19. September 2008

Einkaufen im Hofladen

Das Bibbern der letzten Tage bei Nachttemperaturen um die sechs Grad und immer noch leerem Heizöltank hat böse Vorwinterstimmung hinterlassen. Also habe ich mir heute bei plötzlichen 24 Grad im Schatten einen Ausflug als Stimmungsaufheller geschenkt, bei dem ich nach Urzeiten wieder einmal in einem Hofladen einkaufen wollte. Zumal ich das verpestete Plastikfoliengemüse aus Spanien (übliche Ware im Elsass, denn die Elsässer Bauern bauen ja lieber Mais an) nicht mehr ertrage. Das Zeug hat zwar unterschiedliche Farben und Formen, aber alles schmeckt gleich, nämlich nach nichts.

So habe ich mich dann am Rand der Ortenau wiedergefunden und wurde von Formen und Farben begrüßt: Paprika in spitz oder rund, knubbelig oder groß, lila, rot, gelb, grün... Und jede duftet anders. Ich war dann erst mal trunken vor Düften - das fehlt der supermarktgewohnten Nase nämlich, zumal ich meine Arbeit selten für einen Gang in die Markthalle von Haguenau unterbrechen kann, wohin man aber auch aus Spanien importiert.

Was so ein Bauernladen heutzutage an Köstlichkeiten verkauft, ist einfach umwerfend. Da gibt es Bärlauchöl und selbstgemachten Himbeeressig; Früchte und Gemüse, wie man es als kleines Kind malte. Selbstgemachte Käse, heimische Würste, Brot und Kuchen aus eigener Bäckerei... Als ich daheim auspackte, wusste ich gar nicht, wo ich zuerst probieren wollte: Ein Rädchen Blutwurst? Oder hauchfein geschnittenen echten Schwarzwälder Schinken auf dem frischen Holzofenbrot? Was werde ich mir heute abend kredenzen? Die geräucherte Schwarzwälder Forelle? Das Huhn, das kürzlich noch über diesen Hof rannte? Passen dazu Antipasti von gemischten Paprika oder mache ich den knackig frischen Eichblattsalat mit frischem Lauchzwiebelgrün an? Das Desert steht jedenfalls fest: Frische Bühler Zwetschgen.

Egal, den Hefestreußel habe ich vorhin zum Kaffee schon vorprobiert. Und bin entschwebt, weil er besser war als mein eigener. Und falls ich heute abend zu viel herumprobieren sollte, habe ich ein gutes Tröpfchen mitgebracht: Blutwurz in Topinambur. Der Topi hat sein müssen, weil er gerade auf den Feldern zwischen Hügelsheim und Lichtental üppig gelb blüht und dem Herbst Feuer gibt. Aber Blutwurz?

Neugierig ließ ich mich aufklären, denn ich kenne Blutwurz als Heilkraut zum Blutstillen, würde also eher einen verletzten Finger hineinhängen als die Zunge. Aber mit dem Topinambur hat man früher ja auch die Füße eingerieben, mit dem Vorbrand natürlich. Und da erzählt mir die eine Frau, das sei ganz üblich als Verdauungsschnaps bei großen Geburtstagen und Hochzeiten. Und die andere meinte, genau deshalb könne sie den Geschmack nicht ertragen, weil sie das als Medizin kenne, wenn man krank am Magen war.

Es hat mich ein wenig traurig gemacht, dass mir dieser Schnaps so fremd schien. Zwanzig Jahre in Emigration - machen die so viel aus? Ich entdecke ein fremdes Land... Ganz neugierig habe ich dann natürlich daheim sofort dran riechen und schmecken müssen. Uaaaaah! Von wegen fremd! Sofort war die Erinnerung wieder da. Der Vater meiner Schulfreundin hatte das im Schrank. Wenn er mal wieder auf der Jagd gewesen war und üppig Wild gegessen hatte, gab's das Zeug hintennach. Wir Kinder haben natürlich irgendwann mal heimlich daran genippt. Ach, hat's uns geschüttelt! So eine eklige Erwachsenenmedizin! Und roch wie der Schnaps, mit dem die Oma ihre Füße einrieb. Besser als Franzbranntwein, meinte sie immer und schluckte dann noch ein Glas inwendig, zur Sicherheit.

Es ist faszinierend, wie sehr uns Geschmäcker und Gerüche aus der Kindheit prägen. Auch auf der Heimfahrt dann bei halb geöffneten Fenstern... Der Duft der Topinamburfelder in der Luft - und dahinter die wässrig-erdigen Lüfte des Rieds, Sumpfgründuft. Jede Landschaft riecht anders - und das will ich genießen, bevor der Geschmack von Frost kommt.

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