21. September 2008

Sinnliche Übersetzungen

Ich bin ja eine, deren Sinne in mehrfacher Hinsicht nicht "normal" funktionieren wollen: Als Badnerin kann ich mit der Nase auch schmecken und als Synästhesistin höre ich Bilder, fühl-sehe Musik oder Geschmack. Keine Frage, dass mich alles in der Kunst interessiert, was die üblichen Wahrnehmungsschubladen herauszieht oder überwindet. Und so bin ich gestern im Galand ganz auf meine Kosten, nein, auf mehr als fünf Sinne gekommen.

Die Theatertruppe HandStand gab Goethes Faust in Ausschnitten, aber auf mehreren Ebenen. Faust wurde also nicht nur wie üblich gespielt und gesprochen, sondern auch "gebärdet". Völlig unbedarft wollte ich mir das anschauen, Gebärdensprache kannte ich bisher nur aus den Nachrichten, wo mir immerhin schon mal auffiel, dass sich harsche Politikerattacken und bedenkenvoll schleppende Rede durchaus in der Rhythmik und im Bild der Gesten niederschlagen. Faszinierend also, sich auf diese "Fremdsprache" ganz naiv einzulassen, sie wirken zu lassen - wie wenn man als Urlauber zum ersten Mal Italienisch hört.

Lange weiße Papierfahnen hingen im dreistöckigen hohen Tabakschopf von oben herab. Spontan kommen einem Assoziationen zu Gebetsfahnen oder japanischen Schriftrollen - auf alle Fälle wollen da Zeichen entdeckt werden. Die Künstlerin Martina Staudenmayer hat ein Jahr lang Vernissagenreden aufgezeichnet und das, was so manchen Kunstliebhaber gern auch mal einschläfert oder verwirrt, in die für Hörende zunächst fremd wirkende Gebärdensprache übersetzt. Reden über die Kunst wird transformiert in Kunst selbst - über die man dann wiederum reden könnte. Womit der Vernissagenredner vom Künstler gezwungen wäre, über Vernissagenreden zu sprechen - reizvoll, sich die Folgen auszudenken...

Am besten schaut man jedenfalls einfach hin und öffnet seine Sinne, vergisst alle Sprachkenntnisse und Begrenzungen. Und dann enstehen auch aus dem unbeweglichen Bild heraus eigene Rhythmen, Richtungen. Wenn ein Redner sichtlich zu langweilen beginnt oder sich wiederholt, erstarrt sogar das Bild. Dann gibt es die Aufgeregten, die Schwingenden und auch welche mit großen Pausen. Zu gern möchte man verstehen, was da steht.

Und vor diesen kleinen Gesten gab es dann die großen der Schauspieler, dreidimensional. Das Theater HandStand hat nicht einfach jedem einen starren Übersetzer beigegeben, sondern die Gebärdensprache ins Schauspiel integriert und transformiert. Ungefähr so, wie ein guter literarischer Übersetzer einen Goethe nicht wortwörtlich hinüberübersetzt, sondern nachdichten muss, suchten die Schauspieler mit ihren Gebärden eine adäquate Wiedergabe, ein Parallelstück. Mephisto teilte sich in zwei Männer und eine Frau, die Sprachen seiner Anteile wechselten und plötzlich stand da mehr als nur ein Pudel oder Teufel - ein vielschichtiges Wesen, das sich ineinander zu verzahnen schien.

Ich weiß nicht, wie es anderen ging - ganz schnell schaute ich nur noch auf die Gebärdensprache und war manchmal sogar froh, wenn die Tonvorlage kurz verstummte. Denn diese stille Welt entwickelte so viel eigene Poesie und Lebendigkeit, so viel Schönheit und Musik, dass man auch als Nichtkenner zeitweise verstand, was da ausgesagt wurde. (Und vor allem gewahr wurde, welchen Lärm wir Hörenden und Sprechenden ständig veranstalten). Das Theaterspiel gab der gesprochenen Sprache außerdem eine ganz besonders sinnliche Form, wo Gebärdensprache zum Tanz von Händen und Körpern wurde. Und wenn Schauspieler zwischen beiden Mitteilungsformen wechselten, entstand zeitweise ein eigenartiger Effekt: Goethe lief auf mehreren Ebenen gleichzeitig ab, und zwar so verschränkt, dass man sich überlegen musste, wie man sich eigentlich selbst mitteilte, dass man der eigenen Gesten und Mimik gewahrer wurde.

Diese Fassung von Faust hatte eine sehr bezaubernde, eigene Poesie. Und obendrein sprang der Funke aufs Publikum über: Goethe war doch ein ziemlich humorvoller Dichter und Klassiker können unendlich viel Spaß machen!
Bleibt zu sagen, dass ich als Synästhesistin ein ganz eigenes Erlebnis hatte, das ich nicht missen möchte. Ich hatte das Vergnügen, noch eine dritte Ebene zu erleben - die Gebärden habe ich nämlich "hören" können, nicht mit den Ohren, nicht die gesprochene Sprache dahinter, sondern eher Klänge - fühlbare, farbige, dreidimensional im Raum bewegliche Klänge. Und als Produzentin von Texten bin ich natürlich doppelt fasziniert, auf welche Arten man Text wiedergeben kann.

In diesem Sinne - keine Angst vor Fremdsprachen, einfach wahrnehmen, hinschauen, hinfühlen, wirken lassen. Die weiteren Aufführungen der Theatertruppe möchte ich jedem neugierigen Sinnesmenschen empfehlen!

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