24. September 2008

Grumbier, Grumbeer, Erdapfel oder Kartoffel?

Gina Grumbier nimmt mich beiseite und fragt neugierig, wie ich auf ihren Namen kam. Erfundene Figuren sind manchmal ganz schön neugierig! Ich wolle doch wohl nicht behaupten, sie sei eine aldi Grumbier, eine alte Schachtel, ein altes Weib! "Du bist a rechte Grumbier" sollte einmal bedeuten: "Du bist ein einfältiger Mensch". Ist das wirklich die Bedeutung von Grumbier, ein Schimpfwort?

Von der Grundbedeutung ist Grumbier etwas, das es im gesamten Dreiländereck gibt, in Baden, dem Elsass und der Pfalz isst man sie nämlich gern: die Kartoffel. Grumbier ist dabei recht international, denn die leckere Knolle heißt so klanglich ähnlich in Schwaben, der Pfalz, Rheinhessen und hat in Abwandlungen auch östliche Geschwister. Krumbiere essen die Kroaten, die Tschechen tauschen den Konsonanten zur Krumpir und sind der Krumpli der Ungarn damit sehr nah. Grummpien kennen sogar die Rumänen und die Österreicher kredenzen Krumpan. Grumbier kommt von "Grundbirne" - man hat das Gewächs in jenen Gegenden mit der Nahrhaftigkeit einer Birne verglichen, die man aus dem Grund, der Erde zieht. Woanders hatte man es dann lieber mit den Erdäpfeln und bei den polnischen Nachbarn kauft man ganz einfach Kartofle. Aber beschränken wir uns aufs Dreiländereck mit seinem Sprachgewirr!

Für regionale "Ausländer" ist es nämlich nicht immer ganz einfach, die hochdeutsch fast arrogant klingende Kartoffel auf der Speisekarte zu erkennen. Kein Wunder, denn bei "Kartoffel" muss man derart die Lippen spitzen und "ff" ausatmen, dass es einem kaum gelingen will, in die Köstlichkeiten hineinzubeißen. Der Pfälzische Dialekt mag zwar Linguisten verprellen, aber den Genießern kommt er entgegen: einfach breit lächeln, den Mund leicht öffnen und beim Kauen weiche Lippenlaute wälzen:
Gebreedelde sehen so flach und kross aus wie ein "e" = Bratkartoffeln
Gequellde gehen beim Kochen im Wasser auf, bis sie platzen = Pellkartoffeln
Grumbierschtambes ist Kartoffel gestampft = Kartoffelpürée
Schales - hier versagt meine linguistische Vorstellungskraft, das sind geriebene Kartoffeln, in Öl gebraten, also so ähnlich, wie man hochdeutsche "Kartoffelküchlein" oder Reibekuchen machen würde.

Der badische Dialekt ist da schon einfacher: Krumbiere isst man da, aber in manchen Gegenden auch Härdepfel (hochdeutsch = Herdäpfel).
Der Badner schwätzt weniger und goutiert lieber, macht's also kürzer als der Pfälzer:
Brägeli oder Brägele = Bratkartoffeln
Härdepfelbrei = Pürée, das, wenn es missrät, zum Babbedeggel verklebt.
Man ist derart stolz auf die Kartoffelesserei, dass man für Andersdenkende ein eigenes Schimpfwort hat: Schbätzlesfresser, mit denen man dann aber wieder ganz unpatriotisch die Schupfnudle teilt, einen Zwitter aus Kartoffel und Nudel ähnlich den italienischen Gnocchi.

Im Elsässischen könnte man bei über 200 Unterdialekten Sprachenchaos vermuten, aber es ist einfacher als gedacht. Je nach Gegend sagt man einfach Härdapfel, Grumbiere, Grumberra oder Kardoffle, denn Elsässisch ist wie Südbadisch oder Schwyzerdytsch eine alemannische Sprache. Bei den Gerichten geht sie als Name eher unter, steckt aber garantiert in jedem Bäckeoffe und Choucroute drin. Und richtig zungenbrecherisch wird es bei den Roigebradeldi! Wahrscheinlich deshalb ein so fettes Wintergericht, weil man sich dafür tüchtig das Mundwerk ölen muss!

Appetit bekommen? In der nächsten Folge gibt's nach dem trockenen Sprachexkurs leckere Rezepte aus dem Dreiländereck und natürlich lüften wir das Geheimnis, warum Gina Grumbier so heißt, wie sie heißt!

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