammengeifern, was nicht zusammen gehört. Werbeleute schaffen so sogar ihr Wortumfeld... *pschttt*

Grumbier, Grumbeer, Erdapfel oder Kartoffel: Elsass

Nun aber endlich zum versprochenen Kartoffelrezept!

Es stammt als Leseprobe aus dem Buch von mir, also
Petra van Cronenburg: Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt, mit freundl. Genehmigung des Hanser Verlags. Das Rezept aus den Vogesen schmeckt am besten, wenn man einen Munsterkäse aus Rohmilch findet. Was in Deutschland in Supermärkten als "Munster" verkauft wird, spottet als Fabrikware leider jedem Original. Wer mehr wissen will über die Eigenschaften und Eigenheiten des Munsters (Rotschimmelweichkäse) und warum es eine katholische und eine evangelische Sorte gibt (beide mit AOC-Label), erfährt das im gleichnamigen Buch im Kapitel "Munster und Welschland".

KARTOFFELGRATIN MIT MUNSTER

1 kg fest kochende Pellkartoffeln
3 Schalotten oder -2 Zwiebeln
etwas Öl und Butter
Salz und Pfeffer
Muskatnuss
Quendelblüte (oder Thymian)
1 Munsterkäse (ca. 400-450 g)

Die Kartoffeln kochen und in Scheiben schneiden. Zwiebeln oder Schalotten schälen und hacken. Im Fett glasig dünsten. Eine ofenfeste Form einfetten und Kartoffelscheiben und Zwiebeln hineinschichten und würzen. Den Käse in Scheiben schneiden und die Kartoffeln damit belegen. Im vorgeheizten Backofen bei 180 Grad C etwa 30 min. überbacken. Dazu rohen Schinken in Scheiben und grünen Salat servieren.

Herr Rheinauer mit seinen Perversdiäten würde sich natürlich entsetzt vom Fettgehalt abwenden, aber dieser Kartoffelgratin ist ein Herbst- und Winteressen aus den Bergen, wo man sich entsprechend in frischer Luft bewegt. Die Zutaten sind noch heute bei den Bauern direkt zu kaufen. So konnte man sich - durch den Schnee abgeschnitten von der Außenwelt - mit den nötigen Kalorien, Vitaminen und Nährstoffen versorgen. Und wir wissen doch alle: Fett ist ein Geschmacksträger!

Die berühmten "Roigabrageldi"(auch "Roigebradeldi") möchte ich allerdings nicht dem modernen Stubenhocker empfehlen. Um dieses einfache, aber gehaltvolle Gericht zu verdauen, braucht's nicht nur einige selbstgebrannte Schnäpse, sondern auch eine Runde Holzhacken.
Zubereitet werden die Roigabrageldi fast wie der Gratin, aber diesmal ist das Geheimnis die gute Butter, die man durch nichts anderes ersetzen sollte. Mein Tipp: Entweder richtig machen oder ganz sein lassen. Jeder Kompromiss verdirbt hier den Geschmack. Ein Rezept aus meinem "Privatschatz" lautet so:

ROIGABRAGELDI

1,5 kg Kartoffeln (wie oben zubereitet)
250 g Butter (!)
3 Zwiebeln
etwas Sonnenblumenöl
Salz und ein Glas trockener Weißwein

Die Zwiebeln werden im Öl glasig gebraten. Dann fettet man eine Steingutform und füllt immer abwechselnd eine Schicht Zwiebeln und eine Schicht Kartoffelscheiben ein. Drückt gut an und gibt jedes Mal auf die Zwiebelschicht tüchtig Butterflocken. Ganz obenauf kommen Kartoffeln und Butterflocken. Etwa anderthalb Stunden bei mittlerer Hitze im Ofen schmoren. Den Wein gibt man erst kurz vor dem Servieren zu und rührt dann noch einmal tüchtig um! Serviert werden die Roigabrageldi, die zwar "Bratkartoffeln" heißen, aber gar nicht gebraten werden, mit Räucherfleisch und grünem Salat. Den gleichen Weißwein trinkt man dazu. Ich empfehle einen Elsässer Riesling oder Auxerrois und für die, die es sanfter mögen, einen Sylvaner.

Und zur Verdauung lohnt es sich, einmal die heimischen Beeren und andere Zutaten im Eau de Vie zu entdecken. Mein Favorit und typische Vogesenerinnerung ist der Alisier, der aus einer wilden Frucht ähnlich der Vogelbeere gebrannt wird. Er schmeckt sanfter, runder und aromatischer als der Vogelbeerenschnaps, auch seine Bittermandelnote ist weicher. Aber er ist seltener, weil immer weniger Pflücker Lust haben, zu den Bäumen auf Felsen zu klettern. Den Vogelbeerenschnaps nennt man hier Sorbier - ihn lernte ich auch in der Wodkaversion in Polen kennen.

Wer Appetit aufs Elsass bekommen hat, den lade ich herzlich zu meiner Lesung am 24.10. in der Stadtbibliothek von Gaggenau (zwischen Rastatt und Baden-Baden) im Haus am Markt um 20 Uhr ein. Ich werde natürlich auch übers Elsass plaudern und sicher anschließend beim Signieren für ein persönliches Gespräch zur Verfügung stehen. Und ich verrate schon mal ganz leise, dass meine Verlegerin des gleichnamigen Hörbuchs wahrscheinlich auch da sein wird.

Ausflugstipps zum Thema:
  • Museum des Eau de vie in Lapoutroie
  • Welschlandmuseum in Fréland mit welschen Spezialitäten im Restaurant
  • Fest der Bruderschaft des Munsters (Confrérie Saint-Gregoire du Taste-Fromage) am Wochenende nach dem 3. September in Munster
  • Transhumance / Almabtrieb im Munsterland um den Michaelstag, 29.9.
  • Frischen Munster in allen Reifegraden kauft man in den Vogesen bei den Bergbauern - der Direktverkauf ist auf Schildern an den Straßen angeschrieben.

4. Oktober 2008

Koffergeschichten

So, Gina Grumbier hat jetzt endlich ihren Koffer! Er ist das wichtigste Requisit, weil sie darin all ihre Texte verstecken wird. Sie hat nämlich vor, dem Herrn Rheinacher harte literarische Zeugenaussagen um die Ohren zu knallen, wegen seiner perversen Diäten und esoterischen Ernährungsmythen.

Eine schöne Krankendiät hat sie bei Thackeray im "Jahrmarkt der Eitelkeit" gefunden:
"Da Joseph Sedley sehr krank war, begnügte er sich mit einer Flasche Rotwein, abgesehen von seinem Madeira beim Mittagessen. Außerdem führte er sich einige Teller voll Erdbeeren mit Sahne sowie vierundzwanzig Biskuitküchlein..."
Insgeheim freut sie sich schon auf die Mäkeleien eines Herrn Gogol, der dann seinen Figuren den Wanst voll schlägt, auf die prallen Beobachtungen eines Jean Paul oder Hans Sachs ... Aber verraten wir nicht zu viel.

DER Koffer ist also da. Madame Autorin, die schon über Auktionen hing, kam endlich auf die glorreiche Idee, in den Keller zu gehen. Da gibt es eine Ecke, in der Mrs Munster immer diese Filmspinnweben verteilt, damit man nicht sieht, dass da einige Umzugskisten aus Polen bis heute noch nicht ausgepackt sind. Da lag er dann. Ein uralter Emigrantenkoffer aus Holz, Marke Zwischendeck, aber Handwerkskunst im Kistenbau und irgendwann einmal brandgeflämmt worden.

Im Moment mieft er draußen vor der Tür aus, denn ich will sicher gehen, dass auch der letzte Holzwurm entweder aus dem letzten Jahrhundert stammte oder an meiner Petroleumeinreibung verreckt ist. Ich kann es kaum erwarten, bis das Zeug verdampft und eingezogen ist. Dann wird das Ding nämlich auftrittsfein gemacht. Gina plädiert für eine uralte Rosentapete innen. Und für außen freut sie sich auf einen nachgemachten Aufkleber der White Star Line. Ob es zu viel würde, die Titanic gleich daneben abzubilden, fragt sie mich.

Aber ich bin bereits beschäftigt und suche nach alten Kofferaufklebern, die man in Sammlerkreisen Hoteletiketten oder luggage labels nennt. Zum ersten Mal habe ich sowas gesehen, als ich als kleines Kind eine uralte Gouvernante kennenlernte, die mir ihre Schiffspapiere von der S.S. Milwaukee zeigte, mit der sie in den USA geschippert war. Da hatte man noch diese riesigen Schrankkoffer dabei, mit den großen Beschlägen und massiven Holzleisten. Es war die große goldene Zeit des Reisens zwischen 1900 und 1930. Und im Internet habe ich dann aus dieser Zeit die schönsten Koffergeschichten gefunden!

3. Oktober 2008

Titel, Kostüme und ein Verdrängungswettbewerb

Gestern habe ich die Website-Texte für den Abend mit Gina entworfen und dabei nette Fotos aus meiner schlimmsten Vergangenheit gefunden, also der Zeit, als ich etwa fünf war und schon nicht mehr auf meine Eltern gehört habe. Dumm nur, dass das beste Foto lediglich in meinem Kopf existiert - es gibt davon aber einen uralten Super-8-Film. Ich habe da vor einem vollen Saal mit Erwachsenen so getan, als sei ich Pianistin, zum Glück gab's damals noch keinen Ton. Aber die Bewegungen sind beachtlich.

Aus Mangel am Klavier wollte ich dann Schriftstellerin werden (Beweisfoto) und komische Sachen vor Leuten spielen (Beweisfotos). Ich bin z.B. Tänzerin und erinnere mich noch genau, wie mich dieses goldene Geschenkband in meinem raspelkurzen Haar verzaubert hat, das tatsächlich zu können. Was soll ich sagen... goldene Bänder im Haar waren fortan nur an Fasching erlaubt und ich wurde zum dirndltragenden braven Mädchen in weißen Kniestrümpfen gedrillt. Aber man kann ja nicht ewig spielen, was man nicht ist...

Gestern suchte ich dann also nach den goldenen Zauberbändern, sprich, prüfte in einem online-Auktionshaus, wie die Chancen für Kostüm und Requisite stehen. Irre. Umwerfend. Es gibt nichts, was es nicht gibt! Herr Rheinacher, wenn denn Budget da wäre, könnte sich sofort eine DDR-Zolluniform eines ziemlich hohen Tiers komplett mit Orden ersteigern. Ich habe ihm aber gleich gesagt, eine militärisch aussehende Mütze tut's auch und notfalls bekommt er eine für Kapitäne für 9,90 Euro.

Aber da hat sich Gina schon wieder reingedrängt. Die Dame sammelt gerade ihre Texte und flüsterte bei Durchsicht eines Kostümverleihs: Und was, wenn ich einen auf Diva aus den Zwanzigern mache? - Eine Diva mit altem Koffer??? Ich persönlich hätte ja vielleicht Spaß an dem Fummel und mit der ellenlangen Zigarettenspitze ließe sich gut auf Herrn Rheinacher losgehen... aber Mist, der bin ich ja selbst. Das ist wie mit der Doppelrolle im Zeitreisefilm: Man kann nicht gleichzeitig neben sich stehen.

Jedenfalls werde ich wieder Kind. Es macht einen Höllenspaß, sich auszudenken, was denn die Gina für eine sein wird. Und fühlt sich haargenau so an wie damals mit meinen beiden besten Freundinnen... Wir waren gerade in die Schule gekommen, ich hatte also besonders weiße Kniestrümpfe. Und eine meiner Freundinnen hatte eine Mutter, die nicht immer da war, und einen riesigen alten Dachboden mit alten Truhen und Kisten. Da gab es einen Zauberkoffer mit alten Frauenkleidern, Schuhen und Schmuck.

Zum Glück war das Haus abgelegen wie Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt. So hat meine Mutter nie mit ansehen müssen, wie ihre Tochter mit übergestreiftem Erwachsenenkleid, übergroßen Pumps und pfundweis Schmuck neben zwei ähnlich schrillen und überschminkten Minigestalten von weit draußen in die Stadt rein wackelte. Irgendwelche doofen Erwachsenen haben uns dann heimgebracht und fortan war der Dachboden verschlossen. Worauf wir beschlossen, wenn wir groß sind, werden wir Hippies.

Tja, die Ordnungsmacht hat keine Macht. Pippi hasst weiße Kniestrümpfe. Und wie ich so in Erinnerungen schwelge und dem prächtigen Gefühl, dass Kinder eigentlich ganz genau wissen, was sie wollen, rempelt mich Gina verschwörerisch an. Brauchen wir den ollen Rheinacher jetzt eigentlich noch?, fragt sie. Sie hätte gern den ganzen Text für sich. Würde doch auch Geld und Mühe sparen, oder?

Der Kampf beginnt. Ich kann mir doch nicht von meiner Figur vorschreiben lassen, wie ich den Abend konzipiere! Soll sie sich nur an dem Rheinacher reiben. Gute Texte brauchen Reibung. Aber vorher braucht die Autorin einen knackigen Titel. Und das ist schlimmer als Schlagzeilenschreiben und Buchtitelbasteln zusammen. Der muss aufs Plakat. Muss etwas vermitteln. Muss die richtigen Leute anziehen... So lange bleibt Gina in Jeans und T-Shirt. Und der Rheinacher auch.

1. Oktober 2008

Wo ist Gina Grumbier?

Ich habe die Dame gestern in Urlaub geschickt, weil sie nervte. Ich muss nämlich den Kopf frei haben für Public Relations, wie man so schön neudeutsch sagt. Sprich, ich muss mir möglichst schnell einen Text für Flyer, Website und Werbung ausdenken, brauche einen knackigen Titel, und wenn mir dann noch was Feines für die Plakatgestaltung einfällt, dann dürfen meine Figuren wiederkommen.
Auch das ist Kunst: Logistik und Werbung, denn ohne Veranstalter keine Veranstaltung.
Ach übrigens... falls Veranstalter aus dem Dreiländereck zufällig neugierig werden - Infos kann man gern bei mir abrufen, Kontakt via Website.

Aber keine Angst, Gina probiert bereits die versprochenene Rezepte und bringt sie bald!

Grenzen und Grenzgänge

Ich habe bereits in meiner Kolumne das Theaterprojekt von "Les sentiers du theatre" vorgestellt, für das ich den französischen Text ins Deutsche übersetzt habe.
Nun gibt es die aktuellen Termine für "Frontières - Grenzen" ab übermorgen!

3.10. , 20 Uhr in der Bibliothek von Betschdorf (F)
4.10., 18 Uhr im Museum von Elchesheim-Illingen (D)
10.10., 18.30 Uhr im Kellertheater Rastatt (D)
11.10., 19 Uhr im Musée de la Wacht in Mothern (F)
Reservierungen für alle Abende (auch deutschsprachig) unter dieser Telefonnummer.

Und vielleicht sieht man sich ja - ich werde versuchen, in Rastatt dabei zu sein.

Mülldeponie der Töne

Dass Kunst jedermann und jederfrau auf der Straße Spaß machen und doch politisch sein kann, zeigt eine französische Truppe mit einem "Musik"theater der besonderen Art, das vor keinem Medium Halt macht. "Le Bruit qu'ça coûte" klingt kompliziert, ist es aber nicht: Unsere Konsumgesellschaft produziert immer mehr Müll und immer mehr Geräusch. Also haben Jerome Pergolesi und Philippe Aubry beschlossen, etwas zu tun, bevor all die überflüssigen Töne in der Luft einen neuen Treibhauseffekt produzieren.

Jeder interessierte Mensch kann sein Geräusch jetzt auf der Müllhalde der Töne abgeben, damit auch ordentlich fürs Recycling aufbereitet wird. Wer die technischen Möglichkeiten nicht hat, darf seine Töne auch direkt bei den Müllagenten abgeben - am 4. und 10. Oktober und am 8. November jeweils von 15-17 Uhr in der Friche laiterie in Strasbourg, 10 rue du Hohwald - also am südlichen Ende des Bahnhofsgeländes. (Übrigens ein Geheimtipp für Theaterbegeisterte - die Friche laiterie beherbergt freie Theatertruppen und bietet jede Menge Veranstaltungen!)

Am 15. November um 15 Uhr ist es dann dort so weit: Jeder darf beim großen Recycling mitmachen und - ob blutiger Laie oder Künstler - am Kunstwerk mitarbeiten. Es gibt eine Einweisung in die unterschiedlichen Techniken des Geräuschreyclings und am Schluss das große "oeuvre bruitiste collective".

Wer es nicht nach Strasbourg schafft, kann bereits jetzt in den noch nicht sortierten Müll hineinhören: hier und hier.