18. September 2008

Gemütlichkeit

Das deutsche Wort "Gemütlichkeit" ist in vielen Sprachen schlicht unübersetzbar. So fühlt sich auch ein Franzose eher "à l'aise", d.h., er hat es komfortabel, bequem. Und weil man auch "schöner Feierabend" weder übersetzen kann noch als Gruß kennt, setzt sich das Klischee durch, die Nachbarn jenseits der Grenze seien eben ganz besonders auf die Entschleunigung der Zeit bedacht. Erhärtet wird das durch zwei weitere Klischees: Im Rest von Deutschland hält man die Badner für "Italiener", weil sie angeblich lieber Feste feiern als arbeiten. Und die Pfalz würde man in einem französischen Disneyland aus schnuckeligen Weinstuben basteln.

Tja, die liebgewordenen Vorurteile...
Kürzlich habe ich feine Orte der Beschleunigung im deutschen Grenzgebiet ausgemacht. Orte, an denen man sich die Gemütlichkeit abtrainieren kann, vielleicht, um mehr Zeit für den Feierabend zu haben? Denn auf Parkplätzen für Supermärkte ist mit der Ruhe Schluss!

Eine dreiviertel Stunde nur billigten mir die Pfälzer für meinen Wocheneinkauf zu. Gar nicht so einfach, wenn man in einem fremden Laden erst alles suchen darf, ausländische Ware beäugen - und noch schlimmer, mühsam mit Lesebrille alles Kleingedruckte entziffern muss. Kommt die Wartezeit an der Kasse hinzu. Hopphopp, nix wie durch, nix wie raus.

Damit ist das Geheimnis eines elsässischen Witzes gelüftet, der besagt, wenn du im Supermarkt einen Wagen in die Hacken gefahren bekommst, dann sei das garantiert ein Deutscher, immer hopphopp beim Einkaufen. Wir wechseln nämlich auch mit der Kassiererin bei Aldi noch ein nettes Wort und gehen erst mal mit der Freundin im supermarktseigenen Bistro einen trinken. Und zwischen den Regalen wird dann auch noch fleißig geratscht, telefoniert und geflirtet. Eine französische Kaufhauskette hat das erkannt und bietet einen Verkuppelungsservice. Singles auf der Suche nehmen einfach einen Einkaufswagen mit rosa Schleife! Man geht doch nicht Einkaufen, nur um einzukaufen!

Die Badner haben mir dann mein Klischee wieder gerettet. Die geben mir gleich hinter der Grenze doch tatsächlich 45 Minuten mehr als die Pfälzer! Jaja, wir haben das Leben schon immer etwas ausführlicher genossen. Aber trotzdem, anderthalb Stunden! Früher sind die Rastatter stundenlang auf der Staffel gesessen und haben nur geschnatzt und nie auf die Uhr geguckt. Jaja, früher war alles besser, da hatte auch eine Stunde noch mehr Zeit...

Aber wer ist denn nun gemütlich? Wer der Gemütlichste von allen? Elsässer? Franzosen? Badner? Pfälzer? Eskimos?
Oder könnte es sein, dass man Gemütlichkeit inzwischen sehr genau zuordnen und planen muss?

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