16. September 2008

Eine Frau mit vielen Köpfen

So, Gina Grumbier und Herr Rheinauer zeigen langsam ihr wahres Gesicht, werden greifbarer. Ihren Charakter brauche ich nicht nur für die Texte, sondern vor allem um zu wissen, wie sie sich bewegen und sprechen. Nicht so einfach, wenn man beides sein will...

Aber das ist Kleinkunst - Kunst mit kleinstmöglichem Aufwand. Ideal für leere Künstlerkassen, denn man kann ja nicht noch investieren. Alles wird auf ein Minimum begrenzt, weil man auch nicht weiß, wie potentielle Auftrittsorte aussehen könnten. Die Planung dieser "Äußerlichkeiten" läuft auf Hochtouren:

Die Figuren und Kostüme
Ein Mann und eine Frau, eine Genusssüchtige und ein Staatsdiener eines sinnesfeindlichen Landes. Aber nur eine Frau, die beide spielt.
Verwandlung also fliegend, auf der Bühne, mit wenigen Mitteln. Wie zieht man sich an, damit beides passt? Trägt Gina eher eine bunte Kittelschürze oder ein aufgemotztes Wickelkleid à la 80er? Rheinauer ist einfacher. Der bekommt eine kräftig grüne Detschkapp mit jeder Menge Pins und Ansteckern, vielleicht eine strenge Jacke. Demnächst ist ein Besuch im An- und Verkauf angesagt, wo es für ein paar Euro die schauderhaftesten Klamotten gibt. Bis dahin zieht Rheinauer die Mütze auf und Gina wedelt mit einem langen Schal. Das Wechselritual muss in Fleisch und Blut übergehen, für die Stimme, die Gestik, die Mimik, sozusagen als Umschaltknopf. Immerhin stimmt der Haarschnitt. Kurz. Das geht für Frau wie Mann.

Bühnentechnik
Im Ernstfall bei Glühlampe spielbar, mit eigener Stimme. Mikrophon an der Backe wäre Luxus. Keine Geräusche etc. von Band, denn merke: Die Anlage des Wirts fällt zum falschen Zeitpunkt immer aus. Und ein Ein-Frau-Stück bedeutet: Eine Frau hat nur zwei Hände.

Requisiten
Gina braucht einen Koffer. Möglichst alt, urig und mit exotischen Aufklebern, die ich mir auf dem Computer selbst basteln kann. Er muss leicht und handlich sein, weil er überall mitgeschleppt werden muss. Ideal: Wenn er die Größe hat, dass man sich auf ihn setzen kann oder ihn aufgerichtet zum Möbel umfunktioniert. Dann dient er, mit einer Fantasiefahne behängt, auch als Schalter für den bösen Zöllner und quergestellt als Sitz im Billigflieger. Gina braucht für die Anfangsszene einen überdimensionierten Hochglanz-Reiseprospekt. Im Koffer stecken ihre "Überraschungen" und literarische Texte, die irgendwie gut befestigt sein müssen und vor allem szenisch durchnummeriert.

Damit ist ein Grundrahmen gesteckt, von dem aus sich entwickeln lässt. Was Gina dann genau in ihrem Koffer mitführen wird, ergibt sich aus dem entstehenden Text. Und für den habe ich auf diversen Klassiker-CD-ROMs fleißig Texte gesammelt, die ich irgendwann sichten und Passagen auswählen muss. Absolut Köstliches, teilweise zum Schieflachen, über falsche Diäten, Fresssäcke, Gastmähler. Es ist erstaunlich, was man bei den alten literarischen Größen an Spaß finden kann.
Wenn die Texte ausgewählt und geordnet sind, muss die Spielhandlung drumherum geschrieben werden. Aber das später.

Und spätestens Ende Oktober muss die Ein-Frau dann ganz schnell PR-Frau und Veranstaltungsagentin werden. Sprich, Flyer drucken, Werbesprüchlein üben und sich bei möglichen Veranstaltern im Dreiländereck anbieten. Klinken putzen (etwas, was ich eigentlich gar nicht kann). Das ist schon recht spät, teilweise sind die Programme für 2009 ja schon gemacht... Zeitlich passt das mit der Buchmesse gut zusammen, denn dann muss ich wahrscheinlich wieder mit Hochdruck an zwei Bücher gleichzeitig...

Aber das wird schon. Mir bleibt nichts anderes übrig. Denn wie stöhnt meine Verwandtschaft so schön: "Hättsch du doch nur 'en g'scheiten Beruf gelernt!" Mit dieser Idee habe ich mich endgültig ins Abseits bugsiert. Ich sehe schon die Ahnenreihe, in der ich bald genannt werde... da war die Hochstaplerin, der Seefahrer, der nach Italien abhaute, der Kunstfälscher, pardon Kopist, der Comictyp bei Walt Disney... so viele ohne g'scheiten Beruf.

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